E-Book, Deutsch, 0 Seiten
Cunningham Ein Zuhause am Ende der Welt
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-16236-8
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 0 Seiten
ISBN: 978-3-641-16236-8
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Leben beginnen …
Die bewegende Geschichte dreier Menschen auf der Suche nach dem Glück abseits ausgetretener Pfade.
Michael Cunningham wurde 1952 in Cincinnati, Ohio, geboren und wuchs in Pasadena, Kalifornien, auf. Er lebt in New York City, lehrt an der Yale University und hat mehrere Romane und Erzählungen veröffentlicht. Sein Roman »Die Stunden« wurde vielfach preisgekrönt, u. a. mit dem Pulitzerpreis und dem PEN/Faulkner-Award, und wurde in 22 Sprachen übersetzt. Die überaus erfolgreiche Verfilmung »The Hours« mit Meryl Streep, Julianne Moore und Nicole Kidman wurde mit einem Oscar ausgezeichnet.
Weitere Infos & Material
Jonathan
Wir versammelten uns in der Abenddämmerung auf dem dunkler werdenden Rasen. Ich war fünf. In der Luft lag der Duft von frisch geschnittenem Gras. Mein Vater trug mich auf seinen Schultern. Ich war sowohl Pilot als auch Gefangener seiner gewaltigen Gestalt. Meine nackten Beine scheuerten am Sandpapier seiner Wangen; ich hielt mich an seinen Ohren fest, großen, weichen Muscheln, von Haaren bekränzt.
In der Dämmerung sahen der rote Lippenstift und die Fingernägel meiner Mutter fast schwarz aus. Sie war schwanger, man konnte die erste Rundung gerade erkennen, und die Menge machte ihr Platz. Wir schlugen unser kleines Lager in der zweiten Reihe in Form von zwei Klappstühlen auf. Unmengen von Menschen hatte die Feier mobilisiert. Rauch von den tragbaren Bratrosten würzte die Luft. Ich machte es mir auf dem Schoß meines Vaters bequem und bekam einen Schluck Bier. Meine Mutter saß da und fächelte sich mit der Sonntagsbeilage der Zeitung zu. Über uns summten Moskitos.
An diesem vierten Juli hatte die Stadt Cleveland zwei berühmte mexikanische Brüder engagiert, die das Feuerwerk über dem städtischen Golfplatz abbrennen sollten. Diese Brüder veranstalteten zu staatlichen und religiösen Anlässen Shows in der ganzen Welt. Sie stammten aus dem tiefsten Mexiko, wo Brote in Form von Schädeln oder Jungfrauen gebacken wurden und wo man ein Feuerwerk für die höchste künstlerische Ausdrucksform eines Menschen ansah.
Die Show begann, noch bevor sich der erste Stern zeigte. Sie fing recht unspektakulär an. Die Brüder hielten ihr Publikum hin, begannen mit den einfachen Sachen: Standarddoublette und Dreifachreigen, Spiralraketen, bunte Sprühregen, die gelbgraue Orchideen aus farbigem Rauch an den Himmel malten. Ganz gewöhnliches Zeug. Nach einer Pause machten sie dann ernst. Eine Rakete schoß steil empor, in ihrem Nachstrom einen leuchtenden Silberfaden ziehend; am höchsten Punkt ihrer Flugbahn erblühte sie purpurn, ein flammendes, fünfzackiges Maiglöckchen, wobei jedes Blumenblatt zu einer eigenen Blüte explodierte. Die Menge war begeistert. Mein Vater umfaßte mit seiner riesigen, braunen Hand meinen Bauch und fragte mich, ob mir das Feuerwerk gefiel. Ich nickte. Unter seiner Kehle drängte sich ein dichtes Büschel dunkelblonden Haares durch den Kragen seines Madrashemdes.
