E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Dangl Anfisa, zu Dir
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-903217-69-0
Verlag: Amalthea Signum
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Brief an meine Tochter
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-903217-69-0
Verlag: Amalthea Signum
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Michael Dangl spielt am Theater in der Josefstadt in Wien, am Gärtnerplatztheater München, arbeitet für Kino, TV und Radio, schrieb den Bestseller 'Grado abseits der Pfade', den Theatererfolg 'Die Winterrose', die Romane 'Rampenflucht' und 'Im Rausch', gestaltet CDs (wie '7 Minuten vor Weihnachten') und internationale Konzertprogramme mit Künstlern wie Gidon Kremer, Maria Fedotova und Konstantin Wecker. Europäischer Kulturpreis 2011.
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Als Du auf die Welt kamst, hattest Du schon einiges hinter Dir. Du warst seit neun Monaten bei uns gewesen, noch nicht sichtbar, aber für Deine Mama mehr und mehr fühlbar, und auch ich konnte, wenn ich meine Hand auf ihren Bauch legte, die ersten Turnübungen Deiner gerade erst entstehenden Gliedmaßen spüren. Eigentlich war das damals Dein erster Swimmingpool, Dein erstes »Plutschbecken«, wie wir es heute nennen, um Maus Buxi zu ärgern, und vielleicht tauchst Du unbewusst wieder zurück, in die sorglose, schwerelose Geschütztheit des verlässlich beheizten Mamapools, wenn wir in ein sommersonnenwarmes Schwimmbecken steigen.
Jedenfalls warst Du, bevor Du auf die Welt heruntergekommen bist, viel herumgekommen. Warst in Japan, Österreich, Deutschland, Italien, Polen, Frankreich, Russland … also in Tokyo, Wien, Salzburg, Graz, Berlin, Venedig, Warschau, Paris, Sankt Petersburg, Moskau … bist geflogen, Bahn und Schiff und Auto gefahren und auf dem Fahrrad über steirische Weinberge und Apfelbaumhaine gesaust, hast Zarenschlösser und Ritterburgen besucht, auf Bauernhöfen und in Thermenhotels gewohnt, hast Nikolaus Harnoncourt »Porgy und Bess« dirigieren und ihn mit Mama sprechen gehört, viel, sehr viel Flötenmusik vernommen – solistische, mit Orchester – und manche nächtliche Gespräche Deiner Eltern in der Moskauer Uliza Begowaja und später, als das Leben in Erwartung Deiner Ankunft ruhiger gestellt wurde, in der Wiener Uliza Wurlitzer.
Deine Geburtsstunde fiel in eine frostige Februarnacht, viel Schnee hatte sich schon seit längerem aufgetürmt, um Dir die Landung weich zu machen. Vollkommen war die Stille um die Klosterneuburger Babyvilla (die wirklich so heißt), und in ihr auch, denn Dein Erscheinen geschah, wie sonst?, konkurrenzlos. Du warst die einzige Geburt dieser Nacht, und die Zimmer neben den unsrigen, mehr die eines Hotels als einer Klinik, waren leer. Vorhergesagt warst Du für einen Tag später, und es sprach damals schon für Dein Temperament, dass Du es nun endlich wissen wolltest.
Wiewohl Du Dich dann, als es ernst wurde, mit Händen und Füßen wehrtest – wie heute, wenn Du stundenlang nicht aus dem Pool zu bewegen bist. Ich stand draußen mit dem wievielten Becher Kaffee und war bei aller Aufregung ruhig, weil ich spürte, es würde gut gehen. Ich hatte die Träume vor mir, in denen Du mir all die Monate vorauserschienen warst, schwebend von oben her, immer leicht, hell, lächelnd. Einmal hast Du mir gar zugezwinkert. Wir zwei waren auf diese Weise bereits in Kontakt, und es war auch kein Neu-Sehen, mit dem unsere Augen einander trafen, als ich Dich kurz nach dreiviertel eins in Händen hielt, sondern – wenn kein Wieder-Sehen, so doch ein Endlich-richtig-Sehen, wie von zweien, die vor ihrer ersten Begegnung schon oft miteinander telephoniert hatten, Traumbild-telephoniert.
Das Erste, das ich zu Dir sagte, war nicht veröffentlicht für alle im Raum, sondern privat, Dir in die Augen und ins Gemüt. Dein Blick blieb ernst, wach, konzentriert auf mich, und ich sah – auch wenn Wissenschaftler das natürlich bestreiten würden – dass Du mich verstandst. Deshalb soll es auch unter uns bleiben. Ich wiederholte es noch einmal, in einer theatralisch-dramatischen Aufwallung, und war sehr gerührt, dankbar, glücklich. Es gibt keinen vergleichbaren Moment im Leben zu dem, in dem du dein erstes Kind in Händen hältst und ihm in die Augen siehst. Du wirst älter und jünger zugleich, und obwohl es auch davon erzählt, dass du endlich bist, macht es dich auf eine bis dahin nie dagewesene Art lebendig. Ein Sinn erfüllt sich. Nur, indem du etwas hinterlassen wirst, bist du wirklich da.
Das alles denkt man in diesem Augen-Blick nicht, man empfindet es, und versteht die Empfindung erst viel später. Immer versteht man alles später, und empfindet zuerst. Das ist eine gute Reihenfolge. Denn so wichtig alles Verstehen ist: es muss mit dem Herzen zusammenhängen, sonst ist es keins.
