E-Book, Deutsch, 200 Seiten
Coloane Feuerland
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-293-30323-2
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählungen
E-Book, Deutsch, 200 Seiten
ISBN: 978-3-293-30323-2
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Francisco Coloane, geboren 1910 auf der Insel Chiloé als Sohn eines Walfänger-Kapitäns, hörte schon als Kind die Geschichten der Indianer. Mit seinen Erzählungen, in denen er Feuerland und Patagonien für die Literatur entdeckt hat, wurde er zu einem der bekanntesten Schriftsteller Lateinamerikas. 1964 wurde er mit dem Premio Nacional de Literatura, dem großen Literaturpreis Chiles, ausgezeichnet. Francisco Coloane starb 2002 in Santiago de Chile.
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Wie der Chilote Otey ums Leben kam
An die neunhundert Männer versammelten sich auf der Meseta de la Turba, um zu beraten; sie waren die Überlebenden jener Fünftausend, die sich am Arbeiteraufstand im Departement Santa Cruz in Patagonien beteiligt hatten.
Sie versteckten ihre Pferde in einem Talkessel und machten sich auf den Weg zum Hochplateau, das sich wie eine einsame Insel inmitten eines flachen, versteinerten grauen Meeres erhob. Von der Höhe der ungefähr dreihundert Meter abfallenden Steilhänge aus überblickte man die weite Pampa, vor allem aber die Gebäude der Estanzia, ein Grüppchen roter Dächer fünf Kilometer weiter südlich. Kein menschliches Auge hätte hingegen die versammelten neunhundert Männer in den hochgelegenen, mit kleinen, hellen Bartgrasweiden gesprenkelten Torfmooren entdecken können. Im Westen waren nur die fernen blauen Bergketten der patagonischen Anden zu erkennen, die einzige unregelmäßige Linie am Horizont der endlosen Weite.
Die neunhundert Männer schritten zur Mitte des Torfmoores und setzten sich auf die Erdhügel, bildeten so ein großes menschliches Rad, das mit der dunklen Farbe des Torfes verschmolz. Dazwischen blieb eine kleine Pampalichtung frei, auf der wogende Grashalme stahlgrün schimmerten.
»Sind wir vollzählig?« fragte einer.
»Vollzählig!« antworteten mehrere gleichzeitig und sahen einander an, um ein bekanntes Gesicht zu entdecken.
Viele von ihnen hatten gegen die Truppen des Zehnten Kavallerieregiments gekämpft, die von Oberst Varela befehligt wurden; andere jedoch sahen sich zum ersten Mal, da sie zu den Überlebenden der Massaker am Rio del Perro, am Cañadón Once und der Gefechte an den Ufern des Lago Argentino gehörten.
Aus diesem in einer Mulde zwischen den Bergrücken der Anden eingeschlossenen See entspringt der Rio Santa Cruz, der die riesige patagonische Steppe durchfließt und schließlich in den Atlantik mündet. Vor Jahrtausenden verband hier eine Meerenge – wie heute die weiter südlich liegende Magellanstraße – den Pazifischen mit dem Atlantischen Ozean, deren Wassermassen die gigantischen Grassteppen und Hochebenen meißelten, die längs des Flusses wie gewaltige parallele Stufen bis zur hochgelegenen Pampa ansteigen.
Der Anführer des Aufstandes, ein Zureiter, der wegen seines Messers, das er stets im Gürtel trug, Facón Grande – Langes Messer – genannt wurde, hatte dank seiner Guerillataktik die drei Schwadronen der Zehnten Kavallerie erfolgreich zerstreut, obwohl er nur über eine geringe Anzahl Feuerwaffen verfügte. Er und seine Männer, hauptsächlich Viehtreiber und Zureiter, hatten Varelas Truppen vor allem mit Fangleinen, Lassos und Messern auf Distanz gehalten. Sie benützten Furten, die nur ihnen und den Tehuelche-Indianern bekannt waren, um sich vor den Soldaten in Sicherheit zu bringen, denn auf Grund der starken Strömung war es unmöglich, den Fluss schwimmend zu überqueren.
»Sieht aus, als kriegten wir Regen!« sagte ein baumlanger Zureiter.
Die Männer, die in seiner Nähe saßen, richteten den Blick zum sturmgrauen Himmel und starrten auf eine dichte Regenwolke, die sich wie ein großer schwarzer Stier einen Weg durch die anderen Wolken bahnte.
»Bloß ein Platzregen, der kommt nicht bis hierher«, sagte ein Männchen mit vor Kälte blau angelaufenem Gesicht und hellen wässrigen Augen, während er seinen weißen Segeltuchponcho fester um sich zog.
Der Zureiter wandte spöttisch lächelnd sein eckiges, wettergegerbtes Gesicht dem kleinen Mann zu, der so selbstsicher über das Schicksal einer Wolke entschied.
»So, er kommt also nicht bis hierher? Na, das werden wir ja sehen!« meinte er.
»Ich wette, dass er nicht bis hierher kommt!« beharrte der andere.
»Was wettest du?«
»Hier, vierzig Pesos«, antwortete der mit dem weißen Poncho, zog ein paar Scheine aus seinem Gurt und schob sie unter den Griff seiner Peitsche, die neben ihm im Gras lag.
Der Zureiter zog die gleiche Anzahl Scheine hervor und legte sie dazu.
In diesem Augenblick stand ein kräftiger, mittelgroßer, geschmeidiger, etwa vierzigjähriger Mann auf und trat in den grasbewachsenen Ring. Er trug die typische Kleidung der Pampabewohner: Sporen, Stiefel aus Fohlenleder, weite, über den kurzen Stiefelschäften gebauschte Hose, Lederwams, ein Tuch um den Hals geschlungen, Guanakofellmütze mit Ohrenschützern gegen den Wind und hinten im Gürtel das lange, spitze Messer mit dem silbernen Griff samt Scheide.
