Cooper | Die Leute von Nr. 37 | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Cooper Die Leute von Nr. 37

Roman
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-641-20633-8
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-641-20633-8
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Jedes Haus hat seine Geheimnisse

Seit über hundert Jahren steht Nummer 37 mit der türkisfarbenen Eingangstür an einer abgelegenen Pariser Straßenecke. Hinter ihren Mauern leben völlig normale Menschen. Jeder mit seinen ganz eigenen Träumen und Ängsten, Wünschen und Affären. Auf dem Flur grüßt man sich und geht seiner Wege. Doch dann entbrennt ein Streit über die Frage, wer in die leer stehende Wohnung im dritten Stock einziehen soll. Und plötzlich prallen die Leben der Bewohner mit voller Wucht aufeinander …

Fran Cooper ist in London aufgewachsen. Sie studierte Englisch in Cambridge und Kunstgeschichte am Courtauld Institute of Art. Drei Jahre verbrachte sie in Paris, wo sie neben ihrer Doktorarbeit über Reisemaler im 18. Jahrhundert auch die ersten Teile ihres Debüts Die Leute von Nr. 37 schrieb. Die zwei Hälften eines Hauses ist ihr zweiter Roman.
Cooper Die Leute von Nr. 37 jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


1

Mit einem markerschütternden Schrei schreckt Edward im Bett hoch, schlägt die Handflächen gegen die Wand und zieht strampelnd die Beine an. Wo bin ich? Sein Puls hämmert so gewaltig in seinem aufgerissenen Mund, dass er nicht einmal weiß, ob er noch schreit. Hektisch fährt er mit einem Arm durch die Dunkelheit – Licht, da muss doch irgendwo Licht sein –, erwischt aber mit dem Ellbogen nur ein Wasserglas, das sekundenlang lautlos durch die Luft fliegt, bevor er hört, wie es klirrend zerbricht und Wasser umherspritzt. Als seine vom Schlaf geschwollenen Finger endlich den Lichtschalter finden, ist der Teppich übersät mit gefährlich funkelnden Splittern.

Orangefarbenes Licht vertreibt die Schatten, und langsam gewinnen die Dinge Konturen. Er liegt in einem Bett, in einem kleinen Raum, im Dachboden eines Gebäudes. Unter der Schräge kann er einen Schreibtisch ausmachen, die Umrisse seines Rucksacks und einen Spiegel, der einen verschwommenen Lichtschein reflektiert. Das Fenster steht sperrangelweit offen und schlägt gegen die Wand. Die hellen Vorhänge werden vom Wind abwechselnd hinausgesaugt und hereingeweht und flattern bisweilen wie lange Geisterfinger in den Raum.

Auf unsicheren Beinen durchquert Edward das Zimmer und achtet darauf, nicht in die Scherben zu treten. Mit schweißnassen Händen tastet er nach der abgewetzten Kordelschlinge, die anscheinend schon seit vielen Jahren dazu verwendet wird, das geöffnete Fenster zu arretieren. Sie muss sich gelöst haben, als er schlief. Die wenigen Handgriffe wirken beruhigend, sorgen für Orientierung. Die Luft, die über die Dächer weht, ist angenehm kühl, und das beklemmende Angstgefühl im Magen lässt nach. Als er das Fenster schließlich neu gesichert hat, weiß er wieder, dass alles nur ein Albtraum war, dass er sich in Paris befindet und dass dies die Wohnung von Emilie ist.

Wohnung. Er schaut sich um. In Emilies Schilderungen klang der Raum größer. Das Einzelbett in der einen Ecke, die »Küche« in der anderen, wobei die elektrische Kochplatte und das Kissen mit Clownsgesicht gerade mal sechs Schritte voneinander entfernt sind. Edwards Mundwinkel zucken amüsiert über den bunten Kissenaufdruck, der ihm entgegengrinst. Typisch Emilie, diese Mischung aus alter Kinderbettwäsche und den über den ganzen Raum verteilten Zetteln und Papieren. Wie Schmetterlingsflügel flattern an der Wand neben dem Bett all die angehefteten Entwürfe, Postkarten und Vorlagen im Nachtwind.

