E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Cron Schneewärts
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-944359-57-1
Verlag: Schruf & Stipetic
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-944359-57-1
Verlag: Schruf & Stipetic
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Anna Cron, geboren 1949 in Bayern, hat nach eigener Aussage als Kind furchtbar gelogen und kam so dazu, Geschichten zu erfinden und aufzuschreiben. Zunächst aber studierte sie Theaterwissenschaften und wurde Schauspielerin, war Mitbegründerin der ersten freien Theatergruppe in Köln, leitete ein Kinder- und Jugendtheater, schrieb Theaterkritiken und Kabaretttexte und arbeitete als Dramaturgin und Regisseurin. Sie schrieb selbst Theaterstücke und Hörspiele und übersetzte Cyrano von Bergerac von Edmond Rostand und Shakespeares Stücke ins Deutsche. Heute lebt sie in Berlin und den italienischen Marken und arbeitet als Autorin und Übersetzerin.
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26
Eva Berger sprach in diesen Monaten häufig mit der Klasse über Betti. Sie erklärte entschieden, dass nicht Betti die anderen Kinder geschlagen hätte, sondern vielmehr beinahe täglich auf ihrem Schulweg regelrecht überfallen worden wäre. Doch Karin blieb bei ihrer Version, und die anderen vier beteiligten Mädchen unterstützten sie darin. Es war zum Haareraufen. Dann kam Eva ein Zufall zu Hilfe. Sie beobachtete Karin von Weitem, wie sie in der Pause das Schulbrot von Veronika erpresste, und trat hinzu.
»Schmeckt dir dein Brot nicht, Veronika?«, fragte sie das Kind.
Den Blick starr auf den Boden gerichtet, bekam Veronika zunächst einen roten Kopf und nickte dann nur still. Eva Berger zog ihr eigenes Brot aus der Tasche, dazu einen Schokoladenriegel und eine Banane und reichte sie Veronika. Schokolade wie Bananen waren in dieser Zeit absoluter Luxus.
»Vielleicht schmeckt dir dies besser. Auf dem Brot ist gekochter Schinken! Ich habe keinen Hunger. Nimm es ruhig!«
Sie konnte förmlich zusehen, wie dem Kind das Wasser im Mund zusammenlief, nickte ihm zu und verließ die beiden. Rasch ging sie ins Haus und sah vom Fenster aus zu, wie Veronika die Speisen an Karin weitergab. Noch bevor diese sie einstecken konnte, war die Lehrerin schon wieder zur Stelle.
»Gib es zurück!«, herrschte sie Karin an. »Und dann möchte ich gerne auf der Stelle mit euch sprechen, und zwar im Direktorium in Gegenwart des Schulleiters.«
Nun waren beide Mädchen fassungslos; damit hatten sie nicht gerechnet. Karin fing sich schnell wieder.
»Das geht leider nicht. Ich muss zur Toilette. Und das kann länger dauern«, sagte sie.
»Dann musst du eben warten oder in die Hose machen«, antwortete Frau Berger trocken.
Sie schob die beiden die Treppe hinauf, den Flur entlang und klopfte dann an der Tür zum Direktorium.
»Frau Berger, was gibt es?«, fragte Herr Schlenk, der Direktor.
»Wir haben hier einen Fall von Erpressung an der Schule, den wir unbedingt aufdecken müssen.«
»Moment, zunächst, wer erpresst hier wen?«, fragte er erstaunt. Er wollte keinen Ärger und schon gar nicht mit Frau Hubmann.
»Karin Baierlein erpresst Veronika. Sie lässt sich von ihr die Hausaufgaben machen und nimmt ihr das Pausenbrot ab.«
Frau Berger registrierte die Erleichterung ihres Vorgesetzten.
»Ich kann es beweisen!«
Die Mädchen waren verblüfft, und als Veronika zu weinen begann, gab ihr Karin einen derben Tritt ans Schienbein. Herr Schlenk hatte dies gesehen.
