E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Clegg Fast eine Familie
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-10-403459-1
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
Roman
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-10-403459-1
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
?Fast eine Familie? ist Bill Cleggs erster Roman. Er stand auf der Bestsellerliste der New York Times, wurde von der amerikanischen Presse gefeiert und für die zwei wichtigsten Literaturpreise der englischsprachigen Welt nominiert: den Man Booker Prize und den National Book Award. Bill Clegg wuchs an der Ostküste der USA auf und arbeitet heute als Literaturagent in New York City.
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June
Sie wird gehen. In ihren Subaru Kombi steigen und die kurvigen Landstraßen mit den vielen Schlaglöchern entlangfahren, bis zum Highway, dann weiter, nach Westen, weg von hier. Sie wird so lange und so weit fahren, wie sie kann, ohne Pass, denn ihren Pass gibt es nicht mehr. Den Führerschein auch nicht. Alles, was sich im Haus befunden hat, gibt es nicht mehr. Aber sie geht davon aus, dass sie den Führerschein nicht braucht, es sei denn, sie fährt zu schnell und wird deswegen angehalten. Sie hat nicht geplant, ausgerechnet heute aufzubrechen, aber dann steht sie auf, duscht und zieht die Jeans an, dazu den blauweißgestreiften Baumwollpulli mit U-Boot-Ausschnitt, den sie seit Wochen anhat, und da weiß sie, es ist Zeit.
Das bisschen Geschirr, das sie benutzt hat, seit sie in diesem geliehenen Haus wohnt, spült sie und trocknet es ab: den angeschlagenen Kaffeebecher, die Keramikschüssel und den alten Silberlöffel. Sie spürt das Gewicht jedes einzelnen Gegenstands, den sie sorgfältig in den Schrank oder die Schublade räumt. Sie muss nichts packen, nichts organisieren, nichts vorbereiten. Sie nimmt nichts mit, nur die Sachen, die sie jetzt anhat, dazu die Leinenjacke, die sie vor achtzehn Nächten getragen hat, als sie aus dem Haus gelaufen ist. Langsam steckt sie die Arme durch die abgetragenen Ärmel und versucht sich daran zu erinnern, weshalb sie die Jacke eigentlich angezogen hat in dieser Nacht. War es kalt in der Küche? Hat sie die Jacke von der vollgehängten Garderobe neben der Verandatür genommen, bevor sie hinaus zur Wiese gerannt ist, ängstlich darauf bedacht, nur ja niemanden im Obergeschoss aufzuwecken? Sie weiß es nicht mehr, und schon fängt sie wieder an, den Ablauf der Ereignisse am Abend und in der Nacht und am Morgen danach noch einmal Schritt für Schritt durchzugehen, mit forensischer Genauigkeit. Sie zwingt sich, damit aufzuhören.
Dass sie ihre Bankkarte und die Autoschlüssel dabei hatte, war reines Glück – sie steckten zufällig in der Jackentasche. Wobei es absurd ist, in diesem Zusammenhang von Glück zu reden. Kein Mensch würde sagen, sie habe Glück gehabt. Aber diese blinden Passagiere aus ihrem alten Leben ermöglichen ihr immerhin, jetzt einfach wegzufahren, und mehr will sie nicht. Nicht aus Ruhelosigkeit oder weil sie gern woanders sein möchte. Nein, nur aus der banalen Einsicht heraus, dass ihre Zeit hier abgelaufen ist. , seufzt sie, als würde sie sich nach einem langen Streit sieglos geschlagen geben. Durchs Küchenfenster betrachtet sie die Gelbroten Taglilien, die hinter dem Haus, das nicht ihres ist, blühen. Sie presst die Handflächen gegen den Rand der Spüle, und der Wäschetrockner, den sie vor einer Stunde mit nassen Laken gefüllt hat, meldet aus dem Keller mit einem langgezogenen, mürrischen Blöken, dass er seine Pflicht getan hat. Das Porzellan fühlt sich kühl an unter ihren Händen. Der Wäschetrockner verstummt, und dann dröhnt das stille Haus von Nichts und Niemandem. Der Schmerz kehrt zurück, wie geschmolzene Lava wälzt er sich durch ihre Brust, schürft nach und nach alles auf. Draußen wedeln die Taglilien im Morgenwind.