Edward kehrt zum Bett zurück und sammelt die Glasscherben in einem Aschenbecher. Der Wind hat sich ein wenig gelegt, streicht nur noch sanft über das Bettzeug und haucht in die Wand voller Papiere, statt sie heftig zum Rascheln zu bringen. Edwards Atmung dagegen hat sich noch nicht beruhigt. Seiner Armbanduhr zufolge ist es kurz vor vier, aber an Schlaf ist jetzt nicht zu denken, dafür pumpt das Blut viel zu stark in ihm. Ihn hält jene Sinnesschärfe gepackt, die der panischen Angst folgt – und die auch noch die kleinste Zelle, jeden mikroskopisch feinen Blutfluss durch winzigste Kapillaren spürbar macht.

Der nächtliche Alb hat sich bloß seinem Blickfeld entzogen, trippelt ihm als schwarzer Vogel über den Nacken. Die Bilder sind immer dieselben. Seine Schwester, die ihn mit strahlendem Lächeln ansieht, unmittelbar vor dem Zusammenprall, und der Moment dehnt sich zu einer Ewigkeit, in der er nicht fähig ist, etwas zu tun, zu sprechen, sie aufzuhalten …

Erneut erfasst seine Hände ein heftiges Zittern, und die Scherben im Aschenbecher beginnen zu klirren. Edward lauscht angestrengt, hört aber keinen Laut aus den Nachbarwohnungen. Er hasst die Vorstellung, jemand könnte seinen Schrei gehört haben.

Beim Öffnen des Mülleimers schlagen ihm warme Verrottungsdämpfe entgegen. Verdorbenes Obst, Zigarettenstummel und der schale Mief von Bierresten, die am Boden alter Flaschen in der Hitze vergammeln. Auch das ist typisch Emilie. Die Berge schmutziger Wäsche hat er bei seiner Ankunft sofort in den Schrank und damit aus seinem Gedächtnis verbannt, und an den zusammengeknüllten Seidenschlüpfer neben dem Bett, der sich so knisternd kühl unter der Fußsohle anfühlte, versuchte er nicht mehr zu denken. Den Mülleimer jedoch hat er zu kontrollieren vergessen, und jetzt in der frühmorgendlichen Dunkelheit dreht ihm der süßliche Fäulnisgeruch den Magen um.

Er zieht Jeans, Turnschuhe und das verschwitzte T-Shirt von gestern an, das zwar acht Stunden Busfahrt und eine Kanalüberquerung auf dem brütend heißen Deck einer Fähre hinter sich hat, das aber immer noch besser riecht als der Müll, den er anschließend zubindet und am ausgestreckten Arm nach unten bringt.

Vier Uhr morgens. Edward steht vor seinem neuen Zuhause, in einer neuen Stadt und atmet tief die feuchte Sommerluft ein. Da er noch nicht weiß, wo die Mülltonnen sind, hat er seinen Müllbeutel auf der menschenleeren Straße abgestellt. Niemand beschwert sich. Es ist ja niemand da, der sich beschweren könnte. Nur lange Häuserreihen, flankiert von parkenden Autos.

Er muss an das Gespräch denken, das er mit Emilie geführt hat. Wie er barfuß auf dichtem Gras stand, der kräftige Heugeruch ihm in die Nase stieg und überall Pollen in der Sonne tanzten.

»Ich muss hier weg, Em.«

»Edward!« Den Ton schlug sie nur an, wenn sie in Rage geriet, und er wurde gewöhnlich begleitet vom erregten Schütteln ihrer dicht hängenden Armreifen. Er stellte sich vor, wie sie gegen das Telefon klimperten. Metall stieß gegen Metall, wurde von Metall übertragen, von ihrem Telefon zu seinem, von Wange zu Wange, über Hunderte von Meilen hinweg. »Nimm die Wohnung. Bitte. Das kümmert da keine Menschenseele, wahrscheinlich ist meine Tante sowieso nicht da. Ich sag der Gardienne, sie soll dich reinlassen, oder irgendein alter Voisin wird einen Schlüssel haben …«

Edward hatte keine Ahnung, was all die Worte bedeuteten, aber das strahlende Sonnenlicht, ihre überschwänglich drängende Stimme, ihr Lachen und die Gewissheit, mit der sie alles beschrieb, rissen ihn einfach mit, und so folgte er ihr in das Wolkenschloss. Er kaufte sich ein Ticket, und jetzt, keine drei Tage später, steht er an einem frühen Freitagmorgen mitten in einem Viertel von Paris.

