E-Book, Deutsch, 558 Seiten
Cole Kidnapped
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-445-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller: Eine verzweifelte Mutter - ein entführtes Kind
E-Book, Deutsch, 558 Seiten
ISBN: 978-3-98952-445-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Martina Cole ist eine britische Spannungs-Bestsellerautorin, die bekannt für ihren knallharten, kompromisslosen und eindringlichen Schreibstil ist. Ihre Bücher wurden für Fernsehen und Theater adaptiert und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Martina Cole hält regelmäßig Kurse für kreatives Schreiben in britischen Gefängnissen ab. Sie ist Schirmherrin der Wohltätigkeitsorganisation »Gingerbread« für Alleinerziehende und von »Women's Aid«. Die Website der Autorin: martinacole.co.uk/ Die Autorin bei Facebook: facebook.com/OfficialMartinaCole/ Bei dotbooks veröffentlichte Martina Cole ihre Thriller »Die Gefangene«, »Die Tochter«, »Kidnapped«, »Perfect Family«, »The Runaway« sowie die Spannungsromane »Eine irische Familie«, »Die Ehre der Familie«, und »Die Abgründe einer Familie«.
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Kapitel zwei
Joanie war gerade von der Arbeit gekommen und brühte sich einen Kaffee auf, als Jon Jon die Küche betrat.
»Wie geht’s, Mum? War die Nacht okay?«
Sie nickte. Sie war hundemüde, hatte dunkle Ringe unter den Augen, und ihre Haut war grau. Sie sah aus wie eine Frau, die die Nacht mit zu vielen Männern verbracht hatte, lauter Fremden, die alle ihren Körper benutzten. Außerdem hatte es einen Zwischenfall mit einem Freier gegeben, der es mit ihr getrieben hatte und dann nicht zahlen wollte. Das war das Letzte, was sie brauchen konnte, denn sie wollte versuchen, im Salon Fuß zu fassen. Die Arbeit dort war einträglich und erheblich sicherer als der Straßenstrich.
Diese Perle der Weisheit behielt sie allerdings für sich – ihr Sohn hatte zweifellos anderes im Kopf. Aber es wurmte sie. Sie bediente ihre Kunden gut, das konnte niemand bestreiten, und nun musste sie fürchten, wegen dieses Vorfalls nicht wieder dort eingesetzt zu werden, zumal Patsy, die den Salon in East Ham leitete, sie nicht besonders gut leiden konnte. Der Grund dafür war, dass Joanie länger etwas mit Paulie gehabt hatte als irgendein anderes Mädchen, und das, nachdem die arme Patsy einmal ernsthaft geglaubt hatte, sie würde Mrs Paulie Martin werden. Eigene Dummheit, doch das hatte Patsy nicht einsehen wollen. Und wer war Joanie schließlich, ihrer Rivalin die Show zu stehlen? Dabei war Paulie in Wirklichkeit längst verheiratet. Seine Frau Sylvia, übergewichtig und eine der Säulen der Kirche, war die Ehrbarkeit in Person, und insbesondere war sie dumm – aus Paulies Sicht die idealen Voraussetzungen dafür, dass seine zwielichtigen Machenschaften und seine zahlreichen Affären mit anderen Frauen nicht aufflogen. Paulie sicherte seiner Frau und seinen beiden Töchtern den Lebensstandard, an den sie mittlerweile gewöhnt waren, und genoss es, die zwei Seiten seines Lebens strikt getrennt zu halten. Wenn seine Frau erfahren hätte, was er in Wirklichkeit trieb, hätte es sie umgebracht, davon war er überzeugt. Allerdings hatte Joanie sie in den letzten Jahren ein- oder zweimal in den Gegenden gesehen, wo er seine Geschäfte machte. Doch davon hatte sie niemandem erzählt, am allerwenigsten Paulie. Sie wusste, wann es ratsam war, die Klappe zu halten. Auch das gehörte zu den unabdingbaren Voraussetzungen für ihren Job.
Jetzt sagte sie bemüht heiter: »Ich habe im Salon gearbeitet, das war gar nicht schlecht.«
Jon Jon schwieg. Nicht, dass sie mit einer Antwort gerechnet hätte – er sprach nie direkt über ihren Job, immer nur in allgemeinen, unverfänglichen Umschreibungen.
