E-Book, Deutsch, 307 Seiten
Couperus Die Komödianten
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-0793-7
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 307 Seiten
ISBN: 978-3-8496-0793-7
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein historischer Roman aus dem alten Rom. Die Serie 'Meisterwerke der Literatur' beinhaltet die Klassiker der deutschen und weltweiten Literatur in einer Sammlung.
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In der Villa zu Laurentum wurde Plinius von seinen Gästen erwartet. Seit einer Stunde befanden sie sich schon dort. Der Gastgeber hatte sie aufgefordert zu kommen, wann es ihnen beliebte und hatte hinzugefügt, daß er nicht wisse, wie spät er nach der Salutatio aus dem Palatium zurückkehren werde, um mit ihnen das Mahl einzunehmen. Sein griechischer Freigelassener Hermes hatte an seines Herrn Statt die Gäste empfangen, als sie zu Pferde erschienen waren. Nachdem sie abgestiegen und die Pferde weggeführt waren, folgten die Gäste dem Freigelassenen durch die halbrunde Portikus.
"Meine Herrin läßt sich entschuldigen, edle Herren. Sie weilt mit ihrem Großvater in unserm toskanischen Landhaus," sagte Hermes erläuternd.
Mit einer Handbewegung forderte er die Gäste auf, näher zu treten.
"Das Landhaus, das unser Gastgeber in Toskana besitzt, ist umfangreicher als dieses und von größeren Wäldern und weiterem Jagdgebiet umgeben. Aber eine schönere Behausung als dieses fürstliche Landhaus an der See wüßte ich nicht zu nennen," meinte Quintilian.
"Es schwebt hier eine antike Atmosphäre," sagte der alte Verginius Rufus, "die in der Tat an Hellas erinnert."
Hermes geleitete die Gäste in ein viereckiges, überdecktes Atrium, in welches das Licht von oben aus einer viereckigen Öffnung in das kleine Nympheum fiel. Ringsumher waren in den rotschwarzen Freskowänden viereckige Fenster angebracht und darin zwischen roten Marmorsäulen kleine Scheiben aus durchsichtigem Spiegelstein, die zur Seite geschoben werden konnten. Auch die Dachöffnung ließ sich mit solch einer kleinen Spiegelsteinscheibe schließen.
"Das ist für schlechtes Wetter, wenn die Tyrrhenische See stürmisch ist," meinte Hermes lächelnd. "Dann ist es ein sehr behaglicher Aufenthalt."
Ringsumher standen viele Bildnisse zwischen Myrtenpflanzen, bronzene Köpfe aus Porphyrsockeln. Rote Rosen aus Pästum umblühten das ovale Bassin. Delphine aus schwarzem Marmor spien Wasserstrahlen. Das Murmeln war wie ein Rhythmus.
"Reich, aber dennoch zierlich und einfach," sagte der junge Sueton anerkennend.
"Dies ist die Schönheit, die Güte bedeutet," antwortete ihm Tacitus mit tiefer, dunkler Stimme.
Sie traten in den Hof und durchquerten eine Gallerie. Ein Triklinium breitete sich erstaunlich weit aus und sehr hoch, und zwischen den Säulen hindurch sahen die Gäste die See, die bis zu den Stufen der breiten Treppe emporstieg, nun, da der Südwind die leichten Wellen spielerisch staute.
"Dies ist allzeit wundervoll." sagte der Prokonsul Frontin, und Juvenal bestätigte es. Immer wieder machte es Eindruck auf sie, wie oft sie es auch schon geschaut haben mochten.
Auf den drei Seiten erhoben sich zwischen doppelten Türen hohe Fenster, so daß man vom Triklinium aus von drei Seiten das Meer erblicken und den Horizont unter dem Lenzhimmel sich wölben sehen konnte. Azur über türkisfarbener Weite. Sich umschauend gewahrten die Gäste durch einen Hof und eine Portikus den Weg, die Wälder, die fernen Berge. Zu beiden Seiten des sich bis an die See erstreckenden Trikliniums öffneten sich weite Räume. In dem Winkel, den der Speisesaal zu einem der kleineren Räume bildete, war draußen am Strand eine Art Stadion.
"Der Spielplatz der Sklaven," sagte Hermes erläuternd. "Hier ringen sie oder laufen um die Wette oder werfen den Diskus und unser Herr schaut zu von seinem Gemach aus."
Stets weiter führte er sie, höflich mit der Hand einladend. Die Gäste betraten eine Rotunde, die wie eine Kristallkuppel zwischen Marmor wirkte. Von allen Seiten war das Meer zu sehen und die Berge und die Wälder. Längs der Ufer, in weiterer Ferne lagen andere Landhäuser schimmernd zwischen Grün, Türkis und Azurblau.
"Ein olympischer Aufenthalt, nicht wahr?" fragte Quintilian lächelnd den jungen Sueton, der die Villa bei Laurentum zum erstenmal sah.
"Ich wenigstens habe niemals eine vollendetere Wohnstatt gesehen," antwortete der junge Mann bewundernd.
Hermes schob in der Mauer eine Tür aus Zitronenholz zur Seite.
"Die Bibliothek," sagte er lächelnd, "die gelehrten Herren, wie Ihr alle seid, zur Verfügung steht. Hier folgen die Schlafgemächer meines Herrn."
Die Gäste dankten aus Bescheidenheit. Draußen angelangt, warfen sie einen langen Blick auf die lange Reihe der Zellen, die für die vielen Sklaven und Freigelassenen bestimmt waren. Alle diese Zellen gewährten einen Ausblick auf das Meer und den felsigen Strand.
