E-Book, Deutsch, 514 Seiten
Clarke Wie eine Rose im Frühling
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96655-730-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman - Ein gefühlvoller historischer Liebesroman im England um die Jahrhundertwende
E-Book, Deutsch, 514 Seiten
ISBN: 978-3-96655-730-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Brenda Clarke, auch bekannt unter dem Pseudonym Kate Sedley, wurde 1926 in Bristol geboren. Sie gehört zu den erfolgreichsten englischsprachigen Autorinnen von historischen Romanen, ihre Bücher wurden zu internationalen Bestsellern. 1969 begann sie ihre schriftstellerische Karriere und hat seitdem über 50 Romane geschrieben. Bei dotbooks erscheinen Brenda Clarkes gefühlvolle Romane »Die Blume von Cornwall«, »Wie eine Rose im Frühling«, »Zeit der Ginsterblüte«, »Jahre des Sturms, Jahre der Hoffnung«, »Eine Zeit für die Liebe«, »Der Preis des Glücks«, »Schwestern für immer«, »Der Himmel über Glastonbury« und »Der Glanz der Sehnsucht«.
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Kapitel 1
Der Ponywagen fuhr in schneller Fahrt die Argyle Street entlang und bog dann auf den Laura Place ein. Vor ihnen erstreckte sich die Great Pulteney Street in ihrer ganzen Pracht und bot einen imposanten Anblick. Das also war Bath, dachte sich die jüngere der beiden Insassen des Wagens und sah sich neugierig um.
Es kam Margaret Dunham so vor, als hätte sie eben erst zu Ende gedacht: Das also ist England! Die Zugfahrt war wie im Traum vergangen, und nach den Wochen auf See gewöhnte sie sich gerade wieder an das Gefühl, festen Boden unter den Füßen zu haben. Sie war verwirrt, um so mehr, als sie eigentlich erwartet hatte, direkt nach London zu fahren. Aber statt dessen hatte Jessie, als sie ihre Schwester in Southampton am Hafen abgeholt hatte, gemeint: »Die Devereaux’ sind in Bath. Wir werden sie dort treffen.«
»Um Himmels willen, Jess, wie viele Häuser besitzen sie denn noch?« fragte Margaret. »Ich kann mich, glaube ich, daran erinnern, daß man ein Haus in Cornwall erwähnte.«
»Latchetts. Das ist der Landsitz der Familie. Und dann ist da natürlich auch noch das Haus in der Hill Street, wenn sie während der Saison in London sind.«
»Und dieses Haus in Bath?«
»Das dient geschäftlichen Zwecken. Ein Teil von Paul Devereaux’ Kapital steckt in den Kohlengruben von Somerset. In der Longreach-Mine. Aber, um Gottes willen, beeile dich, Maggie, sonst verpassen wir noch den Zug. Und versuche etwas weniger ... weniger kolonial auszusehen!«
»Jessie Dunham!« Margaret war entsetzt gewesen. »Ich habe nie erwartet, dieses Wort aus dem Mund einer Amerikanerin zu hören!« Sie überlegte, daß sieben Jahre in England ihre ältere Schwester verändert hatten, und das nicht unbedingt zu ihrem Vorteil. Jessie war eigentlich nie ein Snob gewesen. Margaret hatte keine Ahnung, wie lange sie von zu Hause fort sein würde, aber sie schwor sich insgeheim, daß sie nie vergessen würde, Bürgerin des größten Landes der Welt zu sein, selbst wenn ihre Abwesenheit ein Leben lang dauern sollte.
Der Wagen hielt vor einem der hohen, rußgeschwärzten Häuser in der Great Pulteney Street. Bladud House war an beiden Seiten der Tür zu lesen.
»Wir sind da«, sagte Jessie aufgekratzt und kletterte aus dem Wagen, ohne auf die Hilfe des Kutschers zu warten. »Komm schon, Maggie! Halte dich nicht mit deinen Koffern auf. Harper kann sich darum kümmern.«
Der junge Stallbursche, der den Auftrag gehabt hatte, die beiden Damen am Bahnhof abzuholen, verzog das Gesicht hinter Jessies Rücken. Er hielt sie für eine zickige Person, die ihre Freundschaft mit der Herrin und ihre privilegierte Stellung als deren Vertraute und Gesellschafterin ausnutzte. Aber er teilte nicht die allgemeine Abneigung, die ihr die übrige Dienerschaft entgegenbrachte. Teddy Harper war ein gutmütiger Bursche, und er räumte ein, daß auch er, wäre er gezwungen gewesen, so wie Mrs. Devereaux Tausende von Meilen fern der Heimat zu leben, gerne vertraute Menschen um sich gehabt hätte.
