E-Book, Deutsch, 496 Seiten
Cornwell Jack the Ripper
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-311-70540-6
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Fall gelöst
E-Book, Deutsch, 496 Seiten
ISBN: 978-3-311-70540-6
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Patricia Cornwell, 1956 in Miami, Florida, geboren, arbeitete als Polizeireporterin in der Rechtsmedizin, bevor ihr mit Post Mortem der internationale Durchbruch als Autorin gelang. Post Mortem war der erste Krimi überhaupt, der in nur einem Jahr mit fünf bedeutenden internationalen Preisen ausgezeichnet wurde. Cornwell, die eine Zeit lang Leiterin der Abteilung für Angewandte Forensik der University of Tennessee war, recherchiert die wissenschaftlichen Details in jedem ihrer Kay-Scarpetta-Romane mit großer Akribie. Autorin und Figur könnten einander kaum ähnlicher sein: Beide stammen aus Miami, sind blond, geschieden und bei ihrer Arbeit perfektionistisch - sogar das Rauchen haben sie gemeinsam aufgegeben. Mittlerweile sind 25 Scarpetta-Romane erschienen, und alle haben die internationalen Bestsellerlisten erobert.
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1 Mr. Nemo
Montag, der 6. August 1888, war ein Feiertag in London,und die Stadt verwandelte sich in einen Jahrmarkt voll wunderbarer Dinge, die sich für ein paar Pennys tun ließen, falls man sie erübrigen konnte. In Windsor läuteten den ganzen Tag hindurch die Glocken der Pfarrkirche und der St. George’s Chapel. Auf den Schiffen wurden Flaggen gehisst, und aus den Kanonen dröhnte der königliche Salut zu Ehren des Duke of Edinburgh, der seinen vierundvierzigsten Geburtstag feierte.
Der Kristallpalast bot eine überwältigende Fülle von Veranstaltungen: Orgelkonzerte, Militärkapellen, ein »monumentales Feuerwerk«, ein großes Märchenballett, Bauchredner und die »weltberühmten Minstrel-Shows«. Madame Tussaud’s präsentierte ein Wachsmodell von der öffentlichen Aufbahrung Friedrichs III. und natürlich die Schreckenskammer, die so beliebt war wie eh und je. Andere köstliche Schrecken warteten auf all jene, die sich Theaterkarten leisten konnten und denen der Sinn nach einer Moralität oder einfach einem schönen altmodischen Schauerstück stand. wurde vor ausverkauften Häusern gespielt. In Henry Irvings Lyceum brillierte der berühmte amerikanische Schauspieler Richard Mansfield als Jekyll und Hyde. Auch die Opéra Comique brachte eine Version dieses Stoffes, allerdings mit schlechten Kritiken und skandalumwittert, weil das Theater Robert Louis Stevensons Roman ohne Genehmigung für die Bühne bearbeitet hatte.
An diesem öffentlichen Feiertag gab es Rinder- und Pferdeschauen, »Sondertarife« für Bahnfahrten und auf den Basaren in Covent Garden ein Überangebot an Bestecken aus Sheffield, an Gold, Juwelen und gebrauchten Militäruniformen. Wer in diesem ausgelassenen, aber auch recht rohen Treiben als Soldat auftreten wollte, konnte das für wenig Geld und ohne lästige Fragen tun. Oder man konnte sich als Polyp ausgeben, indem man sich eine echte Polizeiuniform bei Angel’s Theatrical Costumes in Camden Town auslieh – von der Wohnung des blendend aussehenden Walter Richard Sickert ein Spaziergang von nicht viel mehr als drei Kilometern.