»Und wie hat sich meine kleine Kira benommen?«
Er lächelte.
»Das reinste Engelchen, Mum. Wie immer.«
Als sie an ihre jüngste Tochter dachte, glätteten sich die Furchen der Anspannung in Joanies Gesicht für eine Sekunde. Jon Jon mühte sich indessen mit dem Bügelbrett ab, das in der engen Küche gar nicht so leicht aufzustellen war. Joanie erriet, dass er Kiras Schuluniform bügeln wollte. Wie fürsorglich er doch war!
»Ich trinke einen Kaffee mit, Mum.«
Sie roch noch den Schlaf an ihm. Er war ein gutaussehender, liebenswürdiger Junge. Alles andere wollte sie gar nicht wissen, sonst würde sie nie wieder eine Nacht ruhig schlafen können. Beziehungsweise einen Tag, wie ihr Beruf es mit sich brachte.
Während er das Bügeleisen einsteckte, sagte Joanie bemüht
beiläufig: »Ach, ich soll dir übrigens von Paulie ausrichten, falls du an einem Job interessiert bist, hätte er Verwendung für dich.«
Jon Jon brauchte eine Weile, um zu begreifen, was seine Mutter da gesagt hatte. Er starrte sie fassungslos an.
»Er hat was?«, stieß er schließlich ungläubig hervor.
»Er will, dass du für ihn arbeitest.«
Joanie wusste, was nun käme, aber sie versuchte es dennoch. Wenn er für Paulie arbeiten würde, wüsste sie wenigstens, wo er steckte und was er tat.
»Red doch wenigstens mal mit ihm. Er ist gar nicht so übel –«
»Sag ihm, er kann mich am Arsch lecken!«
Jon Jons hübsches Gesicht war völlig ausdruckslos. Er war unfähig zu begreifen, wie diese Frau, die ihn zur Welt gebracht hatte, etwas derart Verrücktes von ihm verlangen konnte.
»Red gefälligst nicht so mit mir! Ich habe dir nur ausgerichtet, was er mir aufgetragen hat. Im Übrigen ist er wirklich kein schlechter Kerl.«
»Nein, sicher nicht – nur dass er zufällig meine Mutter auf den Strich schickt. Verdammt, Mum, meinst du, da geh ich hin und gebe ihm artig die Hand?«
Joanie schloss gequält die Augen.
»Komm schon, Junge, das hab ich nicht verdient, das weißt du selbst.«
Sie sprach leise, und ihre Augen verrieten, wie gekränkt sie war – auch wenn ihr Sohn nichts als die Wahrheit gesagt hatte.
»Denk doch mal dran, wie viel Kohle dir das bringen würde, ganz zu schweigen von dem Statusgewinn.«
Jon Jon knallte das Bügeleisen hin.
»Seh ich vielleicht aus wie ein verdammter Zuhälter? Na los, Mum, antworte mir!«
Joanie sah ein, dass sie etwas Falsches gesagt hatte. Inzwischen bereute sie, das Thema überhaupt angesprochen zu haben.
»Natürlich nicht – ich hab dir nur was ausgerichtet, weiter nichts!«
Sie schrie jetzt ebenfalls.
»Na, die Mühe kannst du dir in Zukunft sparen.«
»Du könntest es bei ihm zu was bringen. Er braucht jemanden mit ein bisschen Grips –«
»Also, mich braucht er jedenfalls nicht. Ich verkaufe keine Frauen, verdammt, auch wenn dus mir anscheinend zutraust.«
»Jetzt krieg dich mal wieder ein, Jon Jon. Du könntest ganz ordentlich Kohle machen, wenn du –«
Er unterbrach sie wütend.
»Ich weiß, dass ich mehr schwarz als weiß bin, Mum, aber davon bin ich noch lange kein Zuhälter. Oder war mein Dad vielleicht einer? Ich frage bloß, weil anscheinend niemand was über ihn weiß – du am allerwenigsten.«
Er ahnte, dass er zu weit gegangen war, und bereute es im selben Moment.
»Oh, Mum, warum bringst du mich so auf die Palme? Du weißt doch, was ich von Männern wie Martin halte.«
Joanie verließ wortlos die Küche.
