E-Book, Deutsch, 458 Seiten
Clarke Zeit der Ginsterblüte
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96655-729-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman - Eine gefühlvolle Familien-Saga vor atemberaubender englischer Kulisse
E-Book, Deutsch, 458 Seiten
ISBN: 978-3-96655-729-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Brenda Clarke, auch bekannt unter dem Pseudonym Kate Sedley, wurde 1926 in Bristol geboren. Sie gehört zu den erfolgreichsten englischsprachigen Autorinnen von historischen Romanen, ihre Bücher wurden zu internationalen Bestsellern. 1969 begann sie ihre schriftstellerische Karriere und hat seitdem über 50 Romane geschrieben. Bei dotbooks erscheinen Brenda Clarkes gefühlvolle Romane »Die Blume von Cornwall«, »Wie eine Rose im Frühling«, »Zeit der Ginsterblüte«, »Jahre des Sturms, Jahre der Hoffnung«, »Eine Zeit für die Liebe«, »Der Preis des Glücks«, »Schwestern für immer«, »Der Himmel über Glastonbury« und »Der Glanz der Sehnsucht«.
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Prolog
Das Hochmoor brannte. In der Ferne kräuselten sich die Rauchschwaden von sengendem Stechginster und Heidekraut in einen Aprilhimmel, der durchsichtig und in sanftem Lichte strahlend wie ein seidiger Schleier über die Landschaft gespannt war. Dann und wann sah man jenseits der uralten Grenze von Wald und Weideland, jenseits der Felsschlucht, die sie Ash Ridge nannten, und dem Hochland dahinter ein kurzes Aufflackern, getrübt von grauen Wolken.
Am Fuße des Steilufers lag verträumt das Dörfchen Ashcombe in der warmen Frühlingssonne. Mit seiner Granitkirche und den dicht aneinander gedrängten Häusern hatte es sich seit dem Mittelalter kaum verändert. Die Gestalt des Bäckers, der auf seiner Nachmittagsrunde in der Ferne mit dem Lieferwagen von der Hauptstraße zum Judwell Hill abbog, erschien lautlos und unwirklich; wie Spielzeug, das jene längst entschwundenen Riesen zurückgelassen hatten, von denen man sagte, sie seien die Ureinwohner des Dartmoors gewesen.
Der Pfad entlang des Steilufers lag einsam und verlassen, wurde nur hier und dort von dem zarten Schimmer der Ginsterbüsche belebt, die sich mit ihren goldenen Blüten hinter den kantigen schwarzen Felsspitzen in Reihen dahinzogen. Heidelbeerblüten schmiegten sich in rosa leuchtenden kleinen Büscheln an glänzend grüne Blätter. Smaragdgrüne Moospolster im schwarzen Granit ließen die Kerben und Mulden erkennen, die der Regen in den Fels gewaschen hatte. Ein Rabe durchbrach die Stille mit einem Krächzen, das bis in den Norden und die staubgrauen Höhen davongetragen wurde. Als das Schweigen wieder zurückflutete, schien es tiefer als zuvor.
Plötzlich lag ein Donnern in der Luft, von Pferdehufen, aus weiter Ferne zunächst und nur schwach zu hören. Wie Fledermäuse aus der Hölle kamen die Tiere von Westen herangestürmt.
Die drei Reiter waren einander so ähnlich, daß die Blutsverwandtschaft sichtbar wurde. Doch waren sie auch wieder zu verschieden, um als Brüder gelten zu können. Jeder von ihnen hatte das schwarze Haar und die tiefblauen Augen der Kelten. Der mittlere Reiter war untersetzt, mit kurzem, kräftigem Hals und der blühenden Gesichtsfarbe, die man so oft an den Angelsachsen wahrnehmen kann. Sein Cousin, der eine halbe Pferdelänge hinter ihm ritt, war von höherem Wuchs, von dunklerer Hautfarbe, und seine Augen ähnelten mehr dem Blau des Himmels als dem der Kornblumen.
Das eindrucksvollste Bild jedoch bot ihr Anführer. Die kräftige Gestalt saß so locker im Sattel, als wäre sie ein Teil des Pferdes. Der Mann hatte einen dunklen Teint, tiefschwarzes Haar und Augen, die wie Saphire leuchteten. Das Auffallendste an ihm war sein üppiger Bart, der in zwei glänzende Spitzen gedreht war, was seinem Träger ein fast satanisches Aussehen verlieh.
