E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Därmann Aus der Nacht heraus
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7518-2082-0
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kinderperspektiven
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-7518-2082-0
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie Kinder diese Welt erfahren, können wir als Erwachsene nicht genau wissen. Aber in Räumen zerstörter Kindheit – im Ghetto, im Lager oder im Krieg – wird eine vitale Widerstandskraft von Kindern sichtbar, die punktuell aus der Nacht der Gewalt herausführt. Der polnische Arzt Janusz Korczak gründet Anfang des 20. Jahrhunderts in seinem Waisenhaus in Warschau eine Republik der Kinder, die ganz von deren Selbstregierung bestimmt ist. Den ihm anvertrauten Kindern weicht er nicht von der Seite, auch nicht, als sie ins Lager Treblinka deportiert werden. Im Sommer 1945 regt Marie Paneth in einem englischen Empfangslager jüdische Kinder an, ihre Erfahrungen zu malen. Die Bilder zeigen eindrücklich ihr Erleben der Shoah. Auch die anarchische Güte überlebender Kinder aus dem Ghetto Theresienstadt, die Anna Freud in ihre Obhut genommen hat, zeugt von einer unbedingten Geschwisterlichkeit ohne direkte Verwandtschaft. Und diese Erfahrung der Lager wird die psychiatrischen Anstalten für immer verändern: Mit Fernand Deligny und Maud Mannoni schafft die antipsychiatrische Bewegung neue Institutionen und Lebensformen demokratischer Teilhabe für Kinder.
In vier Fallgeschichten lässt Iris Därmann Kinder in ihrer verletzten Subjektivität und im Modus radikaler Geschwisterlichkeit in Erscheinung treten, die unsere infantilisierende Vorstellung von Kindheit erschüttern. Ihre Kinderperspektiven bilden einen kritischen Stachel für eine kommende Demokratie.
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AUS DER NACHT HERAUS
MIT EINER EINLEITENDEN BEMERKUNG
Ein Bruder, das ist derjenige, mit dem man aufwächst und zusammenlebt. Es kann so sein: Das im Zusammenleben entstandene Band ist unzerreißbar und bleibt auch dann noch bestehen, wenn es die gemeinsame Kindheit nicht in der Form des Zusammenlebens überdauert. Ist ein Leben ohne ihn möglich? Vielleicht. Ein Bruder, das ist aber der unersetzliche Andere, ganz gleich, ob es sich um einen leiblichen oder um einen adoptierten Bruder handelt. Eine solche geschwisterliche Beziehung, die das Gesicht einer unbedingten Freundschaft und Zugehörigkeit tragen kann, lässt sich weder vorschreiben noch universalisieren.
GESCHWISTERLICHKEIT
Doch sie kann auf Fremde übertragen und ausgeweitet werden. Besonders in Situationen extremer Gewalt und Verlorenheit, in denen Familien- und Verwandtschaftsgefüge gezielt zerstört worden sind, konnte Geschwisterlichkeit1 als eine neue Form lebenslanger und unverbrüchlicher Beziehungen entstehen. Solche Beziehungen beruhten auf gemeinsamen Erfahrungen von gewaltsamer Entführung und Deportation und von desparaten Formen des Widerstands wie Hungerstreik, Selbstverletzung, Suizid und Schiffsrevolte. John Matthews, ein offensiver Befürworter des transatlantischen Sklavenhandels, berichtete 1788, dass es »viele Verwandte« unter den Gefangenen der britischen Sklavenschiffe gegeben habe, und er bemerkte nicht ohne Erstaunen, dass es sich dabei keineswegs um traditionelle