E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Danck Wünsche so schwarz wie Ebenholz
2. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7407-2325-5
Verlag: TWENTYSIX EPIC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-7407-2325-5
Verlag: TWENTYSIX EPIC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anne Danck, geboren 1991 und aufgewachsen in Berlin, war von jeher von zwei Dingen fasziniert: vom Schreiben und von der Biologie. Letzteres führte sie zum Studium aus Berlin fort und anschließend zurück, um dort als begeisterte Verhaltensbiologin zu promovieren. Das Schreiben wiederum ist die tägliche Therapie, die ihr beim Sortieren der Gedanken hilft. Mit fünfzehn Jahren erhielt sie ihre erste Auszeichnung für eine Kurzgeschichte, es folgten diverse Veröffentlichungen in Anthologien, darunter auch die »Anthologie Noir 1«, die mit dem Deutschen Phantastik Preis 2019 ausgezeichnet wurde. Ein wiederkehrendes Thema in ihren Geschichten sind Märchen, auf den Kopf gestellt und aus anderen Blickwinkeln beleuchtet. Ihr Roman-Debüt »Spielmannsbraut« erschien 2021 im Drachenmond Verlag.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Es hämmerte gegen die Tür. »Aufstehen!« Peter zählte die Sekunden. Fünf waren es, dann erklang das gleiche Pochen, der gleiche Ruf gedämpfter an der nächsten Tür. Wieder fünf Sekunden und noch einmal: »Aufstehen!«
Das Zimmer war so dunkel, dass der Lichtstreifen unter der Tür grell wirkte. Peter streckte sich und gähnte. Leises Rascheln und Stöhnen erfüllte das Zimmer, während sich die anderen drei Kinder aus ihren Betten schälten. Das Holz ächzte, als sich Peter vom Hochbett schwang und nach unten stieg.
»Au, das war mein Arm!«, jaulte Jonah auf.
Hastig trat er zur Seite – und rutschte fast auf Janets Matratze aus. »’Tschuldigung. Tut mir leid. Verzeihung.« Er stolperte zum Tisch und fand endlich die Streichhölzer, um eine Kerze zu entzünden.
»Danke, du Tollpatsch«, meckerte Jonah. »Jetzt muss ich die nächsten Stunden gegen die Verwandlung ankämpfen. Nur wegen dir.«
Er hatte Recht. Peter hätte nicht vergessen dürfen, dass zwei von ihnen seit gestern ihre Matratzen nebeneinander auf dem Boden hatten. Im Kerzenschein waren die Kratzer in der Wand nicht mehr zu übersehen – dort, wo tags zuvor noch das zweite Hochbett gestanden hatte. Bevor es einem der Erzieher gelungen war, Sarah nach draußen und in eine Verwandlungszelle zu bringen.
Peter kletterte zurück auf sein Bett und stopfte Bettlaken und Decke fest, bis sie faltenfrei waren. Dann strich er das Kissen glatt, stieg wieder hinab, schlüpfte in die Schuhe und reihte sich hinter den anderen ein – balancierte mit den Füßen hintereinander im schmalen Spalt zwischen den beiden Matratzen.
Hundertzehn Sekunden später ging die Tür auf. »Guten Morgen.« Erzieher West maß erst die Kinder, dann die ordentlichen Betten.
»Guten Morgen«, antworteten sie im Chor.
»Report«, befahl Erzieher West.
»Keine Vorkommnisse«, antwortete Janet ganz vorn.
»Keine Vorkommnisse«, wiederholte Timothy hinter ihm.
»Peter ist mir auf den Arm getreten.« Jonahs Stimme troff nur so vor Empörung.
»Und wie fühlst du dich deswegen?«
Eine Pause von drei Sekunden. Dann: »Ich bin der Stein, aus dem die Berge gemacht sind. Mich berührt nichts, mich verletzt nichts, ich bin stark und beständig und unerschütterlich.«
»Und was ist passiert, als Peter auf dich getreten ist?«
»Nichts. Ich bin vorher Stein und nachher Stein, egal, wer auf mich tritt.«
»Gut. Peter?«
»Es war ein Versehen. Es war dunkel.«
»Hast du Schuldgefühle deswegen?«
Peters Antwort war mehr an Jonah gerichtet als an irgendjemand anderen. »Ja«, sagte er und wusste, es war die falsche Antwort.
An Erzieher Wests Auge zuckte ein Muskel. »Hast du Schuldgefühle deswegen?«
»Nein, denn ich bin der Stein, aus dem die Berge gemacht sind«, sagte Peter diesmal, weil es der einzige Weg war, aus dieser Befragung wieder herauszukommen. Und weil er wusste, dass Erzieher West daran glaubte, sie alle dadurch schützen zu können.
»Mich berührt nichts, mich verletzt nichts, ich bin stark und beständig und unerschütterlich.«
»Selbst wenn du dich aus Schuldgefühlen verwandelst, ist es dennoch eine Verwandlung«, erinnerte Erzieher West sie streng. »Und danach werden die Schuldgefühle nur größer.«
»Der schämt sich nie für die Verwandlung«, murmelte Timothy.
»Höre ich da etwa einen Vorwurf?«
Timothys Schultern strafften sich. »Nein.«
Erzieher West musterte sie alle der Reihe nach. »Ich erwarte rechtzeitig Meldung.«
Sein üblicher Befehl. Was er tatsächlich damit meinte, war: Wenn bei einem von ihnen das Zittern losging, das erste Anzeichen, dass eine Verwandlung bevorstand, dann sollten sie Bescheid sagen. Dann würde man sie vorsorglich in eine der Zellen sperren, wo sie niemandem etwas anhaben konnten, während die Krankheit die Kontrolle übernahm und sie zur Bestie wurden.