Facón Grande steckte die zu Fäusten geballten Hände in die Hosentaschen, als klammere er sich an einen unsichtbaren Halt. Er richtete sich auf, stellte sich auf die Zehenspitzen und gewann dadurch leicht schwankend an Größe. Er starrte finster auf den Boden; ein heftiger Windstoß fegte über die Hochebene, und die Grannenbüschel des Bartgrases erwiderten mit ihrem stählernen Schimmer seinen Blick. Die neunhundert Männer verhielten sich abwartend, saßen still da, eine dunkle Masse, als wären auch sie bloß etwas höhere Torfhügel.
Mit einemmal bewegten sich alle gleichzeitig, und der Kreis schloss sich enger um seine Achse.
»Also«, sagte der Mann, jetzt fest auf beiden Beinen stehend, »die Lage ist allen bekannt, es gibt nichts hinzuzufügen. Noch in dieser Nacht oder spätestens morgen früh wird die Zehnte Kavallerie die letzte Estanzia erreichen, die noch in unseren Händen ist. Der Verräter von Mata Negra hat ihnen zweifellos gesagt, welches der einzige Weg ist, der uns bleibt, um über die Payne-Kordillere zur Grenze zu gelangen. Die Estanzieros haben ihnen bestimmt neue Pferde zur Verfügung gestellt; unsere hingegen sind so gut wie zu Schanden geritten und würden uns nicht mehr weit tragen. Man wird uns einkreisen, und wir fallen alle wie junge Guanakos. Wir haben nur eine Möglichkeit: Ihnen vom Schurpferch der Estanzia aus Widerstand zu leisten, bis sich der Rest über die Payne-Kordillere in Sicherheit gebracht hat.«
Verhaltene Unruhe machte sich unter den Versammelten breit. Wer war mit »dem Rest« gemeint? Zählte sich Facón Grande, einer der Anführer des Aufstandes am Rio Santa Cruz, etwa selber zu denjenigen, die über die Payne-Kordillere flüchteten? Während andere im Schurpferch ihre letzte Patrone verschossen?
Ein Murmeln ging wie ein eisiger Windstoß durch den dunklen Kreis der Männer.
»Wir losen aus, wer bleibt«, sagte einer.
»Nein, auf keinen Fall!« rief ein anderer.
»Das geht nur mit Freiwilligen!« meldeten sich mehrere zu Wort.
»Könnte man wissen, wer mit diesem ›Rest‹ gemeint ist und wer zurückbleibt?« fragte einer mit beißendem Spott.
Facón Grande stellte sich wieder auf die Zehenspitzen, was ihn größer erscheinen ließ, neigte sich vor, als kämpfe er gegen heftigen Wind an, und hob die Arme, wie um die Lüfte zu besänftigen oder die Zügel eines unsichtbaren Pferdes zu ergreifen. Das murmelnde menschliche Rad verstummte.
»Zurück bleiben alle jene, die den Aufstand angefangen haben und ihn auch zu Ende führen werden!« sagte er mit dumpfer Stimme, die unter seinen Füßen oder zwischen den Torfhügeln hervorzuquellen schien. Auf den Zehenspitzen wippend, ließ er den Blick über die erste Reihe schweifen und fragte dann laut und deutlich: »Wie viele sind übrig geblieben von denen, die auf der anderen Seite des Rio Santa Cruz mit dabei waren?«
Ungefähr vierzig Hände erhoben sich über den neunhundert Köpfen: Das war die Antwort. Auch Fácon Grande hatte die Hand mit den unsichtbaren Zügeln erhoben, die er nun ergriff, und es sah aus, als sei er im Begriff, den Fuß in den Steigbügel seines imaginären Pferdes zu setzen.
»Was hältst du davon?« fragte das Männchen im weißen Segeltuchponcho und stieß mit dem Ellbogen den Zureiter an, der sich neben ihn gesetzt und als einer der ersten die Hand gehoben hatte.
»Es blieb ihm nichts anderes übrig, Facón Grande hat genau das Richtige getan.«
»Nein, ich meine die Wolke«, sagte der andere und zeigte zum Himmel.
»Ach so«, brummte der Zureiter und blickte staunend ebenfalls zum Himmel.
Beide sahen, wie der schwarze Stier sich langsam auflöste und wie aus einer Gießkanne über der fernen Ebene niederging. Der Schauer aus dünnen, glitzernden Regenpfeilen kam immer näher, doch als er die Ausläufer der Meseta erreichte, war plötzlich nichts mehr von ihm übrig geblieben; die schwarze Gewitterwolke hatte ein helles Loch in den verhangenen Himmel gerissen, aus dem jetzt ein Blitz zuckte und aufleuchtend die regennasse Pampa streifte.
»Schön, zuzuschauen, wie es regnet, ohne dass man dabei nass wird«, bemerkte der Zureiter spöttisch.
»Ja, sehr schön«, antwortete der mit dem weißen Poncho ungerührt und beugte sich vor, um das gewonnene Geld einzustreichen.
Die Männer standen auf und zerstreuten sich zwischen den Torfhügeln, gingen zu ihren Pferden, die sie in der Talsenke zurückgelassen hatten. Aus dem Loch, das die schwarze Wolke am Himmel hinterlassen hatte, blies jetzt ein wütender Wind, und das nackte Ödland wirkte noch trostloser als sonst.
Niemand verabschiedete sich. Jene, die zur Payne-Kordillere aufbrachen, hielten finster den Kopf gesenkt, eher bedrückt als glücklich darüber, die rettenden blauen Berge zu erreichen. Die...




