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E-Book

E-Book, Deutsch, Band 23, 400 Seiten

Reihe: Kay Scarpetta

Cornwell Paranoia


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-455-81412-5
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 23, 400 Seiten

Reihe: Kay Scarpetta

ISBN: 978-3-455-81412-5
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Während sie einen Tatort untersucht, erhält Dr. Kay Scarpetta ein Video auf ihr Handy. Als sie es abspielt, kann sie kaum glauben, was sie sieht. Denn die Aufnahmen stellen alles infrage, was sie über ihre Nichte Lucy zu wissen meint ... Der Clip bringt Scarpetta in einen grausamen Gewissenskonflikt: Die Bilder zeigen Lucy bei einer schweren Straftat, und Scarpetta weiß, dass sie sich weder ihrem Ehemann Benton Wesley noch ihrem Kollegen Pete Marino anvertrauen darf, um ihrer Nichte zu helfen. Aber was hat es mit dem Video auf sich? Und wer hat es ihr zugespielt? Auf sich allein gestellt, sieht sich Scarpetta schon bald mit einer Reihe von Morden konfrontiert, die eine Gefahr aus ihrer eigenen Vergangenheit heraufbeschwören ...

Patricia Cornwell, 1956 in Miami, Florida, geboren, arbeitete als Polizeireporterin und in der Rechtsmedizin, bevor sie vor mehr als zwanzig Jahren mit ihren bahnbrechenden Thrillern um die Gerichtsmedizinerin Dr. Kay Scarpetta begann. Ihre Bücher wurden mit allen renommierten Preisen ausgezeichnet und sind weltweit Bestseller.
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Cover
Titelseite
Für Staci [...]
Juristische Definitionen von »entmenschlichtem [...]
Herr Gott, Herr Lucifer [...]
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Eine Woche später
Über Patricia Cornwell
Impressum


1


Den alten Teddybären habe ich Lucy geschenkt, als sie zehn war. Sie hat ihn Mister Pickle genannt. Jetzt sitzt er auf dem Kopfkissen eines mit militärischer Präzision gemachten Bettes, dessen Krankenhauslaken an den Ecken ordentlich festgesteckt sind.

Der kleine Bär starrt mich stumpf an. Sein schwarzer Bindfadenmund zieht sich in einem umgekehrten V nach unten, und ich male mir aus, dass er froh, ja sogar dankbar wäre, wenn ich ihn retten würde. Ein unvernünftiger Gedanke, wenn man von einem Stofftier spricht. Insbesondere wenn man Anwältin, Wissenschaftlerin und Ärztin ist, von der eigentlich ein klinisch kühler und logischer Verstand erwartet wird.

Der unerwartete Anblick von Mister Pickle in dem Video, das gerade auf meinem Smartphone gelandet ist, löst verwirrte und überraschte Gefühle in mir aus. Offenbar hat man eine fest montierte Kamera von oben auf ihn gerichtet, vermutlich durch ein kleines Loch in der Decke. Ich kann seine weichen Fußsohlen aus Stoff ausmachen, das leicht gelockte olivgrüne Mohairfell, die schwarzen Pupillen seiner bernsteinfarbenen Glasaugen, den gelben Steiff-Knopf im Ohr. Ich weiß noch, dass er fünfunddreißig Zentimeter groß war, ein passender Begleiter für einen Kugelblitz wie Lucy, meine einzige Nichte und, genau genommen, mein einziges Kind.

Als ich den Stoffbären vor all den Jahrzehnten entdeckte, lag er umgekippt in einem zerkratzten hölzernen Bücherregal, das mit muffig riechenden, obskuren Bildbänden zum Thema Gartengestaltung und Südstaatenvillen gefüllt war, und zwar in einer schicken Gegend von Richmond, Virginia, die Carytown heißt. Er trug ein schmuddeliges weißes Strickkleidchen. Ich zog ihn aus, flickte einige Risse mit Nahtmaterial, das eines Schönheitschirurgen würdig gewesen wäre, setzte ihn in ein Spülbecken mit lauwarmem Wasser, schamponierte ihn mit antibakterieller, farbschonender Seife und trocknete ihn mit einem auf kalt gestellten Föhn. Ich beschloss, dass er ein männlicher Teddy war und ohne Kleidchen oder eine andere alberne Kostümierung besser aussah. Lucy neckte ich damit, sie sei nun stolze Besitzerin eines nackten Bären. Das passt, meinte sie.

, fügte sie vergnügt hinzu.