Sie hat nicht geweint, nicht an dem Tag selbst, nicht bei den Beerdigungen, nicht danach. Sie hat wenig geredet, hat kaum Worte zur Verfügung, wenn sie welche braucht, eigentlich kann sie immer nur nicken, den Kopf schütteln und die besorgten und neugierigen Menschen mit einer Handbewegung abwehren wie lästige Fliegen. Die Einsatzleiter von Feuerwehr und Polizei stellten im Grunde keine Fragen, sondern gaben Antworten – der alte Herd, die ganze Nacht strömte Gas aus und füllte das Erdgeschoss wie eine Flüssigkeit, ein Funke, wahrscheinlich von einem Lichtschalter oder von einem Feuerzeug, allerdings wurde keines gefunden, die Explosion, die Flammen, augenblicklich und alles verzehrend. Sie wurde nicht gefragt, warum sie als Einzige nicht im Haus war, morgens um fünf Uhr fünfundvierzig. Aber als der Polizist wissen wollte, ob ihr Freund Luke irgendeinen Grund gehabt haben könnte, ihrer Familie Schaden zufügen zu wollen, stand sie auf und verließ den Gemeindesaal, in dem behelfsmäßig ein Krisenzentrum eingerichtet worden war. Der Saal gehört zu der Kirche, in der ihre Tochter Lolly an eben dem Tag getraut worden wäre, nicht weit entfernt von ihrem Haus, auf der anderen Straßenseite. Gegen ein Uhr trafen die Gäste ein, die eine Hochzeit erwarteten, aber stattdessen einen Parkplatz mit lauter Polizeiwagen, Krankenwagen, Feuerwehrautos und Ü-Wagen vorfanden. June weiß noch genau, wie sie auf den Platz hinausgegangen ist, zu ihrer Freundin Liz, die im Auto wartete. Sie weiß auch noch genau, wie alle Gespräche verstummten und die Leute vor ihr zurückwichen. Sie hat gehört, wie jemand ihren Namen rief – zaghaft, verunsichert –, aber sie reagierte nicht, blieb nicht stehen, drehte sich nicht um. Sie war, das spürte sie überdeutlich, als sie das andere Ende des Parkplatzes erreichte, eine Unberührbare geworden. Nicht weil man sie verachtete oder Angst vor ihr hatte, sondern wegen der grotesken Obszönität des Verlusts. Da gab es keinen Trost, und die vernichtende Vollständigkeit – alle weg, alle, alle – ließ selbst Menschen, die im Umgang mit Katastrophen geübt waren, verstummen. Sie spürte, dass sämtliche Blicke auf sie gerichtet waren, als sie die Wagentür öffnete, um einzusteigen. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie eine Frau von der anderen Seite des Parkplatzes auf sie zu eilte, mit erhobener Hand. Erst im Auto merkte sie, dass es Lydia war, Lukes Mutter – vollbusig, in einer bunten Bluse, die langen braunen Haare irgendwie hochgesteckt. Schon vorher war sie Lydia begegnet, und wie bei dem ersten Zusammentreffen schaffte sie es auch jetzt nicht, ihr in die Augen zu sehen, obwohl sie das dringende Bedürfnis verspürte, zu ihr zu laufen. , war alles, was sie zu Liz sagen konnte, die am Steuer saß, benommen und stumm wie alle auf dem Parkplatz.
