E-Book, Deutsch, 560 Seiten
Reihe: HarperCollins
Dalton Der Junge, der das Universum verschlang
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7499-5070-6
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Reise ins Herz Australiens: Trent Daltons bildgewaltige Coming-of-Age-Geschichte voller Geheimnisse und Abenteuer jetzt auf Netflix!
E-Book, Deutsch, 560 Seiten
Reihe: HarperCollins
ISBN: 978-3-7499-5070-6
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Nummer-1-Bestseller aus Australien mit über 500.000 verkauften Exemplaren
Brisbane, 1983: Wie wird man zu einem guten Menschen? Diese Frage treibt den 11-jährigen Eli Bell um. Auf den ersten Blick hat er nicht gerade die besten Vorbilder um sich herum: Die Mutter und der Stiefvater dealen mit Heroin, sein großer Bruder Gus spricht nicht mehr, sein Vater glänzt durch Abwesenheit und sein Babysitter ist ein hartgesottener Exhäftling. Doch zwischen den Drogen und dem Schmutz erfährt Eli zärtliche Liebe, aufrichtige Freundschaft und die Magie seiner Phantasie. Elis Welt gerät erst ins Wanken, als der Cartellboss Tytus Broz in sein Leben tritt und die Familie auseinanderreißt.
Während Eli heranwächst, wird er weiter mit der Frage kämpfen, ob aus einem schlechten Menschen doch noch ein guter werden kann; er wird in das berüchtigte Boggo Road Goal-Gefängnis einbrechen, um seine Mutter an Weihnachten zu besuchen; er wird durch seine Briefe ins Gefängnis einen wichtigen Freund gewinnen und aus Versehen mitten in einer Schießerei zwischen zwei Gangs landen; er wird einen Karriereweg finden, der nichts mit Drogen zu tun hat. Und er wird sich verlieben.
»Danke für diese wilde, wunderschöne Achterbahnfahrt, die einem das Herz explodieren lässt.«
Elizabeth Gilbert (Autorin von »Eat, Pray, Love«)
»Der Roman erfüllt dich mit wunderbarem Staunen und bricht dir dann das Herz.«
Washington Post
»Aufregend.«
New York Times
»Roh, ehrlich, lustig, bewegend - Trent Dalton hat einen höchst überraschenden Roman geschrieben, der süchtig macht.«
David Wenham
»Dieses Buch wird Ihre dunkelsten Tage erhellen.«
Sunday Morning Herald
»Ein Buch, das seine Leser verschlingt.« »[...] eine kunstvoll verwobene Kriminal - und Liebesgeschichte [...].«
Die Presse am Sonntag
»Der flüssig verfasste Roman [...] liest sich fast wie ein Thriller.« Hans-Martin Hammer,Chemnitzer Zeitung, 12.06.2021
»Ein spannendes Debüt.« Ranja Doering, Heilbronner Stimme, 19.06.2021
Trent Dalton wuchs in einem Vorort von Brisbane, Australien, auf und ist vielfach ausgezeichneter Journalist. Er gewann zweimal den »Walkley Award for Excellence in Journalism«, viermal den »Kennedy Award for Excellence in NSW Journalism« und wurde viermal als australischer »Journalist des Jahres« geehrt. Hat er bislang die Geschichten anderer in vielbeachteten Reportagen erzählt, ist es nun seine eigene Geschichte, von der sein Debütroman »Der Junge, der das Universum verschlang« handelt. Trent Dalton hat mit diesem Buch einen modernen Klassiker geschrieben.
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JUNGE SCHREIBT WÖRTER
Dein Ende ist ein toter blauer Zaunkönig.
»Hast du das gesehen, Slim?«
»Was denn?«
»Ach, nichts.«
Dein Ende ist ein toter blauer Zaunkönig. Kein Zweifel. Dein. Ende. Ist. Ein. Toter. Blauer. Zaunkönig.
*
Der Sprung in Slims Windschutzscheibe sieht aus wie ein dürres armloses Strichmännchen, das sich vor einem König verneigt. Der Sprung in Slims Windschutzscheibe sieht aus wie Slim. Die Wischer haben einen Regenbogen aus altem Dreck quer über die Scheibe auf der Beifahrerseite geschmiert. Slim sagt, wenn ich mich an die kleinen Einzelheiten meines Lebens erinnern will, soll ich Augenblicke und Bilder mit Sachen in Verbindung bringen, die ich am Körper habe, oder mit Sachen, die ich täglich sehe oder anfasse. Körpersachen, Zimmersachen, Küchensachen. Auf diese Weise, sagt er, könne ich mich stets auf zwei Arten an jeden dieser Augenblicke erinnern. Zwei Erinnerungen zum Preis von einer, sozusagen.
