E-Book, Deutsch, 0 Seiten
Clarke Vergessene Zukunft
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-11623-1
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
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ISBN: 978-3-641-11623-1
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alvin ist in der komplett von der Außenwelt abgeschotteten Stadt Diaspar zur Welt gekommen und aufgewachsen. Der neugierige Junge ist allerdings mit dem langweiligen Leben in der hochtechnisierten Stadt unzufrieden, und verlässt sie auf der Suche nach Lys - der einzigen anderen noch auf der Erde verbliebenen Stadt, in der die Menschen angeblich noch im Einklang mit der Natur leben …
Arthur C. Clarke zählt neben Isaac Asimov und Robert A. Heinlein zu den größten SF-Autoren des 20. Jahrhunderts. Geboren 1917 in Minehead, Somerset, entdeckte er die Science-Fiction durch die Bücher von H. G. Wells und Olaf Stapledon. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem er als technischer Offizier der Royal Air Force diente, studierte er Physik und Mathematik am King’s College in London. Gleichzeitig betätigte er sich als Autor: 1946 erschien seine erste Story im SF-Magazin Astounding, sein erster Roman zwei Jahre später. In den folgenden Jahrzehnten veröffentlichte er nicht nur weitere preisgekrönte Erzählungen und Romane, sondern auch etliche populärwissenschaftliche Artikel und Bücher, in denen er viele technische Entwicklungen vorwegnahm. Clarke starb im März 2008 in seiner Wahlheimat Sri Lanka.
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1
Das Gefängnis von Diaspar
Die Lektion war beendet. Das schläfrige Flüstern des Hypnons ging unvermittelt eine Tonlage höher und verstummte mit einem dreimal wiederholten Befehlston. Dann verschwamm die Maschine vor seinen Augen und schien sich aufzulösen. Aber Alvin starrte weiter ins Leere, ohne sie oder etwas anderes zu sehen, immer noch auf der Rückkehr durch die Zeitalter in die Realität seiner Gegenwart.
Jeserac wartete; als er sprach, war seine Stimme besorgt und ein wenig unsicher.
»Das sind die ältesten Aufzeichnungen der Welt, Alvin – die einzigen, die unsere Erde zeigen, wie sie war, bevor die Eindringlinge kamen. Nur sehr wenige Menschen haben diese Aufzeichnungen gesehen.«
Langsam wandte sich der Junge seinem Lehrer zu. Etwas in seinem Blick bereitete dem alten Mann Sorgen, und wieder bedauerte Jeserac seine Handlungsweise. Er begann schnell zu sprechen, als versuche er, sein eigenes Gewissen zu beruhigen.
»Du weißt, dass wir nie über die alten Zeiten sprechen, und ich zeigte dir diese Aufzeichnung nur, weil du so begierig warst, sie zu sehen. Lass dich von ihnen nicht in Aufregung versetzen: Solange wir glücklich sind, spielt es doch keine Rolle, wie viel dieser Welt uns zur Verfügung steht. Die Leute, die du gesehen hast, hatten mehr Raum, aber sie waren weniger zufrieden als wir.«
Alvin fragte sich, ob das der Wahrheit entsprach. Er dachte wieder an die Wüste, die Diaspar umgab wie das Meer eine Insel, und wie von selbst kehrten seine Gedanken zurück zu der Welt, die die Erde einmal gewesen war. In seiner Vorstellung sah er die endlosen, blauen Wasserflächen, größer als das Land, deren Wellen sich an goldenen Stränden brachen. Noch immer dröhnte ihm das Donnern der Brecher in den Ohren, das seit tausend Millionen Jahren verstummt war. Und er erinnerte sich an die Wälder und Grasfluren, und an die seltsamen Tiere, die früher einmal die Welt mit dem Menschen geteilt hatten.
Dies alles war verschwunden. Von den Ozeanen zeugten nur noch die endlosen grauweißen Salzwüsten, die Leichentücher der Erde. Salz und Sand von Pol zu Pol, und nur die Lichter von Diaspar brannten in der Wildnis, die sie eines Tages überwältigen musste. Und dies war nicht alles, was der Mensch verloren hatte, denn über der öden Verlassenheit schienen noch die vergessenen Sterne.