Silas Hunnicutt war achtundzwanzig Jahre alt und wollte alsbald heiraten. Tags zuvor hatte er noch mit seiner zukünftigen Braut zu Abend gegessen und keinen anderen Gedanken im Kopf gehabt als die bevorstehende Hochzeit. Er hatte mit seinem Schwiegervater über die Leidenschaft der Frauen für Kleider und Brautjungfern gelacht. Insgeheim hatte er sich dabei Gedanken über die Vergrößerungen und Verschönerungen von Ashridge Abbey gemacht, die er, dank Sarahs mehr als großzügiger Mitgift, würde vornehmen können. Später war er von Okehampton durch das Moor nach Hause gefahren, leicht angetrunken, angenehm müde und reif für die Nachtmütze und das Bett. Er hatte bis spät in den nächsten Morgen hinein geschlafen.
Gegen Mittag war er von seinem Diener geweckt worden. Soeben war ein Knecht von High Tor herübergeritten gekommen und hatte Neuigkeiten gebracht ...
Eine halbe Stunde später hatten sie zwei Stallburschen ausgeschickt – einen zur Mellyn Farm und den andern nach Crossing Gates –, um eiligst Silas’ Cousins herbeiholen zu lassen. Unter diesen Umständen war es wichtig, die Stärke der Hunnicutts zu demonstrieren.
»Mörder-Bastarde! Heuchlerisches Methodistengesindel!« hatte er geschrien. »Sie werden noch merken, daß sie meinen Neffen nicht umbringen können, ohne dafür zu büßen!«
»Still, Sir, still«, hatte ihn Mrs. Meade, die Haushälterin, angefleht. »Sie können nicht Menschen des Mordes beschuldigen, ohne einen Zeugen oder einen Beweis zu haben. Es war ein Unfall, wie der Bursche Ihnen gesagt hat.«
»Ich hab’s so sicher wie die Hölle gewußt, daß es mit dem verfluchten Testament meines Schwagers Schwierigkeiten geben würde. Eine Anstiftung zum Mord, genau das ist es gewesen! Mein Vater hatte ganz recht, als er versuchte, meine Schwester von der Ehe mit diesem Methodistenparvenü abzubringen.« Silas Hunnicutt war sieben Jahre alt gewesen, als seine um zehn Jahre ältere Schwester von zu Hause fortgelaufen war und gegen den Willen der Familie Edgar Read geheiratet hatte. Die Erschütterung und der Kummer hatten Mrs. Hunnicutt ins Grab gebracht – zumindest pflegte Silas’ Vater dies stets zu behaupten –, und die kurze Ehe brachte auch Martha ein Jahr später ins Grab. Sie starb bei der Geburt Edwards.
Und nun war Edward, kaum 20 Jahre alt, auch tot.
Der Weg bog nach links ab und führte sie weg von dem Steilufer und den rauchig-dunstigen Weiten. Der Pfad wurde beschwerlicher, war mit Büscheln von Heidekraut und breitblättrigem Gras bedeckt. Ein Krähenschwarm stieg kreischend und krächzend in die Lüfte, und Silas’ Brauner scheute einen Augenblick. Fluchend verkürzte Silas die Zügel und bewahrte so das Tier vor dem Straucheln. Ein paar hundert Meter weiter führte der Weg neben einer flechtenübersäten Erle erneut durch eine Biegung, und sie sahen ihr Ziel vor sich liegen: die Tore von High Tor und den weißgewaschenen Lattenzaun, der den Besitz anstelle einer Mauer umgab.
Die Tore, die auf den Wallabrook Hill ausgerichtet waren, standen offen. Eines schwang sogar noch in seinen Angeln, als hätte sich derjenige, der zuletzt hindurchgegangen war, in rasender Eile befunden. Das wird heute ein schönes Kommen und Gehen gewesen sein, dachte Silas grimmig.
»Laß sein!« rief er seinem Cousin Jake Hunnicutt über die Schulter hinweg zu, als dieser absteigen und das Tor schließen wollte. Er gab seinem Pferd die Sporen und trieb es zum Galopp an.
