E-Book, Deutsch, 142 Seiten
Collodi Pinocchio
1. Auflage 2025
ISBN: 978-619-7791-51-8
Verlag: Pretorian Media
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 142 Seiten
ISBN: 978-619-7791-51-8
Verlag: Pretorian Media
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Autorenprofil Carlo Collodi (1826-1890), bürgerlich Carlo Lorenzini, war ein italienischer Schriftsteller und Journalist, der mit seiner Figur des hölzernen Jungen 'Pinocchio' Weltruhm erlangte. Erstmals 1881 veröffentlicht, entwickelte sich das Abenteuer schnell zu einem zeitlosen Klassiker, der bis heute als Kinderbuchklassiker Generationen von Leserinnen und Lesern begeistert. Mit 'Pinocchio' schuf Collodi nicht nur eine unvergessliche Geschichte, sondern prägte nachhaltig die italienische Kinder- und Jugendliteratur.
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Kapitel 1
Es war einmal... Kein König, wie ihr, liebe Kinder, vielleicht denkt, sondern ein einfaches Holzscheit. Ja, wirklich nur ein Stück Holz! Aber kein kostbares oder gar besonderes Holz, sondern eines von jenen Stücken, die man im Winter in den Kamin legt, um das Feuer zu schüren und das Haus zu wärmen.
Wie genau es geschah, weiß ich nicht, aber eines Tages kam dieses Stück Holz in die Werkstatt eines alten Schreiners, der Meister Antonio hieß. Doch die Leute im Dorf nannten ihn nur Meister Kirsche, und zwar wegen der roten, glänzenden Spitze seiner Nase, die aussah wie eine reife Kirsche.
Kaum hatte Meister Kirsche den Holzscheit erblickt, rieb er sich die Hände voller Freude. "Dieses Holz kommt mir genau recht!", murmelte er. "Ich werde daraus ein schönes Tischbein schnitzen."
Ohne sich weiter zu überlegen, was er damit anfangen wollte, packte er seine scharfe Axt und machte sich daran, die Rinde zu entfernen und das Holzstück grob zuzuhauen. Doch kaum hob er die Axt für den ersten Schlag, erstarrte sein Arm in der Luft. Er hatte eine leise, klagende Stimme gehört, die rief: "Bitte schlag nicht so fest zu!"
Meister Kirsche erstarrte. Seine Augen suchten die Werkstatt ab, und sein Herz begann schneller zu schlagen. Doch da war niemand, absolut niemand zu sehen. Er war allein! Verwirrt sah er unter die Werkbank – niemand. Er öffnete den alten Schrank, der immer abgeschlossen war – ebenfalls niemand. Dann beugte er sich über den Korb mit Holzspänen und Sägemehl – auch dort war niemand zu finden. Schließlich ging er zur Tür der Werkstatt und sah hinaus auf die Straße – wieder niemand.
"Hm... Ich glaube, ich habe mir die Stimme nur eingebildet", sagte er zu sich selbst und kratzte sich am Kopf, während er lächelte und sich die Perücke zurechtrückte. "Zurück an die Arbeit!"
Und so nahm er die Axt wieder in die Hand und schlug fest auf das Holz.
"Aua! Das tut weh!", jammerte die kleine Stimme erneut.
Diesmal riss Meister Kirsche die Augen auf, und ihm fiel beinahe die Axt aus der Hand. Voller Schreck öffnete sich sein Mund, und seine Zunge hing ihm vor Staunen fast bis zum Kinn herunter. Mit bebender Stimme stammelte er: "Aber woher kommt nur diese Stimme? Hier ist doch niemand... Dass dieses Stück Holz sprechen kann wie ein Kind, das ist doch unmöglich!"
Er sah sich das Holzstück von allen Seiten an, hob es in die Höhe, klopfte daran, rüttelte es, um zu sehen, ob sich vielleicht jemand darin versteckt hatte. "Falls da jemand drinsteckt, so hat er jetzt Pech!", sagte er entschieden.
Mit beiden Händen packte er das Holzstück und schlug es mit voller Wucht gegen die Wände der Werkstatt. Dann hielt er still und lauschte angestrengt, ob er ein Wimmern oder Jammern hören könnte. Zwei Minuten vergingen – nichts. Fünf Minuten vergingen – nichts. Zehn Minuten vergingen – wieder nichts!