Der 28-jährige Sickert hatte seine glücklose Laufbahn als Schauspieler aufgegeben, weil er sich zu den höheren Weihen der Kunst berufen fühlte. Er war Maler und Kupferstecher geworden, der sein Handwerk bei James McNeill Whistler und Edgar Degas gelernt hatte. Dabei war der jugendliche Sickert selbst ein Kunstwerk: schlank, mit einem vom Schwimmen gekräftigten Oberkörper, Nase und Kinn von vollkommener Form, dichte blonde Locken und blaue Augen, die so unergründlich und so durchdringend waren wie seine geheimen Gedanken und sein rascher Verstand. Man hätte ihn sogar schön nennen können, wäre da nicht sein Mund gewesen, der sich zu einem harten, grausam wirkenden Strich zusammenziehen konnte. Seine exakte Größe ist unbekannt, aber von einem Bekannten wurde sie als etwas über dem Durchschnitt beschrieben. Fotografien und mehrere Kleidungsstücke aus seinem Besitz, die in den 1980er-Jahren dem Archiv der Tate Gallery gestiftet wurden, lassen darauf schließen, dass er wahrscheinlich zwischen einem Meter siebzig und einem Meter fünfundsiebzig maß.
Sickert sprach fließend Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch, Latein beherrschte er hinreichend, um es Freunden beizubringen, er konnte etwas Dänisch und chisch und möglicherweise auch ein paar Brocken Spanisch und Portugiesisch. Es hieß, er lese die Klassiker im Original, aber beende nicht alle Bücher, die er angefangen habe. Nicht selten lagen Dutzende von Romanen bei ihm herum, aufgeschlagen auf der letzten Seite, die seine Neugier gefesselt hatte. Geradezu süchtig war Sickert aber nach Zeitungen, Klatschblättern und Zeitschriften.
Bis zu seinem Tod im Jahr 1942 sahen seine Ateliers und Arbeitszimmer aus wie Recyclingcenter für jeden Fetzen Zeitungs- und Zeitschriftenpapier, den Europas Druckerpressen ausgespuckt hatten. Man fragt sich, woher ein viel beschäftigter Mensch die Zeit nahm, vier, fünf, sechs, zehn Zeitungen pro Tag zu lesen, aber Sickert hatte seine Methode. Er kümmerte sich um nichts, was ihn nicht interessierte – egal, ob es um Politik, Wirtschaft, Kriege oder Menschen ging. Nichts spielte für Sickert eine Rolle, wenn es nicht in irgendeiner Weise Sickert betraf.
Mit Vorliebe las er über die neuesten Vergnügungen, die in der Stadt zu erwarten waren, studierte gründlich die Kunstkritiken, wandte sich dann rasch den Kriminalberichten zu und suchte schließlich nach seinem Namen, falls Grund zu der Annahme bestand, dass er in den Blättern auftauchte. Leserbriefe bereiteten ihm ein besonderes Vergnügen, vor allem diejenigen, die er selbst geschrieben und mit einem Pseudonym unterzeichnet hatte. Sickert wusste gar zu gern, was die Leute taten, vor allem in der Privatsphäre ihres durchaus nicht immer so wohlanständigen viktorianischen Lebensalltags. »Schreibt, schreibt, schreibt!«, pflegte er seine Freunde zu bitten. »Berichtet mir in allen Einzelheiten von von den Dingen, die euch amüsiert haben, und das war, von allem möglichen Klatsch, egal über wen.«
Sickert verachtete die Upperclass, aber er war ein Prominentenjäger. Irgendwie gelang es ihm, sich im Umkreis der Berühmtheiten seiner Zeit zu bewegen: Henry Irving, Ellen Terry, Aubrey Beardsley, Henry James, Max Beerbohm, Oscar Wilde, Monet, Renoir, Pissarro, Rodin, André Gide, Édouard Dujardin, Proust, Parlamentsabgeordnete. Was aber nicht unbedingt hieß, dass er auch viele von ihnen kannte, und niemand – berühmt oder nicht – kannte ihn jemals wirklich, noch nicht einmal seine erste Frau Ellen, die in knapp zwei Wochen vierzig Jahre alt werden würde. An diesem Feiertag dürfte Sickert kaum an den Geburtstag seiner Frau gedacht haben. Andererseits war es äußerst unwahrscheinlich, dass er ihn vergessen hatte. Für sein erstaunliches Gedächtnis erntete er nämlich viel Bewunderung. Sein Leben lang unterhielt er Dinnergäste mit Aufführungen langer Passagen aus Operetten und Theaterstücken, bei denen er sich für seine Rollen kostümierte und sie fehlerlos rezitierte. Sickert hatte sicherlich nicht vergessen, dass Ellen am 18. August Geburtstag hatte, schließlich bot sich damit eine gute Gelegenheit, ihr einen wichtigen Tag zu verderben. Vielleicht würde er ihn »vergessen«. Vielleicht würde er in eine der heimlich angemieteten Bruchbuden verschwinden, die er Ateliers nannte. Vielleicht würde er Ellen in ein romantisches Café in Soho ausführen und sie am Tisch sitzen lassen, während er sich in ein Varieté davonmachte und den Rest des Abends fortbliebe. Ellen liebte Sickert ihr ganzes trauriges Leben lang, trotz seiner Kaltherzigkeit, seiner pathologischen Lügerei, seiner Egozentrik und der Angewohnheit, Tage – oder sogar Wochen – ohne Vorankündigung oder Erklärung zu verschwinden.
