Couperus | Herakles | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 243 Seiten

Couperus Herakles


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-0791-3
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 243 Seiten

ISBN: 978-3-8496-0791-3
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Couperus' historischer Roman über die Herakles-Sage gehört ohne Zweifel zu den besten Werken des holländischen Schriftstellers.

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Über Arkadien herrschte die Unbarmherzigkeit einer rauhen Jahreszeit, wie sie in der Jahrhunderte Lauf noch niemals ihr weißes Zepter geschwungen hatte. Die Berge, die ringsum ihre Häupter emporreckten, waren von blendendem Schnee bedeckt. Die blätterlosen Wälder erschienen wie Werke aus Marmor, die von Bildhauern mit Zauberkunst aus glitzerndem Stein gehauen waren. Felder und Wiesen lagen gleich riesigen Leichentüchern da. Die Ströme waren zu weißlich-blauen Eisflächen geworden. An den Marmorfelsen hingen des Dionysos Ranken verweht und blätterlos in trostloser Verwirrung. Über den Ställen der Hirten, in denen das ängstliche Vieh eingeschlossen war, lastete die schwere weiße Schicht auf den Strohdächern, die fast unter ihrer Last brachen. Und ebenso lag sie auf den niederen Hütten der Bauern, die vergeblich zu Demeter beteten, dieweil auf ihren Altären die Feuer durch die unablässig fallenden Flocken ausgelöscht wurden. Inmitten des bleichen Wirbels, inmitten der grauen Nebel war Helios selbst zu mittäglicher Stunde nicht zu sehen, und die Tage schienen kürzer, als sie sonst zu währen pflegten – denn ungeachtet der rauhen und unbarmherzigen Wetterunbill war es der Monat der Aphrodite und des Adonis, war es der Monat des sonst nicht mehr schnee-weißen, sondern in weißem Blütenblust erschimmernden Lenzes.

Dort, wohin Jolaos, der Lenker, mit seinem Stachel die beiden bangen, weißen Rosse gezwungen hatte, bebende Hufe in den knirschenden Flaum des sich verlierenden Weges zu schlagen, war Herakles vom Wagen herabgestiegen; er umarmte seinen Diener, der in trostloser Verzweiflung schluchzte und weinte. "Kehre zurück, o Jolaos," sagte der Held, "und quäle unsere edlen Rosse nicht länger vorwärts. Kehre zurück, o Freund, und wenn Zeus, mein Vater, es also will, wenn Athena es wünscht, wenn Apollo es fügt, werden wir einander wiedersehen, sobald die heilige Sonne den unheiligen Schnee besiegt hat, den das gespenstische Tier unablässig aus seinen Borsten schüttelt. Denn nicht Alkeios wird den Eber erschlagen, den nur der von fern her Treffende mit seinen goldenen Pfeilen erlegen kann; wo der große Gott selber ohnmächtig ist, da werden die weißen Felder und Wiesen ihr Totenlinnen bald über den breiten, der sich hier allzu verwegen in einen Kampf einließ. Kehre zurück, o getreuer Iolaos, verweile nicht länger nutzlos, sorge für unsere armen zitternden Rosse und wende den Wagen; kehre zurück, Jolaos."

Und der Held löste sich aus den Armen des Lenkers und stapfte mit großen Schritten durch den Schnee davon. Er versank bis an die Hüften in der Flockendecke, und jeder Schritt bedeutete einen Kampf mit dem weichen Element. Rings um Herakles fielen die dichten, zahllosen Flocken, tausende, abertausende. Gleich gefrorenen Tränen gerannen sie zu Eis an des Helden rotem Kopfschutz und an seinem flockigen Löwenfell, in seinem Bart und in seinen Augenbrauen. Sie bedeckten die Knorren der Keule und häuften ihr Eis rings um die Pfeile im Köcher. Herakles schritt unablässig mühselig und ohne Hoffnung weiter. In seinem Herzen erwartete er baldigen Tod. Aus seinem Munde erklang nicht einmal mehr das fromme Gebet, und seine geblendeten Augen blickten nicht mehr flehend zum Himmel empor, der sich hinter dichtem, undurchsehbarem Schnee verbarg.

