E-Book, Deutsch, 428 Seiten
Cookson Das Erbe von Brampton Hill
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98690-958-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman | »Catherine Cookson ist eine Königin in ihrem eigenen Reich.« (The Times)
E-Book, Deutsch, 428 Seiten
ISBN: 978-3-98690-958-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Dame Catherine Ann Cookson (1906-1998) war eine britische Schriftstellerin. Mit über 100 Millionen verkauften Büchern gehörte sie zu den meistgelesenen und beliebtesten Romanautorinnen ihrer Zeit; viele ihrer Werke wurden für Theater und Film inszeniert. In ihren kraftvollen, fesselnden Schicksalsgeschichten schrieb sie vor allem über die nordenglische Arbeiterklasse, inspiriert von ihrer eigenen Jugend. Als uneheliches Kind wurde sie von ihren Großeltern aufgezogen, in dem Glauben, ihre Mutter sei tatsächlich ihre Schwester. Mit 13 Jahren verließ sie die Schule ohne Abschluss und arbeitete als Hausmädchen für wohlhabende Bürger sowie als Angestellte in einer Wäscherei. 1940 heiratete sie den Gymnasiallehrer Tom Cookson, mit dem sie zeitlebens zurückgezogen und bescheiden lebte. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie 1950; 43 Jahre später wurde sie von der Königin zur Dame of the British Empire ernannt und die Grafschaft South Tyneside nennt sich bis heute »Catherine Cookson Country«. Wenige Tage vor ihrem 92. Geburtstag starb sie als eine der wohlhabendsten Frauen Großbritanniens. Bei dotbooks veröffentlichte Catherine Cookson ihre englischen Familiensagas »Die Thorntons - Sturm über Elmholm House«, »Die Lawsons - Anbruch einer neuen Zeit«, »Die Emmersons - Tage der Entscheidung«, »Die Coulsons - Schatten über Wearcill House« und »Die Masons - Schicksalsjahre einer Familie«. Bei dotbooks erscheinen außerdem ihre Schicksalsromane »Der Himmel über Tollet's Ridge«, »Das Erbe von Brampton Hill«, »Sturmwolken über dem River Tyne«, »Sturm über Savile House« und »Der Hutsalon am Willington Place«.
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Kapitel 1
Die vier Arbeiter, die aus dem kleinen Fenster der Werkstatt auf die uniformierten Klosterschülerinnen hinuntergrinsten, die die Wegabkürzung zwischen dem Gelände der Maschinenfabrik Affleck & Tate und dem Sportplatz benützten, bildeten eine dicht ineinander verkeilte Gruppe.
»Da is’ ja heute ‚ne Neue dabei! Die Kleine hab’ ich noch nie gesehn.«
»Das ist doch die Tochter vom obersten Boß.«
»Ziehst mich wohl auf, Mann!«
»Wo denkste hin. Sie ist es tatsächlich. Normalerweise wird sie mit dem Bentley vom Kloster abgeholt.«
»Deshalb existieren wir für sie überhaupt nicht.«
»Wetten, daß sie heraufschielt, wenn wir weder was sagen noch pfeifen, wenn sie direkt an uns vorbeikommt?«
»Also bitte, was hab’ ich gesagt!«
Als eines der vier Mädchen zu den Männern emporlugte, schrie der Größte von ihnen: »Wie werdet ihr erst aussehen, wenn ihr ausgewachsen seid, wo ihr jetzt schon der reinste Zucker seid, frag ich euch? Laßt es mich wissen, wenn’s soweit ist, dann komm ich hinunter und vernasch euch mit Haut und Haar.« Als eines der Mädchen eine unwillige Kopfbewegung machte, rief der Mann nur noch lauter: »Wie wär’s vorerst mal mit ‚nem bißchen Privatunterricht, hm?«
»Kümmert euch nicht um Privatunterricht, seht lieber zu, daß ihr euer Soll erfüllt!« donnerte es hinter ihnen. Sofort zogen die Männer die Köpfe aus dem Fenster zurück, und drei trabten wortlos an ihre Werkbänke, während sich der vierte, der die größte Lippe riskiert hatte, sich mit den schmierigen Händen durchs fette Haar fuhr und gleichgültig knurrte: »Ach was, Wichtigtuer.«
»Keine Unverschämtheiten, Taggart! Bei mir brauchst du nicht den Kessen zu spielen. Geh gefälligst an deinen Platz zurück, ehe ich dir Beine mache.«
Als der Arbeiter murrend gehorchte, höhnte er im Vorbeigehen: »In Ordnung, Chef?« Und fügte, zur Seite blickend, hinzu: »Oder muß man zu dir schon Mr. Cotton sagen!«
Angus Cotton fluchte leise vor sich hin, trat ans Fenster und schloß es. Sein Blick fiel auf die gesenkten Köpfe der zehn Arbeiter, über die er die Aufsicht hatte. Dann ging er ans Ende der Werkstatt, beugte sich über die Arbeitsplatte, auf der ein großer Bogen Papier, Reißschiene und Zirkel lagen, und fing zähneknirschend zu rechnen und zu zeichnen an.
