E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Reihe: Der Badische Krimi
Corvey Heidelberger Wasser
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-96041-181-9
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Reihe: Der Badische Krimi
ISBN: 978-3-96041-181-9
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Hannah Corvey stammt aus einem kleinen Ort an der Mosel. Sie studierte Anglistik und Französische Philologie in Trier, absolvierte ein Verlagsvolontariat und promovierte in Sprach- und Übersetzungswissenschaft. Nach Stationen in Nancy, Frankfurt und München lebt und arbeitet sie seit 2001 in Heidelberg.
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Kriminaldirektor Conrad war bester Laune. Er hatte die Besprechung für zehn Uhr angesetzt und als »Abschlussbesprechung« bezeichnet. Ein höchst erfreulicher Montagmorgen, ein glänzender Start in die Woche.
Über das Wochenende, das für Klara ruhig noch ein paar Tage länger hätte dauern können, waren weitere Analyseergebnisse der Kriminaltechnik zusammengekommen. Nun saßen die Ermittler wieder in dem Besprechungsraum auf der Wache, und Conrad eröffnete die Sitzung, indem er den Sachstand vom vergangenen Freitag kurz wiederholte. Dabei bestand wohl bei keinem der Ermittler die Gefahr, diesen bereits vergessen zu haben.
Dann gab Conrad dem anwesenden Kollegen aus der Kriminaltechnik das Wort. Michael Knaub. Klara erinnerte sich nur zu gut. Als sie frisch im Dienst gewesen war, hatte er sie unverhohlen angemacht. Er war nicht der Einzige gewesen, aber er hatte sich durch eine besondere Hartnäckigkeit hervorgetan. Zwischenzeitlich war sein Haar dünner geworden, sein Bauch dicker und seine damalige Freundin seine Ehefrau.
Knaub stand auf, ging nach vorn und griff nach einem der Stifte, die auf der Ablage unterhalb der Wandtafel lagen.
»Punkt eins: Strangmaterial an Dennis Scharfs Händen.« Er schrieb die Wörter an die Tafel, der Stift quietschte. »Bei Suiziden durch Erhängen geht die Kriminaltechnik gemeinhin davon aus, dass sich Strangmaterial an den Händen des Toten findet. Das Knoten und Befestigen des Strangs hat unweigerlich zur Folge, dass mikrofeine Fasern des Seils an der Hautoberfläche der Hände verbleiben.«
Knaub machte eine Kunstpause und sah in die Runde.
»Lass mich raten…«, flüsterte Harald mit nikotinschwangerem Atem Klara zu.
»Wir konnten eindeutig Fasern eines Hanfseils an den Händen des Toten sicherstellen, nach der kriminaltechnischen Analyse handelt es sich hierbei aller Wahrscheinlichkeit nach um Fasern des Seils, mit dem sich Dennis Scharf erhängt hat.«
Conrad brummte zustimmend. Er saß am Kopfende der u-förmig angeordneten Tische und hatte einen sehr zufriedenen Gesichtsausdruck.
»Punkt zwei«, fuhr Knaub fort, »Fasern an der Weinkiste, die Dennis Scharf offenbar als Aufstiegshilfe beim Suizid nutzte.« Er ergänzte ein paar Wörter an der Tafel. »Wir fanden hier Fasern, die höchstwahrscheinlich von der Jeans des Opfers… äh, des Dennis Scharf stammen.« Anscheinend war »Opfer« nicht der passende Begriff, wenn das Opfer auch Täter war.
Harald räusperte sich und fragte: »Henner noch annere Spure aahn dere Kischt g’funne?« Eine sprachliche Herausforderung für alle Zugereisten. Das macht der mit Absicht, dachte Klara.
Einen Augenblick lang zögerte Knaub, dann antwortete er: »In der Tat fanden sich einige andere Faserspuren. Aber das ist ja wohl nicht ungewöhnlich bei einer gebrauchten Weinkiste.«
Kriminaldirektor Conrad nickte und warf Harald einen Blick zu, der nur bedeuten konnte: Ausgerechnet du solltest das doch wissen.
