Cussler Höllenflut
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-641-15208-6
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Ein Dirk-Pitt-Roman
E-Book, Deutsch, Band 14, 608 Seiten
Reihe: Dirk Pitt
ISBN: 978-3-641-15208-6
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Seit er 1973 seinen ersten Helden Dirk Pitt erfand, ist jeder Roman von Clive Cussler ein »New York Times«-Bestseller. Auch auf der deutschen SPIEGEL-Bestsellerliste ist jeder seiner Romane vertreten. 1979 gründete er die reale NUMA, um das maritime Erbe durch die Entdeckung, Erforschung und Konservierung von Schiffswracks zu bewahren. Er lebte bis zu seinem Tod im Jahr 2020 in der Wüste von Arizona und in den Bergen Colorados.
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10. Dezember 1948
Unbekannte Gewässer
Die Wellen türmten sich tückisch auf und wurden mit jedem Windstoß wilder. Die See, die am Morgen noch so ruhig gewesen war, hatte sich bis zum späten Abend in ein tobendes Inferno verwandelt. Jetzt hingen schwarze Wolken über dem aufgewühlten Wasser, und ein peitschender Schneesturm trieb Gischtschwaden von den weißen Kämmen der Wogen, so dass man kaum noch zwischen Himmel und Meer unterscheiden konnte. Der Passagierdampfer Princess Dou Wan kämpfte sich durch die Wellen, die wie Berge aufragten, ehe sie über das Schiff hereinbrachen, doch die Männer an Bord ahnten nichts von dem drohenden Verhängnis, das sie nun jede Minute heimsuchen konnte.
Sturmböen aus Nordost und Nordwest peitschten die tosende See auf und erzeugten heftige Strömungen, die von zwei Seiten zugleich gegen das Schiff anbrandeten. Binnen kürzester Zeit erreichte der Wind eine Geschwindigkeit von über hundertfünfzig Stundenkilometern, und die Wellen türmten sich bis zu zehn Meter hoch auf. Die Princess Dou Wan war diesem Mahlstrom schutzlos ausgesetzt. Ihr Bug tauchte ab und schnitt unter den Wogen hindurch, die über das offene Deck nach achtern spülten und wieder zurückfluteten, wenn sich das Heck weit über das Wasser hob. Sie stampfte und schlingerte unter der Gewalt der Elemente, die von allen Seiten über sie hereinbrachen, neigte sich zur Seite, bis die Steuerbordreling entlang des Promenadendecks in den kochenden Fluten verschwand. Dann richtete sie sich langsam, viel zu langsam und schwerfällig wieder auf und dampfte weiter durch den schlimmsten Sturm, der diese Gewässer seit Jahren heimgesucht hatte.
Ausgefroren und vom Schneesturm geblendet, zog sich Li Po, der zum Wachdienst eingeteilte Zweite Maat, ins Ruderhaus zurück und schlug die Tür zu. In den vielen Jahren, in denen er nun schon das chinesische Meer befuhr, hatte er manch heftigen Sturm erlebt, aber noch nie einen solchen Flockenwirbel. Po hielt es für ungerecht, dass die Götter derart verheerende Winde wider die Princess entfesselten, nachdem sie fast die halbe Welt umfahren hatte und keine zweihundert Meilen vom sicheren Hafen entfernt war.
Mit Ausnahme von Kapitän Leigh Hunt und dem leitenden Ingenieur drunten im Maschinenraum bestand die gesamte Besatzung aus Nationalchinesen. Hunt, ein alter Seebär, hatte zwölf Jahre bei der englischen Marine gedient und weitere achtzehn als Offizier bei drei verschiedenen Schifffahrtsgesellschaften, davon fünfzehn als Kapitän. Als Junge war er mit seinem Vater von Bridlington aus, einer Kleinstadt an der englischen Ostküste, zum Fischfang ausgefahren, bevor er als einfacher Matrose auf einem Frachter nach Südafrika angeheuert hatte. Er war ein schmächtiger Mann mit ergrauenden Haaren und bekümmertem Blick, der stets etwas geistesabwesend wirkte. Er hatte erhebliche Bedenken, ob sein Schiff in der Lage war, einen derartigen Sturm abzuwettern.