Verwandtschaftsbeziehungen gehandelt habe, sondern vielmehr um gerade entstandene Verbindungen. Es waren Menschen, »welche eine solche Anhänglichkeit aneinander entdeckt hatten, dass sie unzertrennlich wurden und während der Reise das Essen miteinander teilten und auf derselben Planke schliefen«.2 Auf der Middle Passage hätten sich zahlreiche solcher »new connexions« gebildet.3 Mitunter hätten sie sich auf das gesamte Unterdeck erstreckt.4 Geschwisterliche Beziehungen wie diese wurden unter den Gefangenen durch Schwurrituale besiegelt.5 Thomas Winterbottom, der zu Beginn der 1790er-Jahre als Arzt in der Kolonie Sierra Leone im Einsatz war, stand die Bedeutung des Sklavenschiffes für die Bildung solcher neuer geschwisterlicher Beziehungen deutlich vor Augen:
Es ist der Erwähnung wert, dass diese unglückseligen Menschen, welche auf demselben Schiff nach Westindien gebracht wurden, hernach für immer eine starke, empfindsame Zuneigung füreinander bewahren: für sie ist der Begriff Schiffskamerad fast gleichbedeutend mit Bruder und Schwester, insofern es selten vorkommt, dass eheliche Verbindungen zwischen ihnen stattfinden.6
Auf Kuba bezeichneten sich Schiffsschwestern und Schiffsbrüder, für deren neuen verwandtschaftlichen Status die Beachtung des Inzesttabus maßgeblich war, »als carabelas, ein Wort, das von ›Karavelle‹, d. h. Sklavenschiff abgeleitet ist«.7 Im britischen Atlantik nannten sie sich shipmates, »sibbi in niederländischem Kreol oder malungo in brasilianischem Kreol, malongue im britischen Trinidad, máti in Surinam oder bâtiment in Saint-Dominigue«.8 Es waren fiktive Verwandtschaftsbeziehungen, die nicht selten auf die nachfolgende Generation übertragen wurden: Mütter und Väter hielten in die Sklaverei geborenen Kinder dazu an, ihre Schiffsschwestern und -brüder als Tante beziehungsweise Onkel anzusprechen.9 Diese Praktiken der Geschwisterlichkeit, entstanden in der qualvollen Enge der »Appartements« eines Sklavenschiffs, bestanden im Teilen der dürftigen Nahrung und des schmalen Schlafplatzes. Und sie handelten von geteiltem Leid, dem die Versklavten mit Gaben und Gesten der Zuwendung begegneten.
Auf einem Sklavenschiff, das 1804 in South Carolina anlegte, befanden sich drei Mädchen, die auf der Middle Passage zu Schwestern geworden waren. Auf dem örtlichen Sklavenmarkt sollten sie durch Verkauf an verschiedene Sklavenbesitzer voneinander getrennt werden. Angesichts der drohenden Trennung war eines der Mädchen »überwältigt von Entsetzen und Furcht«. Immer wieder sahen sich alle drei »sehnlich« an. Zuletzt »warfen sie sich einander in die Arme und brachen in die erbärmlichsten Ausrufe aus. Sie klammerten sich aneinander und schluchzten und schrien und benetzten einander mit ihren Tränen.«10 Bevor sie endgültig auseinandergerissen wurden, nahm eines der Mädchen »eine Perlenkette mit einem Amulett daran von ihrem Hals, küsste [es] und [legte es] seiner Freundin um den Hals«.11 Ist die Ausmalung dieser Szene rührseliger Kitsch aus der Perspektive eines abolitionistisch gesinnten Journalisten, der die organisationale Gewalt des slaving mithilfe einer Rhetorik der Empfindsamkeit für weiße Leserinnen und Leser spürbar machen wollte? Keines der drei namenlosen Mädchen konnte die Geschichte seiner gewaltsamen Versklavung, Schwesternschaft und Trennung selbst erzählen.
