E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Cornwell Carpe Diem
9001. Auflage 2009
ISBN: 978-3-646-92248-6
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-646-92248-6
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Autumn Cornwell, die einen Teil ihrer Kindheit in Papua Neuguinea verbrachte, war schon immer ein Zugvogel. Inzwischen hat sie bereits 22 Länder besucht, wobei ihr Südostasien besonders ans Herz gewachsen ist. Ihre Erlebnisse dort haben sie zu Carpe diem inspiriert. Neben dem Schreiben verbringt sie viel Zeit damit, sich durch den undurchsichtigen Dschungel der amerikanischen Film- und Fernsehindustrie zu schlagen. Mit ihrem Mann und ihrem Sohn Dexter lebt sie in der Nähe von Los Angeles.
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Dein Leben ist planbar
Die Briefsendung kam während der Besinnungszeit, jener geheiligten Stunde nach dem Abendessen, in der wir durchgehen, was wir am jeweiligen Tag erreicht haben und was wir am kommenden Tag erreichen wollen. Wir saßen im Wohnzimmer, meinem Lieblingsraum im Haus, mit dem gemauerten Kamin und den wandhohen Regalen, in denen die Bücher nach Wissensgebieten geordnet stehen. Dad korrigierte das Manuskript seines neuesten Buchs: Produktiver leben – ein Wegweiser in 2000 einfachen Schritten, Mom schrieb etwas in ihr Erfolgstagebuch, und ich nahm mir meine Lebensziele vor. So weit war ich bisher gekommen:
Vassar Spores Lebensziele
1. Den besten Abschluss an der Seattle Academy of Academic Excellence erzielen mit einem Schnitt von mindestens 5.3, sprich 150 von 100 möglichen Punkten.
2. Mit Auszeichnung in NZE (Noch Zu Entscheiden) an der Elite-Uni Vassar promovieren – plus eine Extraauszeichnung wegen Namensgleichheit und so weiter.
3. Mit 25 eine Liebesheirat mit einem 1,92 großen, blonden Chirurgen (oder Richter) eingehen, bis 35 drei Kinder haben (zwei Mädchen, einen Jungen).
4. Bis 37 das ultimative Buch über NZE veröffentlicht haben.
5. Den Pulitzer-Preis verliehen bekommen.
Besonders zu schaffen machte mir an dem Abend Punkt 2. Bis zum Promotionsstudium waren es nur noch sechs Jahre, das hieß, ich durfte keine Minute vergeuden.
Die aussichtsreichste Kandidatin dafür, als Beste des Jahrgangs abzuschneiden, bin ich nämlich nicht etwa deshalb, weil ich hochbegabt oder superschlau wäre, oh nein. Sondern weil ich auf das große P setze: Planung. (Das Glück ist mit denen, die es wohlvorbereitet findet. – Louis Pasteur). Meine Rivalin an der Highschool, Wendy Stupacker, plant nie irgendwas – sie schiebt alles bis zur letzten Minute auf und presst es sich dann im Schnellverfahren rein. Wer wie sie ein halbes Genie und mit einem fotografischen Gedächtnis gesegnet ist, kann sich so was leisten. Im Rennen um den ersten Platz liegen wir Kopf an Kopf – momentan jedenfalls.
Natürlich hatte ich noch andere persönliche Lebensziele, bloß waren die nicht für die Augen meiner Eltern bestimmt. Zum Beispiel endlich einen festen Freund haben. Ich hatte auch schon einen im Visier: John Pepper. Wobei meine Eltern ganz grundsätzlich wohl nichts gegen ihn einzuwenden hätten. Er wurde als einer der ersten männlichen Bewerber an unserer bis dahin reinen Mädchenschule aufgenommen, ist groß, blond, kleidet sich ausschließlich in den drei Grundfarben, will Neurochirurg werden, hat nur ein ganz bisschen Akne und braucht nach einer erfolgreichen Laseroperation nicht mehr diese scheußlich dicken Brillengläser zu tragen. Er entspricht voll und ganz meinem Prototyp. Dass ich eine überwiegend auf Kohlenstoff basierende Lebensform bin, die dieselbe Schule wie er besucht, hat er bisher zwar noch nicht annähernd zur Kenntnis genommen. Aber hier gilt für mich wieder einmal das Motto: geplant – getan. Auch wenn meine Eltern mit dem Einwand kommen, dass sich eine ernsthafte Beziehung nicht mit dem Plan verträgt, in ein Elitecollege aufgenommen zu werden.
