Clarke Projekt Morgenröte
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-11627-9
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 0 Seiten
ISBN: 978-3-641-11627-9
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der berühmte Schriftsteller Martin Gibson darf als erster Passagier mit zum Mars fliegen. Beim Training auf der Raumstation Eins, von der alle Flüge zum Mars starten, lernt er den jungen Astronauten Jimmy Spencer kennen, der Gibsons Fragen beantwortet. Auf dem Mars angekommen besucht Gibson die Station bei Port Lowell. Was er dort sieht und erlebt ist so einzigartig, dass Gibson beschließt, für immer auf dem Roten Planeten zu bleiben.
Arthur C. Clarke zählt neben Isaac Asimov und Robert A. Heinlein zu den größten SF-Autoren des 20. Jahrhunderts. Geboren 1917 in Minehead, Somerset, entdeckte er die Science-Fiction durch die Bücher von H. G. Wells und Olaf Stapledon. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem er als technischer Offizier der Royal Air Force diente, studierte er Physik und Mathematik am King’s College in London. Gleichzeitig betätigte er sich als Autor: 1946 erschien seine erste Story im SF-Magazin Astounding, sein erster Roman zwei Jahre später. In den folgenden Jahrzehnten veröffentlichte er nicht nur weitere preisgekrönte Erzählungen und Romane, sondern auch etliche populärwissenschaftliche Artikel und Bücher, in denen er viele technische Entwicklungen vorwegnahm. Clarke starb im März 2008 in seiner Wahlheimat Sri Lanka.
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1
»Sie sind also zum ersten Mal oben?«, sagte der Pilot und lehnte sich lässig in seinen sanft ausschwingenden Sitz zurück. Er verschränkte seine Hände gleichgültig im Genick, was nicht gerade dazu beitrug, seinem Passagier neuen Mut einzuflößen.
»Ja«, sagte Martin Gibson, ohne seinen Blick von dem Chronometer abzuwenden, der die Sekunden heruntertickte.
»Das dachte ich mir. In Ihren Erzählungen haben Sie das nie richtig dargestellt – all den Unsinn, dass man unter der Beschleunigung ohnmächtig würde. Warum schreibt man bloß derartiges Zeug? Man verdirbt nur das Geschäft damit.«
»Tut mir leid«, sagte Gibson. »Aber Ihre Behauptungen können sich nur auf meine früheren Geschichten beziehen. Die Weltraumschifffahrt lag damals noch in den Anfängen, und ich musste meine Phantasie gebrauchen.«
»Mag schon sein«, sagte der Pilot leicht vorwurfsvoll. »Jedenfalls muss es Ihnen recht spaßig vorkommen, das in Wirklichkeit zu erleben, worüber Sie so oft geschrieben haben.«
Das Adjektiv störte Gibson etwas, aber er wusste, worauf der andere hinauswollte. Dutzende seiner Helden – und Schurken – hatten wie hypnotisiert auf unerbittliche Sekundenzeiger gestarrt und darauf gewartet, von der Rakete in die Unendlichkeit entführt zu werden. Und nun – wie immer, wenn man lange genug wartet – hatte die Wirklichkeit die Dichtung eingeholt. Derselbe Augenblick lag nur neunzig Sekunden in seiner eigenen Zukunft. Ja, es war schon recht spaßig, ein wunderbarer Fall poetischer Gerechtigkeit.
Der Pilot streifte ihn mit einem Seitenblick, las seine Gedanken und grinste ihm ermunternd zu.
»Lassen Sie sich nicht durch Ihre eigenen Geschichten einschüchtern. Einer Wette halber habe ich den Abflug sogar schon einmal aufrecht stehend mitgemacht, obwohl ich zugeben muss, dass das ziemlich albern von mir war.«
»Ich habe keine Bange«, erwiderte Gibson, indem er unnötigen Nachdruck auf die Worte legte.
»Hmmm«, sagte der Pilot und warf einen Blick auf die Uhr. Der Sekundenzeiger hatte noch eine Runde zu machen. »Dann würde ich, an Ihrer Stelle, mich nicht so fest in den Sitz klammern. Er besteht nämlich nur aus Beryll-Mangan, und Sie könnten ihn verbiegen.«
Unbeholfen versuchte Gibson, sich aus seiner Verkrampfung zu lösen.
