E-Book, Deutsch, 332 Seiten
Cookson Ein Sturm über Savile House
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98690-877-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman | Eine englische Familie zwischen Aufstieg, Glanz und Fall
E-Book, Deutsch, 332 Seiten
ISBN: 978-3-98690-877-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Dame Catherine Ann Cookson (1906-1998) war eine britische Schriftstellerin. Mit über 100 Millionen verkauften Büchern gehörte sie zu den meistgelesenen und beliebtesten Romanautorinnen ihrer Zeit; viele ihrer Werke wurden für Theater und Film inszeniert. In ihren kraftvollen, fesselnden Schicksalsgeschichten schrieb sie vor allem über die nordenglische Arbeiterklasse, inspiriert von ihrer eigenen Jugend. Als uneheliches Kind wurde sie von ihren Großeltern aufgezogen, in dem Glauben, ihre Mutter sei tatsächlich ihre Schwester. Mit 13 Jahren verließ sie die Schule ohne Abschluss und arbeitete als Hausmädchen für wohlhabende Bürger sowie als Angestellte in einer Wäscherei. 1940 heiratete sie den Gymnasiallehrer Tom Cookson, mit dem sie zeitlebens zurückgezogen und bescheiden lebte. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie 1950; 43 Jahre später wurde sie von der Königin zur Dame of the British Empire ernannt und die Grafschaft South Tyneside nennt sich bis heute »Catherine Cookson Country«. Wenige Tage vor ihrem 92. Geburtstag starb sie als eine der wohlhabendsten Frauen Großbritanniens. Bei dotbooks veröffentlichte Catherine Cookson ihre englischen Familiensagas »Die Thorntons - Sturm über Elmholm House«, »Die Lawsons - Anbruch einer neuen Zeit«, »Die Emmersons - Tage der Entscheidung«, »Die Coulsons - Schatten über Wearcill House« und »Die Masons - Schicksalsjahre einer Familie«. Bei dotbooks erscheinen außerdem ihre Schicksalsromane »Der Himmel über Tollet's Ridge«, »Das Erbe von Brampton Hill«, »Sturmwolken über dem River Tyne«, »Sturm über Savile House« und »Der Hutsalon am Willington Place«.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1 ? Sam
Maggie Gallacher starrte mit großen Augen auf die Karte in ihrer Hand. Es war eine Karte mit Goldrand. Die ineinander verschlungenen Initialen in der rechten Ecke vermochte sie nicht zu entziffern, aber sie konnte die Schrift lesen ? die Worte leuchteten auf dem Papier, als seien sie mit reinstem Goldstaub gedruckt, und für sie bedeutete jedes Wort eine Stufe hinauf zu der gesellschaftlichen Anerkennung, die Rodney an ihrem Hochzeitstag vor neunundzwanzig Jahren zu erringen begonnen hatte. Diese Karte, dieses Stückchen Pappe, der letzte Schritt auf dem Weg nach oben, jetzt hatten sie es geschafft. Und sie waren nicht einmal außer Atem, bei Gott, nein, sondern saßen gemütlich in Savile House, in der besten Gegend von Fellburn; nicht mehr in Brampton Hill, sondern in dem feinen Viertel, das allgemein The Rise hieß. Saßen gemütlich in zwölf Zimmern mit einem Garten von zwanzig Morgen, in dem sogar ein Bach floß. Und ihr Haus war möbliert, wie es ihnen erst einmal einer nachmachen sollte. Aber das war nicht alles, nein ? der Name Gallacher hatte in der Stadt einen Klang wie eine Kirchenglocke. Hatten nicht Gallacher & Sons die neue Schule gebaut und die Siedlungen von Rollingdon und Morley? Und hatten es nicht ihre Kinder alle zu etwas gebracht? Wenigstens fünf. Und dem sechsten, das jetzt neben ihr saß, dem war ein Glorienschein sicher.
Maggie ergriff die Hand ihrer jüngsten Tochter, und Elizabeth stieß ihre Mutter mit dem Ellbogen in die Seite, und sie lachten beide, wie nur die Gallachers lachen konnten, gründlich, wie alles, was die Gallachers taten, aus Leibeskräften, markerschütternd und ansteckend. Alle Gallachers lachten so, ausgenommen Paul. Aber Paul, ihr jüngster Sohn, machte in allem eine Ausnahme, er ähnelte niemandem in der Familie. Doch Maggie liebte ihn, so wie er war.