Ungefähr fünf Minuten später trug er die Faustskizze zur Werkbank rechter Hand, vor der ein älterer Mann stand. »Kennst du dich darauf aus, Danny?« fragte er. »Oder muß ich es erst ins Zeichenbüro bringen, damit sie’s aufmöbeln?«
Danny Füller besah sich den Entwurf, dann zuckte er nur die Achseln und meinte: »Ich werd’s versuchen.« Seine lässige Antwort besagte, daß seiner Hände Arbeit genauso exakt sein würde wie eine der Maschinen. Während er die Skizze studierte, fügte er halblaut hinzu: »Es wird Schwierigkeiten geben, wenn du diesem Großmaul nicht den Marsch bläst. Tag für Tag reißen sie ihre Witze über die Mädels. Wenn die daheim ausplappern, was unsere Jungs ihnen beim Vorbeigehen so zurufen, gibt’s Stunk. Taggart fliegt noch eines Tages, sag’ ich dir. Ich an deiner Stelle würd’ mich um die Mittagszeit nie aus der Werkstatt herausrühren, denn die treiben’s immer ärger, wenn die jungen Dinger da unten vorbeikommen. Das war ja noch gar nichts heute!«
»Ich kann mir nicht denken, daß diese Tausendschönchen noch nie was von dem gehört haben, was unsere Jungs so von sich geben.«
»Vergiß nicht, daß sie in die Klosterschule gehen, mein Lieber.«
Angus Cotton blickte den Alten belustigt an. »Und du glaubst, das einen dergleichen heutzutage vor irgendwas beschützt? Die werden doch allesamt vom Fernsehen erzogen!«
»Ich glaub’ kaum, daß sie daheim viel fernsehen dürfen.«
Angus stieß den Alten an und sagte: »Weißt du, was ich denke? Daß du fünfzig Jahre zurück bist, Danny. Ich wette mit dir um was du willst: Wenn du den Mädels einmal zuhören könntest, wenn sie sich unbelauscht glauben, würden dir deine letzten drei Haare zu Berge stehen.« Er grinste ihm zu, ehe er an seinen Arbeitsplatz zurückkehrte.
Aber während er arbeitete, dachte er: Er hat völlig recht, was Taggart anlangt. Dem muß man, wenn’s nicht anders geht, den Mund zunähen; falls er ihn noch weiter aufreißt, ist es aus mit unserem Frieden… Dennoch war ihm klar, daß die Jungs immer wieder ihre Unverschämtheiten vom Stapel lassen würden, wenn unten Mädchen vorbeikamen, und daß die Mädchen das genau wußten, ja es darauf anlegten. Sonst würden sie die Wegabkürzung ja gar nicht erst einschlagen.
Es war eine halbe Stunde später, als Mr. Wilton durch die Werkstatt stapfte und in ungemütlichem Ton rief: »Cotton! He, Cotton!«
»Tja, Sie wünschen?« Angus kroch unter seiner Maschine hervor, richtete sich auf, wischte sich die Hände an einem Lappen ab und blickte dem Mann, der ihn gerufen hatte, ins wutverzerrte Gesicht. Mr. Wiltons Gesicht war meistens wutverzerrt, das war allgemein bekannt. Mr. Jonathan Ratcliffe mochte der Direktor sein, er jedoch war sein Stellvertreter, wenn es um Arbeiter oder Angestellte ging. Also hatte sich alles nach ihm zu richten. Aber Angus ließ weder bei Mr. Wilton noch bei sonst jemandem auch nur den geringsten Zweifel darüber aufkommen, daß er nicht einzuschüchtern war. Also wiederholte er daher nur ziemlich aggressiv: »Sie wünschen?«
Mr. Wilton bereitete es offensichtlich Schwierigkeiten, die richtigen Worte zu finden. »Was ist hier oben los?« Er schüttelte den Kopf, schluckte heftig und fügte hinzu: »Sie können diese Lümmel nicht unter Kontrolle halten, wie?«
»Diese was …?« Angus sträubte sich dagegen, dieses Wort zu wiederholen. Es gab nur einen Lümmel unter ihnen, aber dennoch verwahrte er sich strikt dagegen, daß er oder einer seiner Kollegen als solcher bezeichnet wurde. Er sagte förmlich: »Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.«
»Sie werden es nur zu bald wissen, mein Lieber. Wenn nämlich der Chef persönlich mit Ihnen abrechnen wird. Er ist wütend, weil er innerhalb von zehn Minuten von zwei Seiten angerufen wurde. Eltern von Klosterschülerinnen haben energisch dagegen protestiert, daß ihren Töchtern jedesmal Zoten nachgerufen werden, wenn sie die Abkürzung benutzen.«
»Von Zoten ist mir nichts bekannt«, sagte Angus. »Witze von mir aus. Witze reißen die Jungs manchmal.«
»Witze? Sie scheinen nicht zu wissen, wovon Sie reden, Mann! Es handelt sich um Klosterschülerinnen. Und falls Sie’s immer noch nicht kapiert haben: eine davon ist zufällig die Tochter von Mr. Ratcliffe.«
Angus spürte, wie er erstarrte. Er hatte Van gar nicht bemerkt von hier oben; jedenfalls war er nicht sicher gewesen. Schließlich schlug sie nie diesen Weg ein.