»Selbstverständlich«, sagte der Pilot leichthin, seine Blicke jedoch, wie Gibson bemerkte, fest auf das Armaturenbrett gerichtet, »würde es ziemlich unangenehm sein, wenn es länger als ein paar Minuten dauerte – aha, die Brennstoffpumpen haben eingesetzt. Was auch geschieht, bleiben Sie ganz ruhig und lassen Sie Ihren Sitz ausschwingen. Machen Sie meinetwegen die Augen zu, wenn Ihnen das Erleichterung verschafft. Hören Sie die Zünddüsen arbeiten? Wir brauchen etwa zehn Sekunden, um die volle Stoßkraft zu entwickeln – das ist, abgesehen von dem Lärm, den es verursacht, so gut wie gar nichts. Damit müssen Sie sich eben abfinden. Ich sagte, damit müssen Sie sich eben abfinden!«
Martin Gibson jedoch tat nichts dergleichen. Bei einer Beschleunigung, die kaum die Höchstgeschwindigkeit eines schnellen Fahrstuhls übertraf, hatte er bereits sanft das Bewusstsein verloren.
Einige Minuten und tausend Kilometer später kam er wieder zu sich und schämte sich seines Missgeschicks. Ein Sonnenstrahl schien ihm voll ins Gesicht, und ihm wurde klar, dass der Schutzvorhang beiseite gerutscht sein musste. Das Licht, obwohl hell, war längst nicht so durchdringend, wie er erwartet hatte; doch dann bemerkte er, dass nur ein Bruchteil seiner vollen Leuchtkraft durch das dunkel gefärbte Glas sickerte.
Er richtete seinen Blick auf den Piloten, der, über das Instrumentenbrett gebeugt, emsig an seinem Logbuch schrieb. Alles war sehr still, nur von Zeit zu Zeit vernahm man seltsam gedämpfte Geräusche, die an kleine Explosionen erinnerten und die Gibson leicht beunruhigten. Er hustete unterdrückt, um sich bemerkbar zu machen, und erkundigte sich bei dem Piloten, woher diese Geräusche kämen.
»Wärmezusammenziehung in den Motoren«, erwiderte dieser kurz. »Sie sind um fünftausend Grad herum gelaufen und kühlen sehr schnell ab. Sind Sie wieder in Ordnung?«
»Mir geht's ausgezeichnet«, erwiderte Gibson und meinte sogar, was er sagte. »Soll ich aufstehen?«
Psychologisch ausgedrückt, hatte er den Grund berührt und war zurückgeschnellt worden. Es war eine recht unsichere Position, obwohl er zu seinem Glück nichts davon ahnte.
»Wenn Sie wollen«, sagte der Pilot argwöhnisch. »Aber Vorsicht – halten Sie sich an etwas Solidem fest.«
Gibson fühlte sich wunderbar erleichtert und froh. Endlich war der Augenblick gekommen, auf den er sein ganzes Leben gewartet hatte. Er befand sich mitten im Weltraum! Es war zwar bedauerlich, dass er den Start verpasst hatte, aber in seinen Aufzeichnungen würde er einfach darüber hinweggleiten.
Aus einer Entfernung von tausend Kilometern gesehen, erschien die Erde noch ziemlich groß und war so was wie eine Enttäuschung. Gibson kam rasch dahinter, weshalb er sich enttäuscht fühlte; er hatte so viele Raketenaufnahmen und Filme gesehen, dass das Überraschungsmoment verlorengegangen war: Nun wusste er zu genau, was er zu erwarten hatte. Man sah die unvermeidlichen Wolkenbänke, die sich langsam um die Erde herum bewegten. In der Mitte der Scheibe traten die Grenzen zwischen Land und Meer klar hervor; unendlich viele Einzelheiten waren zu unterscheiden, aber gegen den Horizont verlor sich alles in dichtem Dunst. Selbst in dem klaren Sichtkegel senkrecht unter ihm war das meiste verwischt und deshalb bedeutungslos. Ohne Zweifel wäre ein Meteorologe über die lebendige Wetterkarte, die sich ihm unten darbot, in Entzücken geraten – aber die meisten Meteorologen befanden sich irgendwo oben in den verschiedenen Weltraumstationen, wo sie eine noch bessere Aussicht genossen. Gibson verlor schon bald die Lust, nach Städten und anderen Menschenwerken Ausschau zu halten. Der Gedanke, dass Tausende von Jahren menschlicher Zivilisation das Panorama dort unten nicht weiter zu verändern vermocht hatten, war irgendwie ernüchternd.
