Coe | Klassentreffen | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 528 Seiten

Coe Klassentreffen

Roman
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95530-422-5
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Roman

E-Book, Deutsch, 528 Seiten

ISBN: 978-3-95530-422-5
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Alles beginnt am 31. Dezember 1999 in Birmingham: Benjamin Trotter, leidlich erfolgreicher Buchhalter, steht in der Mitte seines Lebens. Doch eine tiefe Unzufriedenheit und die Gewißheit, das Falsche zu tun, nagen an ihm. Noch immer trauert er Cicely nach, die vor beinahe dreißig Jahren spurlos aus seinem Leben verschwand, und noch immer schreibt er verzweifelt an einem Roman, der inzwischen über tausend Seiten stark ist. Während Benjamin zurückschaut, blickt sein Bruder Paul als Parlamentsabgeordneter ehrgeizig nach vorn. Die Affäre mit seiner Assistentin Miriam zwingt Paul und Benjamin dazu, über ihre Vergangenheit und das persönliche Glück nachzudenken. Beide Brüder müssen sich den Fragen stellen, vor denen sie so lange davongelaufen sind. Vom Autor des Bestsellers 'Allein mit Shirley'!

Jonathan Coe wurde 1961 in Birmingham geboren. Sein preisgekrönter Roman 'Allein mit Shirley' wurde in fünfzehn Sprachen übersetzt. Jonathan Coe lebt mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern in London.
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In meinem alten Schlafzimmer

St Laurence Road

Northfield

Samstag, 11. Dezember 1999

Nachts

Langsam wird diese Reise zum Albtraum. Ich zittere am ganzen Körper, obwohl die Sache schon drei Stunden her ist. Dad sitzt unten und liest einen dieser grauenhaften, alten Romane von Alistair Maclean, auf die er so wild ist. Er hatte keinen Funken Mitgefühl. War offenbar der Ansicht, es wäre meine eigene Schuld. Ich kann wirklich keine Minute länger in diesem Haus bleiben. Morgen verschwinde ich von hier und suche mir eine neue Bleibe.

Ich erzähl dir kurz, was passiert ist. Heute hatte ich große Sehnsucht nach Pat. Er sollte vormittags für seine Schule Fußball spielen, es war ein Auswärtsspiel gegen eine Mannschaft in Malvern. Also habe ich angeboten, ihn bei Philip und Carol abzuholen und selbst dorthin zu fahren. Dad hat mir sein Auto geliehen, etwas unwillig; offenbar traute er mir nicht so recht.

Wir sind auf der Bristol Road nach Süden gefahren und in Longbridge rechts abgebogen, um über Rubery zur M5 zu kommen. Allein mit Pat im Auto zu sitzen, war ziemlich merkwürdig – merkwürdiger, als es hätte sein sollen. Er ist schon sehr still, mein Sohn. Vielleicht ist er nur in meiner Anwesenheit so still, aber das kann nicht der ganze Grund sein. Er ist natürlich eher introvertiert – das ist ja auch in Ordnung. Als er dann doch etwas sagte, ging es um ein Thema, mit dem ich überhaupt nicht gerechnet hätte – das hat mich so umgehauen. Er fing an, über dich zu reden, Miriam. Er wollte wissen, wann ich dich zuletzt gesehen habe und wie Mum und Dad mit deinem Verschwinden zurechtgekommen seien. Zuerst war ich sprachlos. Ich wußte überhaupt nicht, was ich sagen sollte. Wir waren ja nicht im Verlauf eines Gesprächs auf das Thema gekommen, sondern er hatte es aus heiterem Himmel angeschnitten. Was sollte ich antworten? Ich habe ihm nur gesagt, daß alles sehr lange her sei und daß die Wahrheit wohl nie mehr ans Licht käme.

Damit mußten wir leben, wir mußten es akzeptieren und irgendwie verarbeiten. Es war ein Kampf – sowohl Dad als auch ich haben damit gerungen, auf unsere jeweilige Art, jeden Tag unseres Lebens. Was sollte ich ihm sonst sagen?

Danach war er wieder eine ganze Weile still, und ich auch. Um ehrlich zu sein, hatte mich dieses kurze Gespräch sehr aufgewühlt. Ich hatte geglaubt, wir würden über die Schule oder die Chancen für das Fußballspiel reden. Statt dessen ging es um seine Tante, die zehn Jahre vor seiner Geburt spurlos verschwunden war.

