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E-Book, Deutsch, 195 Seiten

Couperus Xerxes

Vollständige Ausgabe
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-0795-1
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Vollständige Ausgabe

E-Book, Deutsch, 195 Seiten

ISBN: 978-3-8496-0795-1
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses historischen Romans sahen nicht wenige Kritiker in der Beschreibung der Hauptfigur, des persischen Königs Xerxes, eine Anspielung auf Wilhelm II.

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Es war wie ein Strom, der anschwillt und alle Wasser mit sich führt, denen er auf seinem Wege begegnet. So war des Xerxes Heer. Denn als Xerxes Doriskos verließ, befahl er allen thrakischen Völkern – sie waren ihm unterworfen, seit Mardonios sie vor Marathon Persien unterworfen hatte – , mit in den Krieg zu ziehen. Sie gehorchten. Als die Truppen zwischen den Städten Mesambria und Stryme waren, zwischen denen der Liso fließt, tranken die Krieger den Liso leer.

Mardonios und Masistes führten ein Drittel der Truppen am Meere entlang. Tritantaichmes und Gergis führten ein zweites Drittel mehr durch das Binnenland. Der Rest, in dessen Mitte sich Xerxes befand, folgte.

Sie ließen die Lande hinter sich öde und verwüstet, so wie sie die Flüsse trocken zurückließen. Die Seen von Ismaris und Bistonis bei Dikaia vermochten kaum ihren Durst zu löschen. Der Fluß Nestos war wie ein Trunk Wassers in ihren zum Trinken erhobenen Händen, und ein salziges Meer, das dreißig Stadien im Umkreis maß, kaum ein Trinknapf für die Maulesel des Trosses. Die Paitier, die Kikonen, die Bistonier, die Sapaier, die Dersaier, die Edonen folgten gezwungen, weil sie darin ihre letzte Errettung erblickten, dem Heere des Königs der Könige. Sie taten es vielleicht nur deshalb, weil sie ihre in wenigen Tagen von dem Heer leergegessenen Städte und abgemähten Länder verlassen wollten, nachdem die Heere auch ihre Herden mit sich geführt. Diese Völker folgten zu Lande oder zur See mit Frauen und Kindern. Sie folgten mit ihrer gesamten Habe. Nur die Satren folgten nicht. Das waren die nie bezwungenen, wilden Thraker, die von ihren Höhen, den im Winter schneebedeckten, allzeit üppig bewaldeten Bergen aus die Heere des Xerxes spöttisch belachten.

Der schwellende Strom strömte stets westwärts. Als Xerxes an den Strymon gelangt war, opferten die Magier am Ufer dieses Stromes schneeweiße Pferde. Die Pferde wurden nach dem Ritus in einer Grube geschlachtet. Denn das Blut des Opfers darf das reine Wasser nicht besudeln. Die Magier legten die Opfer auf Myrten- und Lorbeerzweige und verbrannten sie, während sie mit ihren dünnen Stäben im Feuer wühlten und Milch und Öl und Honig ringsum auf die Erde gossen. Während sie opferten und ausschütteten, sangen sie ihre Theogonien, ihre heiligen Opferhymnen. Die Eingeweide der Pferde verhießen Glück.

Der Strymon, ein breiter Fluß, wurde nicht ausgetrunken. Unzählige Brücken lagen darüber. Die Truppen überschritten den Strymon. Auf der anderen Seite hieß das Land das Gefilde der Neun Wege. Dort opferten wiederum die Magier, auf daß die fremden Götter dem Feldzuge des Königs der Könige wohl geneigt sein möchten. Neun Jünglinge und neun Jungfrauen, aus den Eingeborenen gewählt, wurden dort lebendig begraben zu Ehren der unterirdischen Gottheit.

In Akanthos hielt Xerxes längere Rast. Ihm ward dort die Freude zuteil, zu hören, daß der Durchstich durch den Athos vollendet sei. Zugleich aber hatte er den großen Schmerz, zu vernehmen, daß Artachaies, der Achämenide, der Riese, der fünf Königsellenbogenlängen weniger vier Daumen maß und dessen Stimme zum Erschrecken war, während er mit Bubares die Oberaufsicht über das Bohr- und Spaltwerk geführt, nach einer gefährlichen Darmkrankheit gestorben sei. "Es ist ein Unheil für unser ganzes Volk", sagte Xerxes und befahl eine besonders tiefe Trauer für das Heer und für die Flotte. Den Akanthiern befahl Xerxes, auf dem Grabe ein Denkmal aus Felsstein zu errichten und Artachaies Opfergaben darzubringen wie einem Halbgotte.

Das taten sie und riefen klagend mit den Klageweibern Artachaies an:

"Artachaies! Artachaies!"

Während des Xerxes Aufenthalt in Akanthos verarmten alle reichen Akanthier durch die Tafel des Königs. Verzweiflungsvoll suchten sie Antipatros auf, den Sohn des Orgus, den reichsten Thraker, der zu Thasos den König bewirtet hatte. "Antipatros!" riefen die reichen, beinahe bettelarm gewordenen Akanthier auf dem Marktplatz den Großen von Thasos, der jetzt einer der Hauptleute in des Xerxes Heer war, flehentlich an. "Antipatros! Wir flehen Euch an! Sagt uns doch, wieviel das Mahl gekostet hat, das Ihr dem Xerxes in Thasos anbotet?"

"Reichlich vierhundert silberne Talente", sagte Antipatros ruhig. Es war ein Gastmahl, das ihm im Namen von Thasos auf dem Festlande angeboten wurde. "Es war wirklich wohl hinreichend", fügte Antipatros bescheiden hinzu.