»Besser, Sie gehen gleich hinüber. Und zwar schleunigst. Er will mit Ihnen sprechen. Wenn es nach mir ginge, müßte hier einmal tüchtig durchgegriffen werden.« Angus sah Mr. Wilton kühl an. Er mochte Wilton ebensowenig wie Ratcliffe. Nur daß er eben mit Wilton öfter zu tun hatte. Betont langsam schlüpfte er aus dem Arbeitsmantel, hängte ihn an den Nagel, sah dem blassen Mann mit den verkniffenen Zügen ruhig ins Gesicht und sagte: »Es gibt heutzutage eine Menge Arbeitsplätze, wo durchgegriffen gehörte, Mr. Wilton. Das sollten Sie nicht vergessen.«
Danny Füller kicherte sogleich hinter seiner Werkbank los, aber die beiden Männer reagierten gar nicht darauf, sondern gingen rasch nach unten, überquerten den Parkplatz und betraten das Hauptgebäude, in dem sich die Büros befanden.
Angus fuhr mit dem Lift in das dritte Stockwerk, betrat den holzgetäfelten Gang und machte vor der Tür mit der Aufschrift »Jonathan Ratcliffe« halt. Er nahm sich jedoch nicht die Mühe, anzuklopfen, weil er genau wußte, daß er ja doch erst an der Sekretärin vorbeizugehen hatte, ehe er ins »Allerheiligste« gelangte.
Miß Morley sah auf. Sie fragte den stämmigen Arbeiter mit dem zottigen Haar erst gar nicht, was er wollte, sie wußte es. »Warten Sie einen Moment«, befahl sie hoheitsvoll.
Als sie auf die Tür zum Chefbüro zuging, kam jedoch Mr. Wilton ins Zimmer gekeucht und sagte sofort: »Das erledige ich selbst.« Damit verschwand er wieselflink hinter der Tür. Miß Morley wandte sich indigniert um, wobei sie Angus Cotton mit einem durchbohrenden Blick bedachte, der klar und deutlich zum Ausdruck brachte, was sie von ihm und seinesgleichen hielt: Gräßliches Pack, alle miteinander…
Angus hatte gerade eine passende Bemerkung auf der Zunge, als die Tür aufgerissen wurde und Mr. Wilton scharfen Tones sagte: »Kommen Sie ‚rein, Cotton.« Angus wartete einige Sekunden, ehe er gemessenen Schrittes an Mr. Wilton vorbeiging, wobei er ihn scharf fixierte, ehe er seine Aufmerksamkeit auf den Mann hinter dem am äußersten Ende des langgestreckten Raumes befindlichen Schreibtisch richtete.
Obwohl es erst das zweitemal war, daß Angus das Büro seines Chefs betrat, war er überzeugt davon, mehr über diesen Mann zu wissen als irgendein anderer der tausend Angestellten der Firma.
Er war acht Jahre alt gewesen, als seine Mutter als Zugehfrau im Hause der Ratcliffes zu arbeiten begonnen hatte. Das war alles gewesen, was die Ratcliffes sich damals leisten konnten, denn wenn Jonathan Ratcliffe auch technischer Zeichner war und aufgrund seiner Entwürfe gut verdiente, stellten er und seine Frau derart große Ansprüche, daß immer Ebbe in der Kasse herrschte. Aber, wie seine Mutter zu sagen pflegte, sie wußten genau, was sie taten, von allem Anfang an. Denn die Gäste, die sie bewirteten, waren stets einflußreiche Leute. Und das machte sich bezahlt, na und ob! Denn heute gehörte Mr. Ratcliffe zu denjenigen, die den Ton in...




