E-Book, Deutsch, Band 6, 560 Seiten
Reihe: Die Dewey-Andreas-Serie
Coes First Strike - Geiselnehmer
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-86552-732-5
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 6, 560 Seiten
Reihe: Die Dewey-Andreas-Serie
ISBN: 978-3-86552-732-5
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der amerikanische Bestsellerautor Ben Coes schreibt Action-Thriller vom Feinsten. Er begann seine Karriere im öffentlichen Dienst, arbeitete u.a. im Weißen Haus unter Präsident Ronald Reagan. Ben lebt heute in Boston mit seiner Frau und vier Kindern.
Autoren/Hrsg.
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PROLOG
PRÄSIDENTENPALAST
KAIRO, ÄGYPTEN
VOR VIER JAHREN
Der Konferenzraum im ägyptischen Präsidentenpalast sah im Wesentlichen noch genauso aus wie vor 300 Jahren. Durch ein kunstvoll handgearbeitetes Gitterwerk ließen drei Meter hohe Fenster gedämpftes Sonnenlicht herein. Eine Tapete mit grün-weißen Ornamenten zierte die Wände, handbemalt von einem der berühmtesten Künstler Ägyptens. Szenen aus der Mythologie waren in die vergoldete Kassettendecke eingeprägt. Genau in der Mitte hing ein gewaltiger Kronleuchter aus Marmor und Glaskristall, in dem sich das natürliche Licht des Raums in auseinanderfächernden Strahlen brach, die zu flackern begannen, als ein sanfter Windstoß die weißen und rosa Ranken in friedlichem Rhythmus tanzen ließ.
Die zeitlose Schönheit stand in krassem Gegensatz zum draußen herrschenden Chaos. Markerschütternde Schreie hallten vom Tahrir-Platz herauf, auf dem es von Demonstranten nur so wimmelte. Das wütende Gebrüll Präsident Mursis und seines versammelten Kabinetts erfüllte den Saal selbst. Sie hatten sich um die Mitte des Konferenztischs geschart und ergingen sich in erbitterten Schuldzuweisungen. Die Politiker warfen sich gegenseitig an den Kopf, dass es ja so kommen musste und sie alles vorhergesehen hatten.
Noch vor einem Jahr hatten die Führer des bevölkerungsreichsten Landes im Nahen Osten allesamt aus dem Untergrund gewirkt, als Führungsriege der Muslimbruderschaft. Nun waren sie Kabinettsmitglieder im Dienst der Regierung Mohammed Mursis. Die Bruderschaft hatte es geschafft, die Macht zu erlangen. Ägypten, eines der größten, wohlhabendsten und mächtigsten Länder im Nahen Osten, hatte Mursi zum Präsidenten gewählt. Das greifbarste Ergebnis des Arabischen Frühlings. Mit seiner Wahl hatte die Bruderschaft, die bislang nur ein Dasein am Rande des Dschihad fristete, politische Bedeutung erlangt.
Doch all das stand auf der Kippe. Der Arabische Frühling war gekommen und gegangen. Nun, da Mursi tatsächlich ein Land führen musste, zeigte er seine wahre Persönlichkeit: ein stümperhafter, untauglicher Größenwahnsinniger, hundertmal despotischer als Husni Mubarak, der Diktator, an dessen Stelle er getreten war. Seit seiner Wahl im Juni hatte Mursi eine fürchterliche Fehlentscheidung nach der anderen getroffen, das Justizsystem lahmgelegt, das Parlament aufgelöst und schließlich per Dekret festgelegt, dass seine Handlungen über dem Gesetz stünden, da er nunmehr das Gesetz sei.
Durch die Straßen Kairos schwelte unverändert das Fieber des Populismus, doch nun forderten die Demonstranten Mursis Kopf. Seine – ihre – Zeit lief ab, das war ihnen allen klar. Sie spürten es. Kairo … die Präsidentschaft … Ägypten … alles, wofür sie gearbeitet hatten, wofür sie Opfer gebracht, gelogen, betrogen und getötet hatten … all das würde dahin sein.
