Christophersen | Echo | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Christophersen Echo


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-86648-306-4
Verlag: mareverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-86648-306-4
Verlag: mareverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der lang erwartete neue Roman des Autors von 'Schneetage' Er ist ein Weggeher, sie eine Zuhausebleiberin, und trotzdem sind sie Freunde: Während einer Klassenfahrt an die polnische Ostsee im Spätsommer 1989 nimmt die Geschichte zwischen Gesa und Tom, dem Gitarristen der Schulband, ihren Anfang, später trennen sich die Wege der beiden und kreuzen sich doch immer wieder. Tom konzentriert sich auf seine Musikerkarriere und reist mit seiner Band um die Welt. Gesa bleibt in Flensburg, gründet eine Familie und ist da, wenn ihr alter Freund zu Besuch kommt. Ihr Gästezimmer im Gartenhaus wird Toms Ankerpunkt, dort hören die beiden zusammen Musik und teilen die alte Nähe. Zwischen Toms seltenen Besuchen sind die Postkarten, die er Gesa von unterwegs schreibt, ihre einzige Verbindung. Eines Tages steht für Toms Band ein wichtiger Auftritt bevor, der den musikalischen Durchbruch bedeuten könnte. Doch es kommt anders als geplant, und die Freundschaft zwischen Tom und Gesa wird auf eine harte Probe gestellt. Mit großem Einfühlungsvermögen und viel Spannung zwischen den Zeilen entwickelt Jan Christophersen die Geschichte zweier Menschen, die eigentlich Seelenverwandte sind, aber doch nie ganz zueinanderfinden. Gekonnt fängt der Autor das Schwanken zwischen Nähe und Distanz ein; er erzählt von genutzten und ungenutzten Möglichkeiten, von den Grenzen, die zu einer Persönlichkeit gehören, und davon, wie schwer es ist, füreinander da zu sein, ohne den anderen zu verletzen.

Jan Christophersen, 1974 in Flensburg geboren, lebt mit seiner Familie bei Schleswig. Er studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig; sein Roman 'Schneetage' (mare 2009) wurde mit dem Debütpreis des Buddenbrookhauses ausgezeichnet. 2013 gab er im mareverlag die Anthologie 'Ein extraherrlicher Meersommerabend' heraus.
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2


Bereits auf der Treppe konnte Gesa Musik hören, ein Wummern, das aus einem der Klassenzimmer am Ende des Ganges kam und immer wieder nach kurzer Zeit abbrach, nur Schlagzeug und Bass, nicht die gesamte Band. Entweder probten sie dort gerade einen Einsatz oder den Schluss eines Stückes, das war so nicht zu erkennen. Es war zu dumpf, was durch die Tür nach außen drang. Gesa blieb einen Moment auf dem Flur stehen, lauschte, wartete die nächste längere Unterbrechung ab und trat dann leise ein.

Die Tische und Stühle waren an die Wände gerückt, um Platz in der Mitte zu schaffen. Den meisten Raum nahm das Schlagzeug ein, das zu groß für diese Umgebung wirkte. Per saß dahinter, und obwohl er gerade etwas mit dem Bassisten Erik besprach, dessen Verstärker gleich neben dem Schlagzeug aufgebaut war, blickte er als Einziger zur Tür, als Gesa eintrat, und nickte ihr zu. Möglichst unauffällig schob sie sich an den Tischen entlang in den hinteren Bereich, achtete bei ihren Schritten auf die bunten Kabel, die kreuz und quer verliefen, und musste einen Bogen um das Keyboard herum machen, Annes Instrument, die im Schneidersitz dahinter auf dem Boden hockte und in einen Collegeblock schrieb. Anne blickte nicht einmal auf, obwohl sie Gesas Vorbeigehen bemerkt haben musste.

»Seid ihr oben schon fertig?«, fragte Per und klopfte mit den Sticks auf seine Oberschenkel.

»Fast«, sagte Gesa.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Klassenzimmers drehte Tom in Zeitlupe den Kopf. Seine Gitarre war leise gestellt, aber er spielte etwas, strich mit den Fingern über die Saiten, den Mund leicht geöffnet. Sein Blick war nach innen gerichtet, sodass Gesa nicht sicher war, ob er sie wirklich wahrnahm. Sie setzte sich auf einen der Tische und zog die Beine an den Körper.

