E-Book, Deutsch, 200 Seiten
Cramer In die Politik gehen
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-907291-27-6
Verlag: NZZ Libro
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tipps für den Nachwuchs
E-Book, Deutsch, 200 Seiten
ISBN: 978-3-907291-27-6
Verlag: NZZ Libro
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Conradin Cramer (*1979), ist seit 2017 Mitglied des Regierungsrats des Kantons Basel-Stadt. Er steht dem Erziehungsdepartement mit rund 7000 Mitarbeitenden vor. Zuvor war er über viele Jahre Parlamentarier und arbeitete als Anwalt in einer grossen Wirtschaftskanzlei. Er lebt mit seiner Familie in Basel.
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III. Lerne, was du können musst
Kernkompetenzen für die Politik
Bestimmte Dinge solltest du besonders gut können, um eine Chance auf Erfolg in der Politik zu haben. Auch wenn es keine Schule und keine Berufslehre für Politik gibt, kannst du alle nötigen und hilfreichen Kompetenzen erlernen und üben. Politisches Talent und politischen Instinkt mag es geben, aber beides ist überschätzt.32 Du brauchst für die Politik keine bestimmten genetischen Eigenschaften wie eine besonders erfolgreiche Sportlerin und du brauchst nicht wie ein Musiker jahrelange ausschliessliche Konzentration auf eine Kompetenz.
Gäbe es ein Stelleninserat für ein verantwortungsvolles politisches Amt, und es gibt ja tatsächlich nie eines, gliche es in weiten Teilen dem Jargon, wie er für Führungspositionen üblich ist: Leistungsbereitschaft, Beharrlichkeit, Flexibilität, strategisches Denken, Sicherheit im Ausdruck, Führungserfahrung, hohe Belastbarkeit, eine gute Ausbildung. Für die Politik brauchst du die Kompetenzen, die du für jede anspruchsvolle Berufskarriere brauchst. Aber welche Kompetenzen solltest du besonders kultivieren, um politisch Erfolg zu haben? Dass Kommunikation wichtig ist, ist eine Banalität und gilt für nahezu jeden Beruf. In der Politik ist Kommunikation die einzige gültige Währung. Du musst aufnehmen, was andere dir mitteilen wollen, und du musst in angemessener Weise ausdrücken, was du mitteilen willst (S.41). Du übersetzt Kompliziertes in Verständliches, was voraussetzt, dass du das Komplizierte verstehst (S.26). Du brauchst Kontakte (S.50) und öffentliche Auftritte, um Einfluss nehmen zu können, und diese Auftritte sollten gut sein, um dir Bekanntheit zu verschaffen (S. 54). Du bist Kritik ausgesetzt, wie sonst nur Topmanager, die 20-mal so viel verdienen wie du, und musst damit umgehen können (S.73). Du bewegst dich in einem formellen, oft starren Rahmen, mit systemimmanenten Ineffizienzen, die du nicht ändern kannst, aber aushalten musst, ohne selbst ineffizient zu werden (S.82). Du brauchst Organisation, Disziplin und Selbstkontrolle (S.93).
Zuhören, lesen, verstehen
Verstehe die Menschen
Du musst die Menschen verstehen, ihre unterschiedlichen Sprachen, Lebensweisen, Wünsche und Bedürfnisse. Als gewählte Politikerin bist du immer für alle da, nicht nur für deine Wählerinnen und nicht nur für die Wahlberechtigten. Du hast kein abgegrenztes Kundensegment. Vielleicht kannst du dich im Wahlkampf auf Zielgruppen beschränken (S. 114). Sobald du ein politisches Amt innehast, geht das nicht mehr. Deine Arbeit kannst du nur gut machen, wenn du verstehst, was die Leute bewegt. Verstehen beginnt beim Zuhören, beim Begreifen, was ausgedrückt wird, durch Worte und ohne Worte.