Peters heimliche Vermutung war, dass diese Maßnahme den Beginn der Verwandlung beschleunigte. Denn was konnte schlimmer sein, als jemanden mit der Angst vor dem, was kam, allein zu lassen? Er hatte beschlossen, seine Krankheit nicht zu fürchten. Es war nur Angst vor der Angst. Und wenn er irgendetwas wollte, dann nie wieder Angst haben.
Peter nahm seinen Teller mit Rührei entgegen und steuerte auf die langen Tische zu. Sein Blick suchte zwischen den gesenkten Köpfen nach den zwei Zöpfen, die eigenwillig hüpften, wenn sie sich vorbeugte, um von ihrem Löffel zu essen. Doch er fand nur den Wuschelkopf von Janet.
»Ist Sarah immer noch nicht zurück?«, wollte er wissen und drängte Niklas zur Seite, um sich neben Janet zu setzen.
Janet verdrehte die Augen, als würde sie ihn für begriffsstutzig halten. »Wenn sie nicht hier ist...«
Also saß sie immer noch in der Zelle. »Ich bringe ihr Frühstück vorbei.«
Peter war gerade dabei, sich wieder zu erheben, da zog ihn Janet zurück auf die Bank. »Sie wird schon satt werden. Sie füttern die Bestien doch immer, wenn sie sich verwandeln.«
Ja, das taten sie, denn es beschleunigte die Rückverwandlung. Alles, was zum Wohlbefinden der Bestie beitrug, beschleunigte die Rückverwandlung. Aber wenn sie schon wieder menschlich war und sie sie vorsorglich dort behielten? Wenn sie die Nachricht vom zerstörten Hochbett und Timothys Beinahe-Verletzung so beunruhigt hatte, dass das Zittern erneut eingesetzt hatte? Dann bräuchte sie Gesellschaft, es könnte noch Stunden bis zur nächsten Verwandlung dauern. Man wusste nie genau, wie viel Zeit einem blieb.
»Mach bitte keinen Aufstand«, meinte Janet. »Sarah würde das nicht gefallen.«
Peter schnaufte. Vielleicht würde es ihr helfen, wenn er kam und sie sich darüber aufregte ... Es würde die Bestie schneller freisetzen. Schneller dafür sorgen, dass es vorbei war. Oder würde sie glauben, er wäre nur gekommen, um zu beweisen, dass ihm die Verwandlung keine Angst machte? Dann würde sie ihn womöglich wie bereits einige andere meiden.
Dabei stimmte das nicht, die Bestien machten ihm genauso viel Angst wie allen anderen. Auch er hatte einen Teil seiner Familie an sie verloren, auch er hasste es, infiziert zu sein. Es war sinnvoll, dass sie in diesem Heim waren, wo es ausgebildete Erzieher gab, die Tag und Nacht über sie wachten. Er fürchtete die Bestien ebenfalls, er fand es nur nicht so schlimm wie alle anderen, selbst eine zu werden.
Peter stocherte in seinem Rührei, vor seinem inneren Auge die hungrige Sarah in der kalten Steinzelle. Das war nicht fair! Waren sie mit der Krankheit an sich nicht schon genug gestraft?
drängte es sich ungewollt in seine Gedanken.
Aber er fürchtete die Bestie nicht. Mechanisch schob er sich eine Gabel Ei in den Mund und kaute.
Draußen ertönte plötzlich Geschrei. Gepolter. Die Erzieher, die zwischen den Tischen auf und abgingen, warfen sich Blicke zu.
Dann wurde etwas durch das Fenster oben unter der Decke geworfen und landete nur wenige Meter neben Peter auf dem Tisch, Flammen züngelten daraus hervor. Mehrere Kinder schrien auf und stürzten fort von ihrem Essen. Peters Blick folgte einem weiteren Brandgeschoss, das Jonah nur um Haaresbreite verfehlte. Das Geschrei draußen wurde lauter. Peter konnte eine Art Schlachtruf ausmachen, er verstand nur die Worte nicht.
Die Vordertür knallte, splitterte. Jemand schrie. Mehrere Erzieher rannten los, zogen ihre Schwerter. Da schwappte ihnen bereits die erste Horde des wütenden Mobs entgegen. Wie gelähmt sah Peter zu, wie sie mit Spaten, Knüppeln und Mistgabeln auf die Erzieher eindroschen. Auf die Erzieher ... und dann auf die Kinder.
Einer der größeren Jungen versuchte, sich vom Tisch zum Fenster hinaufzuziehen, und schnitt sich die Finger an der zerbrochenen Scheibe blutig. Einige wenige waren geistesgegenwärtig genug, sich ein Messer zu schnappen, doch dann wussten sie nicht, was sie tun sollten. Timothy stand da wie gelähmt, die Klinge in seiner Hand kaum mehr als ein Spielzeug. Niklas blickte auf seine zitterten Finger und stürzte dann in die andere Richtung davon – brachte Abstand zwischen die Angreifer und die Bestie, die er eventuell werden würde. Janet verkroch sich unter dem Tisch, schlang die Arme um den Kopf und begann, sich vor und zurück zu wiegen.
Peters Herz klopfte wild in seinem Hals. Er sah, wie sie Timothy packten, an ihm zerrten und auf ihn einschlugen. Sah Jonah, der mit einem blutigen Fleck auf der Stirn zusammensackte. Einen der Erzieher mit einer Mistgabel im Unterleib.
»Ungeheuer!«, hörte er sie rufen. »Mörder! Bestie!«
Die eisigen Finger der Angst drückten Peter die Luft ab. Wie damals. Als sie über das Dorf hergefallen...




