E-Book, Deutsch, Band 2, 352 Seiten
Reihe: Young Bond
Cole Young Bond - Tod oder Zahl
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7336-0209-3
Verlag: FISCHER Sauerländer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2, 352 Seiten
Reihe: Young Bond
ISBN: 978-3-7336-0209-3
Verlag: FISCHER Sauerländer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Steve Cole wurde 1971 geboren und studierte an der University of East Anglia, England. Er war Herausgeber einer Zeitschrift, Lektor für verschiedene Verlage und ist heute ein erfolgreicher Autor. Er ist schon sein Leben lang großer Fan von James Bond und führt nun die Young-Bond-Serie weiter, auf deren Fortsetzung Fans weltweit sehnsüchtig gewartet haben.
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Prolog Geheimnisse mit ins Grab genommen
Sarila Karatan hastete durch die dunklen Korridore des Laborgebäudes und suchte nach der richtigen Tür. Der Besitzer von Scolopendra Industries musste die Sicherheitsmaßnahmen seit ihrer letzten Einsatzbesprechung noch einmal verstärkt haben: Das private Anwesen befand sich auf einer abgelegenen Nachbarinsel von Kuba, und trotzdem waren hier mehr Wachen unterwegs als auf jeder Militärbasis. Es war eine echte Herausforderung, die bewaffneten Posten – und die vielen aus anderen Ländern importierten, giftigen Tiere – zu umgehen.
Einer ihrer Kontaktleute hatte sie vor diesem Auftrag gewarnt. , hatte er gesagt. » Sie hatte gedacht, dass der Kerl bloß neidisch war, weil er den Auftrag gerne selber bekommen hätte, und die Warnung nicht allzu ernst genommen.
Aber jetzt …
Der Korridor führte direkt zu einer schweren Stahltür, in der sich ihre schlanke Gestalt als dunkle Silhouette spiegelte. Genau in der Mitte der Tür war in Kopfhöhe das Logo von Scolopendra Industries zu erkennen – eine spitze, rote Kralle in einem schwarzen Kreis. Sarila streifte ihren Rucksack ab, holte einen Bund Dietriche aus einem kleinen Ledertäschchen und suchte nach dem passenden Exemplar. Es dauerte keine sechzig Sekunden. Sie drehte den Dietrich im Schloss und drückte die massive Klinke nach unten. Zischend gaben die Gummidichtungen nach, und die Tür schwang auf. Draußen vor den schmutzig grauen Fensterscheiben machte sich bereits die Dämmerung bemerkbar. Ein durchdringender Geruch nach Chemikalien lag in der Luft.
Mit dem Rucksack in der Hand betrat Sarila das Laboratorium. Sie betrachtete die milchigen Reagenzgläser und Kolben in den Regalen und spürte ein Kribbeln am ganzen Körper. Es war ein grauenhafter Anblick: In jedem Behältnis lagerte ein Körperteil eines unbekannten Tieres – kleine Gliedmaßen, Haut und Fell abgelöst, so dass das darunterliegende Fleisch deutlich zu erkennen war.
, dachte sie.
Sie trat vor einen schweren, stabilen Aktenschrank aus Stahl. Er stand vor einer gläsernen Trennwand, die durch den gesamten Raum führte und es ermöglichte, den dahinterliegenden, abgedunkelten Bereich zu beobachten. Wenn ihre Informationen zutrafen …
Ja. Der Tresor – ein dunkelgrüner Würfel – war im Schrank befestigt. Sarila ging in die Knie und drehte am Zahlenrad. Ihr Kontaktmann hatte ihr die dreistellige Kombination mitgeteilt, aber was, wenn sie mittlerweile geändert worden war?
Sie hielt den Atem an, bis die Tresortür aufschwang. Darin lag eine Schatulle mit Scolopendras Schriftzug und dem Logo. Mit schweißnassen Händen holte Sarila sie heraus und steckte sie in ihren Rucksack.
Dann erstarrte sie. Sie hatte etwas gehört …
Ein Wachmann? Draußen?
Nein. Irgendwo ganz in der Nähe. Als würde jemand einen schweren Sack hinter sich her schleifen.
Sarila erkannte schaudernd, dass das Geräusch von der anderen Seite der Glaswand kam. Und dass es sich näherte.
»«
Die Stimme klang schwach. Jung und weiblich. Schmerzerfüllt.
Sarila hob den Kopf und spähte in den düsteren Raum jenseits der Scheibe. Wenn man sie jetzt hier entdeckte …
Unvermittelt klatschte eine blutverschmierte Hand an die Glaswand.
Sarila zuckte zurück und schrie auf. Sie starrte auf die Hand und den dicken, verschmierten, purpurroten Streifen, den sie auf der Scheibe hinterlassen hatte.
Heiser und verzweifelt drang der Hilferuf durch die Scheibe.
Doch Sarila rannte bereits den Korridor entlang. , sagte sie sich und hielt den Rucksack mit beiden Händen fest umklammert.
Beinahe wäre sie mit einem entgegenkommenden Wachmann zusammengestoßen.
Der Mann hob sofort seine automatische Waffe, eine Bergmann MP18. Aber Sarila war schneller und schleuderte ihm den Rucksack ins Gesicht. Durch die Wucht der schweren Stahlschatulle wurde der Mann rückwärts an die Wand geworfen. Sie nahm seinen Kopf in beide Hände und riss ihn ruckartig zur Seite. Das Knirschen, als seine Halswirbelsäule brach, war bis in ihre Fingerspitzen zu spüren. Leblos sackte der Mann zu Boden.