Um die Menschen zu verstehen, musst du sie zuerst kennenlernen. Politiker, die zu den Leuten gehen, also in die Betriebe, Altersheime und Jugendtreffpunkte, erreichen damit mehr als nur Politromantik. Nur wenn du die Menschen in ihrem Umfeld triffst, wo sie sicher und gewohnt auftreten und du der Eindringling bist, kannst du eine Ahnung von ihrem Alltag bekommen und ihre Ansichten verstehen lernen. Dabei solltest du Interesse, Zuwendung und Freude haben und ausstrahlen. Nicht nur ihre Tätigkeiten, sondern die Menschen dahinter, ihre Sorgen, ihre Umstände und Unzulänglichkeiten sollten dich interessieren. Die Vielfalt an menschlichen Verhältnissen darf dich nicht kalt lassen und schon gar nicht anwidern. Du brauchst ein beträchtliches Mass an Menschenliebe, solltest Philanthrop sein, nicht Misanthrop. Ich glaube, das Grundinteresse an der «conditio humana» kann man nicht lernen. Wenn du es nicht hast, bist du nicht geeignet, als Politiker zu wirken.
Zuhören ist nicht einfach und will gelernt sein. Der wesentliche Grundsatz ist: Einfach mal Klappe halten. Nicht gleich eine Antwort haben, nicht die «punchline» suchen, auf Originalität und Schlagfertigkeit verzichten, den anderen wichtiger nehmen als dich selbst, nicht Sätze der anderen Personen beenden, ihnen nicht signalisieren, dass du das alles schon weisst und überhaupt bestens informiert bist und auch schon eine Lösung parat hast. Schon diese Zurückhaltung geht vielen Politikern gegen den Strich.
Eine gute Zuhörerin ist eine aktive Zuhörerin. Quittiere Aussagen mit einem «aha», «oh» oder einem Nicken. Stelle Verständnisfragen: «Moment, das habe ich jetzt aber nicht verstanden: Was tun Sie mit diesen Leitungen?», stelle Anschlussfragen: «Heisst das, alles Wasser ist in dieser Leitung?», paraphrasiere: «Habe ich das richtig verstanden, diese Leitungen sind schon 100 Jahre alt?» Als aktive Zuhörerin bist du voll auf dein Gegenüber eingestellt, du achtest nicht darauf, dass die Herumstehenden sehen, was für eine gute Zuhörerin du bist. Und du bereitest nicht bereits deine Antwort vor.
Irgendwann, meistens später als du denkst, bist du dran und sollst etwas sagen. Eine grundsätzliche Fehleinschätzung ist, dass die Leute von dir brillante Antworten erwarten. In erster Linie wollen sie bei dir abladen, was sie bewegt. Du bist nicht in der Verpflichtung, ihnen eine pfannenfertige Lösung zu präsentieren. Die beste Antwort auf Anregungen, Kritik, Sorgen oder auch Wut ist meist: «Danke. Ich bin froh, dass Sie mir das sagen. Ich werde dem nachgehen.» Praktisch nie sinnvoll ist eine ironische Antwort, sicher nie Sarkasmus oder eine Belehrung des Gegenübers, und ebenfalls untauglich ist eine Rechtfertigung.
Wenn du eine für dich besonders passende und geistreiche Antwort parat hast, halte inne. Überlege dir, ob diese Antwort deinem Gegenüber etwas gibt und ob sie der Sache nützt. In vielen Fällen verzichtest du besser auf deine Superantwort. Deine Befürchtung mag sein, dass du schwach dastehst, als Politiker ohne kompetente Antworten,33 wenn du auf eine heftige Kritik einfach mit danke reagierst. Das ist nicht der Fall. Du zeigst Stärke. Du bist «endlich mal einer, der zuhört». Unterdrücke das Bedürfnis, dein schnelles Denken oder deinen Humor zu beweisen.34 Damit kannst du im besten Fall ein «Ja, reden, das kann er» erreichen, was dir weder Sympathie noch Stimmen bringt. Im schlechteren Fall überfährst du die Leute. Du gibst ihnen das Gefühl, dass es dir nicht um sie geht, sondern um dich. Das ist nicht gut. Das ist nicht, was du willst.
