E-Book, Deutsch, 368 Seiten
Christophersen Schneetage
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-86648-375-0
Verlag: mareverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 368 Seiten
ISBN: 978-3-86648-375-0
Verlag: mareverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jan Christophersen, 1974 in Flensburg geboren, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er erhielt mehrere Stipendien, u.a. ein Aufenthaltsstipendium im Künstlerdorf Schöppingen und im Kloster Cismar sowie ein Stipendium der Akademie der Künste zu Berlin. Heute lebt er mit seiner Familie bei Kappeln. Sein erster Roman 'Schneetage' wurde 2009 mit dem Debütpreis des Buddenbrookhauses ausgezeichnet.
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Nicht sie hatten sich gemeldet, sondern er rief eines Nachmittags bei ihnen an. Ein Donnerstag war es, der letzte in diesem kalten Jahr. Schnee war vorausgesagt worden, der bislang allerdings auf sich warten ließ. Draußen wie üblich Regen über der gekräuselten Wasserfläche des Tiefs. Die Stimme im Radio dagegen hatte von einem skandinavischen Hochdruckkeil geredet, der sich zügig nach Süden verlagere und mit seiner Kaltluft, sozusagen über unseren Köpfen, auf eine wärmere Tiefdruckrinne stoße, was zu ergiebigen Niederschlägen führe, genauer zu Schnee; obendrein würden die Temperaturen weiter absinken, Nachtfröste seien zu erwarten und Sturm, Stärke soundso, aus Nordost.
»Schöne Aussichten sind das«, hatte Paul gesagt und das Radio ausgeschaltet.
Anschließend war er vom Küchentisch aufgestanden, nach nebenan hinter den Tresen gegangen, wo das Telefon stand, und nachdem er eine Nummer gewählt hatte, die er auswendig wusste, ließ er sich zunächst einmal bestätigen, dass er da richtig verbunden war, mit Schleswig.
In der Küche sollten unterdessen die Vorbereitungen für die Geburtstagsfeier in Angriff genommen werden, die uns für den Abend ins Haus stand, ein Achtzigster. Wir hatten unsere Arbeit lediglich für einen schnellen Kaffee unterbrochen, der so gut wie getrunken war, und die Chefin nutzte die Gelegenheit, allen zum wiederholten Mal einzuschärfen, wie wichtig die heutige Feier für uns, das heißt für den Grenzkrug war. Knapp fünfundvierzig Leute sind angesagt, die, bitte schön, ordentlich bewirtet werden sollen. Delffs hat schließlich Kinder und Enkelkinder, nicht wenige sogar, die allesamt kommen und bestimmt auch mal was zu feiern haben werden. Deswegen muss das klappen diesmal. Keine Patzer, wenn’s denn möglich ist. In unserer Lage können wir uns das nicht erlauben. So sieht es aus, leider.
»Verstanden?«, fragte sie.
Wir nickten. Natürlich. Wir hatten verstanden.
»Denn los«, sagte sie und klatschte in die Hände, und noch bevor wir unsere Becher ganz geleert hatten, war sie bereits aufgestanden, zog ihre Schürze zurecht und warf einen Blick zu den doppelten Schwingtüren, hinter denen Pauls heisere Stimme zu hören war. Sie wollte das eigentlich nicht, konnte aber nicht anders: Genau wie wir bemühte auch sie sich, etwas von dem Gespräch mitzubekommen, das er mit denen in Schleswig führte.
Das war keine Selbstverständlichkeit für sie. Immerhin hatte sie erst wenige Wochen zuvor Paul zur Rede gestellt und vor allen bekannt gegeben, dass es so, wie er sich das vorstellt, nicht weitergeht. »Ich werde wohl die alleinige Verantwortung hier übernehmen müssen«, hatte sie zu Paul gesagt. »Und was du daneben treibst, interessiert mich nicht. Ganz allein dein Kram ist das. Ich kann mich nicht auch noch darum kümmern.« Was sie nicht gesagt hatte, war: »Lange mache ich das nicht mehr mit.« Aber genau das war zu hören gewesen.
Gedämpft drangen Pauls Worte zu uns in die Küche, während die Chefin sich am alten Herd zu schaffen machte, in der Glut rührte, darin herumstocherte, alles jedoch auf eine Art, als vermeide sie es, allzu viele Geräusche zu verursachen, um trotz allem mitzubekommen, was nebenan gesprochen wurde. Erst als der Hörer aufgelegt wurde, gab sie plötzlich und ohne ihre Arbeit zu unterbrechen den weiteren Ablauf des Tages bekannt: »Nane und Tacke Küche, Paul Saal, Jannis Obergeschoss.«
Und dann, auf einmal, stand Paul in der Tür. So wie er da stand, schien er selbst zu merken, wie seltsam das wirken musste. Er lehnte am Türrahmen, sein Mund formte ein Grinsen, das misslang und auf halber Strecke hängen blieb. Der Boden unter seinen Füßen knarrte. Ich war der Einzige, der zu ihm hinsah, und unsere Blicke trafen sich.
Kann schon sein, dass er wusste, wie das Bild, das er in diesem Moment abgab, von einem anderen überlagert wurde, das lange zurücklag, mehr als dreißig Jahre, meine Güte; vielleicht wusste er das: Paul in der Tür …
»Ich will nichts hören«, sagte die Chefin. »Kannst du alles für dich behalten.«
Erneut knarrte der Boden, als Paul seine Stellung veränderte und sich vom Türrahmen abstieß. Er stand nun ganz gerade dort. »Kommst mal eben mit mir mit, Jannis?«
Ohne zu zögern, ging ich zu ihm und folgte ihm aus der Küche.