Unpassend. Scheußlich. Und überhaupt nicht komisch. Allerdings war Lucy damals erst zehn, und ihr kindlicher Redeschwall hallt plötzlich in meinem Kopf wider, als ich von dem verwesenden Blut zurückweiche, das auf dem weißen Marmorboden eine rotbraune Pfütze mit gelben wässrigen Rändern bildet. Die Gestankswolke scheint die Luft zu verdunkeln und zu verschmutzen, und die Fliegen erinnern an eine Armee winziger surrender Dämonen, geschickt vom Beelzebub persönlich. Der Tod ist gierig und hässlich. Er überwältigt unsere Sinne, löst sämtliche Alarmsignale in unseren Zellen aus und bedroht unser Leben an der Wurzel. Pass auf. Bleib weg da. Nimm die Beine in die Hand. Vielleicht bist du als Nächste dran.

Wir sind darauf geeicht, Leichen als widerlich und abstoßend zu empfinden. Allerdings ist in diesem einprogrammierten Überlebensinstinkt auch die seltene Ausnahme vorgesehen, dass wir unseren Stamm bei Gesundheit halten und beschützen müssen. Einige Auserwählte unter uns lassen sich vom Grauen nicht anfechten. Nein, es zieht uns sogar an, fasziniert uns und weckt unsere Neugier, und das ist gut so. Jemand muss die Hinterbliebenen warnen und auf sie achten. Jemand muss sich um das Schmerzliche und Unangenehme kümmern, um das Warum, Wer und Wie zu ermitteln und die verwesenden Überreste angemessen zu entsorgen, bevor sie weitere Menschen schockieren und Infektionskrankheiten verbreiten.

Meiner Ansicht nach unterscheiden sich jene, die sich dieser Dinge annehmen, erheblich. Ob es nun zum Vorteil oder zum Nachteil gereicht, wir sind nicht alle gleich. Nach ein paar großen Gläsern Scotch würde ich gestehen, dass ich eigentlich nicht ganz normal bin und es auch nie war. Ich fürchte den Tod nicht. Seine Begleiterscheinungen stoßen mich nicht ab. Gerüche, Flüssigkeiten, Maden, Fliegen, Geier, Ratten. Sie tragen etwas zur Wahrheitsfindung bei. Ich suche, und es ist wichtig, dass ich das Leben, das dem von mir untersuchten Tod vorausging, erkenne, sicherstelle und respektiere.

Kurz gesagt, nehme ich keinen Anstoß an dem, was die meisten Menschen als verstörend und ekelhaft empfinden. Allerdings hat das überhaupt nichts mit Lucy zu tun. Dazu liebe ich sie zu sehr. Schon immer. Ich fühle mich bereits verantwortlich und schuldig, als ich das schlichte, beige Wohnheimzimmer auf dem Video erkenne, das mich gerade überfallen hat. Ich bin die Autoritätsperson, die liebende Tante, die ihre Nichte in dieses Zimmer gesteckt hat. Ich habe Mister Pickle dorthin gesetzt.

Er sieht noch ziemlich genauso aus wie damals, als ich ihn zu Anfang meiner Laufbahn aus dem staubigen Laden in Richmond entführt und sauber gemacht habe. Mir wird klar, dass ich gar nicht mehr weiß, wann und wo ich ihn zuletzt gesehen habe. Ich habe keine Ahnung, ob Lucy ihn verloren, verschenkt oder ihn in einen Wandschrank geräumt hat. Meine Aufmerksamkeit schweift ab, als ich einige Zimmer weiter ein lautes, krampfartiges Husten höre. In diesem wunderschönen Haus, wo eine wohlhabende junge Frau tot daliegt.

»Herrgott! Was ist denn das für ein Bazillenmutterschiff?« Das ist der Ermittlungsbeamte Pete Marino, der mit seinen Kollegen redet und scherzt, wie Polizisten es eben so tun.

Der State Trooper aus Massachusetts, dessen Namen ich nicht kenne, kämpft offenbar mit einer »Sommergrippe«. Allmählich frage ich mich, ob er in Wahrheit nicht Keuchhusten hat.

»Hör mal gut zu, du Hampelmann. Hast du vor, mir deinen Mist anzuhängen? Dass ich auch noch krank werde? Was hältst du davon, da drüben stehen zu bleiben?« Marinos Einfühlsamkeit, wie sie leibt und lebt.

»Ich bin nicht ansteckend.« Wieder ein Hustenanfall.

»Mein Gott, halt dir wenigstens die Hand vor den Mund!«

»Und wie soll ich das machen, wenn ich Handschuhe anhabe?«

»Dann zieh sie eben aus, verdammt.«

»Kommt nicht in die Tüte. Ich will doch meine DNA nicht hier hinterlassen.«

»Ach, wirklich? Und mit dieser Husterei versprühst du sie nicht durchs ganze Haus, sobald du wieder loslegst?«

Ich blende Marino und den Trooper aus und betrachte das Display meines Telefons. Das Video läuft weiter, doch das Wohnheimzimmer bleibt leer. Niemand ist da, nur Mister Pickle, der auf Lucys militärisch wirkendem, unbequemen, nicht sehr einladenden Bett sitzt. Es wirkt, als seien die weißen Laken und die hellbraune Decke mit einer Sprühdose auf die schmale, dünne Matratze und das einzige flache Kopfkissen aufgebracht worden. Ich hasse Betten, bei denen die Bettwäsche so straff gespannt ist wie das Fell einer Trommel. Ich meide sie, so gut ich kann.