»Das lässt du gefälligst bleiben!«, sagte er. »Wir sind hier nicht bei den Asozialen im Erlanger!«
Das saß. Nun musste selbst Karin schlucken. Tränen der Wut krochen ihr die Kehle hoch. Sie schwieg, und mit einem Mal fühlte sich Veronika stark. Sie hatte gesehen, dass auch Karin nur ein kleines Mädchen war, dessen Macht mit einem einzigen Wort aus dem Mund des Direktors auf ein Nichts zusammenschrumpfte, und Herr Schlenk war mit ihren Eltern befreundet, das wusste sie. Nun galt es für sie nur noch, heil aus der Sache herauszukommen, zumal sie es satt hatte, täglich auf ihr Pausenbrot verzichten zu müssen. Karin indes saß in einer Zwickmühle, und so sehr sie versuchte, sich mit neuen Lügen aus der Sache herauszulavieren, es war zu spät. Erst stockend, dann immer freier und zügiger erzählte Veronika die ganze Geschichte. Im Lauf ihrer Erzählung brach regelrecht aus ihr heraus, was sich in letzter Zeit in ihrer Seele angestaut hatte. Als sie von der Prügelattacke erzählte, die Betti für mehr als zwei Monate in den Krankenstand versetzt hatte, begann sie zu weinen.
»Betti lag auf dem Boden. Alles war voll mit Blut und Kotze. Ihre Augen waren geschlossen, und ich dachte, sie ist tot, und wir haben sie umgebracht. Ich habe dann der Karin gesagt, dass sie tot ist, und dass sie aufhören soll, dann hat sie sie noch an den Haaren gepackt und ihren Kopf auf das Eis geschlagen«, schluchzte Veronika laut. »Karin hat gesagt, umso besser, wenn sie tot ist. Ich bin nicht schuld, wenn ihr sie umgebracht habt. Ich habe solche Angst vor Karin. Alle haben Angst vor ihr. Wenn ich ihr nicht die Hausaufgaben mache, dann geht es mir genauso wie der Betti, hat sie gesagt.«
Frau Berger nahm das Kind, das außer sich war vor Gram und Erschöpfung, in den Arm und versuchte, es zu beruhigen. Da schrillte die Schulglocke und verkündete das Ende der Pause. Herr Schlenk begleitete Eva Berger gemeinsam mit Karin und Veronika in ihr Klassenzimmer. Dort wurde offen über die Angelegenheit gesprochen und Karins Gewaltherrschaft, unter der die ganze Klasse zu leiden hatte, öffentlich aufgedeckt. Es stellte sich heraus, dass es nur wenige Kinder gab, die Karin nicht fürchteten. Einzig deren Freundinnen vom Erlanger wollten nichts gegen sie unternehmen, wiewohl auch sie Angst vor ihr hatten. Sie fragten sich, was wäre, wenn Karins Vater davon erfahren würde, und mochten sich die Konsequenzen für sich und ihre Familie gar nicht ausmalen. Was Betti anbetraf, wollte die Klasse sich in Zukunft anders betragen.
Wenn es nur so bliebe!, dachte Eva und war zumindest fürs Erste mit sich zufrieden.
27
Jockel erzählte seiner Freundin, was in der Schule geschehen war.
»Du brauchst jetzt keine Angst mehr zu haben, sie tun dir nichts mehr«, sagte er.
»Und alle wissen jetzt, dass die Karin mich geprügelt hat? Auch die Eva? Und auch meine Mama und meine Oma?«, fragte Betti erschrocken.
»Alles ist rauskommen«, sagte Jockel. »Warum willst du nicht, dass sie es wissen?« Er war erstaunt.
»Weil ich mich schäme und weil ich nicht will, dass meine Oma und meine Mama traurig sind, weil mich keiner mag«, sagte Betti, und plötzlich stürzten ihr die Tränen aus den Augen.
