E-Book, Deutsch, 200 Seiten
Coloma Gottes Hand
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-0797-5
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 200 Seiten
ISBN: 978-3-8496-0797-5
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Luis Coloma Roldán war ein spanischer Schriftsteller, Journalist und Jesuit, dessen Werk dem spanischen Realismus zugerechnet wird. Der Sammelband 'Gottes Hand' bietet folgende Erzählungen: Gottes Hand. Die Maus. Der blaue Saal Der kleine Pilatus Männer von ehemals. Der Hirschjäger. Karfreitag. Die Gottesstreiter. Kain. Gottergebenheit. 'Er war ein Heiliger'
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Pilatus aber gedachte dem Volke genug zu
tun... und überantwortete Jesum...
St. Markus. Kapitel 15, 15.
Was für ein hübscher Bursche Gabriel doch war!... Vor dem Spiegel stehend zog er sich einen geraden Scheitel mit einem Hornkamme und gab sich die größte Mühe, sein etwas rötliches Haar, das sich über seiner Stirne wölbte, in jene künstlichen Locken zu legen, mit denen der heidnische Kunstsinn der Griechen die Gestalten des Adonis und Apollo schmückte. Eitles Bemühen: die Natur siegte stets über die Kunst, und jene rebellischen Locken erhoben und kräuselten sich, als wenn sie sich darauf versessen hatten, eine Art Kissen zu bilden, das sich über jene sechzehnjährige Stirne legte, die so glatt war, als hätte niemals eine trübe Erinnerung sie gefurcht, so rein, als hätte auch niemals ein Schatten von Gewissensbissen sie getrübt. Armer Gabriel – wie hübsch er war!....
Wie fröhlich leuchteten seine roten Lippen, als lachten sie die ganze Welt an, gleich als ob sie sich nur öffnen könnten, um den Namen des Bruders oder der Mutter auszusprechen! Wie rein der Blick seiner großen braunen Augen, die sich weit auftaten wie die Pforten eines Tempels, der dahinter sein Allerheiligstes, diese reine unschuldige Seele sehen ließ, die noch keine Dornen an den Blumen, noch keinen Flecken an der Sonnenscheibe entdeckte ... Armer Gabriel ... wie hübsch war er doch!
Endlich triumphierte die Natur über die Kunst, und mit einer ungeduldigen Gebärde warf Gabriel den Kamm auf die Marmorplatte seines Tisches; er drehte mit den Händen an den Härchen seines keimenden Schnurrbartes, ... lachte laut auf, machte einen kurzen Sprung und ging zu einer anderen, ebenso wichtigen Arbeit, dem Binden der Krawatte über ... Und was für eine Krawatte! Auf seinem Bette lag jener kostbare Gegenstand, der noch niemals gebraucht war, von feinster, himmelblauer Seide mit kleinen weißen Sternchen. Gabriel ergriff die Krawatte liebevoll, mit Respekt, fast mit Verehrung, und indem er sie um seinen Hals legte, schickte er sich an, den Knoten zu schlingen ... Die Krawatte, die die Farben der Unbefleckten trug und ein Geschenk seiner Mutter war gefiel ihm außerordentlich ...
Rasch war der Knoten geschlungen, mit jener Leichtigkeit, jenem unnachahmlichen Schick, der der natürlichen, echten Eleganz die ein Dichter die Eleganz der Grazien nennt, eigen ist. Gabriel betrachtete sich im Spiegel und war zufrieden. Die etwas zurückgebogenen Ecken seines Kragens ließen den männlichen und doch weichen Hals sehen, dessen Weiß durch die blaue Seide seiner Krawatte noch zarter erschien.
Wenn mich meine Mutter so sehen könnte, dachte er errötend – ohne zu wissen weshalb – würde sie sagen: Wie schön! ... Und wenn meine Kameraden aus dem Kolleg mich erblickten, würden auch sie sagen: Wie elegant!
Und ohne daß seine Eigenliebe ihm damals andere Gedanken suggerierte, noch andere Ideen in ihm erweckte, drehte Gabriel sich auf dem Hacken um und sang, indem er sich die Weste anzog:
O Maria, meine Mutter,
O Trost der Sterblichen usw.
Er war glücklich! ... Er sah sich schon nach Ablegung des Bakkalaureats als Student der Universität, frei in der großen Stadt Sevilla, absoluter Herrscher in einem Hotelzimmer, im Besitz eines Kapitals von fünfundzwanzig Talern, Herr aller phantastischen Jünglingsträume, König aller rosenfarbigen Illusionen, Eroberer aller goldenen Horizonte und frei ... frei vor allen Dingen – um ausgehen zu können, wann ei wollte, und heimzukommen, wann es ihm beliebte! an allen Schaufenstern der Straße stehen zu bleiben, alle Abende Sorbet in einem eleganten Café zu schlürfen, auf dem Wege de las Delicias sich zu Pferde zu tummeln, in einem kleinen Kahn von Triano nach San Juan de Azualfarache zu rudern, den Messen in der Kathedrale, der Parade des Regiments und – ach, unsagbares Glück! – den Stierkämpfen beizuwohnen ... Und Gabriels Wünsche stiegen höher und höher wie der von seinen Ketten befreite Adler, und beschrieben ungeheure Kreise in jener bläulichen Ebene seiner Phantasie, ohne ein verborgenes Darüberhinaus zu vermuten, das den Wahlspruch seiner Unabhängigkeit: "Freiheit ohne Furcht und Genuß ohne Reue", zerschmettern könnte. Denn die ganze große Zahl von Vergnügungen, dieses uferlose Meer von Genüssen wollte Gabriel hinnehmen, ohne daß sein Verhältnis zu Gott dadurch eine Einbuße erlitt, vor dem er eine heiligere Scheu in seiner Brust zu empfinden glaubte als je; ohne auch nur im geringsten das Mißfallen seiner Mutter zu erregen, deren Glück auch sein Glück war, ohne im geringsten gegen die Ehre seines Namens zu verstoßen, den er selbst so geehrt hatte durch Prädikate der Auszeichnung, durch Prämien für gutes Betragen, durch den Kranz, der nach einstimmiger Wahl die ganzen sechs Jahre, die er im Jesuitenkolleg zugebracht, seine Stirn geschmückt hatte ... Es war unmöglich, daß die Universität den Gabriel, der so oft von den Patres des Kollegs mit dem stolzen Namen eines "Augustus" bezeichnet worden war, in einen "Augustulus" verwandelte.