Mein Bett zu Hause, mit seiner weichen orthopädischen Matratze, den fein gewebten Laken und den Daunendecken ist mein wichtigster Luxus. Hier komme ich endlich zur Ruhe. Hier habe ich Sex. Hier träume ich, oder besser auch nicht. Ich weigere mich zu schlafen wie in Frischhaltefolie eingewickelt, eingeschnürt und bewegungsunfähig wie eine Mumie, während mir allmählich die Füße absterben. Das heißt nicht, dass ich nicht an Kasernen, Sozialwohnungen, miese Motels oder andere Gemeinschaftsunterkünfte gewöhnt wäre. Unzählige Stunden habe ich an wenig gastfreundlichen Orten verbracht, allerdings nicht freiwillig. Bei Lucy ist es etwas anderes. Obwohl man ihr Leben inzwischen nicht mehr unbedingt als spartanisch bezeichnen kann, interessieren sie Annehmlichkeiten des Alltags einfach nicht so sehr wie mich.

Man könnte sie auch mitten im Wald oder in einer Wüste in einen Schlafsack stecken, was sie überhaupt nicht stören würde, solange sie Waffen und Hightech-Utensilien hat und sich gegen den Feind verbunkern kann, ganz gleich, wer das in diesem Moment auch sein mag. Sie kontrolliert ihre Umgebung gnadenlos. Und das ist ein wichtiger Einwand dagegen, dass sie geahnt hat, sie könnte in ihrem eigenen Wohnheimzimmer überwacht werden.

Ich schlussfolgere, dass das Video vor sechzehn, allerhöchstens neunzehn Jahren aufgenommen wurde, und zwar mit einer hochauflösenden Überwachungskamera, die ihrer Zeit voraus war. Megapixel-Input von mehreren Kameras. Eine flexible offene Plattform. Computergesteuert. Einfach zu bedienende Software. Gut zu tarnen. Mit Fernbedienung. Eindeutig das Ergebnis von Forschung und Entwicklung des neuen Jahrtausends, allerdings kein Anachronismus, keine Fälschung. Genau das, was ich erwartet habe.

Die technischen Geräte, mit denen meine Nichte sich umgibt, sind ihrer Zeit stets voraus. Mitte bis Ende der neunziger Jahre hat sie sicher vor allen anderen über die neuesten Entwicklungen in Sachen Überwachungstechnologie Bescheid gewusst. Doch das bedeutet nicht, dass Lucy während ihres Praktikums beim FBI selbst geheime Aufnahmetechnik in ihrem eigenen Zimmer installiert hat, während sie noch im College und schon genauso pedantisch auf ihre Privatsphäre bedacht war wie heute.

Die Wörter und wollen mir deshalb nicht aus dem Kopf, weil ich sicher bin, dass die Bilder, die ich hier sehe, ohne ihr Wissen entstanden sind. Geschweige denn mit ihrer Zustimmung, und das ist wichtig. Zudem bin ich überzeugt, dass nicht Lucy mir das Video geschickt hat, obwohl es auf den ersten Blick den Anschein hat, als sei es von ihrem Notfalltelefon gesendet worden. Das ist nicht nur...


Dufner, Karin
Karin Dufner, 1962 in München geboren, lebt in Meerbusch bei Düsseldorf. Für Hoffmann und Campe übertrug sie u.a. die letzten zehn Scarpetta-Romane von Patricia Cornwell ins Deutsche.

Cornwell, Patricia
Patricia Cornwell, 1956 in Miami, Florida, geboren, arbeitete als Polizeireporterin und in der Rechtsmedizin, bevor sie vor mehr als zwanzig Jahren mit ihren bahnbrechenden Thrillern um die Gerichtsmedizinerin Dr. Kay Scarpetta begann. Ihre Bücher wurden mit allen renommierten Preisen ausgezeichnet und sind weltweit Bestseller.

Patricia Cornwell, 1956 in Miami, Florida, geboren, arbeitete als Polizeireporterin und in der Rechtsmedizin, bevor sie vor mehr als zwanzig Jahren mit ihren bahnbrechenden Thrillern um die Gerichtsmedizinerin Dr. Kay Scarpetta begann. Ihre Bücher wurden mit allen renommierten Preisen ausgezeichnet und sind weltweit Bestseller.



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