E-Book, Deutsch, 216 Seiten
Czerny / Habeler Mein nächster Berg
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7112-5025-4
Verlag: BERGWELTEN
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählt von Marlies Czerny
E-Book, Deutsch, 216 Seiten
ISBN: 978-3-7112-5025-4
Verlag: BERGWELTEN
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Peter Habeler, 1942 im Zillertal geboren, ist Extrembergsteiger und Bergfu?hrer. Marlies Czerny ist freie Journalistin. Ihre große Liebe fu?r die Berge fu?hrte die Oberösterreicherin auf alle Viertausender der Alpen und auch in den Himalaya.
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Auch der höchste Turm fängt unten an
»Bürscherl, du musst aber noch viel lernen!« Am Anfang trafen ihn die Worte von Pepi Steiner, dem Vorsitzenden des Alpenvereins Zillertal, wie ein Steinschlag aus heiterem Himmel. Bis Peter Habeler wusste, wie sie zu verstehen waren. »Er hat schon meinen Opa nicht gemocht, meine Mama nicht und mich auch nicht. Er wollte mich blockieren, solange es ging.« Und kraft seines Amtes konnte er das auch. Damals mussten angehende Bergführer noch einer Alpenvereinssektion angehören und brauchten einen Bürgen. Das grüne Licht zur Ausbildung ließ somit länger auf sich warten, als Peter lieb war. Anstatt mit 19 durfte er erst mit 23 Jahren zur Bergführer-Eignungsprüfung antreten. Eine zermürbende Wartezeit? »Irgendwann war’s mir egal. Ich wusste, was ich konnte – mir war klar, dass ich die Aufnahme irgendwann schaffen werde.«
In der Zwischenzeit fand er andere Lehrmeister. Besser gesagt fanden sie ihn. 1963 deckte der Osttiroler Sepp Mayerl in Finkenberg den Kirchturm neu. An Wochentagen hing der selbstständige Dachdecker meist an den Türmen über den Dörfern, an Wochenenden an den Türmen der Dolomiten. Mayerl war auf Kirchturmrestauration spezialisiert, nur mit Seil, ganz ohne Gerüst. Als Kletterer mit gewaltigem Erfahrungsschatz ließ er sich eigene Sicherungstechniken einfallen, um ohne teuren und aufwendigen Gerüstaufbau Kugeln einer Turmspitze zu vergolden, schwindelerregende Dächer zu renovieren oder Ziffernblätter einer Kirchturmuhr neu zu streichen. Sepp Mayerl kam viel herum und suchte in den Ortschaften immer den Kontakt zu den Kletter-Locals. In Finkenberg wurde er schnell an Peter Habeler und Horst Fankhauser verwiesen. Sepp war fünf Jahre älter als Peter und ihm beim Klettern und Sichern weit voraus. Meistens trafen sie sich zu Hause bei den Fankhausers, um über den Plänen für die nächste Felswand zu brüten. Aber nicht nur – wie Horst verrät: »Der Sepp hatte sich auch in meine Schwester Waltraud verknallt.«
Sepp Mayerl mit einem Kollegen bei der Kirchturmsarbeit
Sepp Mayerl, den aufgrund des elterlichen Hofnamens alle »Blasl-Sepp« nannten, kam aus Göriach, zehn Autominuten von Lienz entfernt, in Richtung Heiligenblut am Großglockner. »Der Sepp war einer der besten Kletterer seiner Gegend«, denkt Habeler zurück, »es gab Toni Egger und ihn, das waren die zwei großen Osttiroler.« Sepp Mayerl hatte das Bergsteigen als junger Schafhirte in der Schobergruppe für sich entdeckt. Sein Können fiel in der Kletterszene erstmals auf, als er die Abseilstelle am Teufelshorn am Nordwestgrat des Großglockners frei kletterte, hinauf und hinunter. Sein Wissen behielt er nicht für sich. Er gab es nicht lehrbuchmäßig im Übungsklettergarten weiter, sondern vielmehr durchs Machen in alpinen Routen: Ruhig und entschlossen zeigte er vor, wie man sichere Standplätze einrichtet, wie man Haken solide schlägt und mit Schnüren verbindet, wie man sauber sichert und Strickleitern verwendet – die anderen machten es nach. »Mit dem Blasl-Sepp kann uns nichts passieren«, darüber waren sich seine Schützlinge einig.
