E-Book, Deutsch, 447 Seiten
Clarke Der Glanz der Sehnsucht
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98690-564-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 447 Seiten
ISBN: 978-3-98690-564-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Brenda Clarke, auch bekannt unter dem Pseudonym Kate Sedley, wurde 1926 in Bristol geboren. Sie gehört zu den erfolgreichsten englischsprachigen Autorinnen von historischen Romanen, ihre Bücher wurden zu internationalen Bestsellern. 1969 begann sie ihre schriftstellerische Karriere und hat seitdem über 50 Romane geschrieben. Bei dotbooks erscheinen Brenda Clarkes gefühlvolle Romane »Die Blume von Cornwall«, »Wie eine Rose im Frühling«, »Zeit der Ginsterblüte«, »Jahre des Sturms, Jahre der Hoffnung«, »Eine Zeit für die Liebe«, »Der Preis des Glücks«, »Schwestern für immer«, »Der Himmel über Glastonbury« und »Der Glanz der Sehnsucht«.
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Erstes Kapitel
»Oma! Bist du da? Kann ich reinkommen?«
»Aber sicher, Liebes. Ich bin hier drin. Du weißt doch, daß du jederzeit willkommen bist.«
Felicity Bryce saß in ihrem Wohnzimmer vor einem Stickrahmen. Hinter ihr konnte man durch das große Panoramafenster der Dachwohnung die Dächer von Clifton erkennen, deren Umrisse sich vor dem strahlendblauen Augusthimmel deutlich abhoben. Sie hörte auf, aus einem Bündel bunter Wollfäden, die über der Lehne ihres Sessels hingen, den gewünschten herauszusuchen, und blickte lächelnd hoch, als ihre jüngste Enkelin ins Zimmer kam. Felicity war sich völlig darüber im klaren, daß es falsch war, ein Lieblingskind zu haben. Deshalb gab sie sich auch alle Mühe zu verbergen, daß sie Anne ihrer älteren Schwester Imogen vorzog. Es blieb nur einfach dabei, so verteidigte Felicity ihre Neigung vor sich selbst, daß Anne ihr sehr ähnlich war; sie paßten zueinander, hatten beide Interesse am Schneidern, an Stickereien und an Mode im allgemeinen; auch bei Büchern und Theaterstücken hatten sie den gleichen Geschmack. Die vierzehnjährige Imogen dagegen glich eher ihrer Mutter, Felicitys Tochter Barbara. Barbara war das einzige Kind von Felicity und Vincent, da Felicity zu ihrem großen Bedauern keine weiteren Kinder hatte bekommen können. Wie immer, wenn sie an Vincent dachte, blickte Felicity automatisch zu dem Foto in dem Silberrahmen, das den Ehrenplatz auf dem Regal über dem Kamin einnahm. Selbst jetzt, nach all dieser Zeit, vermißte sie ihn ebenso wie die fünfunddreißig Jahre, die sie glücklich miteinander verbracht hatten. Zu den Dingen, die Felicity am meisten bedauerte, gehörte es, daß Anne ihren Großvater nie gekannt hatte, da sie erst vier Monate nach seinem Tod zur Welt gekommen war.
»Hast du denn schon alles gepackt, und bist du abfahrbereit?« fragte Felicity, als Anne ihr einen Kuß gab.