»Soll ich sie anrufen?« Elizabeth wischte sich eine Lachträne von ihren langen schwarzen Wimpern. Maggie blinzelte sie an, als ob sie sagen wollte: Worauf wartest du noch? Und Elizabeth sprang von der Couch und lief zum Telefon, das auf der Marmorplatte einer nachgemachten Louis-quinze-Kommode stand, und setzte sich auf den vergoldeten Stuhl davor. Ehe sie den Hörer abnahm, fragte sie ihre Mutter: »Sam und Arlette zuerst?«
Maggie nickte.
Sam war ihr Ältester. Es war ganz selbstverständlich, daß er es als erster zu hören bekam. Doch Sams Reaktion auf die Neuigkeit interessierte sie weniger als die seiner Frau. Mütter sind im allgemeinen eifersüchtig auf die Frauen ihrer Söhne, besonders auf die Frau ihres Erstgeborenen, aber Maggie war nie auf Arlette eifersüchtig gewesen. Es war ihr immer sonderbar vorgekommen, daß sie für Sams Frau solche Sympathie empfand; denn sie und Arlette waren in Erziehung, Denken und Lebensauffassung gänzlich verschieden, doch auf eine merkwürdige Weise stand sie ihr nahe. Maggie fühlte, daß sie ihre Schwiegertochter verstand, während die Kinder geteilter Meinung über ihre Schwägerin waren und deren Zurückhaltung teils als Snobismus, teils als Herablassung kritisierten. Nur Elizabeth mit ihrer jugendlichen Begeisterungsfähigkeit fand Arlette »einfach Spitze« und damit stimmte Maggie überein. Sie hatte es nie laut gesagt, nicht einmal zu Rod, aber immer gedacht, daß ihr Sam verdammtes Glück gehabt hatte, so eine wie Arlette zu kriegen. Sicher war er groß, und gut sah er aus, und im Geschäft war er immer auf Draht. Aber er war patzig. Ja, das war das richtige Wort: patzig. Und dann gab es da noch etwas bei ihrem Sohn, etwas, wohinter sie noch nicht gekommen war … Doch jetzt sprach Lizzie mit ihm. »Hallo! Bist du’s, Sam?«
»Wen hast du denn erwartet? Natürlich bin ich es. Was ist los? Du bist ja ganz außer Puste.«
»Du wirst es nicht glauben, was ich dir jetzt sage … Es betrifft Mama und Papa.«
»Erzähl mir bloß nicht, daß sie heiraten wollen.«
»Ach, Sam! Das sag’ ich ihr, verlaß dich drauf.«
»Tu’s doch. Also, was ist passiert … Sie kriegt doch nicht etwa noch ein Kind?«
»Aber Sam!«
»Na dann … Jetzt weiß ich’s ? sie lernt Französisch, um Arlette einen Gefallen zu tun.«
»Sei nicht so sarkastisch, Sam Gallacher. Glaubst du etwa, sie könnte es nicht lernen?«
»Ich weiß, daß sie es könnte; sie könnte alles schaffen, was sie will, unsere dicke alte Mutti.«
»Also, jetzt hör zu. Spitz deine Ohren. Papa und Mama haben eine Einladung zu einer musikalischen Soiree. Rate, von wem.«
»Von der Königin natürlich.«
»Nein, aber du bist nahe dran. Kohle.«
Es entstand eine Pause, ehe Sam antwortete. »Was du nicht sagst! Nun befreie mich endlich aus meiner quälenden Ungewißheit.«
»Also, ich halte eine wunderschöne Karte in meiner Hand, auf der steht eine Einladung von … vom HERZOG VON MOORSHIRE!… Bist du noch da?… Bist du noch da, Sam?«
»Ja. Ja, ich bin noch da. Stimmt das wirklich, was du da sagst ? vom Herzog von Moorshire?«
»Ja, tatsächlich.« Wieder schien die Leitung tot. Dann kam Sams Stimme zurück, ziemlich tonlos, als er sagte: »Alle Achtung! Wir steigen auf, nicht wahr?«
Elizabeth blickte ihre Mutter an. Sie wollte zu Sam sagen: ›Du scheinst nicht besonders begeistert zu sein‹, doch sie sagte: »Ist Arlette da?«
»Sie badet gerade.«
»Glaubst du, daß ihr später herüberkommen könnt? Ich rufe alle an.«
»Ja, ja. Wir kommen vorbei. Das wird eine rührende Familienfeier geben.«
»Ach, Sam! Tschüs also.«
»Tschüs.«
Sam Gallacher legte den Hörer auf und starrte ihn an; dann verschob er den Unterkiefer und kaute an seinem Mundwinkel. Er ging durch die Diele und das große Wohnzimmer, um den L-förmigen Eßtisch herum und in einen kleineren Korridor, an dem Badezimmer, Toilette, Küche und Waschküche lagen. An der Tür des Badezimmers blieb er stehen, hörte das Wasser aus der Wanne laufen und drückte auf die Klinke. Die Tür war verschlossen wie immer. Er wartete und lauschte auf die Geräusche drinnen, stellte sich vor, wie sie vor dem Spiegel stand, das Gesicht kühl, ausdruckslos, bis sie merkte, daß er im Hause war. Sie würde ihren Morgenmantel anhaben. O ja, sie blieb niemals lange nackt, nicht einmal im Badezimmer. Er hatte ihr einmal vorgeschlagen, im Schlüpfer zu baden; ganz im Badezimmer zu wohnen und darin zu übernachten, weil sie so versessen aufs Baden war. Sie hatte es ihm damals zurückgegeben und ihm erklärt, warum sie soviel badete, und er hatte ihr auf den Mund geschlagen. Am selben Abend wurde plötzlich ihre Tante krank, und sie mußte nach Devonshire fahren. Es lag ihr fast ebenso daran wie ihm, den Schein zu wahren, und er wußte warum, und der Grund brachte ihn noch mehr in Rage. Und dieser Grund war nun beim Herzog eingeladen worden. Allmächtiger Gott! Seine Mutter beim Herzog! Die Badezimmertür ging auf. Er sah seine Frau herauskommen, beobachtete, wie ihre lange Hand den Morgenrock fester zusammenzog.