»Jungs sind wie Wasser – überall und immer zu haben«, ließ Mom zu dem Thema verlauten. »Eine erstklassige Uni zu besuchen, ist eine einmalige Chance.«
Ich verkniff mir die Bemerkung, dass Wasser sicherlich überall und immer zu haben ist – es sei denn, man befindet sich rein zufällig unter einem Zeltdach in der Sahara.
»Was meinst du?« Ich gab Mom meine Liste, die sie kurz überflog und mir dann wieder in die Hand drückte.
»Und was kommt nach dem Pulitzer-Preis? Denk immer in großen Zusammenhängen, Vassar.«
Ich dachte einen Moment nach, dann ergänzte ich die Liste um Lebensziel Nr. 6: »Die Dr.-Vassar-Spore-Stiftung ins Leben rufen und damit den vom Glück weniger Begünstigten zu einer ähnlich erfolgreichen Lebensplanung wie der meinen verhelfen«, und händigte sie Mom ein weiteres Mal aus.
Sie lachte. »Ausgezeichnet! Das nenne ich in großen Zusammenhängen gedacht. War das nicht eine lustige Übung? Du kennst doch den Spruch: ›Greif nach dem Mond – und wenn du ihn verfehlst, hältst du vielleicht einen Stern in den Händen.‹ Man braucht Ziele, die man angehen kann. Zu viele Teenager haben heutzutage keine Ahnung, welchen Weg sie einschlagen sollen. Sie sind orientierungslos, lassen sich treiben. Die Tochter von Lilith hat sich noch nicht einmal fürs College beworben – und das im letzten Schuljahr! Kein Wunder, dass Lilith kurz vor einem Nervenzusammenbruch steht.« Sie tätschelte meine Hand. »Nicht alle Eltern sind mit Töchtern wie dir gesegnet, Vassar.«
Mom hat früher als Lebensberaterin gearbeitet, ihre Karriere aber aufgegeben, als ich geboren wurde. Oder, wie sie sagt: »Ich habe eine neue Karriere begonnen, als Beraterin von Vassar.«
Mittlerweile ein Vollzeitjob.
Im Grunde habe ich gar nichts gegen unsere Besinnungsstunden und Zukunftsvisionen. Sicher, es hat schon etwas leicht Abgedrehtes und ist nicht gerade meine erste Wahl in puncto Abendgestaltung, aber so bleibe ich immer gut organisiert. Und um an einer Elite-Uni angenommen zu werden, brauche ich jede Hilfe, die ich kriegen kann. Einmal im Monat kommt sogar Amber, eine meiner drei besten Freundinnen (und akademischen Mitstreiterinnen), abends zu uns und lässt sich von Mom ihre Tages-, Wochen- und Monatsplanung durchsehen. Amber braucht erst recht jede Hilfe, die sie kriegen kann – ihre Eltern sind Sportfanatiker und interessieren sich nur dafür, welche Erfolge Ambers drei ältere Brüder beim Football und Basketball am College einfahren. Akademische Leistungen sind ihnen herzlich gleichgültig. Ohne unsere Unterstützung und Moms Supervision wäre Amber schon vor Monaten aus der Vereinigung der Spitzenschüler geflogen.
Ich hatte gerade die Pro- und Kontra-Argumente für eine Promotion in Physik zusammengetragen und wollte als Nächstes das Gleiche für Archäologie durchexerzieren, da bekam ich eine SMS von Amber: Hast du schon gefragt?
