E-Book, Deutsch, 136 Seiten
Christ Das andere Leben
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7392-8490-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
in fünf Geschichten
E-Book, Deutsch, 136 Seiten
ISBN: 978-3-7392-8490-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
geb. 1940 in Kalenborn/Eifel, verh., Kinder und Enkelkinder, wohnhaft in Lindau/Bodensee. • Handelsschulabschluß, Sekretärin • Malerin seit 1978 • dreijährige Autorenausbildung in München • Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Gemeinschaftsbänden in Wien, Salzburg, Stuttgart, Köln und in Madras/Indien in einem sprachlich international gestalteten Band.
Autoren/Hrsg.
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Sonnenblumen und roter Mohn
Wenn der Wind des Atlantischen Ozeans spät am Abend über das Deck des Kreuzfahrtschiffes pfiff, erinnerte es sie an den des Baltischen Meeres. Er hatte auch gepfiffen, aber er war nicht so kalt. Dann hatten im kleinen Hafen die hohen Masten der Segelschiffe mit ihren langen Leinen und eingezogenen Segeltüchern aneinander geklimpert, dass es sich wie eine Musik angehört hatte. Marie hatte es die „Hafenmusik“ genannt. Weit über den Hafen hinaus hatte es geklungen, landeinwärts bis zu dem alten Haus mit dem tiefgezogenen Rieddach, in dem sie ihre Kindheit verbrachte. Aus dem kleinen Fenster unter dem Dach hatte sie abends gerne herausgeschaut, um dem Wind und der Musik von den Masten zu lauschen, und den Duft der blühenden Wildblumen zu riechen, der von den Feldern herüberwehte.
Auf den großen Meeren, über die sie nun seit Jahren schipperte, blühten keine Blumen! Es roch nicht nach Thymian, Minze und wilder Kamille! Und auch kein duftender Lindenbaum blühte zu Beginn des Sommers, dessen betörender Duft am Abend in die Schlafkammer zog! Es gab auch keine Amsel im Baum, die in der Dämmerung ihre letzten Lieder sang!
Hier kreischten nur die Möwen, oder sie waren lautlose Begleiter des Schiffs. Marie sah ihnen zu; aber für sie waren sie kein Ersatz für die Amsel. Ihr Lied hatte nach Abendstille und Feierabend, nach einem Frieden vor der Nacht geklungen. Danach waren sie, Marie und auch die Amsel, schlafen gegangen.
Wie zufrieden war sie immer gewesen mit der ländlichen Idylle, in der sie mit ihrer Großmutter gelebt, und mit Jan über die Felder gelaufen war! Nie hätte sie sich ein glücklicheres Leben woanders vorstellen können!
Oft, wenn die Arbeit und Hektik schon am frühen Morgen auf dem Schiff begann, und der Tag in einer Erschöpfung am Abend endete, ging sie zum obersten Deck hinauf und sank in einen Liegestuhl. Dann kamen die Gedanken an die Zeit vorher, und sie verlor sich in Erinnerungen.
Darin schlief sie nicht in einer Schiffskabine, sondern in ihrem bequemen Bett in ihrer Kammer im alten Haus. So früh wie jetzt hatte sie nicht aufstehen müssen, vorallem nicht am Wochenende. Heute wußte sie, wie wunderbar es war, dem Morgenwind in den Blättern eines Lindenbaumes zu lauschen, und vom Bett aus zuzusehen, wenn er mit gelbgeblümten Vorhängen am halbgeöffneten Fenster spielte. Und schön war es, wenn die ersten Sonnenstrahlen sich in leicht wehenden Vorhängen verfingen und durchs Zimmer tanzten! Ach ja!
Damals war es auch, dass zu dieser frühen Morgenstunde der Geruch von aufgebrühtem Kaffee durchs Haus gezogen war; denn die Großmutter war eine Frühaufsteherin gewesen. Mit ihrem großen blauen Becher voll dampfenden Kaffees, war sie nach draußen auf die alte Bank am Haus gegangen, und hatte ihn bei Vogelgezwitscher getrunken. Wahrscheinlich hatte auch sie das Lied der Amsel geliebt.
