E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Clarke Eine Zeit für die Liebe
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98690-222-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-98690-222-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Brenda Clarke, auch bekannt unter dem Pseudonym Kate Sedley, wurde 1926 in Bristol geboren. Sie gehört zu den erfolgreichsten englischsprachigen Autorinnen von historischen Romanen, ihre Bücher wurden zu internationalen Bestsellern. 1969 begann sie ihre schriftstellerische Karriere und hat seitdem über 50 Romane geschrieben. Bei dotbooks erscheinen Brenda Clarkes gefühlvolle Romane »Die Blume von Cornwall«, »Wie eine Rose im Frühling«, »Zeit der Ginsterblüte«, »Jahre des Sturms, Jahre der Hoffnung«, »Eine Zeit für die Liebe«, »Der Preis des Glücks«, »Schwestern für immer«, »Der Himmel über Glastonbury« und »Der Glanz der Sehnsucht«.
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Kapitel 1
Mühelos fand er das Haus wieder: in einer ruhigen Allee, mitten in St. John’s Wood, fünf Minuten zu Fuß vom Marylebone-Bahnhof entfernt.
Es war ein dreistöckiges Haus, das den Namen The Lodge trug und weit abseits der Straße hinter einer hohen grauen Mauer lag. Ein breiter Kiesweg führte, an einer Zederbaumgruppe vorbei, zu einer wuchtigen Eichentür. Ein grimmiger Ort ... so hatte Henry es bereits bei seinem vorigen Besuch empfunden. Damals im Krieg, kurz vor der Invasion, als er – Angehöriger der Ersten US-Armee, auf den Beginn der zweiten Front wartete. Heute, an diesem herrlichen Oktobermorgen, war er wieder ein ganz freier Mann. Ins bürgerliche Leben zurückgekehrt – »back in civvy-street«, wie die Engländer es scherzhaft nannten – nachdem seine vier Dienstjahre und die Brustverletzung, die er während der Ardennenschlacht verpaßt bekommen hatte, ihm eine vorzeitige Entlassung aus der Armee beschert hatten. So schnell wie möglich war er nach England zurückgekehrt, taub für alle wohlgemeinten Ratschläge seiner Freunde.
»Bist du wahnsinnig, Hank? Du triffst dort nur Mangel und Trübsinn! Laß dir doch nichts von den vielen Bildern von Siegesfeiern und dergleichen vormachen!«
»Werd ich nicht! Aber die einzige Verwandtschaft, die ich habe, lebt in England. Mein Onkel Stephen wohnt in London.«
Was er nicht sagte, war, daß sein Onkel Präsident der Lynton’s Chemicals war und daß sein Vetter, Stephens einziges Kind, bei einem Luftangriff über dem Ruhrgebiet vor drei Jahren abgeschossen wurde. Er war sich nicht ganz sicher, wozu diese beiden Tatsachen beitragen würden, aber sein Instinkt sagte ihm, daß irgendeine Gelegenheit ihm winkte und es unklug wäre, keine Notiz von ihr zu nehmen.
Er ging auf das Haus zu. Weil er keine Klingel entdecken konnte, hob er den schweren Messingring, der an einem augenlosen Wasserspeierkopf hing – eine Kopie, wie er wußte, des Türklopfers zum Sanctuarium der Kathedrale von Durham –, und klopfte. Er mußte eine Weile warten, und das gab ihm Gelegenheit, sich umzuschauen und einen ersten Anflug von Erregung über seinen Empfang zu spüren.