Ich räusperte mich. »Ähm, also, ich wollte fragen, ob ich die Nachhilfe in Integralrechnung am Freitagabend ausfallen lassen könnte, wegen der Tanzparty?« Nicht dass uns je irgendwelche Typen zum Tanzen aufforderten – wir waren die »Viermädel-Molekülgruppe« und tanzten stets zusammen. Als wenn wir uns nichts Schöneres vorstellen könnten. Jungs? Nein danke. Besser so tun, als machte es einem nichts aus, dass Wendy Stupacker für sämtliche Typen immer die erste Wahl ist. Immer.
Dad sah von seinem Manuskript hoch. Als Wirtschaftsberater findet er im Auftrag von Firmen und Industrieunternehmen heraus, wo sie Zeit, Geld und Arbeitskraft verschwenden – und liefert dann Verbesserungsvorschläge. In seiner Freizeit schreibt er Bücher. Das erste hat er zusammen mit Mom verfasst: Planung ist das halbe Leben.
»Hast du etwas gesagt?«, fragte Dad und klickte mit seinem Druckbleistift.
Mom legte ihren Füller hin und fragte: »Und wo ist diese Tanzparty?«
Jetzt wurde es heikel. »In der öffentlichen Highschool.« Bevor sie etwas sagen konnte, fuhr ich mein schwerstes Geschütz auf: »Die Eltern von Amber, Laurel und Denise haben’s auch erlaubt.« Denise wurde sogar praktisch dazu gezwungen. Ihre Eltern hatten nämlich den Eindruck, dass ihr Sozialverhalten unterentwickelt war und sie dringend Übung in Sachen männlich-weiblicher Interaktion brauchte.
»Du weißt, wie wir zu den Veranstaltungen an der öffentlichen Highschool stehen. Es geht uns nicht darum, dir einen Spaß zu verderben. Du hast es wahrhaftig verdient, auch deine Freizeit zu genießen.«
»Aber ihr könnt mir wirklich vertrauen –«
»Natürlich können wir dir vertrauen, Vassar. Die Leute von der öffentlichen Schule, die sind das Problem.«
Es stand eins zu eins.
»Aber wie du weißt, machen wir dir keine Vorschriften«, sagte Mom. »Dein Vater und ich haben dich dazu erzogen, selbst die richtigen Entscheidungen zu treffen. Nicht wahr, Leon? – Leon?«
Dad hatte sein Stichwort verpasst und pflichtete ihr nun eilig bei: »Ganz recht, ganz recht. Die Entscheidung liegt einzig und allein bei dir.«
Ich hasse es, wenn sie das machen. Das ist das Problem mit Eltern wie meinen: Man ist genetisch programmiert, stets ihren Erwartungen zu entsprechen.
»Ich überleg’s mir«, sagte ich. Aber wir wussten alle drei, wie meine »Entscheidung« ausfallen würde.
Mom widmete sich wieder ihrem Tagebuch, Dad seinen Fahnen. Ich textete Amber zurück: Darf nicht. Habs dir doch gesagt.
Es klingelte an der Tür.
»Erwarten wir jemanden?«, fragte Mom leicht irritiert.
Dad und ich schüttelten den Kopf. Besuch während der Besinnungszeit war STRENG VERBOTEN.
»Ich gehe hin.« Mom erhob sich würdevoll von dem Plüschsessel, in dem sie zu versinken drohte.
Trotz ihrer in jeder Hinsicht zierlichen Statur verstand es Mom, stets so aufzutreten, als sei sie einen Meter achtzig groß und trüge eine Krone auf ihrem blonden Bubikopf. Sie hatte etwas von einem Vögelchen, allerdings einem aus solidem Stahl. Ohne jede Bruchstelle. Dad überragte sie nur um wenige Zentimeter. Sein widerspenstiger rotblonder Haarschopf war stets kurz geschoren, er hatte blassblaue Augen, viele Sommersprossen und war kompakt gebaut, für sein Alter aber dank der gut acht Kilometer, die er täglich lief,...