»Was macht ihr oben denn eigentlich genau?«, fragte Per.

»Heimatkunde«, sagte sie, und Per schob die Unterlippe vor. »Deutsch-Polnisches eben.«

»Sind die Polen dabei?«, fragte er.

»Die dürfen zwischendurch Referate halten. Geschichtliches aus Slupsk. War mal eine Hansestadt. 600 Jahre deutsch. Und schön. Klein-Paris. Dann Hitler, Stalin. Das volle Programm. Aber jetzt erzählt die Odija gerade, was in den nächsten Tagen so ansteht.«

»Und was wird das sein?«

»Nicht viel. Morgen fahren wir mit dem Bus an die Küste, da gibt es berühmte Dünen. In der Nähe werden wir auch übernachten, in einem Feriendorf, alles aus Holz. Sonntagabend gibt es eine Party irgendwo. Montagmorgen habt ihr euer Konzert in der Schulaula. Und dann geht’s auch schon wieder nach Hause.«

»Das wussten wir doch alles«, sagte Per.

»Eben. Deshalb bin ich da auch weg.«

Erik unterbrach ihr Gespräch. »Wollen wir jetzt noch proben oder nicht?«

»Sicher«, sagte Per. »Ich bin bereit.«

Er zählte an – »eins, zwo, sieben, neun« –, und Schlagzeug und Bass begannen, zusammen zu spielen, in einer Lautstärke, die Gesa für einen Augenblick den Atem nahm. Wenige Takte waren es nur, die sie mehrfach wiederholten. Erik schien an seinem Basslauf zu feilen, ihn dem Rhythmus anzugleichen. So ganz passte das nicht zusammen, was selbst Gesa heraushören konnte. Für Bässe hatte sie sich allerdings immer schon begeistert. Wäre sie musikalisch gewesen, hätte sie als Instrument mit Sicherheit den E-Bass gewählt. Vor einiger Zeit, als sie ein Stück im Radio gleich nach den ersten Basstönen erkannt hatte, was ihr sonst nie gelang – etwas von Police war es gewesen –, war ihr aufgefallen, dass sie unbewusst stets auf den Bass achtete. Für sie war er beinahe so wichtig wie der Text. Erik versuchte sich, zusehends verzweifelter, an einer Tonfolge, die zusammen mit dem Becken gespielt werden musste. Immer wieder kam er nach wenigen Tönen raus.

»Kacke«, sagte er irgendwann, und Per hielt inne. »Da verknoten sich mir die Finger.«

Mit einem Mal hörte Gesa Toms Stimme hinter sich, dumpf und undeutlich. Sie kam aus den Boxen, die auf den Ecktischen standen. »Wir spielen es einfach noch einmal durch«, sagte er. Er sprach in ein Mikrofon, und an der Art, wie die anderen auf seine wenigen Worte reagierten, erkannte Gesa, dass er die Band offenbar leitete.

Anne legte ihren Block weg, erhob sich und blickte zu ihm hin. »Von wo denn?«

»Von vorn«, sagte Tom, wieder durchs Mikrofon.

Dann war auch seine Gitarre zu hören, die Lautstärke baute sich in Sekunden auf, schwoll an, um sogleich voll da zu sein. Es fiepte aus seinem Verstärker. Das gehörte schon zum Stück. Per schlug gegen die Becken, Eriks Bass dröhnte dazu. Dann setzten alle ein, und Gesa presste ihre Hände flach auf die Ohren. Die Musik klang nun abgedämpft und so, als würden alle mit einem Mal etwas tiefer spielen. Die einzelnen Geräusche aus den unterschiedlichen Richtungen konnte Gesa kaum auseinanderhalten. Sie musste die Instrumente ansehen, um ihnen die Töne zuzuordnen. Längere Zeit blickte sie auf die Gitarre, auf Toms Handbewegungen, und auf einmal fiel ihr ein, wann sie ihn das erste und bislang einzige Mal hatte spielen sehen.