Es gibt, so Saidiya Hartman, keine einzige Biografie einer weiblichen Gefangenen, die die Middle Passage überlebt hat.12 Erst recht keine Erzählung eines versklavten Mädchens, das für einen Moment so etwas wie Trost in der Abschiedsgabe eines schützenden Amuletts und in der Umarmung seiner beiden Schwestern gefunden hätte. Und doch wirft diese mit den Augen eines weißen Beobachters umrissene Szene ein Schlaglicht darauf, dass sich hinter der Zahl von 12,5 Millionen in die »Neue Welt« deportierter und versklavter Menschen nicht nur erwachsene Frauen und Männer, sondern zu einem hohen Anteil auch Kinder verbergen. Es waren Kinder, die zu Opfern der transatlantischen Versklavung gemacht wurden. Es waren Kinder, die mit ihren eigenen geschwisterlichen Beziehungen und Gaben zu Miterfinderinnen und Miterfindern einer »sensiblen Menschheit«13 wurden, mitten auf dem Atlantik, zwischen nataler Entfremdung und sozialem Tod.14
REVOLUTIONÄRE BRÜDERLICHKEIT
In der ersten globalen Aufstiegsphase des kolonialen Kapitalismus waren alle europäischen Nationen im transatlantischen Sklavenhandel engagiert, nicht zuletzt Frankreich. Am ersten Jahrestag des Sturms auf die Bastille stieg die Triade von Liberté, Égalité und Fraternité zur Pathosformel der Französischen Revolution auf. Antoine-François Momoro soll den drei Fahnenwörtern zum Durchbruch verholfen haben, indem er dem Club des Cordeliers anlässlich der Vorbereitungen zu den Revolutionsfeierlichkeiten empfahl, sie auf die Fahnen zu schreiben.15 So verbanden sie sich mit den politischen Farben der Republik, die auch mit Vorschriften für eine nationale Kleidung verbunden waren: dem Weiß der Freiheit, dem Blau der Gleichheit und dem Rot der Brüderlichkeit. Seit dem »5. Juli 1792 waren alle Männer verpflichtet, die blauweißrote Kokarde zu tragen, ab dem 3. April 1793 alle Bürger«,16 unabhängig von ihrem Geschlecht. Zwar beschworen bereits die frühen Revolutionslieder die Brüderlichkeit: »vivre en frères – au milieu des frères – à la santé des nos frères – adieux aux frères – chers confrères – frères par ci, frères par là«.17 Doch war der Dreiklang der republikanischen Losung weder in der »Erklärung der Rechte der Menschen und der Bürger« vom 26. August 1789 noch in der Verfassung von 1791 oder auch in der Charta von 1830 zu finden. 1793 tauchte er lediglich in einem Verfassungszusatz auf. Erst 1848 wurde er in die Verfassung aufgenommen.181793, am Vorabend der Terreur, richtete sich die Brüderlichkeit als terroristische Drohung »Fraternité ou la Mort«19 vor allem an die Gegner und Verräter der Revolution.
Ist die Androhung »oder Tod« konstitutiv für ein auf Blut, Abstammung, Zeugung und Ausgrenzung zurückgehendes Verständnis familiärer Brüderlichkeit? Weit entfernt von einem politischen Humanismus ohne gewaltsame Ausschlüsse handelte es sich bei dieser, so Pierre Leroux, »geheiligten Losung unserer Väter«20 um ein griechisches und christliches Erbe, das die Revolutionäre mit einer ambivalenten Politik der Feindschaft und der Freundschaft aufluden. Von ihren Staatsdienern verlangte die Republik eine Opferbereitschaft bis in den Tod: Im August 1792 mussten sie den sogenannten Freiheits-Gleichheits-Schwur ablegen, der ebenfalls den Zusatz »oder Tod« enthielt. Kraft Diensteid und Verankerung im eigenen Gewissen sollten Staatsdiener ihre bedingungslose Bereitschaft erklären, für die Sache der Republik bei der Durchführung ihrer Gesetze einzustehen – notfalls um den Preis ihres Todes.21 Augenscheinlich kommt die revolutionäre Brüderlichkeit nicht ohne Blut aus,22 sei es das der väterlichen Abstammung, sei es das des Königsmordes, sei es das der Terreur oder das des Selbstopfers. Vor diesem Hintergrund könnte man die »Rechtsbegriffe von Freiheit und Gleichheit [geradezu] als Schutz vor der Brüderlichkeit begreifen lernen«.23
Das revolutionäre Verständnis von Brüderlichkeit deckt eine verwirrende Reichweite ab, die von extremistischen Feindschaftserklärungen über ein universales Gefühl der Menschenliebe bis hin zu einer Vereinigungs- und Bindungskraft reicht, die den abstrakten Contrat social und die Verrechtlichung sozialer Beziehungen übersteigt. Diese letzte Dimension der Brüderlichkeit fand in der Einrichtung nationaler Feste und in Interaktionsritualen wie dem vertraulichen Duzen (das im Falle der Missachtung verdächtig erschien),24 den brüderlichen Umarmungen...