Weitere Maiglöckchen explodierten, rot, gelb und mauve mit zitternden, silbernen Stengeln. Dann kamen Schlangen, die orangenes Feuer spien, ein Dutzend gleichzeitig; sie schossen in großen, schwankenden Kurven aufeinander zu, verflochten sich und teilten sich wieder, die ganze Zeit über wild zischend. Ihnen folgten gewaltige, lautlose Schneeflocken, Kristallkörper aus reinstem Weiß, und dann kam eine Konstellation in der Form der Freiheitsstatue, mit blauen Augen und rubinroten Lippen. Tausende hielten den Atem an und applaudierten. Ich erinnere mich an die Kehle meines Vaters, gesprenkelt mit getrocknetem Blut, die stoppelige Haut lose über einem knotigen Mechanismus, der Bier schluckte. Wenn ich bei einem gelegentlichen Knall oder der farbigen Glut, die direkt auf unsere Köpfe zu stürzen schien, ängstlich aufstöhnte, versicherte er mir, daß ich nichts zu fürchten hätte. In meinem Bauch und meinen Beinen konnte ich das Grollen seiner Stimme hören. Seine sehnigen Arme, geteilt von einer einzigen Ader, hielten mich fest.
Ich möchte über die Schönheit meines Vaters reden. Ich weiß, das ist nicht gerade das übliche Thema für einen Mann – wenn wir über unsere Väter reden, dann geht es meist um mutige Taten oder gigantische Wutanfälle, vielleicht sogar um Zärtlichkeit. Doch ich möchte über die reine, unverfälschte Schönheit meines Vaters sprechen: die mächtige Symmetrie seiner hellen Arme mit ihren geschmeidigen Muskeln, die aussahen, als wären sie aus Asche geformt worden; die leichte, beherrschte Grazie seines Ganges. Er war ein kompakter Mann, dessen Körper Würde ausstrahlte, ein Kinobesitzer mit dunklen Augen, der auf stille Weise die Filme liebte. Meine Mutter litt an Kopfschmerzen und neigte gelegentlich zu Ironie, doch mein Vater war stets fröhlich, stets irgendwohin unterwegs, stets gewiß, daß sich alles zum Besten wenden würde.
Wenn mein Vater arbeitete, waren meine Mutter und ich allein zu Hause. Sie erfand Spiele, die wir im Haus spielen konnten, oder beschäftigte mich mit Kuchenbacken. Sie ging ungern aus, vor allem im Winter, weil sie in der Kälte Kopfschmerzen bekam. Sie war ein Mädchen aus New Orleans, von zierlichem Körperbau und mit präzisen Bewegungen. Sie hatte jung geheiratet. Manchmal brachte sie mich dazu, mich mit ihr gemeinsam ans Fenster zu setzen, auf die Straße hinauszuschauen und auf den Moment zu warten, in dem sich die gefrorene Landschaft vielleicht in etwas ganz Gewöhnliches verwandeln würde, dem sie so gelassen vertrauen konnte, wie es die soliden Ohio-Mütter taten, die riesige, mit Lebensmitteln, Babys und Verwandtschaft beladene Autos durch die Gegend steuerten.
»Jonathan«, flüsterte sie, »he, Boy-o! Worüber denkst du nach?«
Das war eine ihrer Lieblingsfragen. »Ich weiß nicht«, sagte ich.
»Erzähl mir irgendwas«, sagte sie. »Erzähl mir eine Geschichte.«
Mir war klar, daß ich irgend etwas sagen mußte. »Diese Jungen da gehen mit ihrem Schlitten zum Fluß«, erzählte ich ihr, als zwei ältere Jungs mit karierten Mützen aus unserer Nachbarschaft – Jungs, die ich bewunderte und fürchtete – an unserem Haus vorbeikamen, einen ramponierten Schlitten im Schlepptau. »Sie fahren damit auf dem Eis, aber sie müssen wegen der Löcher vorsichtig sein. Ein kleiner Junge ist hineingefallen und ertrunken.«
Es war keine großartige Geschichte, aber es war das Beste, was mir so aus dem Stegreif einfiel.
»Woher weißt du das?« fragte sie.
Ich zuckte mit den Schultern. Meiner Meinung nach hatte ich die Geschichte erfunden. Manchmal war es schwierig, zwischen dem, was passiert war, und dem, was hätte passieren können, zu unterscheiden.
»Macht dir diese Geschichte Angst?« fragte sie. »Nein«, erklärte ich. Ich stellte mir vor, wie ich über eine weite Eisfläche schlidderte, geschickt den zackigen Löchern ausweichend, in die andere Jungen mit traurigem Klatschen stürzten.