Ich versuchte, mich auf den Verkehr zu konzentrieren und nicht mehr darüber nachzudenken.

In den paar Tagen, die ich jetzt hier bin, ist mir noch etwas an diesem Land aufgefallen, Miriam. Man kann den Zustand einer Nation daran erkennen, wie die Leute Auto fahren, und in dieser Hinsicht hat sich England in den letzten paar Jahren sehr verändert. Ich bin ja in Italien gewesen, dem Heimatland der aggressiven Autofahrer. Ich kenne das. Ich bin es gewohnt, daß man knapp vor meiner Stoßstange einschert, daß ich in unübersichtlichen Kurven überholt werde, daß mir Leute zubrüllen, mein Bruder sei ein Hurensohn, wenn ich zu langsam fahre. Damit kann ich umgehen. All das ist nicht ernst gemeint. Hier passiert inzwischen das gleiche – nur, daß es in Wirklichkeit nicht das gleiche ist. Es gibt einen entscheidenden Unterschied: Die Leute meinen es offenbar ernst.

Vor einigen Monaten habe ich im Corriere della Sera einen Artikel mit der Überschrift »Apathisches England« gelesen. Darin hieß es, die Leute hätten einen kollektiven Seufzer getan und aufgehört, sich Gedanken über Politik zu machen, seit Tony Blair, ein netter Typ, der offenbar wisse, was er tue, mit einer so überwältigenden Mehrheit ins Amt gewählt worden sei. Der Verfasser des Artikels schaffte es sogar, das Ganze mit dem Tod von Prinzessin Diana in Verbindung zu bringen. Wie, weiß ich nicht mehr, ich weiß nur noch, daß es mir damals etwas konstruiert vorkam. Aber vielleicht hatte er in gewisser Weise recht. Nur, daß er nicht zum Kern der Sache vorgedrungen ist. Denn wenn man an der Oberfläche dieser Apathie kratzte, fände man darunter etwas völlig anderes – eine furchtbare, aufgestaute Frustration.

Wir waren nur knapp zwanzig Minuten auf dem Motorway, aber diese zwanzig Minuten haben mir schon etwas gezeigt. Auf dem Motorway sind die Leute anders gefahren. Nicht, daß sie schneller gefahren wären als früher – ich fahre ja selbst ziemlich schnell –, aber in ihrer Fahrweise kam eine Wut zum Ausdruck. Sie fuhren dicht auf und betätigten die Lichthupe, wenn jemand etwas zu lange auf der Überholspur blieb. Außerdem scheint es jetzt eine Spezies von Fahrern zu geben, die die Mittelspur gepachtet haben und sich nicht von dort vertreiben lassen, was alle anderen zur Weißglut bringt: Man klebt an der Stoßstange dieser Fahrer, und wenn sie nach einer Weile immer noch keinen Platz machen, überholt man sie und schert gefährlich dicht vor ihnen ein. Dann gibt es noch Fahrer, die mit siebzig Meilen pro Stunde zufrieden dahinzuckeln, aber urplötzlich auf achtzig oder fünfundachtzig beschleunigen, wenn jemand an ihnen vorbeizuziehen droht, als wäre es eine Beleidigung, wenn ein mickriger Punto ihren schicken Megane überholt. Das wollen sie sich nicht bieten lassen, offenbar verletzt diese Vorstellung zutiefst ihren Stolz. Kann sein, daß ich übertreibe, aber bestimmt nicht sehr. Es war ja ein Samstagvormittag, und die meisten Leute wollten vermutlich einkaufen oder einfach nur einen Ausflug machen, und trotzdem hat sich auf dem Motorway eine Wut aufgestaut. Die Stimmung war gereizt, und ich glaube, man hätte uns von der Straße gefegt, wenn irgendein Fahrer auch nur einen dummen Fehler gemacht hätte.