Dann begann Gibson nach den Sternen zu suchen und erlebte seine zweite Enttäuschung. Sie waren zwar da, zu Hunderten sogar, aber blass und bleich, nur ein Abglanz dessen, was er vorzufinden gehofft hatte. Das dunkle Glas des Ausguckloches war daran schuld; indem es das Sonnenlicht aufsog, beraubte es die Sterne all ihrer Pracht.
Gibson fühlte sich leicht gereizt. Nur eines war, wie er es sich vorgestellt hatte. Das Gefühl, frei in der Luft zu schweben und sich durch eine Fingerbewegung von einer Wand zur anderen abzustoßen, bereitete ihm genauso viel Vergnügen, wie er gehofft hatte – auch wenn die Räumlichkeiten in ihrer Begrenzung keine größeren Experimente gestatteten. Schwerelosigkeit war ein bezaubernder, märchenhafter Zustand, besonders jetzt, da es Medikamente gegen die Raumkrankheit gab. Er war froh darüber. Wie sehr hatten doch seine Helden darunter leiden müssen! Seine Heldinnen wahrscheinlich auch, aber darüber hatte man wohlweislich kein einziges Wort verloren. Er dachte an Robin Blakes ersten Flug in der ursprünglichen Fassung von »Mars-Staub«. Als er das Buch schrieb, hatte er ziemlich unter dem Einfluss von D. H. Lawrence gestanden.
Kein Zweifel, Lawrence war großartig darin, physische Empfindungen zu beschreiben, und Gibson hatte sich mit voller Absicht darangemacht, ihn auf seinem eigenen Gebiet zu schlagen. Er hatte der Raumkrankheit ein ganzes Kapitel gewidmet und alle Symptome genau beschrieben, angefangen bei den schwachen Vorahnungen, die man mitunter durch bloße Willensanstrengung unterdrücken konnte, bis zu den unterirdischen Erschütterungen, die selbst die größten Optimisten nicht mehr zu ignorieren vermochten, und den vulkanischen Ausbrüchen des Endstadiums, die eine wahre Erlösung bedeuteten.
Das Kapitel war ein wahres Meisterstück krasser realistischer Schilderung gewesen. Es war nur allzu bedauerlich, dass sein Verleger, der damit liebäugelte, den »Buch des Monats«-Klub für das Werk zu gewinnen, auf Streichung des Kapitels bestanden hatte. Er hatte eine Menge Arbeit gerade auf dieses Kapitel verwendet und, während er daran schrieb, alle Einzelheiten der Krankheit durchlebt. Selbst jetzt …
»Es ist mehr als rätselhaft«, sagte der Arzt, als man den im Augenblick völlig verstummten Schriftsteller durch die Luftschleuse beförderte. »Er hat seine medizinischen Test gut bestanden und vor dem Abflug bestimmt die üblichen Injektionen bekommen. Es muss psychosomatische Gründe haben.«
»Mir ist das völlig gleichgültig«, beklagte sich der Pilot, der dem Krankentransport ins Innere der Weltraumstation Eins folgte. »Mich interessiert an dem ganzen Fall nur, wer mein Schiff säubern wird.« Niemand schien geneigt, diese von Herzen kommende Frage zu beantworten, am allerwenigsten Martin Gibson, der sich nur undeutlich der weißen Wände bewusst war, die an ihm vorüberglitten. Dann verspürte er plötzlich eine leichte Gewichtszunahme, und eine belebende Wärme rieselte wohltuend durch seine Gliedmaßen. Alsbald wurde er sich seiner Umgebung deutlich bewusst. Er befand sich im Lazarett, und die infraroten Lampen strahlten eine herrliche wiederbelebende Wärme auf ihn aus, die ihm durch die Haut bis auf die Knochen drang.
»Nun?«, sagte der Arzt zu ihm.
Gibson lächelte schwach.
»Es tut mir schrecklich leid. Hoffentlich erwischt es mich nicht wieder.«
»Ich weiß nicht einmal, wieso es Sie das erste Mal erwischt hat. Es ist ganz ungewöhnlich; die Medikamente, die wir verabreichen, wirken unserer Ansicht nach unfehlbar.«
»Es ist meine...




