E-Book, Deutsch, 388 Seiten
Corsten Du bist ja plemplem
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96089-373-8
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 388 Seiten
ISBN: 978-3-96089-373-8
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Als ihre Mutter stirbt, übernimmt Tom die Vormundschaft für seinen geistig behinderten Bruder Maxi. Dafür opfert er eine Menge - seine Karriere als IT-Fachmann und ein Leben in einer Beziehung. Zum Glück steht er nicht allein da: Pia, seine Nachbarin, Janina, ein junges Mädchen, das sein eigenes Päckchen zu tragen hat, und Matthias, der Chef einer Security Firma, sind an seiner Seite. Doch Matthias ist ungeoutet und als klar wird, dass zwischen Matthias und Tom mehr entsteht, gerät plötzlich alles ins Wanken. Doch das Leben ist nicht planbar - es passiert einfach.
Autoren/Hrsg.
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Ich surfte ein wenig durch das Internet. Für Janina wurde ich schnell fündig. Ein hier lebender Japaner bot Kurse in Kalligraphie an. Ich war mir sicher, das war das passende Geschenk für sie. Ich bewunderte immer wieder das fein gezeichnete Bild der Pagode und des Vulkans, das sie auf eines ihrer Zimmerwände gemalt hatte.
Aber was sollte ich Matthias schenken? Ein Abendessen in einem Restaurant fiel per se aus. Kino, Theater … Las er? Ich wusste viel zu wenig über ihn. Die letzten Tage hatten dafür gesorgt, dass es auch so blieb.
Wir trafen uns immer nur bei mir zu Hause, und hier hatte es nun mal viel Arbeit gegeben. Reden? Nur über das, was gerade anstand. Und im Bett? Da schliefen wir sofort ein oder unsere Münder hatten andere Dinge zu tun. Alles in allem nicht der perfekte Start für eine Beziehung, aber – es funktionierte. Denn es gab auch Dinge, die ich bereits über ihn herausgefunden hatte.
Er trank nicht gerne Alkohol, weil er den Kontrollverlust fürchtete. Aber er mochte Kakao mit Marshmallows. Er hörte lieber Bruce Springsteen als Brian Adams, und zum Frühstück aß er Körnerbrötchen anstatt Weißbrot. Einen richtig guten Kaffee zelebrierte er und gab gerne Geld für eine gute Bohne aus. Er trank aber auch den aus unserem Pad-Automaten, wenn es schnell gehen musste.
Zu hundert Prozent stand er hinter seinen Angestellten und diese hinter ihm. Er war ein loyaler Chef, ließ aber Schludrigkeiten nicht durchgehen. Und er hatte das größte Herz, das ich kannte. Wer sonst hätte eine Familie wie die unsere so vorbehaltlos akzeptiert? Das auch noch zum Anfang einer Beziehung, die zum Zeitpunkt der ganzen Chose noch gar nicht wirklich bestand außer in unseren Herzen und Wünschen.
Nein, ich blieb ratlos.
Die Tage flogen dahin. Matthias’ Job im Einkaufzentrum war anstrengender denn je, und auch bei mir im Restaurant liefen wir Kellner uns die Füße wund.
Als ich eines Nachts wieder hundemüde unsere Wohnung erreichte, überraschte Maxi mich. Er kam zu mir, während ich mich dazu zwang, etwas zu mir zu nehmen. Es ist seltsam, wie sehr Essensdüfte mir auf den Magen schlagen können, während ich selbst nicht zum Essen komme.
„Maxi!“, rief ich, als er in Pyjama und mit verstrubbelten Locken in der Tür stand, wie ein kleiner Junge, der verbotenerweise sein Bett verlassen hat.
„Janina hat geweint“, sagte er vorwurfsvoll, als wäre ich der Grund für ihre Tränen.
„Wirklich? Was ist denn passiert?“ Ich klopfte auffordern auf den Platz neben mir auf dem Sofa.
Er hockte sich zu mir, zog die Füße hoch und umklammerte seine Knie. „Pietro hat angerufen. Er hat zuerst geweint, dann auch Janina.“
„Pietro?“, fragte ich nach. Dann fiel mir ein, dass einer von Janinas Brüdern so hieß.