Wie dem auch sei: Wir kamen zur Schule, und die Schlacht begann. Patrick hat irgendwo im Mittelfeld gespielt, und das Spiel schien seine ganze Aufmerksamkeit zu beanspruchen. Er wußte natürlich, daß ich zusah, und deshalb hat er einen auf hart und erwachsen gemacht, aber zugleich hat er sich mit gerunzelter Stirn voll und ganz auf das Spiel konzentriert, und diese Miene hat ihn mindestens fünf Jahre jünger wirken lassen und mir fast das Herz gebrochen. Er hat gut gespielt. Sicher, ich habe keine Ahnung von Fußball, aber ich hatte den Eindruck, als spielte er gut. Seine Mannschaft hat mit 3:1 gewonnen. Ich stand anderthalb Stunden an der Seitenlinie und wäre fast erfroren – auf dem Spielfeld war noch Raureif –, aber es hat sich gelohnt. Ich habe bei Patrick einiges nachzuholen, und dies war ein Anfang, keine Frage. Ich hatte angenommen, daß wir hinterher irgendwo etwas zu Mittag äßen, aber Patrick hatte offenbar andere Pläne. Er wollte mit seinen Schulkameraden im Bus mitfahren, und danach wollte er noch mit zu einem Freund, zu Simon, dem Torwart. Das kam natürlich überraschend, aber ich konnte schlecht nein sagen. Innerhalb weniger Minuten hatten die Jungs sich geduscht, dann war der Bus weg, und plötzlich stand ich allein mitten in Malvern. Und mußte den restlichen Tag totschlagen.

Damit wäre ich wieder bei meiner üblichen Befindlichkeit: der Einsamkeit der alleinstehenden Frau. Zuviel Zeit für mich allein, zu wenig Gesellschaft. Was sollte ich tun? Ich habe in einem Pub in der Worcester Road etwas getrunken und ein Sandwich gegessen, und nachmittags habe ich eine Runde in den Hügeln gedreht. Das hat mich beruhigt und für einen klaren Kopf gesorgt. Vielleicht bin ich ja ein Mensch, der sich nur dann einigermaßen glücklich fühlt, wenn er halb einen Hügel hinauf ist. Auf jeden Fall habe ich in den letzten Wochen viel Zeit damit verbracht, diverse Aussichtspunkte zu erklimmen. Vielleicht bin ich ja an einen Punkt meines Lebens gelangt, an dem ich diese olympische Perspektive brauche. Vielleicht hat mich die Affäre mit Stefano so tief erschüttert, daß ich wieder das Große und Ganze in den Blick bekommen muß. Heute war das Große und Ganze ziemlich ganz und groß. Ob du dich an diesen Blick erinnern könntest, wenn du je wieder hier stündest, Miriam? Früher, als Kinder, sind wir oft mit Mum und Dad hierhergekommen. Das waren eiskalte Picknicks mit Schinken-Sandwiches und Thermosflaschen, wir hockten auf dem Steilabbruch vor einem hohen Felsen, weil es dort geschützter war, und unter uns erstreckten sich die Felder unter dem grauen Himmel der Midlands. Ich weiß noch, daß es in einem unzugänglicheren Teil des Hanges eine kleine Höhle gab, und irgendwo habe ich noch ein Foto, das uns davor zeigt, wir tragen beide einen grünen Anorak und haben uns die Kapuze über den Kopf gezogen. Ich glaube, Dad hat fast alle Fotos weggeworfen, auf denen du zu sehen bist, aber ein paar konnte ich retten. Aus den Trümmern geborgen. Inzwischen habe ich manchmal das Gefühl, als hätten wir beide furchtbare Angst vor ihm gehabt, die ganze Zeit, und vielleicht hat uns diese Angst so zusammengeschweißt.

Meine Erinnerungen sind deshalb aber nicht unglücklich. Im Gegenteil. Sie sind mir so kostbar, daß ich den Gedanken an sie kaum ertrage.

Ich glaube nicht, daß du all das einfach so hinter dir lassen konntest. Das wäre doch unbegreiflich. Das hättest du nicht getan, Miriam, oder? Mich im Stich lassen? Das will ich nicht glauben, obwohl die andere Möglichkeit viel schlimmer wäre.

Nach halb vier, und es wird schon dunkel. Zeit, mich aufzuraffen, nach Hause zu fahren und einen weiteren Abend mit Dad zu verbringen. Den letzten, wie ich beschlossen habe. Wenn es besser liefe, hätte ich vielleicht Weihnachten mit ihm gefeiert, aber daran ist nicht zu denken. Wir kommen...



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