Und es ist nicht das ihm bekannte Paris. Hier gibt es keinen berühmten Boulevard, keine touristischen Sehenswürdigkeiten. Der Fernbus hatte ihn am Vorabend auf der Rückseite eines Parkhauses abgesetzt, hinter einem Einkaufszentrum, gemeinsam mit kreischenden Backpacker-Teenagern, einem Pärchen orthodoxer Juden samt unglaublich winzigem Baby sowie einem verschrumpelten Alten, der sofort seinen Gehstock packte und entgegen der Richtung aller anderen davonmarschierte. Edward war der Menge gefolgt, die durch Hintertüren und entlang trister Gänge in die Metro hinabstieg, wo er wie die Menschen um ihn herum direkt vor der Kontrolleurin, die mit glasigen Augen ins Leere starrte, über das Drehkreuz sprang und einen Zug nahm, der erst an Stationsschildern vorbeiraste, deren Aufschrift ihm noch etwas sagte (Champs Elysées, Musée du Louvre), bevor alles unbekannt klang. Er entstieg der Metro und betrat Straßen, in denen abendlicher Hochbetrieb herrschte, steckte sich den Zettel mit der rasch hingekritzelten Wegbeschreibung in die verschwitzte Hand und begann, alten Frauen auszuweichen, die Einkaufstrolleys hinter sich herzogen, und Kids, die auf Rollern vorbeischossen. Gemüsehändler schwenkten ihm Tüten mit überreifen Kirschen entgegen, aus denen der blutrote Saft in fetten Tropfen auf das Pflaster klatschte, während vor einer Fleischerei zwei Männer das Pfannenblech des Rôtisserie-Grills auskippten und der Rinnstein nun von Fett und Seifenlauge triefte. Massige Frauen, von Kopf bis Fuß in grelle Neonmuster gehüllt, stapften an ihm vorbei. Ein Teenager fuhr mit dem Motorrad über den Bürgersteig, hinter sich seinen Freund, der auf den Fußrasten stand. Und Edward, dem Jungen vom Land, taumelten die Sinne.

Jetzt allerdings ist es still in den Straßen. Edward macht ein paar zögerliche Schritte, aber die Morgensonne wird noch eine Weile auf sich warten lassen, und auch das flaue Gefühl in seinem nervösen Magen hat sich noch nicht gelegt.

Er wendet sich gerade wieder dem Haus und seiner hohen türkisfarbenen Eingangstür zu, da hört er es – oder könnte schwören, es zu hören.

»Edward!«

Schnell und beschwörend geflüstert, dringt sein Name aus der leeren Straße an sein Ohr. Er sieht sich um, kann jedoch niemanden entdecken, hört nur das Blut rauschen, das ihm in den Kopf schießt. Rasch schlägt er die Tür zu, durchquert den Innenhof und stürmt im Laufschritt die Treppen in den fünften Stock hinauf.

Hätte das Adrenalin, das zum zweiten Mal in dieser Nacht durch Edwards Adern strömt, seine Pupillen geweitet und seine Augen ein wenig länger Ausschau halten lassen, vielleicht wären ihm die Umrisse des Mannes aufgefallen, der im Eingang gegenüber schläft. Oder nicht schläft, um genau zu sein, denn der Mann hat Edward interessiert beobachtet. Nachts ist das hier seine Straße. Auf seiner Schlafstätte dreht er eine alte Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger und blickt dabei konzentriert auf die Stelle, wo der junge Mann gestanden hat. Seine Augen glänzen hart im Schein des aufflammenden Streichholzes.

Und hätte Edward bei seinem Aufstieg in die Wohnungen sehen können, an denen er vorbeikommt, wäre ihm aufgefallen, dass selbst zu dieser frühen Stunde keineswegs alle seine Nachbarn schlafen. In dem halbherzigen und absolut vergeblichen Versuch, der stickigen Hitze in ihrem Schlafzimmer beizukommen,...


Cooper, Fran
Fran Cooper ist in London aufgewachsen. Sie studierte Englisch in Cambridge und Kunstgeschichte am Courtauld Institute of Art. Drei Jahre verbrachte sie in Paris, wo sie neben ihrer Doktorarbeit über Reisemaler im 18. Jahrhundert auch die ersten Teile ihres Debüts Die Leute von Nr. 37 schrieb. Die zwei Hälften eines Hauses ist ihr zweiter Roman.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.