„Hm-hm, der große kleine Bruder. Er hat gesagt, die Mama ist im Krankenhaus, weil sie was gesehen hat, was nicht da war. Und Weihnachten fällt jetzt für alle aus. Tom, wieso muss man in die Klinik, wenn man Dinge sieht, die es nicht gibt? Die können einem doch nichts tun. Also, die haben keine Messer, oder?“
Verdammter Mist. Wie sollte ich meinem Bruder erklären, was eine alkoholbedingte Halluzination war? Denn so hörte es sich für mich an.
Eigentlich sollten Janina und ihre Geschwister am ersten Weihnachtstag zu ihrer Mutter, um die Familie wieder zusammenzubringen. Zwar unter der Aufsicht des Jugendamtes, aber als erster Schritt. Jetzt konnte Janina ihre Geschwister nicht sehen. Dabei hatte sie sich sehr darauf gefreut.
„Nein, Maxi, keine Angst. Das nennt man eine Halluzination. Da sie nicht echt ist, kann sie einem nichts tun. Aber, wenn du so krank bist wie Janinas Mutter, denkst du, die Dinge wären echt. Dann bekommst du richtig fies Angst und kannst dumme Sachen anstellen.“
Er schwieg und zupfte an seiner Unterlippe. Ich nahm an, dass er über Janinas Mutter nachdachte, doch er überraschte mich mit seiner Aussage.
„Dann hat Lars vor mir Angst gehabt und eine dumme Sache gemacht?“
Ich starrte ihn an, konnte seine Leistung, die hinter dieser Schlussfolgerung stand, fast nicht glauben. Aber das war mir schon öfter aufgefallen. Maxi mochte in vielen Dingen hinterhinken, doch wenn es um Gefühle ging und das, was sie anrichten konnten, verstand er manchmal mehr als mancher Normale.
„Ja, so ungefähr. Weißt du, er hat schon mal Dummheiten gemacht und war dafür in einem Gefängnis. Aber er musste nicht lange bleiben, weil er versprochen hat, keinen weiteren Unsinn zu machen. Indem er Janina und dich angriff, hat er gegen dieses Versprechen verstoßen. Er wusste, er muss wieder ins Gefängnis zurück. Wahrscheinlich wollte er Janina einschüchtern, damit sie den Mund hält und keine Anzeige erstattet. Aber nicht du, du Ritter in edler Rüstung. Du hättest nicht geschwiegen.“
Ich beobachtete ihn aus dem Augenwinkel. Er wirkt still und in sich gekehrt. Schließlich sah er mich unglücklich an. „Ist es meine Schuld, dass Janina nicht Weihnachten mit ihren Brüdern hat?“
„Himmel, nein, Maxi. Wie kommst du auf dieses schmale Brett?“
„Am Anfang hat Pietro ins Telefon geschrien. Ich konnte ihn hören. Er hat gesagt, seit du mit dem Bekloppten rumziehst, hast du keine Zeit mehr für uns, und irgendwas von nicht mehr lieb haben. Dann hat er angefangen zu weinen und Nina auch.“ Er lehnte seinen Kopf an meine Schulter und seufzte aus dem tiefsten Verlies seiner Seele. „Ich bin der Bekloppte. Also ist es meine Schuld, weil Nina jetzt hier wohnt?“
Ich zog ihn in meine Arme. „Weißt du noch, was Janina dazu gesagt hat, wenn du schlecht über dich redest?“
Er nickte. „Sie mag es nicht.“
„Siehst du? Und ich auch nicht. Nichts, was in der letzten Zeit geschehen ist, war deine Schuld. Im Gegenteil, ohne dich würde es Nina schlechter gehen. Und sie ist gerne hier. Sie liebt ihr kleines Zimmer, und hast du den Eindruck, sie mag deine Filme nicht oder malt nicht gerne mit dir?“
Er schniefte. „Nein. Sie hat mir gezeigt, wie man das Bat-Signal malen kann. Sie kann das echt gut.“
„Ja, sie hat wirklich Talent. Maxi, Janinas Bruder ist traurig, weil in seiner Familie alles durcheinander ist. Er ist noch zu klein, um zu verstehen, was wirklich falsch ist. An dem, was nicht richtig läuft, sind weder du noch Janina schuld, okay?“ Ich sprach das Wörtchen weder mit großem Nachdruck aus, damit er es auch wirklich verstand.