Anne hockte sich zu ihrer Großmutter auf die noch freie Lehne des Sessels und kicherte. »Bin ich. Aber ob Mama und Im soweit sind, weiß ich nicht.«
Felicity runzelte tadelnd die Stirn. »Ich wünschte, du würdest die Namen nicht immer so abkürzen, Liebes. Es klingt, als ob du zu mundfaul wärst.«
Sie seufzte. »Ich kann mir nicht vorstellen, warum die zwei immer so lange brauchen. Sie haben beide kein Gespür dafür, sich anzuziehen. Wenn sie nach dem Zufallsprinzip irgend etwas in den Koffer werfen würden, käme auch nichts anderes dabei raus. Wann kommt das Taxi?«
»Ich glaube, es ist für halb zwei bestellt. Wir wollen früh zu Mittag essen und dann den Zug viertel nach zwei von Temple Meads aus nehmen. Kommst du alleine zurecht, Oma, wenn wir weg sind?«
Felicity lachte. »Mein liebes Kind, ich bin noch nicht senil. Schließlich bin ich erst dreiundsechzig und durchaus in der Lage, mich alleine in einem Haus zurechtzufinden. Außerdem fahrt ihr doch jedes Jahr im August nach London, um die Haldanes zu besuchen. Wie, denkst du, habe ich wohl die letzten sechs Jahre überlebt? Und wie habe ich es davor geschafft, als ich noch ganz alleine gewohnt habe?«
Anne umarmte ihre Großmutter. »Ich weiß. Dumm von mir. Ich mach’ mir nur Sorgen um dich, das ist alles.«
»Weiß ich.« Felicitys Augen waren ein wenig verschleiert, als sie ihrer Enkelin den Arm tätschelte. »Und denk nicht, daß ich es nicht zu schätzen weiß. Es bedeutet mir viel, sehr viel. Aber deine Mutter wird sowieso in zwei Wochen wieder zurück sein. Sie fährt ja nicht mit euch und den Haldanes nach Devon.«
»Macht sie doch nie. Sie behauptet, daß sie maximal zwei Wochen von der Kanzlei wegbleiben kann.«
Felicity stieß einen weiteren Seufzer aus, diesmal jedoch nur im Spaß. »Oje, das harte Los der Anwälte!« Mit normaler Stimme fügte sie dann hinzu: »Tja, sie hat sich diesen Beruf selbst ausgesucht. Anwältin zu sein war schon immer ihr sehnlichster Wunsch gewesen.«
Sie hatte es mehr gewollt als eine Heirat, mehr als Kinder; aber Felicity war klug genug, diese Gedanken für sich zu behalten. Trotzdem konnte sie sich des Eindrucks nicht erwehren, daß Barbara über Kenneth Seymours frühen Tod vor acht Jahren – Anne war damals knapp drei Jahre alt gewesen – insgeheim erleichtert war. Barbara war nie der Typ zum Heiraten gewesen, und deshalb hatte es Felicity wie aus heiterem Himmel getroffen, als sie plötzlich ihre Verlobung mit einem Anwaltskollegen bekanntgegeben hatte. Barbara und Kenneth heirateten im März 1954. Imogen wurde zweieinhalb Jahre später geboren. Felicity vermutete, daß es schon damals um die Ehe nicht mehr zum besten stand, doch hatten sich die beiden wieder zusammengerauft. Eine Scheidung war unüblich und mehr noch als heute ein Eingeständnis von Versagen. Sie bekamen noch ein Kind, dem Himmel sei Dank dafür! Felicity konnte sich ein Leben ohne Anne nicht vorstellen. Aber sie persönlich zweifelte nicht im geringsten daran, daß Barbaras Trauer nur sehr oberflächlich gewesen war, als Kenneth zusammenbrach und 1963 kurz vor Weihnachten plötzlich an einer Gehirnblutung starb. Barbara hatte keinerlei Schwierigkeiten gehabt, ihr Leben als Single wieder aufzunehmen, obwohl sie zwei kleine Kinder zu versorgen hatte. Ein paar Jahre später hatte sie vorgeschlagen, das Dachgeschoß des viktorianischen Hauses in der College Lane 4 in eine Einliegerwohnung umzuwandeln, in die dann Felicity einziehen sollte.
»Vom wirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen ist das nur vernünftig«, hatte sie in der ihr eigenen direkten und humorlosen Art gesagt, »und mich wird es beruhigen zu wissen, daß jemand zu Hause ist, wenn die Mädchen abends aus der Schule kommen, vor allem, wenn ich noch bis spät in die Nacht arbeiten muß.«
Felicity hatte die Neigung verspürt, ihrer Tochter diese Selbstbezogenheit übelzunehmen, aber sie war dann doch eingezogen und hatte die Entscheidung nicht bereut. Ansonsten hätte sie ihre geliebte jüngere Enkelin nie so gut kennengelernt.
»Stell dich dahin und laß dich anschauen«, befahl sie.