Jon Jon bügelte weiter Kiras Schuluniform, aber er war nicht mehr recht bei der Sache. Er war immer noch aufgebracht und entsetzt über das, was seine Mutter gesagt hatte. Allein dass sie geglaubt hatte, er könnte auch nur eine Sekunde lang über das Angebot nachdenken, brachte ihn in Rage, auch wenn er ihre Beweggründe verstand.
Joanies Kaffeetasse stand noch immer neben seiner auf der Arbeitsplatte. Er brachte sie ihr ins Schlafzimmer.
»Hier, Mum. Jetzt hau dich erst mal ein paar Stunden aufs Ohr.«
Sie lächelte ihn traurig an. Plötzlich sah sie alt aus, niedergeschlagen und ausgelaugt.
»Es tut mir leid, Jon Jon.«
Er fuhr ihr mit der Hand durchs Haar, als sei sie das Kind und er der Erwachsene.
»Das weiß ich doch, Mum.«
Beiden war bewusst, dass er die Entschuldigung nicht erwiderte.
»Beweg dich, du fetter Bastard!«
Joseph Thompson sah zu, wie sein Sohn sich abmühte, eine Kanne Tee aufzubrühen – nahezu ein Ding der Unmöglichkeit, da er seinen massigen Körper in der engen Küche kaum bewegen konnte. Tommy schwitzte. Bereits um diese Tageszeit war es für jemanden von seiner Leibesfülle viel zu heiß. Er warf einen Blick aus dem Küchenfenster auf die Kinder, die zur Schule gingen. Als er spürte, wie sein Vater hinter ihn trat, zuckte er innerlich zusammen.
»Sieh sie dir an: kleine Mädchen, die angezogen sind wie verdammte Huren. Denen hast du gerade nachgeschaut, stimmt’s?«
Tommy wurde wütend, aber er beherrschte sich und erwiderte mit ruhiger Stimme: »Ich habe ihnen nicht so nachgeschaut, das weißt du ganz genau. Ich sehe einfach gern zu, wie sie sich unterhalten und Spaß haben, nichts weiter.«
Joseph grinste höhnisch.
»Klar doch! Jetzt mach den verdammten Tee fertig, du fetter Pädo. Ich muss zur Arbeit. Hast du mir Brote gemacht?«
»Sind im Kühlschrank.«
Danach wechselten die beiden Männer kein Wort mehr miteinander, bis der Vater zehn Minuten später grußlos das Haus verließ. Tommy watschelte in sein Zimmer und zerrte mühsam einen Karton unter seinem Bett hervor. Lächelnd öffnete er ihn.
Darin lagen lauter Barbies. Manche waren angezogen, fast allen fehlte der Kopf. Unter den Puppen lagen wild durcheinander Kleider und Miniatur-Zubehör – alles, was Barbie brauchte, um das vollendete Mädchen von Welt zu sein, von grell pinkfarbenen Minikleidern bis zu detailgetreuen kleinen Handtaschen und Stiefeln. Doch all das war nass, wie Tommy feststellte, und der Uringestank, der ihm in die Nase stieg, verriet ihm, was geschehen war. Es war nicht das erste Mal, und er wusste, dass es auch nicht das letzte Mal sein würde.
Tommy unterdrückte einen Schluchzer und machte sich daran, die Puppen wieder zusammenzusetzen. Die Kleider legte er beiseite, um sie zu waschen. Dabei lief ihm trotz der frühen Stunde der Schweiß von der Stirn. Tommy wischte sich mit seiner fleischigen Hand übers Gesicht, wobei sich der Schweiß mit Tränen vermischte.
Während er die Köpfe wieder aufsteckte, murmelte er wieder und wieder vor sich hin: »Dreckskerl!«
Kira und Bethany hockten kichernd im Treppenhaus. Sie schwänzten die Schule und genossen jede Sekunde.
Anders als Bethany machte Kira zum ersten Mal blau, und es war eine aufregende neue Erfahrung für sie. Bethany wollte am liebsten nur herumsitzen, chillen und rauchen.
»Ich weiß was – lass uns in die Bücherei gehen!«, schlug Kira vor.
Ihre Freundin schüttelte ungläubig den Kopf und versetzte sarkastisch: »Ist das...