Die Polizei befragte sie nie wieder zu den Ereignissen der Nacht und des folgenden Morgens. Ihre Freunde hörten irgendwann auf, ihr ständig die gleichen unverfänglichen Fragen zu stellen – wie es ihr gehe, ob sie irgendetwas brauche –, als sie nicht darauf einging. Ein schmales Lächeln, ein leerer Blick, eine abweisende Kopfbewegung – das entmutigte selbst die hartnäckigsten Frager. Eine Nachrichtensprecherin des TV-Morgenmagazins war besonders aufdringlich. , sagte diese Frau zu ihr, die seit den siebziger Jahren im Fernsehen war und deren Gesicht keine einzige Falte oder Unebenheit aufwies. Sie standen vor der Leichenhalle. , antwortete June und fügte leise hinzu: . Und die Frau hörte auf. Schließlich waren die ganzen Leute, die wegen Lollys Hochzeit gekommen waren, wieder abgereist, die Fragerei hörte auf, und June war – mit zweiundfünfzig und zum ersten Mal in ihrem Leben – allein. Während der ersten Woche und auch danach weigerte sie sich, zu klagen oder zusammenzubrechen oder irgendetwas zu unternehmen, was sie mit der neuen und jetzt leeren Welt in Kontakt bringen könnte oder , wozu jemand sie ermunterte, auf einer gutgemeinten Karte ohne Absender, die in einem der unzähligen Beileidssträuße steckte.
Sie knöpft ihre Jacke zu und verriegelt die Fenster des kleinen Cottage, das ihr eine Malerin zur Verfügung gestellt hat, die sie früher vertreten hat. , hat ihr Maxine an dem Tag über Liz’ Handy angeboten, . Maxine war in Minneapolis, als es passierte. Wie sie es so schnell erfahren hat und warum sie dann gleich wusste, was zu tun war, hat June bis heute nicht herausgefunden. Manche Menschen, beschließt sie, tauchen in solchen grauenvollen Situationen auf wie von Zauberhand, und sie wissen genau, was nötig ist und wo sie gebraucht werden. Das Cottage befand sich am anderen Ende von Wells, dieser kleinen Stadt in Litchfield County, Connecticut, in der sich auch ihr Haus befunden hat. Neunzehn Jahre lang ist sie immer am Wochenende hingefahren, und die letzten drei Jahre hat sie dann richtig dort gewohnt. Maxines verstaubtes kleines Häuschen ist weit genug weg und fremd genug, um diese Wochen einigermaßen erträglich zu machen. Dass überhaupt etwas erträglich sein konnte, war eine beschämende, wiederkehrende Erkenntnis. Wieso bin ich hier? Warum? Diese Fragen lässt sie zu, aber andere schiebt sie sofort weg. Es ist weniger gefährlich, Fragen zu stellen, auf die sie sowieso keine Antwort hat.
Sie hat sich geweigert, ins Krankenhaus zu gehen oder irgendwelche Beruhigungsmittel und Stimmungsstabilisierer zu nehmen – die wenigen Leute um sie herum haben sie gedrängt, sich vom Arzt welche verschreiben zu lassen. Hier gibt es nichts zu stabilisieren, denkt sie. Nichts, wofür man stabil sein müsste. Im Cottage hat sie jeden Tag bis nach zwölf Uhr mittags geschlafen, und nach dem Aufwachen hat sie sich vom Bett zum Sessel, zum Küchentisch, zum Sofa und schließlich wieder zurück zum Bett geschleppt. Sie war räumlich anwesend, hat die Minuten ertragen, eine nach der anderen.
Sie löscht das Küchenlicht, schließt die Haustür ab und schiebt den Schlüssel unter den Geranientopf, der schief und verloren am Rand der Eingangsstufe steht. Widerstrebend begibt sie sich vom Haus zum Auto. Ihr ist klar, dass dies vermutlich die letzten Schritte sind in dem, was von ihrem Leben hier noch übrig ist. Sie horcht, ob Vögel singen. Was will sie von...