Manchmal war sie auch mit dem leeren Becher in der Hand in den Garten am Haus gegangen, und mit ein paar reifen Erdbeeren darin, roten Tomaten, oder süßen Himbeeren, zurück ins Haus gekommen. Die Früchte hatten dann in einer Schale mitten auf dem Frühstückstisch gestanden, wenn Marie die Treppe hinunter kam.
Dann hatte die Großmutter ihr auch das Wetter für den heutigen Tag vorhersagen können. Draußen von ihrer Bank aus hatte sie es beobachtet. Sie studierte es auch an den Vögeln, wie hoch sie flogen, und wie schnell. Besonders die Schwalben waren ihre Wetterpropheten. Auch an den Wolken und dem Himmel konnte sie es sehen, und sogar an dem Stand und Schein der Sonne.
Wurde es ein warmer Tag, wartete sie mit der Sonnenblumen-und der Ringelblumen-Ernte bis zum Mittag. Dann war ihr Duft am intensivsten. Aus den letzteren machte sie einen wohltuenden Likör. Zusammen mit klarem Schnaps, braunem Kandis und einer Vanillestange darin, ließ sie ihn ein paar Monate am Fenster in der Sonne ziehen. Ebenso auch ihren Schlehen-Likör. Sie trank ihn das ganze Jahr über immer dann, wenn sie sich nicht so recht wohlfühlte, und lobte ihn bei jedem Gläs’chen, dass er guttue.
Großmutter kannte sich bei allem aus. Auch mit den Kräutern am Feldrand: mit Kamilleblüten und Spitzwegerich-Blättern, mit den Blütendolden des Holunder und denen des Lindenbaums im Hof. Sie alle wurden gebündelt und hingen in kleinen Sträußen mit den Köpfen nach unten am Ende des Flurs, wo ein kleines Fenster immer halboffen stand.
Auch die Äpfel im Garten, die Mirabellen und die Kirschen, wie alle Früchte, erntete sie am liebsten in der Mittagssonne. „Dann sind sie schön süß!“ sagte sie immer.
Es hätte sich alles nie ändern sollen; aber es tat es!
Marie fand sie eines frühen Morgens in ihrem Garten hinter dem Himbeerstrauch. Still hatte sie mit offenen Augen zum Himmel geschaut, noch mit dem blauen Kaffeebecher in der Hand und ein paar Himbeeren darin.
Mit Großmutters Tod änderte sich alles, im Haus und ums Haus. Und besonders für Marie!
Keine Kaffee- und Kakao-Aromen mehr in der Früh! Die Bank draußen blieb leer! Keine frischen, bunten Früchte mehr auf dem Frühstückstisch! Bald ließen auch die Blumen im Garten ihre Köpfe hängen, die Äpfel, Mirabellen, und Himbeeren lagen unbeachtet am Boden!
Und in der Wohnstube drinnen blieb die große Standuhr stehen, als wolle auch sie nicht mehr mit der Zeit gehen. Selbst die Zeit im Raum stand still! Unhörbar, als gäbe es kein Weitergehen mehr!
Marie weinte sich Abend für Abend in ihrer Schlafkammer oben unterm Dach in den Schlaf. Sie war kein Kind mehr! Aber ein paar Jahre zusammen mit der Großmutter und ihrem Umsorgen, hätte sie sich noch gerne gewünscht.
Großmutter war seit vielen Jahren der Hort, in dem sie zu Hause war! Sie hatte das Herz, das für die Enkelin schlug! Und sie hatte den Verstand, der bisher für zwei gereicht hatte, solange bis Marie soweit war. Sie war die Wärme, die Liebe, von der sie gelebt hatte!