Noch einmal seufzte er und nickte. „Okay.“
„Jetzt ab mit dir ins Bett. Ich bin hundemüde.“
Er stand auf, nicht vollständig beruhigt. Ich sah es an seinen fahrigen Bewegungen. Aber ich hoffte, dass er nun schlafen konnte.
Im Flur drückte ich ihn noch einmal an mich und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. Ich wartete, bis er in seinem Zimmer war und das Licht gelöscht hatte. Dann ging ich nach einer Katzenwäsche ebenfalls ins Bett. Mein Kopf berührte gerade mal das Kissen, da schlief ich auch schon ein.
Ein markerschütternder Schrei weckte mich.
Ich fuhr hoch. „Maxi!“
In einer fließenden Bewegung schleuderte ich die Bettdecke zur Seite und verließ das Bett. Noch bevor ich vollständig wach war, stand ich schon vor seiner Zimmertür. Ich riss sie auf und betätigte den Lichtschalter.
Maxi saß aufrecht in seinem Bett. Er zitterte am ganzen Körper. Seine Augen waren angstgeweitet, und ich sah das hektische Pochen des Herzens an seiner Halsschlagader. Ich rannte zu ihm und setzte mich auf die Bettkante. Sofort schmiegte er sich schutzsuchend an mich.
„Was ist passiert?“, fragte ich.
Er schluchzte, irgendwo zwischen den Tränen hörte ich Worte. „Lars … hier. Messer … tut weh, und er sagt … Behindis stören.“
Ich summte in sein Ohr, so, wie Mama es immer gemacht hatte. „Schschsch, mein Kleiner. Alles gut. Du hast nur böse geträumt. Alles wird gut, Maxi. Es war nur ein böser Traum, und jetzt ist er auf und davon. Siehst du? Es ist niemand hier.“
Es dauerte elendig lange Minuten, bis er sich beruhigte. Endlich ließ sein Weinen nach.
„Er ist nicht hier?“, fragte er, wie um sicherzugehen.
„Nein, Maxi. Du weißt doch, dass wir jeden Abend mit dem Sicherheitsschloss die Tür verschließen. Ohne Schlüssel kommt da keiner rein.“
„Wirklich?“
„Wirklich, Kleiner. Komm, putz dir die Nase. Dann legst du dich wieder hin und versuchst, ein bisschen zu schlafen, okay?“
„Kannst du nachgucken, ob die Tür wirklich zu ist? Wenn er mit einem Messer kommt …“
„Maxi, er ist im Gefängnis. Er kann dir nicht wehtun.“ Ich wollte ihm die Angst nehmen, doch nach einem Blick in sein Gesicht resignierte ich. „Schon gut. Ich geh nachschauen.“
Ich tat es wirklich, obwohl ich genau wusste, dass die Tür zu war. Ich hatte sie selbst verschlossen. Ich schüttelte den Kopf, weil es so unlogisch war. Aber auf die Weise konnte ich Maxi in die Augen sehen und beteuern, dass ihm nichts geschehen konnte. Seine Anspannung ließ nach.
Ich setzte mich zu ihm, drückte ihm Batman in den Arm und sagte: „Der passt jetzt auf dich auf. Dann kannst du beruhigt schlafen.“
Er schnaufte. „Ich bin doch kein Baby mehr. Der kann nicht auf mich aufpassen, der ist nur aus Stoff.“ Dennoch ließ er es sich nicht nehmen, die große Plüschfigur an sich zu ziehen, während er sich in seine Decke einrollte.
„Schlaf gut, Maxi. Soll ich die Tür auflassen?“
„Ein bisschen. Und Licht im Flur, ja?“
Ich ging aus dem Zimmer und ließ die Tür einen Spalt auf. Als ich ins Bett ging, löschte ich das Licht im Flur nicht. Meine Tür ließ ich auch auf. Mich störte die Helligkeit...




