E-Book, Deutsch, Band 465, 240 Seiten
Reihe: Die Andere Bibliothek
Choukri Zeit der Fehler
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-8412-3380-6
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Autobiographischer Roman
E-Book, Deutsch, Band 465, 240 Seiten
Reihe: Die Andere Bibliothek
ISBN: 978-3-8412-3380-6
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
20 Jahre nach seinem Tod: Die Wiederentdeckung des meistgelesenen Schriftstellers Marokkos, der jahrzehntelang wie Salman Rushdie auf der berüchtigten schwarzen Liste der Islamisten stand.
Ein Leben im Marokko der 1950er Jahre: Der zwanzigjährige Erzähler ist ein Rauf-, Sauf- und Hurenbold und zugleich ein ängstliches, einsames Kind. Nun ist er begierig darauf, lesen zu lernen. In 27 Kapiteln erzählt er, direkt und schonungslos, von einem Leben auf Messers Schneide, von den Tagen in der Schule in Larache und fiebrigen Nächten in Tanger. Darin verwoben die Gefühle und Erinnerungen: die zitternden Hände bei den ersten Schreibversuchen, die Jagd nach Essbarem, die Kälte und die Sehnsucht nach Rausch und Leidenschaft. Um zu Geld zu kommen, lässt er sich auf krumme Geschäfte ein. Das Geld braucht er nicht in erster Linie für Essen und Bleibe, sondern für Haschisch, Wein und Prostituierte. Doch immer mehr dringt Mohamed in die für ihn neue Welt der Bücher ein, und unmerklich geht eine Wandlung in ihm vor.
'Mohamed Choukris Leben ist spannender, poetischer, verzweifelter und wilder, als jeder Roman sein könnte. Und er hat es in blendenden Bildern festgehalten, die das Lesen zu einem Erlebnis machen - zu einem Erlebnis, das aufwühlt, das im Schrecken fasziniert.' SÜDDEUTSCHE ZEITUNG.
Mohamed Choukri, Sohn eines Bauern aus dem marokkanischen Rif, wurde 1935 in Beni Chiker geboren. Erst mit einundzwanzig Jahren lernte er Lesen und Schreiben - im Gefängnis von Tanger. Von seiner Kindheit und Jugend, geprägt von Armut, Hunger, Kriminalität, Alkohol, Haschisch und Nächten in Bordellen, erzählt Choukri in seinen autobiographischen Romanen 'Das nackte Brot' und 'Zeit der Fehler'. Später war Choukri Arabischlehrer an einem Gymnasium in Tanger und arbeitete als Literaturkritiker für den Rundfunk. Seine Freundschaft zu Literaten wie Paul Bowles, Jean Genet und Tennessee Williams führte zu seiner Entdeckung als Schriftsteller. Am 15. November 2003 starb Mohamed Choukri im Militärhospital in Rabat.
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Eine verbrannte Laus riecht nach Mensch
Hassan ist von Tetuan zurückgekommen. Das Problem der Wiederaufnahme an der Schule hat er bereits mit dem regionalen Vertreter des Bildungsministeriums geregelt. Mit fünf oder sechs anderen Burschen treffen wir uns immer im Café Si Abdallah. Alles Leute, die an der Schule lernen. Einige verfügen über ein Stipendium von außerhalb, andere nicht. Am Ende der Woche bekommen sie von ihren Familien, was sie für den täglichen Bedarf brauchen, manche fahren auch in ihre Heimatstadt. Hassan hat sich nie auf seine Familie verlassen. Er und seine Brüder haben schon vor Jahren das Geschäft ihres Vaters ruiniert, noch bevor sie unter sich das aufteilen konnten, was nach seinem Tod geblieben war. Hassan kauft in den Warenhäusern Kurzwaren wie Garnrollen, Nadeln, auch Schokoladentafeln und verkauft sie wieder in den kleinen Läden in El Gabibat oder sonst wo. Einmal, als ich ihn begleitet habe, kaufte er bei einem jüdischen Kaufmann Garnrollen, die er, nur wenige Meter weiter, einem marokkanischen Händler zum doppelten Preis andrehte.