Weit mehr als im Theater erwies sich Walter Sickert im Leben als Schauspieler. Er bewegte sich auf der Bühne seiner geheimen, von wilden Phantasien getriebenen Existenz und fühlte sich im tiefen Schatten verlassener Straßen ebenso zu Hause wie im pulsierenden Leben dicht gedrängter Menschenmengen. Glänzend verstand er es, seine Stimme zu verstellen, Theaterschminke zu verwenden und sich zu verkleiden – schon als Junge hatte er die Kunst der Verstellung so perfekt beherrscht, dass er oft von Nachbarn und Familienangehörigen nicht erkannt worden war.
Während seines langen, gefeierten Lebens war er berüchtigt dafür, dass er durch eine Vielzahl verschiedener Bärte und Schnurrbärte ständig sein Aussehen veränderte, für seine bizarre Kleidung, die manchmal ein regelrechtes Kostüm war, und für seine Haartrachten – bis hin zur Rasur des Kopfes. Er sei ein »Proteus«, schrieb sein Freund, der französische Maler Jacques-Émile Blanche. Sickerts »Talent zur Verstellung durch Kleidung, Haartracht und Sprechweise kann sich durchaus mit dem Fregolis[1] messen«, schrieb Blanche. Auf einem Porträt, das Wilson Steer 1890 von Sickert malte, prangt in seinem Gesicht ein verdächtig falsch wirkender Schnurrbart, der aussieht, als hätte er sich einen Eichhörnchenschwanz über den Mund geklebt.
Außerdem hatte er einen Hang, seinen Namen zu ändern. Als Schauspieler wie bei seinen Gemälden, Radierungen, Zeichnungen und in zahlreichen Briefen an Kollegen, Freunde und Zeitungen hat er viele verschiedene Identitäten angenommen: Mr. Nemo (lateinisch für Mr. Nobody, Herr Niemand), ein Bewunderer, ein Whistlerianer, Ihr Kunstkritiker, ein Außenseiter, Walter Sickert, Sickert, Walter R. Sickert, Richard Sickert, W.R. Sickert, W.S., R.S., S., Dick, W. St., Rd. Sickert LL.D. (Doktor der Rechte), R. ST.A.R.A. (Mitglied der Royal Academy) und RD St A.R.A.
Sickert hat keine Memoiren geschrieben, weder ein Tagebuch noch einen Terminkalender geführt, seine Briefe und Kunstwerke hat er nur in den seltensten Fällen datiert, daher lässt sich nur schwer in Erfahrung bringen, wo er sich während bestimmten Tagen, Wochen, Monaten oder sogar Jahren befunden oder was er getan hat. So konnte ich auch keine Aufzeichnungen über seinen Aufenthaltsort und seine Beschäftigungen an diesem 6. August 1888 finden, aber es gibt keinen Grund zu der Annahme, er habe sich nicht in London befunden. Aus Notizen, die er auf Varieté-Skizzen gekritzelt hat, geht hervor, dass er sich noch zwei Tage zuvor, am 4. August, in London aufgehalten hat;...