Manchmal aber passierte doch etwas, Sepps lockerem Schultergelenk geschuldet. Kegelte es ihm in den ersten Seillängen wieder einmal schmerzhaft die Schulter aus – so wie bei seiner allerersten Tour gemeinsam mit Peter und Horst, im Lucke-Strobl-Riss am Bauernpredigtstuhl –, seilte er sich ab und wartete am Wandfuß. Passierte das weiter oben, renkte er sie selbst wieder ein, biss die Zähne zusammen und kämpfte sich mit einer Hand hinauf. Schon bald kletterten Peter und Sepp zwei große klassische Nordwände, die Comici an der Großen Zinne und die Cassin am Piz Badile. Zwischenfazit in Peters Tourenbuch, Juli 1963: »Es ist eine wahre Freude, mit einem Kameraden wie Sepp zu klettern.«
Langweilig wurde Habeler bis zum Bergführer-Kurs also keineswegs. Er kletterte jede freie Minute und war fleißig als Hilfsbergführer und Skilehrer im Einsatz. Neben seinem Interesse an der Bergwelt stieg auch das an der Frauenwelt, und er fand unter seinen englischen Gästen in der Skischule seine erste Liebe: Patricia. Damit es keine reine Fernbeziehung blieb, wurde Habeler erfinderisch. Vor der nächsten Skisaison ging er für zwei Monate nach London. Dort heuerte er im Sportladen Lillywhites am Piccadilly Circus an. »Quasi als Trockenskilehrer«, wie Habeler schmunzelnd beschreibt, »dort hab ich den Engländern auf dem Parkettboden gezeigt, wie man sich auf Skiern bewegt.«
Wohnen durfte er allerdings nicht bei seiner Freundin, deren Eltern ein nobles Anwesen besaßen. Doch Habeler kam bei seinem befreundeten Gast Viktor Lenel unter, der als Jude im Zweiten Weltkrieg nach England geflüchtet war. Mit ihm hatte Habeler als 19-Jähriger seine erste große Führungstour in den Brenta-Dolomiten unternommen. Für beide unvergesslich: Trotz einer Woche Schlechtwetter erreichten sie alle Kletterziele, darunter auch die ikonische Guglia di Brenta, ein Zeigefinger aus Dolomitenkalk, der zwischen den mächtigen Wänden senkrecht zum Himmel zeigt. »Im Angesicht der schwierigen Verhältnisse hab ich aber Blut geschwitzt. Alleine im Nebel die Abseiler zu finden, war ein Husarenstück.« Habelers Brötchengeber Ernst Spieß hatte ihm also schon vor seiner offiziellen Ausbildung Gäste zugeschanzt. Als Hilfsbergführer verdiente er mit 120 Schilling für seine Verhältnisse schon gutes Geld, nur 30 Schilling weniger als die ausgebildeten Guides. Es waren vor allem Engländer, die Peter mit Toni Volgger und anderen Bergführern über viele Jahre hinweg wie Schäfchen durchs Zillertal führte, manchmal durch die Dolomiten. »Das waren immer um die zwölf Tage mit 15 bis 20 Gästen, die wir am Bahnhof abholten. Erst im September war Schluss.« Diese unentwegte Führungsarbeit über die Sommer- und Wintermonate entstand dank des guten Kontakts von Ernst Spieß zu Walter Ingham, der bekannt war als »the man who took Britain skiing« – der Mann, der Großbritannien zum Skifahren brachte. Auch wenn nach zwei Jahren Schluss war, riss der Kontakt zu seiner ersten Freundin nie ganz ab, erzählt Habeler: »Wir schreiben uns noch immer E-Mails.«
Als größten Schatz legte Habeler in der damaligen Zeit kein Sparbuch, sondern ein Tourenbuch an. Dort dokumentierte er ein gutes Jahrzehnt lang seine gesammelten Bergtouren und Klettereien. »Die Bücher haben einen unermesslichen Wert für mich«, sagt Habeler heute. Die Wertanlage vergrößerte sich von Jahr zu Jahr, und der Kurs steigt immer noch weiter. »Mein Erinnerungsvermögen leidet ja schon etwas«, merkt er schmunzelnd an. Gerne blättert er zurück in die Zeit, als sein Radius immer größer und seine Touren immer wilder wurden: vom Zillertal und Rofan in den Wilden Kaiser und das Karwendel, bald ging’s auch nach Südtirol. In ihre Kletterclique wuchs langsam auch Hermi Lottersberger hinein, die fürsorgliche Nachbarin. Sie zeigte am Felsen großes Talent und noch größere Freude. Manchmal hatte die Mutter dreier Kinder zwar ein schlechtes Gewissen, wenn sie die Zeit nicht im Familienkreis, sondern in der Felswand verbrachte. Doch sie kochte dann einfach vor, betonte sie oft, und hatte am Ende des Tages ihre Erfüllung gefunden. Das konnte auch ihr Mann Hans, der kein Kletterer, dafür der Briefträger von Mayrhofen war, nur gutheißen. »Gesundheitlich war er leider nicht mehr so fit. Bei ihm hat sich das Tragen der schweren Posttasche aufs Kreuz geschlagen. Er hat die Briefe in ganz Mayrhofen ja immer zu Fuß ausgetragen«, erzählt Habeler. Der Hansl habe jedenfalls immer eine Freude gehabt, wenn Hermi und Peter losgezogen sind, und vertraute Peter sogar sein 175er-Puch-Motorrad an. »Die ging nur 80 Stundenkilometer. Das dauerte dann ganz schön lang bis in die Dolomiten, auf der alten Bundesstraße«, erinnert sich Peter. Ab Bruneck kamen sie mit Sepps Lieferwagen schon schneller voran.
»Ein Beginn!«, schrieb die 37 Jahre alte Hermi Lottersberger Ende Mai 1963 in ihr eigenes Tourenbuch. Da hatte Peter seine »Bergmama« zum Nordgrat des Olperers mitgenommen, mit von der Partie auch Horst Fankhauser und Sepp Mayerl. Im Herbst kletterte sie mit Peter die Christakante im Wilden Kaiser. »Hermi geht ganz ausgezeichnet«, merkte Peter in seinen Notizen an. Ihre erste Lektion, was das Abseilen anbelangte, bekam Hermi im Rofan – natürlich vom Blasl-Sepp. »Anfangs traute ich mich nicht aus der Wand raus«, erzählte sie danach. Als sie den kräftigen Kirchturmdecker fragte, was passieren würde, wenn sie das nicht schaffe, antwortete er ganz trocken: »Solche werfen wir einfach die Wand hinaus!« Sie schaute auf Sepps Riesenpratzen und stellte fest: Bevor die mich in den Abgrund stoßen, gehe ich lieber freiwillig.
Im September 1964 lieh ihnen Hansl wieder das Motorrad....