»Ich ging einmal zum Turm von Loranne«, sagte Alvin schließlich. »Dort wohnt niemand mehr, und ich konnte über die Wüste hinausblicken. Es war dunkel, und der Erdboden war nicht zu sehen, aber der Himmel war voll von Lichtern. Ich beobachtete sie lange, aber sie bewegten sich nicht. Das waren die Sterne, nicht wahr?«
Jeserac war bestürzt. Wie Alvin zum Turm von Loranne gekommen war, bedurfte einer Nachforschung. Die Neugier und die Interessen des Jungen wurden – gefährlich.
»Ja, das waren die Sterne«, antwortete er. »Und?«
»In den alten Zeiten besuchten wir sie, nicht wahr?«
Eine lange Pause. Dann nickte Jeserac. »Ja.«
»Warum hörten wir damit auf? Wer waren die Eindringlinge?«
Jeserac stand auf. Seine Antwort war wie das Echo aller Lehrer, die auf Erden gelebt und sich vorwitziger Fragen entzogen hatten.
»Das ist genug für heute, Alvin. Später, wenn du älter bist, werde ich dir mehr erzählen – aber nicht jetzt. Es würde dich nur verwirren. Du weißt schon viel zu viel.«
Alvin stellte die Frage nie wieder: Später brauchte er es nicht mehr zu tun, denn die Antwort war klar. Und in Diaspar gab es so viel Ablenkung und Zeitvertreib, dass er diese seltsame Sehnsucht, die er allein zu empfinden schien, monatelang vergessen konnte.
Diaspar war eine Welt in sich. Hier hatte die Menschheit all ihre Schätze zusammengetragen, alles, was aus den Ruinen der Vergangenheit gerettet worden war. Alle längst untergegangenen Städte hatten Diaspar etwas gegeben: Schon vor der Ankunft der Eindringlinge war ihr Name auf all den Welten bekannt gewesen, die der Menschheit verlorengegangen waren.
Nicht nur der Reichtum, auch alle Kunstfertigkeit und Kenntnisse des Goldenen Zeitalters waren in den Bau von Diaspar eingegangen. Als die Glanzzeit zu Ende gegangen war, hatten weitblickende und geniale Männer die Stadt umgeformt und ihr die Maschinen gegeben, die sie unsterblich machten. Was immer in Vergessenheit geraten mochte, Diaspar würde überleben und die Abkömmlinge der Menschheit sicher auf dem Strom der Zeit weitertragen.
Vielleicht waren sie ebenso zufrieden wie ihre fernen Vorfahren, die in und mit der Natur gelebt hatten, und auf ihre Weise mochten viele von ihnen glücklich sein, denn sie kannten nichts anderes als ihre Stadt. Sie verbrachten ihr langes Leben inmitten einer künstlichen Welt, deren Schönheit in ihren Augen unübertroffen war, denn die Arbeit von Millionen Jahrhunderten war auf die Vervollkommnung und den Ruhm Diaspars verwendet worden.
Dies war Alvins Welt, eine Welt, die seit undenklichen Zeiten in einen beinahe statischen Zustand sanfter Dekadenz abgesunken war. Davon aber wusste Alvin noch nichts, denn die Gegenwart war so voller Wunder, dass es leicht fiel, die Vergangenheit zu vergessen. Es gab so viel zu tun, so viel zu lernen, ehe die langen Jahrhunderte seiner Jugend verebbten.
Musik war die erste der Künste gewesen, die ihn angezogen hatte, und eine Zeitlang hatte er mit vielen Instrumenten experimentiert. Aber diese älteste aller Künste war durch ihre lange Geschichte so komplex geworden, dass es ihn tausend Jahre kosten mochte, all ihre Geheimnisse zu meistern, und am Ende verließ ihn der Ehrgeiz. Er konnte hören, er konnte verschiedene Instrumente spielen, aber er konnte nicht schöpferisch sein.
Lange Zeit erfreute er sich am Gedankenumformer. Auf seinem Bildschirm formte er endlose Muster von Formen und Farben, meistens Kopien der alten Meister. Immer häufiger ertappte er sich dabei, dass er Traumlandschaften aus der verschwundenen Welt der Frühzeit schuf, und oft gingen seine Gedanken sehnsüchtig zu den Aufzeichnungen, die Jeserac ihm gezeigt hatte. So brannte die schwelende Flamme seiner Unzufriedenheit langsam zur Bewusstseinsebene durch, obwohl er sich über die unbestimmte Ruhelosigkeit, die er oft verspürte, kaum Rechenschaft ablegte.