So hat Slim damals Black Peter bezwungen. So hat er den Knast überlebt. Alle Dinge besaßen für ihn zwei Bedeutungen, eine für hier, den Ort, an dem er damals war – Zelle D9, Abteilung 2, Boggo-Road-Gefängnis –, und eine für dort, jenes grenzenlose und freie Universum, das sich in seinem Kopf und seinem Herzen erstreckte. Im Hier gab es nichts als vier grün getünchte Betonwände, tiefschwarze Dunkelheit und seinen einsamen regungslosen Körper. Ein mit Winkeleisen an die Wand geschweißtes Stahldrahtbett. Eine Zahnbürste und ein Paar Stoffpantoffeln, wie sie alle im Gefängnis tragen. Doch eine Tasse ranziger Milch, von einem Schließer wortlos durch die Luke in der Zellentür geschoben, brachte ihn dorthin, nach Ferny Grove in den 1930ern, an den Stadtrand von Brisbane, wo er als schlaksiger junger Landarbeiter Kühe molk. Aus einer Narbe am Oberarm wurde das Portal zu einer Fahrradfahrt als kleiner Junge. Ein Sonnenfleck an der Schulter wurde zu einem Wurmloch, das ihn an die Strände der Sunshine Coast brachte. Er musste nur einmal daran reiben und war fort. Ausgebrochen aus Zelle D9. Ein Flüchtling, der sich frei fühlte, aber nicht mehr davonlaufen musste, was kaum ein Unterschied zu vorher war, bevor sie ihn in den Bau gesteckt hatten, damals, als er wirklich frei war, aber immer auf der Flucht.
Slim strich mit dem Daumen über die Hügelkette seiner Fingerknöchel, und sie katapultierten ihn dorthin, ins bergige Hinterland der Gold Coast, trugen ihn bis zu den Springbrook Falls. Der kalte Stahlrahmen seiner Zellenpritsche verwandelte sich zu blank gespültem Kalksteinfels und der eisige Beton des Kellerlochs unter seinen Füßen zu sommerwarmem Wasser, in das er die Zehen stippen konnte. Und dann berührte er seine gesprungenen Lippen und erinnerte sich, wie es sich anfühlte, wenn etwas so Weiches und Vollkommenes wie Irenes Lippen sich auf seine presste, wie ihr kühler Kuss ihn von allen Sünden, allem Schmerz erlöste, ihn reinwusch wie die Springbrook Falls mit ihren schäumenden Fluten, die sich wie aus Eimern über ihn ergossen hatten.
Ich mache mir ein wenig Sorgen, frage mich, ob Slims Knastfantasien bald auch meine sein werden: Irene, die sich auf dem feuchten moosbedeckten Felsen rekelt, nackt und blond, kichernd wie Marilyn Monroe, den Kopf zurückgeworfen, freizügig und machtvoll, Gebieterin über die Sehnsüchte eines jeden Mannes, Hüterin seiner Träume, eine Erscheinung aus dem Dort, für die es sich im Hier auszuharren lohnt, die ihn dazu bringt, die Jederzeit-bereit-Klinge seines eingeschmuggelten Messers noch ein Weilchen stecken zu lassen.
»Ich hatte die Fantasie eines Erwachsenen«, sagt Slim immer. Damit hat er Black Peter ausgetrickst, die unterirdische Isolationszelle in Boggo Road. Vierzehn Tage haben sie ihn in diesen mittelalterlichen Kerker gesteckt, mitten in einer dieser sommerlichen Hitzewellen, wie es sie nur in Queensland gibt. In den ganzen zwei Wochen hat er einen halben Laib Brot zu essen bekommen. Dazu vier, vielleicht fünf Becher Wasser.
Slim sagt, die Hälfte seiner Mithäftlinge in Boggo Road wäre nach einer Woche in Black Peter draufgegangen, denn die Hälfte der Insassen einer jeden Strafanstalt, und übrigens auch jeder Großstadt dieser Welt, bestehe nun mal aus erwachsenen Männern mit der Fantasie eines Kindes. Aber die Fantasie eines Erwachsenen könne einen Mann überallhin bringen, wo er hinwolle.