Die Macht würde dahin sein.
Mursi saß am Kopfende des Tisches. Er wirkte müde, trug eine Brille mit dicken Gläsern und Metallgestell. Mit den Fingern fuhr er sich durch den sauber gestutzten Bart. Schlaff saß er da, nach vorn gebeugt, und lauschte der Debatte.
Garotin, der junge Militärstratege der Muslimbruderschaft, hatte das Wort.
»Das ägyptische Militär bringt sich gegen Sie in Stellung, Herr Präsident. Die alten Fraktionen haben ihre Meinungsverschiedenheiten begraben.«
Der Schweiß auf Garotins Stirn und der Zorn in seiner Stimme offenbarten pure Verzweiflung, das Gefühl, dass alles umsonst gewesen war.
»Wir kontrollieren das Militär«, erwiderte Mursi.
»Tun wir das?« Ärger und Entrüstung schwangen in Garotins Stimme mit. »Ihnen ist schon klar, dass das Militär die Waffen und die Soldaten hat, Herr Präsident?«
Das Geschrei, das vom Tahrir-Platz durch die Fenster drang, wurde lauter und aufgebrachter.
»Almawt i Morsi! Almawt i Morsi!«
Tod für Mursi!
»Sie sind doch der Verteidigungsminister«, warf Mursi ein. »Ihre Aufgabe ist es, sie im Zaum zu halten.«
»General Catabalis nimmt meine Anrufe nicht entgegen. Besprechungen werden ohne Erklärung abgesagt. Die Generäle hören nicht auf mich.«
»Der Kommandeur der Streitkräfte ist Ihnen unterstellt, nicht umgekehrt«, hob Burj hervor, Mursis Außenminister.
»Ja, das stimmt«, meinte Mursi. »Sagen Sie den Generälen, sie sollen den Tahrir-Platz räumen und in der Stadt eine stabile Ordnung wiederherstellen. Die wünschen sich doch bestimmt keine Neuauflage des Arabischen Frühlings?«
Entsetzt schüttelte Garotin den Kopf.
»Sind Sie denn alle blind?« Er hob die Stimme. »Es liegt doch auf der Hand, Herr Präsident. Das Militär ist im Begriff, das Land zu übernehmen, und stellt es so hin, als träte es als Retter auf. Alles nur wegen Ihrer … Ihrer …«
Garotin schaffte es nicht, den Satz zu Ende zu bringen.
Der ganze Saal starrte ihn erwartungsvoll an. Er sah zu Mursi, brachte jedoch kein Wort heraus.
Ein anderer Mann ergriff das Wort und vollendete Garotins Satz: »Inkompetenz.«
Ruckartig richteten sich aller Augen auf den Sprecher in der Ecke des Raums. Er stand am Fenster. Eine schwarze Augenklappe bedeckte sein rechtes Auge. Er murmelte das Wort, fast im Flüsterton, und doch übertönte er mühelos den Tumult auf den Straßen.
Trotz seiner 30 Jahre wirkte Tristan Nazir kaum älter als ein College-Student. Eine magere Erscheinung im blauen Hemd mit Button-down-Kragen, das schwarze Haar trug er kurz geschnitten. Er sah gut aus, nicht unbedingt attraktiv, aber eindrucksvoll, adrett, perfekt gekleidet, als käme er gerade von einem Treffen des Debattierklubs seiner Universität. Die Augenklappe verlieh seinem Auftreten etwas Düsteres; man empfand Mitgefühl mit ihm nach allem, was er durchgemacht hatte, und fürchtete sich zugleich vor der Gewalt, die sie andeutete.
Nazir musterte Mursi mit festem Blick. »Das wollten Sie doch sagen, Minister Garotin, nicht wahr?«
Das Schweigen währte nicht lange.
»Wie kannst du es wagen?«
El-Farka, Mursis Stabschef, sprang vom Stuhl auf und zwängte sich an den anderen vorbei, um zu Nazir zu gelangen.
