E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Cody Lady Bag. Kriminalroman
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-944818-56-6
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-944818-56-6
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Über das Buch Sie ist die Frau ohne Gesicht. Manche beleidigen sie, manche ignorieren sie. Manche geben etwas. Manche nur wegen des Hundes an ihrer Seite. Sie ist eine Pennerin, die genau weiß, wie die Straßen von London riechen. Doch Diese abgeklärte Lady Bag war nicht immer eine Baglady. Als eine ganz normale Frau geriet sie in die älteste Falle der Welt und wurde ruiniert. Jetzt will sie nichts mehr, nur die Gesellschaft ihrer Hündin und ihren gewohnten Rotweinpegel. Bis eines Tages ihr persönlicher Dämon ihren Weg kreuzt - mit finsteren Absichten, wie sie aus Erfahrung weiß. Statt sich zu verstecken, beschließt sie ihn zu beschatten: Sie möchte wissen, wo er wohnt. Eine Entscheidung, die schwerwiegende Folgen hat. Sie erwacht mit zertretenem Kopf in einem Kranken¬hausbett und wird mit einem fremden Namen angesprochen. Anscheinend hält man sie für eine gewisse Natalie Munrow, deren Handtasche sie bei sich hat. Bei erster Gelegenheit nimmt sie Reißaus und taucht ab. Was allerdings gar nicht so leicht ist, wenn man auf der Straße lebt und einem aus allen Zeitungen das eigene lädierte Gesicht entgegenblickt! Dann stellt sich heraus, dass die wahre Natalie Munrow ermordet wurde ... Zornig, schlau, verkorkst, tragisch, witzig und (meistens) ehrlich: Die rotweingetränkte Schilderung der Baglady ist ein wilder, temporeicher Kriminalroman, ein gestochen scharfes Großstadtporträt und ein literarischer Kommentar zur Lage, insbesondere seit der Krise. »Man wird nicht viele Romane finden, die dermaßen originell, frisch und markant sind. Was dieses Buch zur reinen Freude macht, ist ebenso sehr die scharfe Schreibe wie das ungewöhnliche Setting.« The Morning Star »Cody hat eine neue Erzählsprache entwickelt: widerborstig und sentimental, düster und komisch und immer auf dem Punkt.« Thomas Wörtche »Codys Dialoge sind immer voller Witz und Hintersinn - und hier hat sie ihre ultimative Protagonistin gefunden. Nie wurden Plattitüden so kreativ verstümmelt, wurden Pomp und Heuchelei so unwiderstehlich zerpflückt.« Mat Coward im Morning Star
Liza Cody, gebürtige Londonerin mit Gossenerfahrung, studierte Kunst und arbeitete u.a. als Roadie, als Fotografin, Malerin und Möbeltischlerin, bevor sie zum Schreiben kam. Ihre Kriminalromane um die Londoner Privatdetektivin Anna Lee wurden mit etlichen Preisen ausgezeichnet, in mehrere Sprachen übersetzt und fürs Fernsehen verfilmt. In den Neunzigern begann sie mit der weltweit als Genrebreaker berühmt gewordenen Bucket-Nut-Trilogie um Catcherin Eva Wylie, für die sie u. a. den Silver Dagger erhielt. Es folgten vier weitere Romane. Lady Bag, der neueste, erschien in England im Herbst 2013. Liza Cody lebt in London.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 2
Ich verfolge den Teufel und seine Trulla
Ich sah ihn, aber er sah mich nicht. Er war mit einer Frau unterwegs, na klar. Sie war ein paar Jahre älter, na klar. Keine Schönheit, aber gut gebaut und sorgfältig gekleidet. Na klar. Und klar war er charmant und aufmerksam. Na klar, na klar, na klar. Ich konnte seine Seife riechen, sein Shampoo und seine Feuchtigkeitscreme, sein gereinigtes und gebügeltes Hemd. So sauber, so frisch und so unmenschlich. Wie nah ich ihm auch immer kam, ich konnte nie seinen Körper riechen. Der Teufel hat keinen Geruch. Vielleicht hätte mich das gleich stutzig machen sollen. Ich stand eine Sekunde wie erstarrt und fragte mich unwillkürlich, ob Elektra wohl imstande war, Gram Attwoods Witterung wahrzunehmen. Vielleicht ist das bei Hunden eine übernatürliche Fähigkeit – vielleicht können sie anhand des Geruchs unterscheiden zwischen normaler Bosheit und dem Teufel persönlich. Aber sie stand bloß geduldig da und wartete darauf, dass ich weiterging. Hunde sind unschuldige Geschöpfe, die keine Ahnung vom wahrhaft Bösen haben, also bemerken sie den Teufel vielleicht gar nicht, selbst wenn sie ihn