Mit lauter Stimme sprach Knaub weiter. »Punkt drei: das Handy des Dennis Scharf.« Er schrieb groß »Handy« an die Tafel. »Wir haben das Gerät untersucht. Anhaftend fand sich biologisches Material, also Hautschuppen, die wir gesichert, aber noch nicht ausgewertet haben. Auf dem Gehäuse haben wir Fingerabdrücke mehrerer Personen sichergestellt. Neben denen von Dennis Scharf gab es noch weitere Abdrücke, die bislang nicht zugeordnet wurden.«
»Und was bedeutet das?« Sebastian hatte offenbar Lust, sich dumm zu stellen.
Conrad sah zu ihm hinüber und antwortete mit betont geduldiger Stimme: »Dass hin und wieder andere Personen das Handy von Dennis Scharf genutzt oder angefasst haben. Das ist ebenfalls nicht ungewöhnlich.«
»Ach so«, meinte Sebastian. »Wird das biologische Material noch einer DNA-Analyse zugeführt?«
»Wozu?« Conrads Stimme war nun schon weniger geduldig.
»Nur so?« Sebastian hob leicht die Schultern.
»Nur so? Hast du was Falsches gefrühstückt?« Verständnislos schüttelte Conrad den Kopf. »Bitte, Herr Knaub, fahren Sie fort.«
Der Kriminaltechniker kam zum nächsten Punkt. »Viertens: weitere Spuren an der Fundstelle des Toten. Wir haben in der unmittelbaren Umgebung der Leiche keine Schleifspuren oder Ähnliches entdeckt, das darauf hinweisen könnte, dass Dennis Scharf nicht selbst bis zu diesem Baum gegangen ist. Fundstücke aus dem Besitz anderer Personen haben wir ebenfalls nicht gesichert.«
»Fußspuren? Reifenspuren?«, fragte Klara.
Knaub sah in ihre Richtung, aber gezielt an ihrem Gesicht vorbei. »Nichts Verwertbares. Auf dem Waldweg gab es ein paar Reifenspuren, kaum ausgeprägt, aber da werden zwischen dem Todeszeitpunkt und dem Auffinden der Leiche mehrere Autos gefahren sein. An Fußspuren konnten wir auf dem zu großen Teilen bewachsenen Waldboden nur eine isolieren. Die stammt offenbar nicht von den Turnschuhen, die Dennis Scharf trug. Da sie relativ frisch war, vermuten wir, dass sie von dem Mann stammt, der die Leiche gefunden hat.«
»Das wird gerade überprüft«, beeilte sich Conrad zu ergänzen. »Ein Kollege hat heute Morgen die Laufschuhe von Dr.Fischbach bei ihm abgeholt.« Er stand auf und trat mit ein paar Schritten neben Knaub. »Alles weist auf eine tragische Beziehungstat mit anschließendem Suizid des Täters hin. Dennis Scharfs Freundin war von einem anderen schwanger, da ist er durchgedreht. Es passt alles zusammen. Der Täter kam ohne Einbruchspuren in die Wohnung von Susanne Scheidt, schlug sie zu Boden, würgte und drosselte sie in ohnmächtigem Zorn, verging sich offenbar nochmals an ihr und legte die Leiche anschließend in der Wanne ab– ein symbolisches Reinwaschen nach der Tat oder ein Reinwaschen der untreuen Frau.« Conrad sah aus wie ein Schneekönig.
Klara hob die linke Augenbraue. Kriminalpsychologie für Einsteiger und Fortgeschrittene?
»Die Nachrichten auf dem Handy des Dennis Scharf sind außerdem als Geständnis zu werten. Somit können wir den Fall als aufgeklärt betrachten.« Conrad war regelrecht heiter. »Für heute um vierzehn Uhr ist eine Pressekonferenz anberaumt. Harald, Klara und Sebastian, ihr seid dabei. Immerhin habt ihr maßgeblich zu diesem schnellen Ermittlungserfolg beigetragen.«
»Ermittlungserfolg«, raunte Harald, »wenn sich der Täter auf dem Silbertablett präsentiert?«
Klara dachte an das bizarre Bild des aufgehängten Mannes, Silbertablett traf es nicht ganz. Sie sah wenig begeistert aus, lieber hätte sie heute Nachmittag ein paar Überstunden abgefeiert und Josephine früher vom Kindergarten abgeholt, statt einer Ansammlung von Presseleuten gegenüberzusitzen.