»Der Saal«, rief die Chefin uns hinterher, »denkst du daran? Und die Getränke?«
»Selbstverständlich«, sagte Paul, allerdings wohl zu leise, als dass die Chefin es in der Küche hätte mitbekommen können.
Wir hörten sie fluchen. Danach ein Scheppern. Wasser rauschte auf den Boden. Ihre Worte, die sie mit zischender Stimme ausstieß, waren für uns unverständlich. Aber wir verstanden Tacke, der sich entschuldigte, mehrmals, ihm musste da ein Missgeschick passiert sein. Schon den ganzen Vormittag über war er unkonzentriert und fahrig gewesen, denn heute war sein drittletzter Tag bei uns, und Silvester 1978 würde, leider, leider, sein letzter Arbeitstag im Grenzkrug sein; nicht nur er bedauerte das.
»Undskyld«, sagte er, und noch einmal: »Undskyld.«
Dann war es still in der Küche.
Paul ging vor mir um den Tresen herum, und wie immer in den letzten Monaten, wenn ich ihn so direkt vor mir sah, hatte ich den Eindruck, er sei geschrumpft. Dabei hielt er sich aufrecht wie eh und je, nichts Eingefallenes, Schiefes war in seiner Statur. Dennoch nahm man ihm die Kraft und Stärke, die er ausstrahlte, nicht ab. Man spürte einfach die Anstrengung, die es ihm abverlangte, zu wirken; zumindest ich spürte sie.
Er grüßte zum Tisch in der Ecke der Gaststube, wo im selben Moment ein Arm in die Höhe schnellte. Es war Heiner Bonatz, der dort im Halbdunkel saß, gleich neben dem Weihnachtsbaum, und dort wie üblich sein allzu spätes Frühstück zu sich nahm. Als er mich hinter Paul erspähte, drehte er die zum Gruß erhobene Hand ein und kniff die Augen leicht zusammen; eine fragende Geste sollte das wohl darstellen. Ich wollte schon abwehren, später, Herr Bonatz, geht gerade schlecht, als Paul vor mir sagte: »Du kommst dann gleich nach?« Er ging weiter, und ich verfolgte jeden seiner Schritte, bis er die Gaststube verlassen hatte.
Heiner Bonatz war unser treuester Stammgast. Mehrmals im Jahr kam er von irgendwo im Süden Deutschlands hier herauf in den Norden gezogen, um sich gleich für mehrere Wochen bei uns in Vidtoft einzumieten, drüben in der Ferienwohnung im Anbau, mit freier Sicht auf den Deich des Tiefs und die Grenze nach Dänemark. Er war Kunstmaler von Beruf, ein zurückhaltender, schmaler Mann, und in all den Jahren hatte ich ihn noch nie feste Nahrung zu sich nehmen sehen. Auch jetzt hatte er den Korb mit Brötchen, die ich wie immer frühmorgens aus Nørreby besorgt hatte, den Teller mit Aufschnitt und die Schälchen mit Honig und Marmelade weit von sich geschoben. Stattdessen hielt er sich an das Kännchen Tee, das auf einem ovalen Tablett vor ihm stand und in dem er mit einer seiner übergroßen Hände beständig zwei Teebeutel auf- und abtauchen ließ. Den Kandis hatte er offenbar bereits aus dem Schälchen direkt in die Teekanne geschüttet.
»Wie geht es Ihnen?«, fragte ich, weil er nichts sagte, als ich an den Tisch herantrat.
»Geht so, geht so«, sagte er. »Die Arbeit halt.«
Ich nickte.
Mit der freien Hand führte er die Tasse zum Mund, in der eine ölig schimmernde Flüssigkeit schwappte. Schlürfend nahm er einen Schluck, als wollte er sichergehen, sich die Lippen nicht zu verbrennen, obgleich der Tee kalt zu sein schien.
»Vielleicht«, sagte er dann, die Tasse noch vorm Mund, »ich meine, wenn es sich einrichten ließe, könnte mir etwas Anschauungsunterricht heute sicher nicht schaden. Was denken Sie, Jannis? Tun Sie mir den Gefallen und begleiten mich? Ich wollte gleich zum Schöpfwerk gehen. Dabei könnte ich Ihren Blick gebrauchen, Ihre Worte. Das wäre mir eine große Hilfe. Wissen Sie ja. Ginge das? Bevor es draußen dunkel wird?«
Ich hatte befürchtet, dass er mich das fragen würde. Jedes Mal, wenn er nach Vidtoft kam, bat er mich nach wenigen Tagen, ihn auf einen seiner Spaziergänge zu begleiten, um sich von mir beschreiben zu lassen, was ich sah. Er wollte hören, wie ich die Umgebung wahrnahm. Wie sich die Wolken über dem Horizont stapelten beispielsweise. Wie das Schilf im Wind wogte. So was wollte er von mir hören, damit er es malen konnte. Vor Jahren hatte das angefangen, und eigentlich mochte ich es, wenn er meinen Beschreibungen zuhörte, Skizzenblock und Bleistift in der Hand, Kohle und Radiergummi in der Jackentasche.
Aber diesmal war es anders. Alles war anders. Er konnte das nicht wissen. So ganz genau wusste nicht einmal ich...