Anne gehorchte, rutschte von der Stuhllehne und drehte sich vor ihrer Großmutter im Kreis. Ihr glänzendes, glattes Haar war zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, und die sanften grauen Augen – das Auffallendste an dem kleinen, herzförmigen Gesicht – blitzen vor Lebensfreude unter den etwas dunkleren goldbraunen Bögen ihrer Augenbrauen hervor. Der kindlich schmale Körper sah zerbrechlich aus, und Annes bleiche Gesichtsfarbe erweckte den Eindruck einer schwachen Konstitution. Doch Felicity wußte es besser. Anne war kräftig wie ein junges Pferd, sowohl in geistiger als auch körperlicher Hinsicht. Sie war viel besser ausgerüstet, mit den Unwägbarkeiten des Lebens fertigzuwerden, als ihre ältere Schwester. Imogen war zum Opfer bestimmt, das hatte ihre Großmutter längst erkannt. Dagegen gab es nichts, was Anne unterkriegen konnte. Anne würde es nicht zulassen. Sie hatte Kampfgeist.
Felicity betrachtete ihre Enkelin mit kritischen Augen. »Das ist ein hübsches Kleid«, sagte sie nach einer Weile voller Anerkennung. »Dieser gedeckte Orangeton verleiht deiner Haut etwas mehr Farbe. Ich bin sicher, du hast bei der Auswahl deine Hand im Spiel gehabt, denn deine gute Mutter hätte niemals so viel Geschmack bewiesen.« Sie spitzte ihren Mund. »Trotzdem fehlt noch etwas, um dieses durchgängige Orange aufzulockern. Ich hab’s. Bin gleich wieder da.«
Felicity verschwand in ihr Schlafzimmer und kam kurz darauf mit einem kleinen Leinentaschentuch zurück. Es war salbeigrün. »Steck das in deine Brusttasche«, forderte sie Anne auf. »Ja. So ist es gut.« Sie zog ein Band hervor, das fast die gleiche Farbe hatte. »Nimm das für deine Haare, statt dieses schrecklichen Gummis mit den Plastikkugeln. Zeig her. Wunderbar! Jetzt siehst du wirklich schick aus, gerade richtig für die Gesellschaft eines unserer herausragendsten und jetzt auch noch in den Adelsstand erhobenen Schauspielers.«
»Meinst du Onkel Cliff? Es klingt lustig, wenn du so über ihn redest. Aber egal.« Anne kam wieder zum Sessel ihrer Großmutter zurück und setzte sich auf die Lehne. »Mama behauptet, Tante Pen ist als Schriftstellerin genauso berühmt wie Onkel Cliff als Schauspieler. Sogar noch berühmter, weil Millionen Menschen auf der ganzen Welt ihre Bücher lesen, aber nicht so viele ins Theater gehen. Aber wahrscheinlich sehen die dann Onkel Cliffs Filme.«
Felicity schaute auf ihre Nasenspitze herunter. Sie ignorierte Annes letzten Satz und erwiderte: »Um so schlimmer, vor allem wenn man bedenkt, was für Bücher Penelope heutzutage schreibt. Ich würde«, so fügte sie nachdrücklich hinzu, »nicht ein einziges ihrer Bücher in meinem Haus dulden.«
Anne war fasziniert. »Warum nicht? Mary James aus meiner Schule sagt, daß ihre Mutter gesagt hat, es sei nichts als Porno oder so. Aber Melissa Tate hat erzählt, daß ihre Mutter sich immer sofort für den neuesten Band in der Stadtbücherei vormerken läßt, gleich wenn er erschienen ist.«
»Mmmm. Nun ja, ich kann dazu nur sagen, daß Mrs. James mehr Geschmack und Diskretion beweist als Mrs. Tate. Aber es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen. Ich bin jedenfalls sicher, daß das nächste Buch – es muß demnächst herauskommen – wieder alle Bestsellerlisten anführen wird. Genau wie die letzten drei.« Da schoß ein anderer Gedanke durch Felicitys Kopf. »Liest Barbara das Zeug etwa?«
Anne schüttelte den Kopf. »Mama liest keine Romane. Das weißt du doch. Sie kann Literatur nicht ausstehen. Tante Pen und sie sind sich wirklich nicht sehr ähnlich, findest du nicht auch? Ich habe mich schon oft gefragt, wie sie dann so dicke Freundinnen werden konnten.«
Felicity wandte ihre Aufmerksamkeit wieder der Stickerei zu, suchte einen purpurroten Faden aus dem Bündel, das neben ihr lag, und zog ihn...