Zwei Tage zuvor hatte ihn ein Besatzungsmitglied auf einen Riss in der Rumpfwand an Steuerbord, unmittelbar hinter dem Schornstein, aufmerksam gemacht. Er hätte eine Monatsheuer dafür gegeben, wenn er ihn jetzt, da das Schiff unglaublichen Belastungen ausgesetzt war, genauer hätte untersuchen können. Widerwillig verscheuchte er den Gedanken. Bei Windgeschwindigkeiten von mehr als hundertfünfzig Stundenkilometern und einer tobenden See, die ein ums andere Mal über das Schiff hinwegspülte, wäre schon der Versuch der reinste Selbstmord gewesen. Er spürte es in den Knochen, dass sich die Princess in großer Gefahr befand, fand sich jedoch damit ab, dass ihr weiteres Schicksal nicht in seiner Hand lag.
Hunt starrte hinaus in das Schneetreiben, das die Fenster des Ruderhauses einhüllte. »Wie sieht’s mit der Vereisung aus, Mr. Po?«, sagte er zum Zweiten Maat, ohne sich umzudrehen.
»Nimmt rasch zu, Käpt’n.«
»Glauben Sie, wir laufen Gefahr zu kentern?«
Li Po schüttelte langsam den Kopf. »Noch nicht, Sir, aber bis morgen früh könnte sich die Last auf Decks und Aufbauten als kritisch erweisen, wenn wir schwere Schlagseite bekommen.«
Hunt dachte einen Moment nach, dann wandte er sich an den Rudergänger. »Bleiben Sie auf Kurs, Mr. Tsung. Halten Sie den Bug in Wind- und Wellenrichtung.«
»Aye, Sir«, erwiderte der chinesische Steuermann, der breitbeinig dastand und das Messingruder mit beiden Händen festhielt.
Hunt musste wieder an den Riss in der Rumpfwand denken. Er konnte sich nicht mehr erinnern, wann die Princess Dou Wan zum letzten Mal zu einer ordentlichen Inspektion im Trockendock gewesen war. Die Besatzung schien sich seltsamerweise nicht die geringsten Sorgen wegen der verrosteten Rumpfplatten und der losen oder fehlenden Nieten zu machen, und offenbar störte sich auch niemand daran, dass die Lenzpumpen wegen des eindringenden Wassers ständig auf Hochtouren liefen. Der Rumpf, angegriffen und verwittert wie er war, war die eigentliche Schwäche der Princess. Ein Schiff gilt im Allgemeinen als alt, wenn es zwanzig Jahre lang die Ozeane durchpflügt hat. Die Princess indessen hatte Hunderttausende von Seemeilen zurückgelegt, hatte oftmals schwere See und manch einen Taifun überstanden, seit sie vor fünfunddreißig Jahren die Werft verlassen hatte. Es grenzte fast an ein Wunder, dass sie überhaupt noch schwamm.
Bei Harland & Wolff für die Singapore Pacific Steamship Lines gebaut, war sie 1913 vom Stapel gelaufen und auf den Namen Lanei getauft worden. Sie hatte eine Bruttotonnage von 10 758, eine Gesamtlänge von 151 Metern und war achtzehn Meter breit. Ihre Dreifach-Expansionsdampfmaschinen leisteten fünftausend Pferdestärken, die auf zwei Schrauben übertragen wurden. In ihrer besten Zeit machte sie beachtliche siebzehn Knoten. Bis zum Jahr 1931 war sie zwischen Singapur und Honolulu verkehrt, war dann an die Canton Lines verkauft und in Princess Dou Wan umgetauft worden. Nach einer Umrüstung war sie als Passagier- und Frachtschiff im gesamten südostasiatischen Raum eingesetzt worden.