"Ich verstehe", sagte Meister Kirsche und zwang sich zu einem Lächeln. "Es scheint, als hätte ich mir das alles nur eingebildet." Und er rückte seine Perücke zurecht und tat, als wäre nichts geschehen.
Doch die Angst ließ ihn nicht los, und um sich Mut zu machen, begann er leise ein Liedchen zu summen. Er legte die Axt beiseite und griff stattdessen nach der Hobelbank, um das Holzstück glattzuschleifen. Doch kaum setzte er das Werkzeug an und hobelte einmal darüber, da hörte er wieder die klagende Stimme: "Hör auf damit! Das kitzelt!"
Voller Schreck fiel Meister Kirsche diesmal auf den Boden und saß für einen Moment wie versteinert da. Selbst die Spitze seiner Nase, die sonst rot wie eine Kirsche leuchtete, hatte sich vor Schreck ganz blau verfärbt.
Kapitel 2
In diesem Moment klopfte es an die Tür.
"Nur herein!", rief Meister Kirsche, der immer noch erschrocken auf dem Boden saß.
In die Werkstatt trat ein älterer Herr, der zwar ziemlich klein war, aber voller Tatendrang nur so sprühte. Er hieß Geppetto, doch die Kinder aus der Nachbarschaft nannten ihn spöttisch "Polenta". Das lag an seiner gelben Perücke, die an den Maisbrei erinnerte, den man "Polenta" nannte. Geppetto war sehr empfindlich, und wehe, jemand wagte es, ihn so zu nennen! Dann verlor er sofort die Beherrschung und wurde richtig wütend.
"Guten Morgen, Meister Antonio!", grüßte Geppetto. "Was machst du da unten auf dem Boden?"
"Ich lehre den Ameisen das Rechnen", antwortete Meister Kirsche mit einem verschmitzten Grinsen.
"Das ist ja edel von dir", lachte Geppetto. "Aber im Ernst, ich bin gekommen, um dich um einen kleinen Gefallen zu bitten."
"Ich stehe ganz zu deinen Diensten", entgegnete der Schreiner und stemmte sich dabei mit Mühe auf die Knie.
"Heute Morgen hatte ich eine Idee", erklärte Geppetto und hob den Zeigefinger wie ein Professor. "Ich möchte mir eine Holzpuppe schnitzen. Aber nicht irgendeine Puppe! Es soll ein Wunder-Püppchen werden, das tanzen, fechten und Purzelbäume schlagen kann. Mit ihm will ich die Welt bereisen und mir damit ein Stück Brot und ein Glas Wein verdienen. Was hältst du davon?"
"Bravo, Polenta!" rief plötzlich eine leise Stimme.
Kaum hatte Geppetto dieses Wort gehört, lief er rot an wie eine Chilischote. Er drehte sich zu Meister Kirsche um und fauchte: "Warum beleidigst du mich?"
"Ich? Ich habe dich doch gar nicht beleidigt", verteidigte sich der Schreiner.
"Doch! Du hast mich Polenta genannt!"
"Ich? Niemals!"
"Ach nein? Dann habe ich mich wohl selbst so genannt! Ich sage dir, du hast es gesagt!"
"Nein!"
"Doch!"
"Nein!"
"Doch!"
Und so ging es hin und her, bis die beiden alten Männer schließlich handgreiflich wurden. Sie packten einander, rissen sich an den Haaren, kratzten und bissen sich. Am Ende des Gefechts hatte Meister Kirsche die gelbe Perücke von Geppetto in der Hand, und Geppetto hielt die graue Perücke des Schreiners fest zwischen den Zähnen.
"Gib mir sofort meine Perücke zurück!", schrie Meister Kirsche.
"Erst, wenn du mir meine gibst und wir Frieden schließen!", knurrte Geppetto.
Die beiden setzten sich also wieder ihre Perücken auf und reichten einander die Hand. Dabei schworen sie, von nun an gute Freunde zu bleiben und sich nie wieder zu streiten.