Als er Anfang der Woche ein Treffen mit seinem Onkel ausmachen wollte, hatte er den Eindruck gehabt, daß die Einladung zum Lunch nur ungern erfolgt war. Von seinem ersten Besuch her konnte er sich an eine ziemlich grantige Haushälterin erinnern, und als die Tür geöffnet wurde, wappnete er sich für die bevorstehende Begegnung. Die junge Frau, die in der Türöffnung erschien, war ganz bestimmt alles andere als grantig und viel zu jung, um die furchterregende Mrs. Symonds zu sein. Henry schätzte sie auf ungefähr sein Alter, etwa vierundzwanzig Jahre oder womöglich noch jünger, und das erste, was ihm an ihr auffiel, waren ihre Augen: haselnußbraun, mit grünen Pünktchen. Eine Farbe, wie man sie meistens nur mit Rothaarigen in Verbindung bringt. Doch dieses Mädchen hatte glänzendes, kastanienbraunes Haar, hochfrisiert in einem im Krieg üblichen Pompadourstil und mit Kämmchen festgesteckt. Auf den zweiten Blick sah er ihre Beine: lang und schlank, ihr Reiz leider abgeschwächt durch flache Schuhe und häßliche, kunstseidene Strümpfe, die von den meisten Engländerinnen lieber getragen wurden als die noch unansehnlicheren Baumwollstrümpfe. Er konnte sich vorstellen, wie schön ihre Beine in Nylonstrümpfen aussehen würden. Er würde seine Freunde in Amerika veranlassen, welche zu schicken. Und im gleichen Augenblick entdeckte er noch etwas: Sie trug einen mit Diamanten besetzten Verlobungsring!
»Sie sind gewiß der Neffe von Mr. Lynton«, sagte sie und öffnete die Tür ganz. »Er erwartet Sie bereits. Bitte kommen Sie rein.«
Die Halle war noch genauso düster, wie Henry sie in Erinnerung hatte: zwei Fenster aus bleigefaßtem, farbigem Glas an beiden Seiten der Haustür waren die einzige Lichtquelle. Die schwache Herbstsonne wurde durch die farbigen Scheiben gefiltert und zauberte Lichtreflexe von strahlender Wärme auf die dunklen Mahagonimöbel.
Die junge Frau lächelte und reichte ihm ihre Hand. Sehr gepflegt, kein Nagellack, registrierte Henry. Tatsächlich, alles an ihr, einschließlich ihres strengen Schneiderkostüms mit der einfachen, weißen Bluse, deutete auf eine Sachlichkeit hin, die durch das jugendliche Gesicht in Frage gestellt wurde. Sie war nicht, was man im üblichen Sinn als schön bezeichnen würde: Ihre Züge waren etwas unregelmäßig, die Nase ein wenig zu lang geraten, der Mund etwas üppig, die Augen eine Spur zu weit auseinander. Aber wenn sie lächelte, vergaß Henry diese kleinen Mängel und war überzeugt, noch nie einer attraktiveren Frau begegnet zu sein.
»Ich freue mich«, sagte sie. »Ich heiße Katherine Grey und bin Mr. Lyntons Sekretärin. Da Mr. Lynton heute nicht ins Büro kommt, bat er mich, vorbeizukommen und einige Diktate aufzunehmen.« Ihre Augen zwinkerten. »So kann er sicher sein, daß ich den ganzen Nachmittag beschäftigt bin, wenn ich nach Lynton House zurückkehre. Wahrscheinlich hätte ich die Tür auch nicht öffnen sollen, aber ich ging gerade durch die Halle, als Sie klopften.«
Sie machte ein verschwörerisches Gesicht. »Mrs. Symonds wird bestimmt nicht begeistert sein.«
Während sie noch sprach, erschien die Haushälterin aus einem angrenzenden Zimmer: eine Frau im schwarzen Kleid mit scharfen Gesichtszügen und grauen Haaren. Vorwurfsvoll sah sie die beiden an.
»Aha, Miss Grey! Ich sehen, Sie haben Mr. Lynton bereits reingelassen.« Sie holte hörbar Luft und sah zu Henry hinüber; ihre blassen Augen zeigten ihr Mißfallen über sein unverkennbar amerikanisches Auftreten. »Mr. Lynton senior ist hinaufgegangen, um sich für den Lunch umzuziehen. Er bat mich, Sie einstweilen in den Salon zu führen.«
»Fein!« antwortete Henry burschikos, da er ihre Feindseligkeit gegen seinen Akzent und seine lockere transatlantische Art bemerkte. »Hier herein, nicht wahr? Soweit ich mich erinnern kann ...« Und er öffnete eine Tür an der rechten Seite der Halle, noch bevor Mrs. Symonds einen Schritt machen konnte. Er lächelte Katherine Grey freundschaftlich zu. »Nicht weglaufen, bitte! Bleiben Sie da und leisten Sie mir ein wenig Gesellschaft, bis mein Onkel runterkommt.«
Katherine warf einen kurzen Blick auf das empörte Gesicht der Haushälterin und gluckste vor kaum unterdrücktem Lachen.