Ein schöner Nebeneffekt des aktiven Zuhörens ist, dass bei voller Konzentration ein Gespräch anregender wird. Du lernst etwas, immer. Mit Verständnisfragen kannst du sanft die Richtung vorgeben in Gebiete, die dich besonders interessieren. Und wenn dein Gegenüber zum dritten Mal umständlich dasselbe erzählt? Dann unterbreche den Monolog, klar und ohne Entschuldigung. «Danke, vielen Dank, dass sie mir das erzählen. Nun wollen wir aber noch andere zu Wort kommen lassen.»
Etwas vom Spannendsten in der Politik ist, dass du ganz unterschiedlichen Menschen begegnest, mit ganz unterschiedlichen Sprachgewohnheiten. Der Ton in der Pausenkantine der Feuerwehr ist ein deutlich anderer als im Lehrerzimmer. Wenn eine Lehrperson an einer Lehrerkonferenz gegenüber einem Kollegen Kritik äussert, kann es sein, dass du das noch nicht mal als Kritik erkennst, während das Lehrerkollegium im Schock über so viel Unfrieden erstarrt ist. Wenn der Feuermann kritisiert, wackeln dir die Ohren, während die anderen Feuermänner ungerührt ihren Helm polieren. Eine Professorin, die mit deiner Politik nicht einverstanden ist, greift dich anders an als ein Mitarbeiter der Müllabfuhr.35 Die verschiedenen Sprachen dieser Menschen, die solltest du alle verstehen.
Einer meiner ersten Besuche als Regierungsrat war in einer Berufsschulklasse der Automechatroniker. Der Berufschullehrer, der selbst eine Mechanikerausbildung hatte, fragt einen Lehrling etwas mit Motoren. Der antwortet, offenbar durchaus unrichtig. Der Berufschullehrer schaut böse, bildet mit Daumen und Zeigefinger eine Pistolenform, zeigt damit auf den Schüler, sagt «Komplett falsch, mein Freund» und hebt seine Pistolenhand zum virtuellen Abschuss. Der Lernende grinst, sagt «Oh Mann, shit», die ganze Klasse grinst, es geht weiter, und alles ist völlig okay. Das gleiche Verhalten des Lehrers wäre in einer Sekundarschule wenn nicht ein Entlassungsgrund, so doch Anlass für ein ernstes Gespräch mit der Schulleiterin. Beides ist nicht falsch – der Kontext zählt, der Empfängerhorizont.
Als Pendlerin zwischen den Lebens- und Sprachwelten solltest du verstehen, was wo wann wie gemeint ist. Wann musst du es ernst nehmen, wenn dir jemand den Weltuntergang prophezeit und wann ist das nur ein Drama-King? Das kann man nicht theoretisch lernen. Du lernst es praktisch, indem du dich in möglichst viele Milieus begibst, mit möglichst vielen Leuten sprichst, dein eigenes Umfeld und deine Leute nicht gerade meidest, aber nicht für allein massgeblich hältst. Geh raus in deine politische Welt, auch wenn sie nur aus dem Gemeindewerkhof, der Friedhofsgärtnerei und dem Gesangsverein besteht.
Falls du schüchtern bist in solchen Situationen, dich nicht wohlfühlst unter wildfremden Menschen, die mit deiner Lebenswelt wenig zu tun haben, kannst du deine Schüchternheit herausfordern. Eine gute Übung ist, täglich drei wildfremde Leute anzusprechen. Gelegenheiten, alten Menschen über die Strasse zu helfen, gibt es ja tatsächlich. Jeden Tag kannst du jemandem die Tür aufhalten und etwas Nettes sagen. Du kannst, wie das in den USA viele Leute ständig...