»Ich wußte nicht, daß du zu Hause warst.« Sie ging an ihm vorbei durch das Eßzimmer und eine der gegenüberliegenden Türen. Schweigend folgte er ihr ins Schlafzimmer und sah, wie sie sich an den Frisiertisch setzte und sich das Haar zu bürsten begann. Sie würde sich nicht anziehen, das wußte er, solange er im Zimmer war. Er stellte sich hinter sie und betrachtete ihr Gesicht im Spiegel; auch ohne Make-up und noch feuchtschimmernd vom Bade, das Haar glatt aus der Stirn gestrichen, war sie schön, eine ernste, starre, leblose Schönheit.
Als er ihr die Hand auf die Schulter legte und ihre Haut unter seinen Fingern zusammenzucken fühlte, bäumte sich etwas in ihm auf, doch er mahnte sich: »Vorsicht, Vorsicht«, und so sagte er lächelnd, während er ihr im Spiegel in die Augen blickte: »Ich habe eine Neuigkeit für dich.«
Ihre Augen blieben unbewegt, abwartend.
»Du wirst es nicht erraten, nicht in tausend Jahren. Hast du nicht das Telefon gehört?«
Sie wartete noch immer.
»Sie haben eine Einladung vom Herzog von Moorshire zu einer musikalischen Soiree. Ist es zu glauben? Rod und Maggie.«
Ihre Augen weiteten sich ein wenig, der Anflug eines Lächelns trat auf ihre Lippen, und ihre Stimme klang eine Spur bewegter, als sie sagte: »Das ist schön, wirklich wundervoll. Ich freue mich für sie.«
Er zog sich einen Stuhl heran, stellte ihn dicht an ihren Hocker, mit dem Rücken zum Frisiertisch, und als er sich darauf niederließ, sich zur Seite beugte und ihr Spiegelbild verdeckte, konnte er ihr beinahe ins Gesicht sehen. Er sagte, eifrig nickend: »Ja, wirklich, nicht wahr? Nun, ich kann verstehen, daß er die Einladung bekommen hat, und er wird sich der Lage gewachsen zeigen, daran ist kein Zweifel, aber Mama … sie und der Herzog ? kannst du dir das vorstellen?«
»Ja, ich kann es mir vorstellen. Du traust ihr nie etwas Richtiges zu, weil du …« Sie schluckte den Rest hinunter, schloß die Augen und wollte aufstehen. Doch er hielt sie fest und sagte: »Komisch, nicht wahr? Ich möchte wetten, es kommt in zehn Millionen Familien nur einmal vor, daß der Sohn gegen seine Mutter ist und die Schwiegertochter für sie. Und was für eine Schwiegertochter, wie? Und was für eine Mutter. Sieh einer an! Sag mir die Wahrheit: warum hast du sie gern?«
Sie schüttelte den Kopf, als wolle sie sich von einem bösen Traum befreien, und murmelte: »Hör auf. Hör damit auf. Ich dachte, damit sind wir längst fertig. Ich habe es dir doch gesagt.«
»Dann sag’s mir noch einmal; aber erzähl mir nur nicht, der Grund sei der, daß du mit sechs Jahren deine Mutter verlorst und Mama dich gleich mit offenen Armen aufnahm. Denn, wie ich dir schon ein paarmal gesagt habe, zwischen meiner Mutter und deiner ist soviel Ähnlichkeit wie zwischen Kitty...