»Ruft die Präsidentengarde!«, brüllte Burj.
Zum ersten Mal hob Mursi die Stimme.
»Hör auf mit den Albernheiten, Husni!«, wies er den hitzköpfigen Stabschef zurecht und deutete auf den Stuhl. »Setz dich sofort wieder hin, sonst bist du derjenige, der verhaftet wird.«
Anstelle von Gebrüll und Chaos breitete sich Schweigen aus. Mit einem Wink zitierte Mursi Nazir zu sich. Nazir ging an El-Farka vorbei um den Tisch, deutete eine leichte, respektvolle Verbeugung an, ehe er sich aufrichtete und Mursi in die Augen sah.
»Tristan?«, fiel Mursi der Vorname gerade noch ein. »Der Finanzexperte, richtig? Studium in Oxford?«
»Ja, Herr Präsident.«
»Inkompetent?«, wiederholte Mursi. »Denken Sie so von mir, Tristan?«
Nazir ließ sich keine Unsicherheit anmerken, blickte erst das Staatsoberhaupt an, dann Garotin und El-Farka, schließlich wieder Mursi.
»Ja.« Er ließ sich weder Zorn noch Furcht oder Abneigung noch sonst eine Regung anmerken, antwortete ganz sachlich. »Eigentlich wollte ich Minister Garotin lediglich helfen, seinen Satz zu vollenden, aber ja, ich halte Sie für inkompetent, Herr Präsident. Das heißt nicht, dass ich Sie nicht respektiere, Herr Präsident.«
Alle plapperten durcheinander, doch Mursi schien es gar nicht zu bemerken. Als das Geschrei im Saal kein Ende nahm, hob er die Hand. »Könntet ihr alle mal den Mund halten?«
»Aber so eine Unverschämtheit können Sie doch wohl nicht durchgehen lassen?«
»Lieber höre ich eine ehrliche Meinung als einen Haufen Schmeicheleien und Lügen.«
Er nickte Nazir zu. »Sag mir, mein Sohn, was tätest du an meiner Stelle?«
»Wie bitte, Herr Präsident?«
»Tristan, wenn du der Präsident Ägyptens wärst, was würdest du tun?«
»Ja, was würdest du tun, du Verräter?«, rief jemand.
Gelassen blickte Nazir in die Richtung, aus der die Bemerkung kam. »Und Sie, Minister Burj, Sie haben doch fleißig an Präsident Mursis Selbstzerstörung mitgewirkt, was sind Sie dann, wenn nicht ein Verräter?«
»Ich … ich bin Patriot«, stammelte er. »Patriot!«
»Patriot? Wem gegenüber?«, erkundigte sich Nazir kühl. »Ägypten? Der Muslimbruderschaft? Ersteres steht im Begriff, Sie ins Gefängnis zu stecken, und Letztere wird es bald nicht mehr geben.«
Weiteres Schweigen, während sich kollektives Entsetzen breitmachte.
»Dem Kalifat gegenüber!« Burj stand auf, pochte im Takt zu seinen Worten auf den Tisch. »Einem Land gegenüber«, stammelte er, »das vom Islam regiert wird!«
»Ein hehres Ideal«, entgegnete Nazir, »das muss man Ihnen lassen, aber was nützt ein Ideal, wenn es nichts weiter ist als eben das? Beim Regieren geht es um Macht – um das Ergreifen von Macht, das Aufrechterhalten von Macht und die langfristige Sicherung von Macht. Es geht darum, so viel Stärke zu beweisen, dass man vom eigenen Volk verlangen kann, für das größere Ganze sein Leben zu opfern. Es geht um die Bereitschaft, andere zu töten.«
»Das Blutvergießen muss ein Ende haben!«
»Die Vereinigten Staaten wurden mit dem Blut ermordeter Indianer und Briten gegründet und dank der Opfer, die das eigene Volk brachte«,...