Da breiteten sich die sonst so lieblichen Gefilde, die sonst so gesegneten Haine des Dionysos, der Demeter und des Pan, die Lande der Liebe und der Fruchtbarkeit, die Lande des Glückes aus: da lag Arkadien. Es war eine einzige Steppe, unabsehbar mit ihren beschneiten Hängen; sie waren nur durch einen Schleier von Flocken zu schauen, der sich, zauberhaft, ohne Ende, immer weiter aus dem tiefhängenden Nebelhimmel herabwebte. Doch weil all die traurigen Arkadier den Herakles erwartet hatten, so strömten die Bauern, die Winzer, die Hirten ihm jetzt in langsamem, Schritt für Schritt sich heranwindenden dunklen Zuge entgegen: elende Männer und Frauen und Kinder, Greise und Säuglinge; und mit ihnen kam das Vieh, das aus den Ställen ausgebrochen war, die mageren Rinder, die ihre Köpfe hangen ließen, die erschöpften Schafe und Ziegen, dazu die schmerzlich heulenden Schäferhunde. Und das alles zog langsam, mühselig, Schritt für Schritt dem Helden entgegen, der selber finster, mutlos, machtlos, hoffnungslos ihnen durch den alles bedeckenden Schnee entgegenkam. Rings um ihn tönten jetzt lauter die Klagen von Mensch und Tier, und das angstvolle Blöken und Heulen und Flehen floß zu einem dumpfen Meer des Elends zusammen, daß ein durch den Schnee gedämpftes Rauschen rings um Herakles sich staute und wogte und brandete, bis er in Schnee und Schmerz versunken schien und nicht wußte, wohin er die Augen richten sollte ... Worte hoffnungslosen Trostes gefroren auf den Lippen des selbst nicht daran Glaubenden. Wie ein Ohnmächtiger, wie ein Tor stand der Held da, dessen Kraft mit keiner Menschenkraft vergleichbar war, dessen Geist aber nicht wußte, welche Worte er jetzt sprechen, welche Gebärden er jetzt machen müßte, um Trost zu bringen und den Zauber zu brechen. Er war gekommen als ein Verzweifelnder, und sie glaubten in ihm einen Retter zu sehen. Denn sie entsannen sich längst vergessener Orakel, deren sie in Zeiten der Liebe, des Glückes und des immerwährenden Lenzes nicht geachtet hatten. Sie klammerten sich an ihn, an seine Arme, seine Beine: sie umfaßten seine Kniee; sie beugten sich über seine Füße; sie küßten ihm die Hände und den Mund. Wer zu fern stand, streckte ihm verzweiflungsvoll die Arme entgegen; Mütter hoben ihre Kinder ihm entgegen, und er ging finster, traurig, hoffnungslos, machtlos in ihrer Mitte, schritt durch ihre dürftigen Herden dahin: mutlos schüttelte er sein gutes Haupt, das sich hoch über sie alle emporhob, das Haupt unter dem Löwenkopf, der zu einer Schneehaube geworden war. Er ging, er schritt, von ihrem Flehen und ihrem Jammern begleitet, durch das Meer ihres Elendes dahin. Er stapfte, er stampfte in der Richtung der das Entsetzen bergenden erymanthischen Berge davon. Er ging wie ein alter Mann, stützte sich auf seine junge, in dem Schnee versinkende Keule, und endlich hob er die Augen empor, in denen Tränen standen, endlich wagte es sein Mund, aus hoffnungslosem Herzen zu flehen:

"O mein Vater, o Zeus, hast du mich denn verlassen?"

13.



Und nun schritt der Held wieder ganz allein mit seiner Keule durch die weite Steppe. Im dichten Wirbel fielen noch immer die Tausende von Flocken herab, und welche Stunde des Tages es war, ließ sich in ihrer alles weiß färbenden Eintönigkeit nicht mehr erraten. Herakles blickte erschauernd um sich, wußte nicht, wohin er den Schritt lenken sollte. Gleich einem Verwirrten stand er da, sank in die immer höhere Decke ein, deren Weiße sein zielloses Einherirren umgab. Eine unsägliche Kälte ließ ihm das ohnedies nicht mehr warme Blut in den Adern erstarren, und frierend zog er die vier Enden des Löwenfells, unter dem er schaudernd den Rücken krümmte, fester um sich. Eine dumpfe Erstarrung überkam den Helden, und sausend klangen höhnende Stimmen ihm in die Ohren. Ihm wäre wohl gewesen, hätte er in das weiche, weiße Schneebett versinken und die müden Augen schließen können, hätte er nicht länger mehr zu leben brauchen. Schwer ging sein Atem durch die Eiszapfen auf seinem Barte, und die Kräfte erstarrten in seinen Muskeln wie das Wasser im winterlichen Flusse. Weil die Stimmen lauter sangen und er plötzlich, durch Heras Lachen hindurchdringend, das entsetzliche Schnauben des Ebers zu vernehmen meinte, hob er die erfrorenen Augenlider, glaubte, daß ihm das Ende nahe sei. Er stand am Fuße des weißen himmelhohen Erymanthos, den er erklimmen mußte, um den Eber aufzuspüren, und die Gipfel der Bergkette verloren sich in den Wirbeln des unablässig, immerfort fallenden Schnees. Als er aufblickte, teilten sich die Wolken; die Gipfel des Gebirges wurden frei, die ganze weite Kette war in ein seltsam silbernes Licht getaucht. Und plötzlich gewahrte Herakles ein fürchterliches Gebilde, plötzlich sah er den Eber, den weißen Eber, das Gespenst! Durchsichtig weiß wie eine Wolke zeichnete er sich in flüchtig silbern-aufleuchtendem Glanze ab, seine Erscheinung füllte den ganzen Himmel, und von den verschwommenen Vorder- bis zu den Hinterpfoten streckte er sich über die ganze Bergkette hin. Die leuchtenden schneeweißen Zähne durchbohrten die Schneewolken, und die weißen Borsten reckten sich riesengroß höher empor als die höchsten beschneiten Bäume des Waldes.

Da entsetzte sich der Held unter dem immer fort, immer fort fallenden Schnee. Weiß kreiste es ihm vor den stets kränker werdenden Sinnen. Seine zaudernde Hand nahm den Bogen von der Schulter, richtete ihn inmitten des Schnees, in dem der Held selber wie sein Bogen stets tiefer und tiefer versank, und nun versuchte er zu zielen und den Pfeil abzudrücken. Das Geschoß surrte davon ins Ungewisse; die singenden Stimmen höhnten. Dort drüben am Himmel ward die Vision immer kleiner, und die Flocken, die Flocken fielen immer dichter und dichter und dichter ...

Der Held war auf das weiße Bett niedergesunken. Krampfhaft umklammerte er Bogen und Keule und schloß dann selig die Augen im Gedanken an den Tod, den er nahe glaubte. Die Schatten all derer, die er geliebt und getötet hatte, drängten sich in wimmelndem Zuge durch sein Hirn.

Plötzlich hörte er inmitten der sausenden Stimmen, der wimmelnden Schattengestalten, des wirbelnden Schnees, wie etwas einem Sturmwind gleich sich näherte. Allein er versuchte nicht, die bereits zugefallenen Augen zu öffnen. Der...



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