In der Turnhalle war das gewesen, vor einigen Jahren, zur Einschulungsfeier eines neuen Jahrganges. Sie selbst war als Mitglied der Theater-AG dabei gewesen, die ein kleines Stück aufführen sollte, eine Szene aus der – Pfeiffer mit drei f, ’ne Dampfmaschin –, und ihre Aufgabe hatte darin bestanden, an einer Stelle um die Ecke zu schauen, unschuldig zu gucken und den Jungs zuzuwinken. Das war schon alles gewesen. Die neuen Schüler saßen andächtig auf ihren Plätzen und lachten brav, wenn ihre Eltern lachten. Gleich nach ihrer Aufführung war als Abschluss der Veranstaltung die neu gegründete Schulband angekündigt worden, die extra für diesen Anlass drei Stücke einstudiert hatte. Unter Beifall traten die Bandmitglieder auf – hauptsächlich Leute aus ihrem Jahrgang: Per, Erik, die üblichen Verdächtigen –, aber dann erkannte sie auch Tom an der Gitarre. Das verblüffte sie. Obwohl sie sich mehrmals im Jahr auf gemeinsamen Feiern der Eltern begegneten, zu Geburtstagen, zu Silvester, hatte Gesa nicht gewusst, dass Tom Gitarre spielte.

Als einziges Bandmitglied stand Tom seitlich zum Publikum. Womöglich versuchte er so, seine Gesichtsröte zu verbergen, die Gesa noch aus der hintersten Reihe auffiel. Nie blickte er auf seine Gitarre; seine Finger spielten, während er zu Boden oder zu Wilsto schaute, der an der Seite stand und bemüht unauffällig bei den Einsätzen half. Die Stücke waren Gesa nicht im Gedächtnis geblieben, Schulbandmusik: , so was. Sie erinnerte sich lediglich an Tom, an seine schmale Gestalt von der Seite, und wie er einmal abtauchte, mitten im Stück, in der Hocke nach etwas auf dem Boden suchte, um dann erneut einzusetzen. Hinterher gab es angemessenen Beifall und Rufe nach einer Zugabe, woraufhin die Band eins der zuvor gespielten Stücke wiederholte.

Während des Abbaus traf Gesa dann hinter der Bühne auf Tom. Er war gerade damit beschäftigt, Kabel einzurollen, und seine Gitarre hing noch immer über seiner Schulter.

»War das dein erstes Konzert?«, fragte sie.

»Das erste Mal, ja«, sagte er, und sie musste über die unschuldige Art lachen, mit der er das herausgebracht hatte.

»War doch gut.«

»Danke.«

Sie blickte auf seine Gitarre, sah noch einmal genauer hin, bevor sie sagte: »Da ist ja Blut.«

»Was?«

»Da.« Sie zeigte hin. »Auf deiner Gitarre.«

Es waren winzige, vereinzelte Spritzer, die sich unter den Saiten verteilt hatten. Auf dem weißen Untergrund war das genau zu erkennen.

»Oha.« Er starrte auf seine Hand. Auch dort Blut. An mehreren Fingern war die Haut eingerissen, Zeige- und Mittelfinger bluteten noch. »Ich hab beim Spielen mein Plektron verloren und … nicht wiedergefunden.«

»Hast du denn nichts gespürt? Das muss doch wehgetan haben.«

»Weiß nicht.«

Sie reichte ihm ein Taschentuch, das er sich um die Finger wickelte. Unbeholfen wischte er mit der verbundenen Hand über die Gitarre, aber die Blutspritzer waren bereits getrocknet.

»Geh du dir erst mal die Hände waschen und hol dir Pflaster«, sagte Gesa. »Und auf dem Rückweg bringst du Toilettenpapier mit. Ich schau solange, was ich hier tun kann.«

»Klar«, sagte er, nahm die Gitarre ab und lehnte sie gegen den Verstärker. »Klar.«

All das fiel Gesa mit einem Mal wieder ein, nicht nur als Erinnerung, sie konnte es bildlich vor sich...


Jan Christophersen, 1974 in Flensburg geboren, lebt mit seiner Familie bei Schleswig. Er studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig; sein Roman "Schneetage" (mare 2009) wurde mit dem Debütpreis des Buddenbrookhauses ausgezeichnet. 2013 gab er im mareverlag die Anthologie "Ein extraherrlicher Meersommerabend" heraus.



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