"Ich selbst habe oft weniger gut gewohnt," gestand Quintilian ein, "als die Sklaven unseres Freundes hier untergebracht sind."
Hier und dort wandelten die Gäste. Von den Gärten her wallte ein Rosenduft, der sich mit dem salzigen Aroma der Wogen vermischte. Die Gäste irrten weiter, am Strand entlang. Ein intimerer Flügel rundete sich dort mit einem kleinen Speisesaal und mit verschiedenen kleineren Sälen, die um einen Hof gruppiert waren. Sie betraten die Bäder. Da war ein Schwimmbad mit Süßwasser. Sie sahen das große Hypocaustum, das zur Erwärmung diente, und die kleinen Kabinette mit den Salb- und Ölkrüglein aus Alabaster in den Nischen.
Es war alles geräumig, reich und von einfachem, aber verfeinertem Geschmack. Eine ungeheure Reihe von Gemächern zwischen Säulen und Pilastern, aber Meer, Himmel und Wald waren immer und von überall her zu sehen.
"Auch von der andern Seite her," meinte Hermes lächelnd, während er die Gäste weiterführte.
Sie gingen zurück durch das Triklinium, um den andern Flügel des Landhauses zu besichtigen. Die Gemächer liefen alle ineinander. Hermes öffnete weite Vorhänge. Er zeigte den von seinem Herrn am meisten geliebten Raum, der durch eine künstliche Leere von Garten und Haus getrennt und auf diese Weise völlig geräuschfrei war, nur umrauscht von dem Meer, das beinahe bis an die Fenster schlug.
"Ich würde mich hier verirren," meinte Sueton, der den Weg suchte. Allein Hermes eilte ihm voran, führte die Gäste durch einen überdeckten Säulengang und sogleich wieder zurück nach dem gläsernen Binnenhof, um die Ankunft des Gastgebers abzuwarten.
Sie nahmen in den geräumigen Cathedrä rings um das Nymphäum Platz.
"Der liebenswürdigste Mann unserer Zeit!" sagte lobpreisend der alte Verginius Rufus, der stets des Plinius väterlicher Freund gewesen. "Ein antiker, beinahe hellenischer Geist und dabei doch ein Römer und ein moderner Mensch! Freunde, laßt es uns ehrlich bekennen: Daß in unserer Zeit ein Mann leben kann wie unser Plinius, das ist eine Gnade der Götter, so wir einen kurzen Augenblick an Götter glauben dürfen. In unserer fürchterlichen Zeit, in der stets etwas wie ein dunkles Schicksal über eines jeden Haupt schwebt, einen Zeitgenossen wie Plinius zu besitzen, das ist ein Trost und ein schier unfaßbares Glück. Gibt es einen zweiten, der in diesen Tagen der wahnsinnigen Überspannung so reich und zugleich so gütig wäre, so edelmütig und so seelenrein, daß sogar Domitian es nicht wagt ...?"
"Pst, edler Verginius!" warnte Quintilian erschrocken. "Verzeiht mir, daß ich, der Jüngere, Euch unterbreche! Aber laßt uns den Namen des Kaisers nicht nennen! Ich bin vielleicht abergläubischer, als Ihr meint. Sooft unser Freund im Palatium erscheinen muß, fürchte ich."
"Dies ist eine verabscheuenswürdige Zeit," rief Juvenal ungehalten aus. "Wenn wir zu sprechen wagten! Aber Quintilian hat recht. Wir schweigen, wir schweigen immer. Unsere Lippen sind versiegelt, weil wir zu furchtsam sind und zu abergläubisch. Ich bin dreiunddreißig Jahre alt, aber noch niemals habe ich frei zu sprechen gewagt. Werde ich es noch einmal wagen? Könnte man doch mit seiner schonungslosen Satire diese abscheuliche Zeit geißeln! Aber was nützt das alles, solange beim ersten Wort schon das ewige Schweigen auferlegt wird?"
"Was wage denn ich? fragte Tacitus düster, und ein Schatten der Melancholie breitete sich über seine früh gealterten Züge. "Ich bin nicht mehr jung, bin fast neun Jahre älter als Ihr. Aber das, was ich in meinem Geiste plane, die Geschichte dieser entsetzlichen Zeiten zu buchen, in denen nur Vespasian und Titus uns für einen kurzen Augenblick aufatmen ließen; das habe ich auch nicht gewagt, wenngleich ich alles aufzeichne und allen Stoff sammle, wenngleich ich meine Stunde erwarte ..."
"Ja!" sprach der alte Verginius Rufus finster, während er mit dem Kopfe nickte. "Dennoch war Domitian, als er noch jung war, ein guter Flavier, wie sein Vater und sein Bruder es waren. Kann ich mich doch seiner entsinnen, wie er nach dem Feldzug in Palästina, nach dem Falle von Jerusalem, auf seinem weißen Rosse hinter Titus und Vespasian dahinsprengte. Damals war er noch sittsam und liebenswert, nichts ließ mich damals ahnen, daß ... Aber laßt mich schweigen über ihn, wie es Quintilian wünscht!"
Es war, als zögen düstere Gedanken über sie alle hin. Nichts anderes war mehr zu hören als der murmelnde Wasserstrahl in dem Nymphäum. Die Rosen von Pästum dufteten. Durch die hier und da zurückgeschobenen kleinen Fensterscheiben atmete der sanfte Wind. Ringsum eine ruhige,...