Mit welch tiefer aufrichtiger Dankbarkeit gedachte Gabriel jener guten Patres, die ihn so sehr geliebt und sich seines Seelenheils so angenommen hatten! Wie gut hatte er seine Zeit nach dem von ihnen empfangenen Lehren, zwischen Studien, Andachtsübungen und Zerstreuungen einzuteilen gewußt! Mit welch aufrichtiger Einfachheit sprach er alle Abend kniend vor dem Bilde der Unbefleckten, deren Kongregant er gewesen war und bis zu seinem Tode zu sein hoffte, die Worte: "Siehst du, meine Mutter, wie gut ich bin ... und daß der Pater Velasco sich irrt?"
Denn in der Anstalt war ein boshafter Pater, Velasco, der für Gabriel der Schatten war, der die schwarzen Umrisse der Enttäuschungen zeichnet; die Stimme des Sklaven, der dem römischen Triumphator mitten in seinen Triumphen unaufhörlich die Worte zurief "Bedenke, daß du sterblich bist!..."
Er rief ihn eines Tages in seiner Eigenschaft als Beichtvater der Anstalt in sein Zimmer und sagte, während er ihm eine Hand auf seine Schulter legte, mit zärtlicher Traurigkeit:
"Gabriel ... du bist gut und folgsam ..."
Und Gabriels hübsche Stirne erhob sich stolz und bedeckte sich mit jener Purpurröte, die unter Luzifers Stirne erglühte, als er das erstenmal mit sich selbst zufrieden war. Doch Pater Velasco hatte ihm noch mehr zu sagen.
"Aber deine Güte," fuhr er fort, "ist Hochmut und deine Folgsamkeit hinfällig ... Dein Hochmut wird dich in Gefahr bringen und deine Schwäche wird dich darin untergehen lassen!... Fliehe die bösen Feinde, mein Sohn! Denn das Ansehen der Menschen wird dein Verderben sein ... Gabriel, denke an Pontius Pilatus ..."
Und dieses Mal senkte Gabriel die gerötete Stirne, die mit jener anderen Purpurröte übergossen war, die einst dem stolzen Engel ins Antlitz stieg, als er seine Gedanken verraten sah. Er biß sich auf die Lippen, bis das Blut hervordrang, und schritt aus Pater Velascos Zimmer mit dem festen Entschluß, niemals dahin zurückzukehren. Der Pater aber folgte ihm überallhin und ging nie an ihm vorüber, ohne ihm zuzuflüstern!
"Denke an Pilatus!"
Eines Tages gab Gabriel ihm erregt eine schroffe, respektlose Antwort: Pater Velasco aber blickte ihn nur von oben bis unten an und setzte, ohne ein Wort zu sprechen, seinen Weg fort. Es erschien Gabriel, als hätte er die Augen voller Tränen und er machte zwei Schritte auf ihn zu, um ihn um Verzeihung zu bitten; indessen hielt ihn seine verletzte Eitelkeit doch davon zurück.
"Nein ... Donnerwetter." murmelte er und trat heftig mit dem Fuße auf, "er soll sehen, daß der kleine Pilatus standhaft bleiben kann."
An jenem Abend konnte Gabriel keinen Schlaf finden. Nach und nach wurden die Lichter in den Schlafsälen ausgelöscht. Diese waren jetzt nur noch durch eine einzige kleine Lampe erhellt, bei deren dürftigem Schein er schützend die weißen Flügel des Engels der Scham, der mit einem Finger auf den Lippen Schweigen gebietest, zu unterscheiden glaubte ... Plötzlich hörte er, wie die Türe seines Schlafgemaches vorsichtig geöffnet wurde, er wandte die Augen ab und stellte sich schlafend. Dann sah er, wie ein Schatten sich über ihn beugte, zuerst fühlte er, daß man ihn vorsichtig zudeckte, und daß dann eine Hand das Zeichen des Kreuzes über seiner Stirn machte ... Da öffnete Gabriel halb die Augen und sah Pater Velasco neben sich ...
Ein heftiges Schluchzen stieg ihm bis in die Kehle und er wollte aufspringen, niederknien und ihn um Verzeihung bitten. Aber wieder legte sich der Hochmut auf ihn wie eine eiserne Stange, und er schloß die Augen und tat, als ob er schliefe. Pater Velasco entfernte sich seufzend.
Seit dieser Zeit nannte der kluge Pater Gabriel nie mehr "kleiner Pilatus". Diesen seinerseits beschämte wieder die Nähe des Paters und erst an dem Tage, als er die Anstalt für immer verlassen sollte, wagte er sich in sein Zimmer. Pater Velasco empfing ihn mit jener milden und ernsten Freundlichkeit, die sein ganzes Wesen charakterisierte, umarmte ihn zärtlich und übergab ihm zum Andenken eine große Photographie in einem Kuvert, das er zweifellos vorher für ihn zurückgelegt hatte.
Gabriel riß das Papier ab, als er das Zimmer kaum verlassen hatte, und...