In Black Peter gab es zum Schlafen nur eine kratzige Kokosmatte auf dem Boden, so groß wie ein Fußabtreter und gerade einmal so lang wie eins von Slims dürren Schienbeinen. Den ganzen Tag, meint Slim, habe er seitlich auf der Matte gelegen, die langen Beine eng an die Brust gezogen, die Augen geschlossen, und die Tür zu Irenes Schlafzimmer aufgestoßen, dann sei er unter Irenes weißes Laken geschlüpft, habe sich von hinten sanft an ihren Körper geschmiegt, seinen rechten Arm um ihren nackten Bauch geschlungen, weiß wie Porzellan, und sich vierzehn Tage nicht mehr gerührt. »Hab mich wie ein Bär zusammengerollt und Winterschlaf gehalten«, sagt er. »Hab’s mir da unten in der Hölle so kuschlig gemacht, dass ich nie wieder rausklettern wollte.«
Slim sagt, ich habe die Fantasie eines Erwachsenen, aber den Körper eines Kindes. Ich bin erst zwölf, doch Slim ist der Meinung, dass ich die krassen Geschichten schon abkann. Slim meint, ich sei alt genug für die ganzen Storys über die Knastvergewaltigungen und Männer, die sich an zusammengeknoteten Bettlaken aufgehängt oder scharfe Metallteile geschluckt haben, die ihnen die Eingeweide aufschlitzten, um sich einen mehrwöchigen Urlaub im Royal Brisbane Hospital zu sichern. Ich glaube, manchmal geht er, was die Einzelheiten betrifft, etwas zu weit – wie das Blut aus den Arschlöchern der Vergewaltigten spritzt und solche Sachen. »Licht und Schatten, Kleiner«, sagt Slim. »Man kommt nun mal nicht dran vorbei, Junge, am Licht nicht und auch nicht am Schatten.« Ich muss die Geschichten über Krankheit und Tod im Bau hören, um zu verstehen, wie viel ihm die Erinnerungen an Irene bedeuten, meint Slim. Und dass ich die heftigen Storys ertragen kann, weil das Alter meines Körpers keine Rolle spielt, das Einzige, was zählt, ist das Alter meiner Seele, das er nach reiflicher Überlegung irgendwo zwischen Anfang siebzig und Verkalkung schätzt. Vor einigen Monaten, als wir auch in diesem Auto saßen, sagte Slim, dass er sich gerne eine Gefängniszelle mit mir teilen würde, weil ich so gut zuhören und mich später auch noch dran erinnern könne. Bei seinen Worten ist mir eine einsame Träne übers Gesicht gelaufen, so geehrt habe ich mich gefühlt. Es war seine große Zellengenossen-Ehrung.
»Tränen kommen nicht so gut da drinnen«, sagte er.
Ich wusste nicht, was er damit meinte. In einer Gefängniszelle oder im Inneren eines Menschen? Dann habe ich angefangen zu weinen, halb aus Stolz und halb aus Scham, weil ich glaubte, dieser Auszeichnung nicht würdig zu sein, falls »würdig« für einen Typen, mit dem man zusammen einsitzt, überhaupt das richtige Wort ist.
»Tut mir leid«, entschuldigte ich mich für meine Tränen. Doch Slim zuckte nur die Achseln.
»Wo die herkommen, sind noch mehr, mein Freund«, sagte er.
Dein Ende ist ein toter blauer Zaunkönig. Dein Ende ist ein toter blauer Zaunkönig.
*
Immer, wenn ich den blassen Mond sehe, der auf meinem linken Daumennagel aufgeht, werde ich an den dreckverschmierten Regenbogen auf Slims Windschutzscheibe denken müssen, und dieser aufgehende Mond wird mir auf ewig jenen Tag ins Gedächtnis rufen, an dem Arthur »Slim« Halliday, größter Gefängnisausbrecher aller Zeiten, wundersamer und unfassbarer »Houdini von Boggo Road«, mir Eli Bell, dem Jungen mit der Fantasie eines Erwachsenen und dem Körper eines Kindes, dem Wunsch-Zellengenossen, dem Jungen, der seine Tränen außen trägt – mit seinem rostigen dunkelblauen Toyota Land Cruiser das Autofahren beibrachte.
Vor zweiunddreißig Jahren, im Februar 1953, hat ein Richter namens Edwin James Slim zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. In einem sechstägigen Prozess am Obersten Gerichtshof von Brisbane ist er für schuldig befunden worden, einen Taxifahrer namens Athol McCowan mit einem 45er-Colt brutal zu Tode geprügelt zu haben. Die Zeitungen nannten Slim den »Taxifahrer-Mörder«.
Ich nenne ihn einfach meinen Babysitter.
»Kupplung«, sagt er.
Die Muskeln in Slims linker Wade spannen sich an, als sein altes sonnengegerbtes Bein, zerfurcht von siebenhundertfünfzig Lebenslinien, weil er siebenhundertfünfzig Jahre alt sein könnte, das Kupplungspedal herunterdrückt. Slims alte sonnengegerbte linke Hand schiebt den Schaltknüppel nach vorn. Eine Selbstgedrehte, erst gelb, grau, dann schwarz verglühend, hängt gewagt am speichelnassen Rand seiner Unterlippe.
»Leerlauf.«
Durch den Sprung in der Scheibe sehe ich meinen Bruder August. Er sitzt auf unserer braunen Backsteinmauer und schreibt mit dem rechten Zeigefinger seine Lebensgeschichte, ritzt in flüssiger Schreibschrift Worte in die Luft.
Junge schreibt auf Luft.
August schreibt auf Luft, so wie Mozart, wenn man meinem alten Nachbarn Gene Crimmins glauben darf, einst Klavier gespielt hat: als stünde ihm jedes einzelne Wort glasklar vor Augen, wäre ihm fix und fertig verpackt von einem Ort jenseits seines regen Geistes zugesandt worden. Doch schreibt er es nicht auf Papier, Notizblock oder Schreibmaschine, sondern auf Luft, dieses unsichtbare...