Einige Stunden dieser Nacht lagst Du auf mir, wie ein lebendiger, atmender, duftender, warmer Laib Brot, ich hielt Dich und getraute mich nicht zu bewegen – und doch nahm ich Dich irgendwann und trug Dich so behutsam wie möglich durch die menschenleeren Räume des Spitals, auf der Suche nach Mama, die sie für irgendeine Notwendigkeit mit ihrem Bett weggerollt hatten und deren Rückkehr ich jede Minute erwartete. Das war unsere erste gemeinsame Wanderung, unsere erste . Nachts, Du an mich gepresst, in einem fremden, dunklen Reich, einem Wald aus leeren Betten und Arztschränken. Wir kehrten zurück und nahmen unsere Liegeposition wieder ein und schliefen Brust an Brust. Doch meistens lag ich wach und staunte Dich an. Bis ich Dich Mama übergeben konnte.
Es ging uns so gut in der Villa, dass wir bis Ende der Woche blieben. Wenn ich aus Wien vom * zu Euch zurückfuhr, war das wie die Fahrt in ein Märchenland, in ein neues, noch ganz und gar unbegreifliches Leben, das durch Dich begonnen hatte. Verstärkt wurde das Märchenhafte durch die Mengen Schnees, die in großen flauschigen Flocken vom Himmel fielen und die ohnehin schon romantische Donauuferlandschaft vor und um Klosterneuburg in ein Zauberreich verwandelten.
Oma und Opa kamen aus Salzburg, sprachlos und in meiner Erinnerung geradezu »unscharf« vor Rührung (wohl durch meine eigene und den dadurch getrübten Blick), sie kamen nur, um Dich und uns für ein, zwei Stunden zu sehen, und fuhren gleich wieder zurück. Möglich, dass sie die Heimreise auch in der Wachau unterbrachen, wo sie dreiundvierzig Jahre vorher, indem sie Deinen Vater, mich, zeugten, sich selbst zu Eltern gemacht hatten. Die russische Oma, Babuschka, blieb für Dich zunächst ein verwackeltes Bild am Computer, eine lachende Dame in einer Sankt Petersburg geheißenen Ferne.
Die erste leibhaftige Übersiedelung Deines Lebens, der manche folgten und viele folgen werden, war in die nach Jukebox klingende Gasse nach Wien-Ottakring. Bereits in den ersten Tagen machtest Du bedeutende Bekanntschaften: mit einer freundlichen hakennäsigen Frau, die emsig an Dir herummaß und die Ergebnisse zufrieden in ein gelbes Heft schrieb, und mit einem schwarzgekleideten bärtigen Mann, der Dir mit einem wuschelnassen kleinen Besen ins Gesicht spritzte. Andere Laute kamen aus seinem Mund als aus dem Deines Vaters, aber sie glichen denen Deiner Mutter, wenn sie mit Dir allein war. Deine Eltern waren mit der seltsamen Prozedur einverstanden, ja offenbar hatten sie Dich eigens dazu hergebracht. Die Luft in der geheimnisvollen Höhle war rauchig und süß. Gold glänzte.
Du bekamst Deinen ersten Reisepass (mit einem professionellen, wenn auch, wie wir alle fanden, unvorteilhaften Photo), und bald wurde auch die Dame aus dem Computer lebendig: Babuschka kam angeflogen, damals noch ausschließlich (nach ihrer Mutterrolle) Mamulja genannt. Ihre Babuschka-Weihen erhielt sie so richtig erst Jahre später, als Du und Mama nach Sankt Petersburg zogt.
Noch keine zwei Monate warst Du, da gingst Du auf Reise. Wir flogen nach Vilnius und fuhren nach Klaipeda. Du natürlich in der »Mama Class«, fest an ihrer Brust. Doch während sie probte, trug ich Dich in dem »Babyschlinge« genannten Tuch den Strand auf und ab, so sahst Du, hörtest, rochst Du zum ersten Mal das Meer. Große Schiffe zogen vorbei, und ich zeigte Dir stolz jedes Stückchen Bernstein, das ich vom Sand aufhob – wenn Du nicht schliefst, denn Du schliefst viel zu dieser Zeit, viele Stunden trug ich Dich schlafend an der Küste, durch die Hafenstraßen, fragend beäugt von Menschen, in deren Alltag das noch nicht selbstverständlich war: ein Baby allein mit seinem Vater. Und, na ja, zum Essen, das noch ganz Trinken war, hatten wir ohnehin pünktlich zurück zu sein in der Musikschule, in der wir auch wohnten, zurück an der Brust der Flötistin, die Wolfgang Amadeus gern mitten im Takt unterbrach, wenn Anfisa Margarita Hunger hatte.
Durch Dich war alles besonders und neu. Flaniert war ich früher auch. Nun hatte ich eine Verantwortung. Dass Du überall zugedeckt warst, dass Dich nichts zwickte, dass Du nicht zu schief in der mir eigentlich immer unheimlichen Konstruktion der Babyschlinge an meinem Hals hingst, dass Dich nichts beunruhigen und zum Schreien bringen würde. Der Stolz, mehr: die Andacht, die ich damals über die neue Verantwortung, mehr: über das Nicht-mehr-allein-Sein in Stunden, in denen ich früher allein gewesen war, empfand, vergolden mir in der Rückschau die Woche in Klaipeda, Gold, in das sich das Funkeln der Bernsteinstückchen in der Sonne am Strand mischt und Dein Lächeln, das Du mir schenktest, wenn Du aufwachtest, oder wenn wir unser tiefes Einander-in-die-Augen-Schauen Deiner Geburtsstunde, das lange unser wesentlichster Kontakt war, wiederaufnahmen. Klaipeda ist Gold, Sonne, Meer, Dein Anfang. Und die ersten Auftritte einer wunderschönen jungen Flötistin, seit sie Mutter geworden war.
Ich könnte mir vorstellen, dass Deine stärksten Eindrücke dieser Zeit die akustischen waren. Was sahst Du, aus der Mulde Deiner Trageschlinge, aus der Tiefe Deiner Babyschale?...