sehen. Gram Attwood spazierte ohne den kleinsten Funken des Wiedererkennens über den Trafalgar Square in Richtung Haymarket. Seine rechte Hand führte leicht den Ellenbogen seiner Begleiterin. Seine Berührung war vertraulich, intim, die Berührung des Besitzers. Womöglich hatte er etwas bezahlt. Er war bestimmt gesellschaftlich aufgestiegen, seit ich ihn gekannt hatte. Als ich ihn kannte, hatte ich alles bezahlt – sogar den Preis für seine Freiheit. »Komm«, sagte ich zu Elektra, und wir folgten dem Teufel. Vor einem Theater trennte die Frau sich von ihm. Sie küsste ihn auf den Mund, lachte und verweilte noch einen Augenblick. Sein Lächeln war ein Kunstwerk. Ich bin ja so aufrichtig interessiert an dir, sagte das Lächeln. Du faszinierst mich. Wenn du mich gut genug behandelst, könnte ich dich vielleicht lieben. Als ich dieses Lächeln zum letzten Mal sah, saß ich auf der Anklagebank, und ich hatte ihn sehr gut behandelt. Ich tat genau das, was er von mir wollte. Wobei, eigentlich ging es mehr um das, was ich nicht tat. Mit dem, was ich nicht sagte, könnte man leicht hundert Bücher füllen. Als mir schließlich klar wurde, dass er mich nie besuchen kommen würde, dass er mich ganz entspannt da drinnen verrotten ließ, da lernte ich, was Hass in Wahrheit ist. Hass ist Liebe mit Maden, die ihr bei lebendigem Leib das Fleisch von den Knochen fressen. Er ist umgestülpte Liebe, das Innerste nach außen gekehrt, so dass Eingeweide und Weichteile offen daliegen, leichte Beute für die Maden und sauren Regen. Das hab ich im Gefängnis gelernt. Hübsch, oder? Sie verpassten mir Tabletten – drei Stück pro Tag –, um den Hass zu bekämpfen. Schicht um Schicht begruben sie ihn unter Lagen aus Mull, der den Schall dämpfte und zwischen meinen Augen und der Welt hing. Danach passte ich mich besser an. Tag für Tag verstrich die Zeit, ohne in meinem Gedächtnis Fußabdrücke zu hinterlassen. Es war einfach nur Zeit, und ich saß sie ab, wie man es eben tun muss. Aber meine Persönlichkeit wurde aufgefressen, genau wie meine Erinnerung. Dann war es vorbei. Ich verließ das Gefängnis, und es gab keine Tabletten mehr. Ich war frei. Frei, wieder zu hassen. Frei, wieder Schmerz zu spüren. Eines Morgens wachte ich auf, und der Mull, der zwischen mir und den Bildern und Geräuschen hing, war weggeweht. Alles tat meinen Augen weh, meinen Ohren und meiner Haut. Bilder und Geräusche wurden zu Stichen und Wunden. Hätte ich Geld gehabt, ich wäre bestimmt zum Junkie geworden, denn man sagt, dass Junkies stundenlang gar keinen Schmerz fühlen. Aber ich hatte kein Geld, meine Mutter war tot, und mein Haus war verkauft worden. Als Erstes tat ich das, was man eben so tut, um zur Normalität zurückzufinden. Ich bemühte mich, einen Job zu kriegen, damit ich was Passables zum Wohnen mieten könnte. Aber dann musste ich feststellen, dass ich abgestürzt war und mich am Boden eines gähnenden Abgrunds namens Schulden befand. Ich hatte Gram Attwood Vollmacht erteilt, mein Haus zu verkaufen und davon die Verfahrenskosten zu begleichen – was ziemlich genau dasselbe ist, wie dem König der Diebe den Schlüssel zu deiner Schatztruhe zu geben und zu sagen: »Nur zu, mein Bester, bedien dich ruhig.« Da stand ich also, mit weniger als nichts. Trotzdem versuchte ich, wieder in der Gesellschaft Fuß zu fassen und aufs Neue eine anständige Person zu werden. Ich versuchte es wirklich. Das Problem war nur, dass ich keine anständige Person mehr war und dass jeder das sehen konnte. Oder vielleicht konnten sie es auch riechen, so wie ich es kann, an jedem Tag meines Lebens. Es ist bekannt, wie schwer es ist, einen Job zu finden, wenn man aktenkundig vorbestraft ist und bloß ein Wohnheim als Adresse hat. Aber wusstet ihr, dass man auch nicht zum Arzt kann oder zum Zahnarzt? Wenn es schlimm genug steht, kann man zur Notfallambulanz gehen, die sind im Ernstfall verpflichtet, einen zu behandeln. Aber das kannst du nicht bringen, wenn dir einfach nur dein Prozac oder Propaphenin ausgegangen ist. Sie besorgen dir eine Behelfsunterkunft in einer Vorstadtpension, meilenweit weg von Sozial- und Arbeitsamt. Du hast kein Geld für den Bus, also brauchst du Stunden, um zu