»Deine Oma war sehr traurig, als sie dachte, dass du die anderen Kinder schlägst. Deine Mama auch. Jetzt wissen sie, dass du nicht böse bist, und freuen sich.«
Betti schluchzte, und Jockel versuchte sie zu beruhigen.
»Außerdem stimmt es gar nicht, dass dich keiner mag. Ich mag dich. Ich mag gar keinen Menschen lieber als dich und meinen Andres und die Lore. Und die Lore hat gesagt, dass du was ganz Besonderes bist, und deine Oma findet das auch, und die Eva findet das auch, und ich finde es, und alle finden es.«
Betti hörte auf zu schluchzen und starrte vor sich hin. Dann sagte sie:
»Aber sonst darf es keiner wissen. Du darfst auch nicht sagen, dass ich geweint habe.«
Jockel sah ihre mageren Schultern. Er sah, wie sie zitterte, und versprach es.
»Ich will, dass du wieder in die Schule kommst. Ich hole dich zu Hause ab, und ich bringe dich heim, wenn du Angst hast. Du kannst auch mit zu mir, dann zeige ich dir meine Tiere und den Wald und alle Farben und den Bach«, stieß er hilflos hervor und war erleichtert, als er spürte, wie sie sich allmählich wieder beruhigte.
Denn das wollte sie gerne, seine Tiere sehen und den Wald, in dem er wohnte. Es dauerte indes noch eine geraume Weile, bis Dr. Haselbeck sein Plazet gab und Betti wieder für fähig erachtete, die Schule zu besuchen. Auch tat Betti alles, um den Krankenstand hinauszuzögern. Sie lag im Bett, was ihr, so schwach sie noch war, gut tat, sie las und schrieb, und wenn sie Schritte auf den knarzenden Flurdielen vor der Tür des Kinderzimmers hörte, steckte sie schnell Buch und Heft unter ihr Kopfkissen, nahm ihre Brille ab und stellte sich schlafend. Nur wenn Jockel sie besuchte, setzte sie sich aufrecht hin, unterhielt sich mit ihm oder las ihm etwas vor. Sie hatte ihm das Pferdejuppchen vorgelesen, und er hatte geweint und geweint und nicht mehr aufhören können. Er hatte seinen Kopf auf ihre Matratze gelegt, und sie hatte weitergelesen, während sie ihm mit der anderen Hand über den Kopf strich.
»Wie kann es so viel Unglück geben in der Welt?«, hatte er schluchzend gefragt, und sie hatte geantwortet:
»Was wissen wir von der Welt? Weißt du, was die Menschen fühlen, warum sie böse sind und manchmal gut? Es ist immer beides da, das Böse und das Gute. Wir müssen uns nur entscheiden, was wir tun.«
Dann nahm sie die Blechdose mit den Buntstiften, die Jockel ihr geschenkt hatte, und sagte:
»Kannst du schon bis dreiunddreißig zählen?«
Er schüttelte den Kopf.
»Schau, hier sind dreiunddreißig Stifte drin. Wenn wir uns die teilen wollen, hat immer einer einen mehr, wenn wir nicht einen kaputt machen. Wenn du einen mehr hast, bin ich vielleicht sauer und denke, dass ich auch einen mehr haben will.«
»Ich würde dir den einen einfach geben«, sagte er überzeugt.
»Vielleicht würdest du das tun, aber die meisten würden es nicht tun. Außerdem wäre das vielleicht ein großer Fehler. Denn wenn du ihn mir gibst, dann denke ich, wenn es so einfach ist, dann kann er mir auch noch einen mehr geben und dann noch einen. Und am Ende hast du noch einen einzigen, und ich habe alle anderen, und dann denke ich, ist doch egal, wenn er nur einen hat, dann kann er mir den auch noch geben. Er braucht ihn nicht, er kann genauso gut mit dem Bleistift malen, der hat auch nur eine Farbe. Dann habe ich alles und du hast nichts....