»Hier bist du sicher«, sagte sie, mir über das Haar streichend. »Mach dir nur keine Sorgen. Hier sind wir beide absolut sicher.«
Ich nickte, obwohl ich die Unsicherheit aus ihrer Stimme heraushören konnte. Ihr Gesicht mit der schweren Kinnlinie und der kleinen Nase fing das rauhe Winterlicht ein, das von der eisigen Straße abprallte und in unserem Haus von Raum zu Raum schoß, das Silberbesteck im Glasschrank streifend und die kleine Prismenlampe zum Leben erweckend.
»Wie wär’s mit einer komischen Geschichte?« sagte sie. »Wahrscheinlich könnten wir gerade jetzt eine brauchen.«
»Okay«, sagte ich, obwohl ich keine komischen Geschichten kannte. Humor war für mich ein Buch mit sieben Siegeln – ich konnte nur das erzählen, was ich sah. Draußen vor unserem Fenster tauchte Miss Heidegger auf, die alte Frau von nebenan, bekleidet mit einem Mantel, der aus Mäusefellen gemacht zu sein schien. Sie hob ein Zeitungsblatt auf, das in ihren Hof geweht worden war, und humpelte wieder hinein. Von den Bemerkungen meiner Eltern her wußte ich, daß Miss Heidegger komisch war. Sie war komisch in ihrem Beharren auf einem absolut makellosen Grundstück und in ihrer Meinung über die Kommunisten, die die Schulen, die Telefongesellschaft und die lutheranische Kirche beherrschten. Mein Vater pflegte mit trillernder Stimme zu sagen: »Diese Kommunisten haben uns schon wieder eine Stromrechnung geschickt. Denkt an meine Worte; sie versuchen uns aus unseren Häusern zu werfen.« Wenn er so was sagte, lachte meine Mutter stets, selbst zu den Zeiten, in denen die Rechnungen bezahlt werden mußten und die Furcht am deutlichsten um ihren Mund und ihre Augen eingegraben war.
An diesem Tag versuchte ich, am Fenster sitzend, Miss Heidegger selbst zu parodieren. Mit hoher, zitternder Stimme, die sich nicht stark von meiner echten Stimme unterschied, sagte ich: »Oh, diese schlimmen Kommunisten haben mir diese Zeitung direkt in den Hof geblasen.« Ich erhob mich und humpelte steifbeinig in die Mitte des Wohnzimmers, wo ich ein Exemplar von Time vom Kaffeetisch nahm und es über meinem Kopf schwenkte.
»Ihr Kommunisten!« krächzte ich. »Verschwindet jetzt! Hört auf, uns aus unseren Häusern zu vertreiben!«
Meine Mutter lachte entzückt. »Du bist boshaft«, sagte sie.
Ich ging zu ihr, und sie kraulte mir liebevoll den Kopf. Das Licht von der Straße erhellte die Gazevorhänge und füllte die dunkelblaue Konfektschale auf dem Beistelltisch. Wir befanden uns in Sicherheit.
Mein Vater arbeitete den ganzen Tag. Er kam zum Abendessen heim und ging danach wieder zurück ins Kino. Ich weiß bis heute nicht, was er all die Stunden tat – soweit ich das beurteilen kann, verlangt ein kleines, nicht gerade gutgehendes Kino kaum die Anwesenheit des Besitzers von morgens bis spät abends. Mein Vater arbeitete jedoch all diese vielen Stunden, und weder meine Mutter noch ich stellten das in Frage. Er verdiente Geld und unterhielt das Haus, das uns vor den Wintern in Cleveland schützte. Mehr brauchten wir nicht zu wissen.
Wenn mein Vater zum Abendessen heimkam, hing ein frostiger Geruch an seinem Mantel. Er wirkte so groß und unerschütterlich wie ein Baum. Wenn er seinen Mantel auszog, stellten sich die feinen Härchen auf seinen Unterarmen in der weichen, warmen Luft des Hauses wie elektrisch geladen auf.
Meine Mutter servierte das Essen, das sie gekocht hatte. Mein...