Im Zweiten Weltkrieg war sie von der australischen Regierung beschlagnahmt und zum Truppentransporter umgebaut worden. Im Konvoidienst durch japanische Luftangriffe schwer beschädigt, war sie nach dem Krieg an die Canton Lines zurückgegeben worden. Eine Zeitlang war sie im Kurzstreckeneinsatz zwischen Schanghai und Hongkong verkehrt, bis sie im Frühjahr 1948 an ein Abwrackunternehmen in Singapur verkauft worden war.
Sie verfügte über fünfundfünfzig Kabinenplätze für Passagiere der ersten Klasse, fünfundachtzig Unterkünfte in der zweiten und dreihundertsiebzig in der dritten Klasse. Normalerweise zählte die Besatzung hundertneunzig Mann, doch auf dieser Fahrt, die ihre letzte sein sollte, waren lediglich achtunddreißig Seeleute an Bord.
Für Hunt war sein altes Schiff eine winzige Insel inmitten einer stürmischen See, in einen Kampf verstrickt, von dem niemand Notiz nahm. Sein Schicksal kümmerte ihn nicht. Er war bereit für den letzten Landgang, und die Princess gehörte längst ins Abwrackdock. Hunt hatte regelrecht Mitleid mit seinem schlachterprobten Schiff, das sich wacker gegen den wütenden Sturm stemmte. Die Princess krängte und ächzte, wenn die mächtigen Sturzseen über sie hinwegspülten, aber sie richtete sich immer wieder auf und rammte den Bug in die nächste Woge hinein. Hunts einziger Trost war, dass ihre ausgeleierten alten Maschinen bislang noch keinen Takt ausgesetzt hatten.
Drunten im Maschinenraum war das Knacken und Ächzen im Rumpf viel lauter – ungewöhnlich laut. Rostflocken lösten sich von den Schotten und segelten herunter, und das eingedrungene Wasser sickerte bereits durch die Gitterroste der Laufgänge. Nieten, welche die Stahlplatten zusammengehalten hatten, platzten ab und schossen durch die Luft. Normalerweise ließ sich die Besatzung dadurch nicht aus der Ruhe bringen, denn auf Schiffen, die zu einer Zeit gebaut worden waren, als auf den Werften noch nicht geschweißt wurde, war das etwas Alltägliches. Ein Mann jedoch bekam es mit der Angst zu tun.
Chefmaschinist Ian »Hongkong« Gallagher, ein trinkfester, breitschultriger Ire mit rotem Gesicht und mächtigem Schnurrbart, wusste die Zeichen zu deuten, und ihm war klar, dass das Schiff jeden Moment auseinanderbrechen konnte. Doch er verdrängte seine Angst und dachte in aller Ruhe darüber nach, wie er überleben könnte.
Ian Gallagher war als elfjähriger Waisenknabe dem Elendsviertel von Belfast entronnen und als Schiffsjunge zur See gefahren. Weil er eine besondere Begabung im Umgang mit Dampfmaschinen zeigte, wurde er zunächst zum Putzen und Abschmieren eingesetzt und schließlich zum dritten Hilfsmaschinisten ernannt. Mit siebenundzwanzig besaß er ein Patent als Chefmaschinist und fuhr auf allerlei Trampschiffen, die zwischen den Inseln des Südpazifik verkehrten. Den Beinamen »Hongkong« hatte er bekommen, nachdem er sich in einer Kneipe der gleichnamigen Hafenstadt eine sehenswerte Schlägerei mit acht chinesischen Schauermännern geliefert hatte, die ihn aufmischen wollten. Im Sommer 1945, als er dreißig geworden war, hatte er auf der Princess Dou Wan angeheuert.
Mit grimmiger Miene wandte sich Gallagher an Chu Wen, den Zweiten Maschinisten. »Geh nach oben, zieh dir ’ne Schwimmweste an und halt dich bereit, wenn der Kapitän den Befehl zum Verlassen des Schiffes gibt.«
Der chinesische Maschinist nahm den Zigarrenstumpen aus dem Mund und schaute Gallagher prüfend an. »Du meinst, wir gehen unter?«
»Ich weiß, dass wir untergehen«, erwiderte Gallagher entschieden. »Der alte...