"Nun gut, Geppetto", sagte der Schreiner in friedlicherem Ton. "Womit kann ich dir helfen?"
"Ich hätte gern ein Stück Holz, um meine Puppe zu schnitzen. Kannst du mir etwas abgeben?"
Überglücklich lief Meister Kirsche zu seiner Werkbank und holte das verflixte Stück Holz, das ihm schon so viele Schreckmomente beschert hatte. Doch gerade als er es Geppetto überreichen wollte, zuckte das Holzstück plötzlich, rutschte ihm aus den Händen und prallte mit voller Wucht gegen Geppettos Schienbein.
"Autsch! So freundlich überreichst du also deine Geschenke? Du hast mir ja fast den kleinen Zeh gebrochen!", rief Geppetto empört.
"Ich schwöre, das war nicht meine Schuld!", stammelte Meister Kirsche entsetzt.
"Ach, wirklich? Dann war es also meine eigene Schuld?!", fauchte Geppetto. "Du hast es mir doch gegen das Bein geworfen!"
"Ich habe es dir nicht absichtlich gegen das Bein geworfen!"
"Lügner!"
"Geppetto, beleidige mich nicht! Sonst nenne ich dich Polenta!"
"Dummkopf!"
"Polenta!"
"Trottel!"
"Polenta!"
"Scheusal!"
"Polenta!"
Beim dritten "Polenta" verlor Geppetto völlig die Beherrschung. Er stürzte sich auf den Schreiner, und erneut prügelten sie sich, bis ihnen beiden die Luft ausging. Als der Kampf endlich vorbei war, hatte Meister Kirsche ein paar Kratzer mehr auf der Nase, und Geppetto fehlten zwei Knöpfe an seiner Weste. Doch abermals reichten sie einander die Hände und versprachen hoch und heilig, ein Leben lang gute Freunde zu bleiben.
Schließlich nahm Geppetto das Stück Holz unter den Arm, bedankte sich bei Meister Kirsche und humpelte mit schmerzenden Schienbeinen aus der Werkstatt, um sich daran zu machen, seine Holzpuppe zu schnitzen.
Kapitel 3
Geppetto kehrte mit dem Holzstück voller Vorfreude in seine kleine Wohnung zurück. Diese bestand aus einem einzigen kleinen Raum im Erdgeschoss, der nur durch ein Fensterchen unter der Treppe ein wenig Licht erhielt. Die Einrichtung war spärlich: ein wackeliger Stuhl, ein abgenutztes Bett und ein kleiner, ramponierter Tisch. An der Wand befand sich ein gemalter Kamin mit einem gemalten Feuer, das fröhlich zu lodern schien, und daneben ein Topf, der dampfend auf dem Feuer kochte – oder jedenfalls ein täuschend echt aussehendes Abbild eines solchen.
Kaum war Geppetto eingetreten, schnappte er sich seine Werkzeuge und begann sofort, an dem Holzstück zu arbeiten, um seine Puppe zu schnitzen.
"Welchen Namen soll ich ihm geben?", fragte er sich. "Ich werde ihn Pinocchio nennen. Dieser Name wird ihm Glück bringen. Ich habe mal eine ganze Familie Pinocchio gekannt – Vater, Mutter und Kinder – und sie alle lebten glücklich. Der Wohlhabendste von ihnen musste nur am Sonntag betteln!"
Kaum stand der Name fest, machte sich Geppetto mit Feuereifer ans Werk. Zuerst schnitzte er das Haar, dann die Stirn und schließlich die Augen. Doch sobald er die Augen fertig hatte, erlebte er eine Überraschung: Sie bewegten sich und blickten ihn starr an!
Geppetto wich erschrocken zurück. Diese Augen aus Holz, die ihn unverwandt ansahen, verunsicherten ihn und brachten ihn in Rage. "Was starrt ihr mich so an?", knurrte er verärgert. Doch natürlich erhielt er keine Antwort.
Geppetto arbeitete weiter und schnitzte die Nase. Aber kaum war die Nase fertig, begann sie zu wachsen – und wuchs und wuchs und wuchs, bis sie zu einem riesigen Zinken geworden war, der einfach kein Ende zu nehmen schien....