Aber nun war sie gegangen, hatte Marie und das Haus verlassen, das nur mehr eine stille Behausung war; denn Großmutter hatte ihre Seele mitgenommen!
Natürlich gab es auch noch Jan; aber er war kein Ersatz! Genau wie Marie lebte er am Rande der Sonnenblumenfelder. Von Kindheit an waren sie aneinander gewöhnt, hatten zusammen bis zur obersten Klasse die Schule besucht, und ihre Freizeit miteinander verbracht. Als Kinder waren sie auf den Lindenbaum geklettert und hatten sich oben zwischen den dicken Ästen versteckt. Sie waren in die Heide gelaufen um Heidelbeeren zu pflücken, aus denen die Großmutter ihnen leckere, süßbelegte Pfannkuchen buk.. Am alten Apfelbaum hatten sie auf einer Schaukel hoch zum Himmel hin geschaukelt. Und im Birnbaum war ihr kleines Baumhaus gewesen, ganz für sie allein! Aus einzelnen Brettern und Planen hatten sie es gebaut und sich darin ihre kleinen Geheimnisse erzählt.
Jan war es auch, der ihr damals das Schwimmen beigebracht hatte. Erst in einem kleinen, flachen Fluss, und später im kleinen Hafenbecken hatte er ihr die Angst vorm Wasser genommen. Jan war nicht ängstlich gewesen; er hatte sogar nach den Fischen getaucht und einmal einen erwischt. Auf einem Stein hatte er ihn erschlagen, aber sie hatte nicht zuschauen können. Danach hatten sie ihn auf einer kleinen Feuerstelle am Flussufer gebraten und gegessen.
Es gab so viele Erinnerungen! Sie hatte sie alle mitgenommen aufs Schiff; denn jede einzelne war in ihrem Leben wertvoll gewesen. Besonders in der Hektik der ganzen Jahre, und den vielen neuen, überwältigenden Eindrücken, waren sie so etwas wie eine stabile Grundlage für ein anderes Leben. Sie waren das Fundament ihres inneren Hauses, das sie sich auf ihren Schiffsreisen gebaut hatte. Alles Fremde war so schnell, und immer wieder neu, an ihr vorbeigezogen; nichts hatte sich halten lassen. Aber das, was in ihr verankert war, war fest an seinem Platz geblieben; denn es gehörte zu ihr!
Die Kinderjahre waren damals irgendwann vergangen, und mit ihnen Vieles, was dazugehört hatte. Aber aus der gewohnten Vertrautheit und Verbundenheit mit Jan war die erste Liebe gewachsen.
Erfüllt hatte sie sich im Sonnenblumenfeld an einem Sommertag im August. Einen Himmel voller Blumen, gelb wie die Sonne, hatte sie über sich gesehen, und der Mohn neben ihr hatte rot geblüht wie die Liebe!
Schön und golden war auch der Herbst gewesen, und im Winter hatten sie sich im alten Haus, das Marie geblieben war, gewärmt. Als aber der Frühling gekommen war, und die Menschen, wie die Natur, voll neuer Pläne waren fürs Jahr, hatte Jan seinen Studienplatz in einer entfernten Stadt bekommen, auf den er schon gewartet hatte.
Marie war zurückgeblieben, allein im einsamen Haus. Es wurde wieder zum Ort des Leidens und der Sehnsucht, einer Sehnsucht nach so Vielem! Sie lebte in der Vergangenheit und sehnte sich gleichzeitig nach Zukunft. Wie sie sich darstellen sollte, wußte sie nicht. Über das geborgene Leben bei der Großmutter hatte sie sich Zeit gelassen, ernsthaft und konsequent darüber nachzudenken. Auch sie hatte ihren höheren Schulabschluss, aber ihr Kopf, bezüglich einer Richtung, in die er führen könnte, blieb vorerst leer.
Der Herbst kam schon ins Land, als Jan sie...