»Nein.« Sarila setzte den Rucksack wieder auf und griff nach der MP18. »Ich bin kein Kind mehr.«
Ihr professioneller Instinkt schob die Angst beiseite, und sie lief zu dem Fenster, das sie vorhin bereits aufgebrochen hatte. Eine pinkfarbene Sonne hing verschlafen über den hohen, bewaldeten Hügeln. Alles wirkte ruhig. Jetzt musste sie nur noch zum nahe gelegenen Hafen gelangen, bevor –
Die Alarmsirenen schrillten.
Sarila stieß einen unterdrückten Fluch aus und rannte, so schnell sie nur konnte, über das Steppengras auf der Rückseite des Laborkomplexes. Hinter ihr dröhnten die Sirenen, und schon im nächsten Augenblick sah sie zwei Wachen auf sich zukommen. Ohne ihre Schritte zu verlangsamen, eröffnete sie das Feuer. Sie zielte auf die Beine der Männer, die brüllend zu Boden gingen. Sarila rannte einfach an ihnen vorbei. »Sie werden es überleben«, murmelte sie leise.
Mit brennenden Lungen kämpfte sie sich durch ein kleines Wäldchen. Und da, am unteren Ende eines baumbestandenen Abhangs, lag Scolopendras kleiner Privathafen. Sie ließ den Blick über die dort liegenden Boote schweifen – eine Motoryacht, mehrere Motorboote in unterschiedlichen Größen und ein eleganter, zwanzig Meter langer Motorsegler – und blieb bei einem schnittigen Schnellboot aus widerstandsfähigem Mahagoni hängen, garantiert eine Sonderanfertigung. Die offene Kabine im vorderen Teil des Cockpits bot den nötigen Schutz, aber was das Wichtigste war: Es sah schnell aus.
Mit trockenem Mund, durchgeschwitzt und außer Atem jagte Sarila über den Holzsteg des Anlegers. Sie sprang an Bord des Schnellbootes, ließ die MP18 fallen und drückte auf den Startknopf. Der Motor bellte kurz auf und verstummte wieder.
»Komm schon!« Noch einmal drückte sie auf den Starter, dann dröhnte ein kehliges Vibrato durch die Bodenbretter, so dass die spanischen Rufe vom Hügel her kaum mehr zu hören waren.
Die Wachen hatten sie eingeholt.
Sarila setzte ihren Rucksack ab und holte eine Stielhandgranate heraus, das in Deutschland gefertigte »Modell 24«. Sie schraubte die Schutzkappe ab, zog an der Abreißschnur, um die Granate scharf zu machen, und warf sie ins Cockpit des sehr viel größeren Motorseglers. Gleichzeitig drückte sie den Gashebel ihres Bootes bis zum Anschlag durch. Laut röhrend setzte es sich in Bewegung. Eine Hitzewelle fauchte ihr über den Rücken, als die Explosion den Motorsegler zerfetzte. Holzsplitter und andere Kleinteile landeten prasselnd im Wasser und auf dem Dach des Schnellbootes. Sarila hielt Kurs auf den kurzen Kanal zwischen den Klippen, der aufs offene Meer hinausführte.
Sie drehte sich um und sah durch die flirrende Hitze und den aufsteigenden Qualm, wie unzählige Wachleute den Hügel herabliefen, hörte das Rattern der Maschinenpistolen. Sie hoffte inständig, dass sie schon außer Reichweite war, dass sie diesen Auftrag genauso erfolgreich bestehen würde wie die bisherigen.
Plötzlich hatte sie wieder das Bild von der blutverschmierten Hand an der Glasscheibe vor Augen.
Der Wind fachte die Flammen auf dem Motorsegler an, so dass das Feuer jetzt auf das danebenliegende Motorboot übergriff. Ein voller Dieseltank explodierte, und die Wachen wurden reihenweise zu Boden geworfen. Noch einmal ratterten ein paar Maschinenpistolen los, die letzten Zuckungen eines längst geschlagenen Gegners.
Jetzt machte der Kanal einen scharfen Knick, und Sarila verlor die Verwüstung, die sie angerichtet hatte, aus dem Blick. Sie stieß einen erleichterten Seufzer aus … bis sie vor sich ein anderes Boot entdeckte, ein kleines Motorboot mit dem Scolopendra-Logo, der roten Kralle im schwarzen Kreis.
Ihre Muskeln verkrampften sich sofort, doch dann merkte sie, dass das andere Boot sich vom Anwesen , genau wie sie. Ein junges Mädchen mit langen, dunklen Zöpfen stand am Ruder, nicht älter als fünfzehn oder sechzehn.
Mit gesenktem Kopf, damit ihr Gesicht nicht zu erkennen war, überholte Sarila das Boot mit dem Mädchen. »Deine Geheimnisse kannst du gerne für dich behalten, Scolopendra«, murmelte sie vor sich hin. »Ich verschwinde.«
Wenige Minuten später hatte ihr Schnellboot das offene Meer erreicht. Sarila registrierte erleichtert, dass genügend Treibstoff im Tank war. Sie steuerte nach Osten, wollte sich zwischen mehreren Inselketten hindurchschlängeln und schließlich auf Kuba anlegen. In gut fünf Stunden würde sie sich dann, wie verabredet, in den Sümpfen und Wäldern der Halbinsel Zapata mit ihrem Auftraggeber treffen.
Die Fahrt wurde begleitet vom lauten Dröhnen des kraftvollen Achtzylinders und verging nur schleppend, bis endlich das kubanische Festland in Sicht kam. Der kleine, dicke Turm auf den niedrigen Klippen kam Sarila...