Die unglücklichen, schon beinahe bettelarmen Akanthier warfen verzweiflungsvoll die Arme empor.

"Vierhundert silberne Talente!" riefen sie wirr durcheinander. "Darum ist der König der Könige hier nicht zufrieden. Dennoch tun wir, was wir können. Doch jeden Tag, Antipatros, jeden Tag müssen wir die königliche Tafel versehen, vom Heer und von der Flotte nicht einmal zu sprechen." Megakreon aus Abdera, der von dort aus dem Heere hatte folgen müssen, trat näher. Er sprach:

"Ehrwürdige Akanthier! Ihr solltet lieber den Göttern danken dafür, daß der König der Könige nicht so zu Mittag speist, wie er zu Abend ißt, und daß nur einmal am Tage ihm genügt."

Die reichen Akanthier baten Antipatros und Megakreon flehentlich, mit ihnen zu kommen ein wenig fort vom Marktplatz vor die Stadt.

Dort zeigten sie ihnen, was sie seit Monaten getan hatten, seit die Herolde des Xerxes gekommen waren und für ihren Herrn Wasser und Erde verlangt hatten. Ungeheure Mühlsteine mahlten dort, von Eseln und Sklaven endlos umgewälzt, das Korn. In Umzäunungen war das schönste Vieh versammelt. Da waren große Hürden voller Rinder, große Hürden voller Ziegen und Schafe. Da waren Teiche angelegt für Fische und Wassergeflügel. Zehntausende von Männern, Frauen und Kindern arbeiteten hier unter hunderten von Aufsehern. Gold- und Silberschmiede waren unaufhörlich damit beschäftigt, immer neues Geschirr anzufertigen, Zimmerleute immer neue Sessel und Ruhelager. Denn sowohl das Mobiliar wie auch das Geschirr verschwand in jeder Nacht aus dem Palast, wo Xerxes zu Abend speiste. Vor der Stadt lagerte das Heer. Das Heer sowohl wie auch die Bemannung der Flotte des Xerxes war durch die mitgezwungenen Feldheere von Thrakien zu einer Masse von fünf Millionen dreiundzwanzigtausend und, wie man sagt, zweihundertzwanzig Mann angeschwollen.

Doch niemand hat je die Anzahl der Eunuchen, der Nebenfrauen, der Sklavinnen und der Kinder gezählt, die alle diese Millionen von Feldherren und Prinzen und Kriegern begleiteten. Niemand hat je, nachdem die Pferde der Reiterei gezählt waren, die Kamele, die Zebras, die Lasttiere und indischen Zughunde gezählt, die vorangeschickt wurden oder die folgten. Das alles aß und trank im Vorüberziehen. Es war daher sehr wohl zu verstehen, daß die Flüsse, nachdem das Heer hindurchgezogen war, trocken lagen und daß die reichsten Einwohner verarmt waren.

Des Xerxes Heer sollte jetzt in Thessalien einfallen.

Des Xerxes Flotte sollte den durchstochenen Athos durchfahren.

XV.



In Hellas und Lazedämon warteten die Athener und die Spartaner die drohende Gefahr ab, die aus dem Osten sich näherte.

Sie begriffen, daß der kommende Kampf ein Kampf um die Kultur sein werde.

Das persische Reich war nicht alt. Die jungen, unverbrauchten Perser hatten unter Kyros das alte, ausgelebte Medien besiegt, und die Tochter des Kyros, Atossa, war die Mutter des Xerxes. Allein in drei Menschenaltern hat sich ein Volk, wenn es auch noch nicht alt und ausgelebt ist, so wie es das medische Volk nach vielen Jahrhunderten der Kultur wohl gewesen war, an Geist und Körper, an Blut und Seele verändert. Kyros, Sohn des Persers Kambyses und der medischen Prinzessin Mandane, war bereits ein halber Meder gewesen, trotzdem er väterlicherseits seine Hälfte frischen persischen Blutes geerbt hatte. Als Kyros in seinen Knabenjahren seinen Großvater Astyages, den König der Meder, den er später besiegen sollte, sah, fiel es ihm auf, daß sein Großvater sich die Augen angemalt und das Gesicht geschminkt hatte und daß er eine Perücke und ein langes, schleppendes medisches Gewand trug. Kyros fand seinen Großvater so schön, daß er, als seine Mutter Mandane ihn fragte: "Wen findest du schöner, deinen Vater Kambyses oder deinen Großvater, den König der Meder?" antwortete: "Ich finde, daß mein Vater der schönste Perser und daß mein Großvater der schönste Meder ist."

Dies fand Kyros, weil er eine medische Mutter hatte und ein halber Meder war. Als er später König war und ein unbesiegbarer Feldherr, befahl er, daß die Perser das schleppende medische Gewand als Volkstracht tragen sollten, und tadelte niemand, der sich schminkte, nicht einmal unter seinen Feldherren und Flottenführern.

Allein die von Hellas und Lazedämon, die Athener und Spartaner schminkten sich niemals.

Die persische Kultur war nicht alt. Sie war nur vollkommen ausgereift und bis zu ihrer höchsten Blüte erblüht. Sie war prachtvoll überall da, wo der Aufbau und die Verwaltung des Staates in Betracht kamen. So wie Kyros die königliche Post gegründet hatte mit Posthaltern und trabenden Boten und stets frischen Pferden durch das ganze persische Reich, so war alles im persischen Reiche gegründet. Der Zusammenhang hielt gleich einem...



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