Fuß hinzulaufen, nur um festzustellen, dass das zuständige Büro geschlossen ist. Oder dass sie sich irgendeinen neuen Grund ausgedacht haben, warum gerade du keinen Anspruch auf Unterstützung hast. Also darfst du den ganzen Weg zurücklatschen. Die Pension ist eine stinkende Bruchbude, und es gibt kein Schloss an der Badezimmertür. Die anderen Bewohner sind besoffen, verrückt oder auf Drogen, oder sie schleppen sich mit einem ganzen Cocktail von Problemen ab, denen du auf keinen Fall auf einem finsteren Flur begegnen möchtest, draußen vor der Tür zu einem versifften Bad. Und schon gar nicht drinnen. Wenn du es keine Sekunde länger aushalten kannst, gehst du, und damit machst du dich »freiwillig obdachlos«. Und wisst ihr was? Es ist eine Erlösung. Du bist ganz unten angekommen. Es gibt kein weiteres Fallen. Du kannst endlich aufhören, krampfhaft um den Wiedereintritt in die Gesellschaft zu kämpfen, und dich ganz aufs Überleben konzentrieren. Du kannst aufhören zu hoffen, dass eins deiner Vorstellungsgespräche Erfolg zeitigt. Du kannst aufhören zu hoffen, dass du einer besseren Unterkunft für würdig befunden wirst. Du kannst aufhören zu hoffen, Punkt. Hoffnung ist die große Blenderin. Sie flüstert dir ins Ohr und hält dich in der Tretmühle. Sie gaukelt dir vor, wenn du brav alles tust, was man dir sagt – alle Formulare ausfüllst, zu allen Terminen erscheinst –, dann schaffst du es eines Tages, aus deinem Loch zu kriechen und ein normales Leben zu führen. Wenn du die Hoffnung fahren lässt, bist du frei. Du musst dich nicht mehr bemühen, einen sauberen und respektablen Eindruck zu machen. Du brauchst kein Dach überm Kopf mehr, keinen gedeckten Tisch. Alles wird wesentlich einfacher ohne Dach und Tisch. Niemand schert sich darum, ob du verrückt bist. Es ist der Kampf ums Normalsein, der dich wahnsinnig macht. Hör auf zu kämpfen, sage ich, hör auf zu hoffen und lerne überleben. Gib die Hoffnung auf und leg dir einen Hund zu. Das ist die einzige Selbsthilfelektion, die ich euch geben kann. Aber wenn es dich gerade innerlich in Stücke reißt, weil du deinen teuflischen Exliebsten mit einer anderen Frau gesehen hast, dann brauchst du ein wenig Hilfe aus einer verlässlichen Quelle. Meine kam aus einer Flasche. Die allerdings war schon wieder gefährlich leer. Ich musste eine Entscheidung treffen. Sollte ich mir neuen Wein besorgen gehen oder Gram Attwood folgen? »Also?«, fragte ich Elektra. Sie wandte den Kopf und schien Gram Attwood zu beobachten, wie er in Richtung Piccadilly davonging. Vielleicht kann sie den Teufel ja doch wittern. »Wie du meinst«, sagte ich, und wir folgten ihm. Er spazierte dicht am Kantstein entlang, und ich begriff, dass er nach einem Taxi Ausschau hielt. Er erspähte eins, trat auf die Fahrbahn und winkte es heran. Der Fahrer ignorierte all die anderen ausgestreckten Arme und hielt direkt vor ihm. Der Teufel war schon immer ein verfluchter Glückspilz. Ich hastete näher und hörte ihn sagen: »Harrison Mews.« Jetzt stand ich so dicht hinter ihm, dass er nicht umhinkonnte, mich zu bemerken. Er runzelte die Stirn und drehte sich um. Ich sagte: »Haben Sie mal ’n bisschen Kleingeld für mich?« »Verpiss dich«, sagte er. »Mein Hund hat Hunger.« Er lachte nur und stieg in sein Taxi. Als der Wagen losfuhr, blickte er gleichgültig in meine Richtung. Auf seinem ebenmäßigen Gesicht zeigte sich keine Spur des Erkennens. Nicht der allerkleinste Schimmer. Entweder hatte ich mich vollkommen verändert, oder er hatte mich aus seinem Gedächtnis gelöscht – komplett ausradiert. »Ich habe aufgehört zu existieren«, erklärte ich Elektra, als sein Taxi verschwand. »Ich bin nicht mal mehr ein Gespenst, das ihn heimsuchen könnte.« Sie sah mich mit ihren wunderschönen goldgefleckten Augen an, die mir erzählten, dass ich der Mittelpunkt ihres Universums war. »Danke«, sagte ich und kniete mich hin, um sie auf die Stirn zu küssen und ihre Ohren zu kraulen. »Such dir ’n Zimmer«, sagte Joss hinter mir. »Such dir ’n Kerl und such dir ’n Leben.« Joss und Georgie waren auf dem Weg zu St. Martins-in-the-Fields, wo es Essen und Betten gab. »Schaff dir den Köter vom Hals«, meinte Georgie, »dann...