Durchdringend sah Conrad sie an, offenbar registrierte er die Skepsis in ihrem Gesicht. »Keine Widerrede. Das gesamte Ermittlerteam ist dabei. Es haben sich auch überregionale Pressevertreter angekündigt.« Damit beendete er die Besprechung.
Klara ging mit Sebastian und Harald in ihr Büro und ließ sich auf ihren Schreibtischstuhl fallen. Die Vormittagssonne lugte durch eine Ecke des Fensters, auf Klaras verwaschener Jeans verlief ein schmaler Streifen Sonnenlicht, der zuvor Sebastians Haar berührt hatte. Sie bewegte die Sitzfläche des Drehstuhls ein paar Zentimeter nach links und nach rechts, der Sonnenstreifen wechselte von einem Bein auf das andere. Dann fragte sie an ihre beiden Kollegen gewandt: »Seid ihr auch so sicher wie Conrad, dass der Fall abgeschlossen ist?«
»Wieso? Bist du es nicht?« Sebastian setzte sich, es war mehr eine rhetorische Frage, er hätte sie auch anders stellen können: »Wieso bist du es nicht?« Und auch darauf kannte er die Antwort wohl schon.
Harald, der sich auf einem Stuhl Klara gegenüber niedergelassen hatte, nahm eine Zigarette aus der Schachtel, die immer in der Brusttasche seines Hemdes steckte. Langsam drehte er den Glimmstängel zwischen den Fingern, vermutlich half ihm das beim Nachdenken.
»Na ja. Eigentlich ist es nur so ein Gefühl.« Klara sah aus dem Fenster auf die ordentliche Fassade der Alten Glockengießerei.
»Was genau irritiert dich?« Harald Bender war lange genug im Geschäft, um Gefühle erst einmal ernst zu nehmen.
Statt Klara antwortete Sebastian. »Also, ich kann mir einfach schwer vorstellen, dass man Susanne umbringt, wenn man sie kannte. Wenn man mit ihr zusammen war.«
Klara hob den Kopf. Was sollte das denn heißen? »Wieso? War Susanne so ein Herzchen?« Ihr Ton war sarkastischer, als ihr lieb war, sie hätte ihre Worte gern zurückgenommen.
»Im Prinzip ja.« Sebastian senkte den Blick. »Es ist irgendwie, als würde man ein naives Mädchen umbringen.«
»Aber auch die werden umgebracht«, sagte Harald und räusperte sich herb.
»Ja, ich weiß. Es ist auch nur so ein Gefühl.«
Jetzt rieb sich Harald mit der flachen Hand über sein faltiges Gesicht und atmete hörbar ein. »Wisst ihr, das ist gerade ziemlich viel Gefühl hier. Ich gehe mit meinen Gefühlen zu meiner Rosi, da sind die bestens aufgehoben.« Er sah erst Klara und dann Sebastian an. »Vielleicht solltet ihr eure Gefühle mal… überdenken? Also, ich meine… begründen?«
Klara blickte angestrengt auf die Schreibtischplatte, Sebastian fixierte irgendeinen Fleck an der Wand.
Als Harald die Verlegenheit im Raum spürte, begann er, seine nikotingelben Finger zu kneten. »Ich mein ja nur. Conrad kann mit Gefühlen nicht so viel anfangen.«
Für ein paar unangenehm lange Momente herrschte Stille. Klara griff nach einem Bleistift und begann wieder, Figuren auf den Notizblock vor ihr zu malen, Strichmännchen mit langen Armen und langen Beinen. Auf einmal hing eins am Galgen. »Unser...