Aber mit den Monaten und Jahren wuchs diese Ruhelosigkeit. Hatte Alvin sich früher mit den Vergnügungen und Interessen zufrieden gegeben, die auf Diaspar beschränkt waren, so spürte er jetzt, dass sie nicht ausreichten. Sein Horizont weitete sich, und die Erkenntnis, dass er sein ganzes Leben innerhalb der Mauern der Stadt würde verbringen müssen, wurde ihm unerträglich. Gleichwohl war ihm bewusst, dass es keine Alternative gab, denn die lebensfeindlichen Wüsten bedeckten die ganze Welt.
Er hatte die Wüste nur einige Male in seinem Leben gesehen, kannte aber niemanden, der sie sonst noch gesehen hatte. Die Furcht der Menschen vor der äußeren Welt war etwas, das er nicht verstehen konnte: Für ihn barg sie keine Schrecken, nur Geheimnisse. Wenn er, wie eben jetzt, der Stadt überdrüssig war, vernahm er den leisen, doch unüberhörbaren Ruf der äußeren Welt.
Die Rollsteige waren voller Leben und Farbe, als die Bewohner der Stadt ihren Beschäftigungen nachgingen. Sie lächelten Alvin zu, als er auf den mittleren, schnellsten Rollsteig überwechselte. Manche grüßten ihn und nannten seinen Namen: Früher war es für ihn schmeichelhaft, wenn er im ganzen Viertel bekannt war, jetzt aber verschaffte es ihm kein Vergnügen.
Innerhalb von Minuten hatte der Express-Rollsteig ihn aus dem stark belebten Stadtkern hinausgetragen, und als er ihn an einer langen Terrasse aus verschiedenfarbigem Marmor verließ, gab es da nur wenige Leute. Die Rollsteige waren so sehr ein Teil seines Lebens, dass Alvin sich gar kein anderes Transportmittel vorstellen konnte. Ein Ingenieur der alten Welt wäre wohl verrückt geworden, wenn er versucht hätte, das komplizierte System der einander kreuzenden und voneinander abzweigenden Rollsteige zu verstehen, die sich mit abgestuften Geschwindigkeiten bewegten und deren innere Expressbahn hundert Meilen pro Stunde erreichte. Eines Tages mochte auch Alvin sich Gedanken darüber machen, einstweilen aber nahm er seine Umgebung so unkritisch hin wie alle anderen Bewohner von Diaspar.
Dieser Teil der Stadt war beinahe menschenleer. Obwohl die Bevölkerung von Diaspar seit Jahrtausenden fast unverändert geblieben war, hatte es sich eingebürgert, bestimmte Stadtviertel zu bevorzugen. Eines Tages würden die Gezeiten des Lebens wieder in diese Richtung strömen, aber die großen Turmhäuser standen seit hunderttausend Jahren nahezu leer.
Die Marmorterrasse führte zu einer Wand mit hell beleuchteten Tunnelöffnungen. Alvin entschied sich, ohne zu zögern, für die erstbeste und ging hinein. Sogleich erfasste ihn das peristaltische Feld und beförderte ihn weiter, während er sich bequem zurücklehnte und seine Umgebung betrachtete.
Er konnte kaum glauben, dass er sich in einem Tunnel befand. Der Illusionsmalerei, die ganz Diaspar zu ihrer Leinwand gemacht hatte, war hier ein wahres Meisterstück gelungen, und Alvin hatte das Gefühl, unter freiem Himmel dahinzugleiten. Um ihn her glänzten die Türme der Stadt im Sonnenschein. Es war nicht die Stadt, wie er sie kannte, sondern das Diaspar eines viel früheren Zeitalters. Obwohl die meisten der großen Gebäude vertraut schienen, gab es feine Unterschiede, die das Interesse an der Wiedergabe weckten. Alvin hätte gern länger verweilt, aber er hatte nie eine Möglichkeit gefunden, verzögernd auf das peristaltische Feld einzuwirken und seine Reise durch den Tunnel zu verlangsamen.
Allzu früh wurde er in einer großen, elliptischen Halle, die ringsum von...