»Das ist ja alles schön und gut«, hatte die Köchin düster bemerkt, als er gewagt hatte, seiner Meinung Ausdruck zu verleihen. »Ich will ja gar nicht leugnen, daß du mit Jessie Dunham recht haben könntest. Aber auch noch ihre Schwester aus Amerika zu holen, damit sie die Gouvernante von Miss India werden soll, das geht denn doch zu weit.« Mr. Stapleton, der Butler, hatte zustimmend genickt, und, ermutigt durch diese außergewöhnliche Anerkennung, war die Köchin fortgefahren: »Sogar die reichen Yankees stellen keine amerikanischen Gouvernanten ein, um ihre Kinder zu unterrichten. Sie holen sich eine von uns.«
Teddy hatte sich nicht informiert genug gefühlt, um weiter über das Thema zu diskutieren, auch wenn das ungeschriebene Protokoll der Dienstbotenetage ihm dieses erlaubt hätte. Als jüngster Stallbursche war er schon etwas zu weit gegangen, als er ungefragt seine Meinung gesagt hatte, und so hielt er jetzt den Mund. Außerdem ging ihn die Sache nichts an, und es war nicht sehr wahrscheinlich, daß ihn die Ankunft einer neuen Gouvernante – ob englisch oder amerikanisch – sehr treffen würde.
Er hatte am Bahnhof wenig Gelegenheit gehabt, den Neuankömmling in Augenschein zu nehmen, und er empfand nun beinahe so etwas wie einen Schock, als er die Hand ausstreckte, um Margaret Dunham vom Wagen zu helfen. Sie hatte dasselbe entschlossene Kinn wie ihre Schwester, aber damit hatte es mit der Ähnlichkeit auch schon ein Ende. Während Jessie Dunham klein und rundlich wie ein dünkelhaftes Rotkehlchen war, verfügte ihre jüngere Schwester über die Art von Figur, von der Teddy mit seinen siebzehn Jahren bisher nur hatte träumen können. Ihre Rundungen waren nicht zu übersehen. Das dicke, üppige Haar, das unter dem kleinen Hut zu einer Rolle hochgeschlagen auf dem Kopf saß, war von einem intensiven Rostrot, und die Strähnen, in denen sich die schwache Aprilsonne verfing, leuchteten von verhaltenem Feuer. Und die Augen – Augen, die bei Jessie von einem hellen, stechenden Blau waren –, sie waren bei Margaret Dunham fast grün.
Etwas von seinen Gefühlen mußte sich auf Teddys Gesicht gezeigt haben, denn Margaret Dunham schenkte ihm ein Lächeln, als sie wohlbehalten den Boden erreichte. Teddy kicherte in sich hinein. Sie würde dafür sorgen, daß die Dienerschaft Gesprächsstoff hatte, und das nicht zu knapp!
Jessie ging die Treppen hinunter und voraus in die Küche, die sich im Souterrain befand und bis auf einen stämmigen jungen Mann mit rundem, fröhlichem Gesicht und verschmitzt funkelnden Augen leer war. Er saß in einem Schaukelstuhl neben dem Küchenherd, stand aber auf, als die beiden Frauen eintraten. Jessie schien etwas aus der Fassung zu geraten.
»Daniel? Warum bist du nicht oben und tust deine Arbeit?«
»Jess, meine Liebe«, sagte der junge Mann und küßte sie vertraut auf die Wange. »sei nicht so streng. Ein Kammerdiener kann nicht vierundzwanzig Stunden am Tag im Dienst stehen. Mr. Devereaux hat sich momentan mit Hugh Stafford zurückgezogen. Dem Manager der Longreach- Mine«, fügte er hinzu, als Jessie ihn fragend ansah. »Und außerdem war ich natürlich neugierig darauf, meine zukünftige Schwägerin kennenzulernen.« Er wandte sich mit einem entwaffnenden Lächeln an Margaret. »Ich bin Daniel Cooper, Mr. Devereaux’ Diener, und, wie sie dir zweifellos erzählt hat, Jessies Zukünftiger.«
»Sie – du meinst ...? Du und Jess ...? Ihr werdet heiraten?« Margaret sah verwirrt aus und fühlte sich auch so.