Der Weg wand sich um das Haus herum, von der Rückseite zu seiner Vorderfront, vorbei an Ställen, die mit ihrem frischen Anstrich ungenutzt wirkten. Sie lagen zwischen Ackerland, das zur Hügelseite hin noch nicht bearbeitet und mit hochgewachsenem Gras, Gestrüpp, Heidekraut und wilden Blumen bedeckt war.
Silas galoppierte an den seitlichen Fensterreihen des Hauses entlang und war erneut beeindruckt von der dreisten neumodischen Häßlichkeit High Tors. Die steilen, kompromißlosen Linien dieser granitenen Ungeheuerlichkeit stießen ihn ab. Von den Erkerfenstern in Erdgeschoß und erstem Stock abgesehen, stand das Haus mit seinem abgeschrägten grauen Schieferdach unerschütterlich wie ein Klotz im Wind. Außer seiner Lage und der atemberaubenden Aussicht auf ansteigende Hügel und bewaldete Täler am Ende der Schlucht besaß es nichts Anziehendes.
Über fünf Generationen hinweg waren die Reads die Dorfkrämer gewesen, bis Edgar Reads Vater seinen Instinkt für das Kaufmännische entdeckte. Ashcombe wurde ihm zu klein für seine Begabung, und so zog er nach Newton Abbot. Dort kaufte er sich, mit dem Geld der Methodisten im Rücken, ein größeres Geschäft, dann ein weiteres und schließlich eines in Exeter. Zwei weitere folgten in Torquay, bevor er seine Fühler nach Taunton und Bristol ausstreckte. Dabei erging es ihm wie Midas: Alles, was er anpackte, wurde zu Gold. Als er fünfzig war, dehnte sich seine Ladenkette, die Wessex County Stores, weit über den Westen und ins südliche England hinein. Stanley Read war ein äußerst wohlhabender Mann geworden.
Es blieb jedoch sein innigster Wunsch, eines Tages nach Ashcombe zurückzukehren und dort ein Haus zu bauen, das seinem Wohlstand und neuerworbenen Status angemessen wäre. Ein Haus, das am anderen Ende der Ash-Ridge-Schlucht liegen sollte – der Abbey entgegengesetzt. Ein Haus, das dem jahrhundertealten Anspruch der Hunnicutts, die Herren des Dartmoors zu sein, die Stirn bieten würde.
Aber Stanley Read starb an einem Schlaganfall, bevor er mehr hatte tun können, als das notwendige Land zu erwerben. Es blieb seinem Sohn Edgar vorbehalten, die Träume des Vaters mit diesem scheußlichen grauen Kasten zu verwirklichen, den er passenderweise High Tor nannte, denn an einen Felsturm erinnerte er tatsächlich.
Vor dem Haupteingang standen Pferd und Wagen von Doktor Merridew. Als die drei Cousins absaßen, trat er plötzlich aus dem Haus; seine Miene war zerquält. Clara Read hatte ihn hinausgeleitet, und nun blieben beide, in leises, dringliches Gespräch vertieft, am oberen Treppenabsatz stehen. Den angestrengt lauschenden Hunnicutts gelang es, Bruchstücke ihrer Unterhaltung aufzufangen.
»... ein Unglücksfall. Ein reiner Unglücksfall ...« sagte Clara. »Meine liebe Mrs. Read, beruhigen Sie sich ... Ich versichere Sie, niemand wird an etwas anderes denken.«
»Niemand?« fragte Silas. Er kam so geschwind und leichtfüßig näher, wie man es einem Mann von seiner riesigen Statur kaum zugetraut hätte. Über die Schulter rief er in befehlendem Ton: »Jake, bleib bei den Pferden. Joss, du kommst mit. Ich werde vielleicht einen Zeugen brauchen.«
Der Ton von Silas’ Stimme ließ Clara Read zusammenfahren. Angst flackerte in ihren Augen auf. Im nächsten Moment hatte sie sich wieder im Griff, und ihre weichen Gesichtszüge glätteten sich wieder. »Silas! Gut ... gut, daß du so rasch gekommen bist. Es ist ein entsetzliches Unglück für uns alle. Ich weiß, wie dir jetzt zumute ist.«
»Komm mir nicht mit diesem frommen Geschwätz.«...