»Aber gern«, sagte sie bescheiden. »Vielen Dank, Mr. Lynton.«
Sie ging ihm in den mit Möbeln überladenen Salon voraus, und Henry schloß die Tür energisch hinter sich.
»Das war sehr ungezogen von uns beiden«, sagte Katherine grinsend. »Wir haben Mrs. Symonds für den Rest des Tages in Aufruhr versetzt.«
Sie ging zu einem Tisch in der Mitte des Zimmers.
»Darf ich Ihnen einen Sherry anbieten?«
»Wenn Sie haben, lieber einen Bourbon. Ich meine, einen Whisky. Mann! Ich vermute, ich hätte besser eine Flasche mitbringen sollen! Ich kann mich nicht daran gewöhnen, wie schwierig es ist, hier etwas aufzutreiben. Amerikanische Dollar scheinen aber wohl das ›Sesam, öffne dich‹ zu sein.«
»Sicher sind sie das«, antwortete Katherine trocken. »Und außerdem hat Mr. Lynton sowieso keinen Whisky im Haus. Ich fürchte, Sie müssen sich für einen süßen Sherry ... oder für nichts entscheiden.«
»Danke, nein!« Henry ließ sich in einen tiefen Chintzsessel fallen und sah sich um.
»Dieser Ort macht mir eine Gänsehaut! Es ist ja wirklich wie ein Mausoleum.«
»Wirklich? Ich hab noch nie darüber nachgedacht. So oft komme ich nicht hierher; nur wenn Mr. Lynton krank ist oder sonst einen Grund hat, nicht ins Büro kommen zu können. Aber wo Sie es jetzt sagen, haben Sie vielleicht recht. Ich glaube nicht, daß man irgend etwas geändert hat seit der Zeit, als der alte Mr. Lynton noch lebte.« Katherine sah Henry leicht verwundert an.
»Aber natürlich, der alte Mr. Lynton müßte Ihr Großvater gewesen sein!«
»Der alte Josh! Natürlich! Mein Vater stritt sich immer heftig mit dem alten Knaben und wurde mit dem sprichwörtlichen Shilling abgefunden. Er ist in die Staaten ausgewandert. Das müßte etwa 1910 gewesen sein, als er etwas jünger war, als ich es jetzt bin. Er lernte dort meine Mutter kennen und heiratete sie 1920. Zwei Jahre später kam ich zur Welt. Aber nicht lang danach ging meine Mutter auf und davon. Der Schock über meine Geburt muß wohl zu groß für sie gewesen sein. Sie verschwand, ohne eine Spur zu hinterlassen.«
So locker Henry sprach, so überschattete doch ein Hauch von Schmerz eine Sekunde lang sein Gesicht. Doch genauso schnell war er wieder verschwunden und machte Platz für sein gewinnendes Lächeln.
»Mein Vater starb, als ich sechzehn Jahre alt war, und seitdem habe ich auf eigenen Füßen stehen müssen. Konserven-Biografien! Fertig, während Sie warten!« scherzte Henry. »Also, das wäre meine Lebensgeschichte. Wie steht’s mit der Ihrigen?«
Katherine saß auf der Lehne der Polsterbank, wie ein Vogel, der bereit war, sofort wegzufliegen.
»Ach, meine Geschichte ist ganz alltäglich«, wehrte sie ab. »Sie würde Sie gar nicht interessieren.«
»Na, lassen wir’s drauf ankommen. Sind Sie beispielsweise nicht etwas jung, um Privatsekretärin des Präsidenten von Lynton’s Chemicals zu sein?«
Sie richtete sich auf und warf ihm einen prüfenden Blick zu, ob sie etwa ein Zeichen oder einen Blick voll Überheblichkeit entdecken könnte. Aber nichts dergleichen, sondern nur echtes Interesse. Sie entspannte sich und lächelte.
Henry war ganz und gar nicht das, was Katherine erwartet hatte, als sie erfuhr, daß der Neffe ihres Arbeitgebers zum Lunch eingeladen war. Sie hatte die langen, leicht pferdeähnlichen Lyntonschen Züge erwartet, mit...