Daniel stieß einen Seufzer gespielten Vorwurfs aus. »Sie hat es dir nicht erzählt! Jessie! Jessie! Wie wenig denkst du doch an deinen Geliebten.«
»Unsinn!« stieß Jessie hervor und errötete. »Ich hatte einfach noch keine Zeit, das ist alles. Wir haben uns seit fast sieben Jahren nicht mehr gesehen, und wir hatten Wichtigeres zu besprechen.«
Ihr Geliebter rollte seine Augen himmelwärts und murmelte: »›Wahrheit ist des Mannes höchstes Gut.‹ Oder auch der Frau, je nachdem.«
Margaret lachte. »Ich glaube nicht, daß ich dieses Zitat kenne«, sagte sie. »Es ist jedenfalls nicht von Shakespeare.«
»Chaucer.« Daniel musterte sie anerkennend. Nichts von alledem, was Jessie ihm über ihre vier Jahre jüngere Schwester erzählt hatte, hatte ihn auf dieses wunderschöne Geschöpf vorbereitet. Immer wenn er sie um eine Beschreibung gebeten hatte, war Jessie ihm ausgewichen. »Ich glaube, sie ist recht hübsch. Zumindest dachten das die Jungens zu Hause, als sie noch jünger war. Aber sie ist keine Herzensbrecherin.«
Als er sie jetzt so ansah, da war Daniel sich dessen nicht sicher. Er zitierte bewundernd: »›Und sie war schön wie eine Rose im Mai.‹ Das war noch einmal Chaucer. Seine Beschreibung Kleopatras.«
»Ach, du und dein Chaucer!« rief Jessie ungeduldig aus. Sie warf ihm einen Blick zu, in dem teils Zuneigung, teils Verzweiflung lag. »Wo ist die Köchin? Ich sagte ihr doch, wann sie uns zu erwarten hätte. Ich nahm an, sie würde hier sein und uns eine Tasse Tee machen.« Sie nahm ihren Hut ab und warf ihn auf den Küchentisch. »Ich nehme an, ich muß ihn selbst machen. Daniel, komm und mach dich nützlich. Setz dich und unterhalte dich mit Maggie. Danach kannst du jemanden suchen, der ihre Koffer in ihre Zimmer bringt.«
Daniel verbeugte sich widerspruchslos und zwinkerte dann Margaret zu, als er für sie einen Stuhl heranzog. Jessie wirbelte geschäftig in der Küche umher, klapperte mit den Tassen und füllte den Kessel mit Wasser.
Auch Margaret setzte nun mit einem Seufzer der Erleichterung den Hut ab und rückte ihre Frisur zurecht, bis sie wieder einigermaßen in Ordnung war. Sie lächelte Daniel zu, zu müde für eine Unterhaltung. Hunderte von Fragen schwirrten in ihrem Kopf herum, aber momentan war sie zu erschöpft und konnte nur die banalste aller Fragen stellen.
»Warum heißt das Haus hier Bladud House? Es ist ein eigenartiger Name.«
Daniel erklärte es ihr. »Bladud war ein britischer Prinz, der ungefähr um das Jahr fünfhundert vor Christus lebte. Man hält ihn für den Gründer von Bath. Er war auch der Vater von König Lear.«
Margaret runzelte die Stirn. »Wie seltsam. Ich meine, mir ist nie in den Kopf gekommen, daß Lear einen Vater gehabt haben könnte. Er scheint irgendwie so ... so monumental zu sein. Wie aus Stein gemeißelt.«
Daniels Anerkennung wuchs. »Jess«, warf er seiner Verlobten vor, »warum hast du mir eigentlich nie gesagt, daß du eine so bemerkenswerte Schwester hast?«
Jessie gab ein schnaubendes Geräusch von sich und knallte die Zuckerdose neben das Milchkännchen mitten auf den Tisch. Dann goß sie einen Strahl goldbrauner Flüssigkeit in jede der drei Tassen mit dem Rosenmuster...