Wir rauchen Kif, weil es billiger und von der Wirkung her stärker als Zigaretten ist. Ich lebe von kleinen Almosen der Zailachi-Brüder und anderer Kunden des Cafés, allesamt arm wie wir. Sie gehen mit mir den Schulstoff durch, den ich zu lernen habe, oder wiederholen mit mir, was in meinen Heften steht. Hassan hilft mir gern beim Aufsatz, beklagt sich nie. Ich mache viele Fehler, aber beim Behandeln der Themen bin ich gut. Wenn ich ihn nach einer Grammatikregel frage, sagt er: »Kümmere dich nicht darum, ob der Konjunktiv oder Indikativ falsch sind. Wichtig ist, dass du schreiben und lesen kannst. Manch einer kann die grammatikalischen Regeln auswendig hersagen, aber wenn er schreibt oder liest, macht er trotzdem Fehler, obwohl er alles aus mehr als einem Nachschlagewerk weiß.«
Ich überlegte: Ist das, was Hassan sagt, richtig, oder entschuldigt er damit nur seine Unkenntnis der Grammatik? Später begriff ich, dass er recht hatte. Mailudi wiederholt mit mir Spanisch, das er besser als Arabisch kann. Er gehört zu den faulsten Schülern des Instituts und zu den stärksten Kifrauchern unter uns. Am Abend überfällt mich ein solcher Hunger, dass ich völlig blödsinnig werde und mein Herzschlag durcheinandergerät. Das Abendbrot in der Schule ist schon verdaut, bevor es dunkel wird. Das Kif verstärkt nur noch den Hunger, aber ich muss es haben, um Sorge und Unruhe zu betäuben. Am Morgen erscheine ich selten zur vorgeschriebenen Frühstückszeit. Ich schlafe nicht gut, wegen des Hungers und der Kälte und weil mich meine schmutzige Haut und mein Haar jucken und ich nachts zu viel herumlungere. Endet für die vom Glück Begünstigten auf der Straße die Nacht, dann fängt meine unglückliche Nacht dort erst an. Oft genug heben mir die Kameraden ein paar Stücke Brot auf, die ich lustlos mit etwas Wasser hinunterschlinge. Die Entfernung zwischen Stadt und Schule beträgt zu Fuß eine Viertelstunde oder mehr. Im Winter bin ich noch verzweifelter. Am Abend gehe ich ins Wohltätigkeitsheim. Ungefähr eine Viertelstunde Fußmarsch. Offiziell bin ich fürs Essen nicht eingetragen. Der Verantwortliche im Saal gibt mir aus Mitleid einen kleinen Brotlaib, zwischen dessen Hälften er eine dünne Scheibe Fleisch mit Sauce oder ein Stück Fett oder auch geräucherte Sardinen legt. Bei Regen bleibt mir nur ein Baum, durch dessen Zweige es tropft, als Unterschlupf. Manchmal ist der Verantwortliche nicht da, und dann kehre ich noch hungriger als sonst zurück und verfluche unterwegs jeden, den ich essen sehe. Einmal bin ich am Freitag zur Mittagszeit dorthin gegangen. Kuskus ist ein Gericht, das mir noch nie schmeckte, und dazu eingeladen zu werden, habe ich immer vermieden. Vielleicht deshalb, weil die Trauergäste nach dem Begräbnis meines Onkels in den Tagen der Hungersnot im Rif Kuskus mit Kaldaunen gegessen haben. Ich war damals sieben Jahre alt. Jedenfalls lud mich der Verantwortliche zum Mittagessen mit den Heiminsassen ein. Ich saß mit vier alten Leuten am Tisch. Ihre Greisenhaftigkeit und Gebrechen fand ich ekelerregend. Dabei gehören sie zu den Menschen, die am meisten Mitleid und Menschlichkeit brauchen: Einer hatte nur ein Auge, ein anderer einen schiefen Mund, aus dem Spucke floss, der nächste war zahnluckert (ohne Zähne), und dem Letzten zitterte die Hand. Abgesehen von noch anderen Behinderungen machte mir ihre Hässlichkeit zu schaffen. Es würde das erste und letzte Mal sein, dass ich dort aß. Sie starrten mich an, während sie die Bissen voller Wonne schmatzend durchkneteten. Ich genierte mich, weil ich keinerlei Gebrechen hatte. Die Bedienung stellte mir meinen Teller hin. Hastig aß ich das Gemüse. Der Kuskus und die gummiartige Fleischscheibe, die ich nicht, wie in der Schule, ausspucken konnte, schmeckten mir nicht. Die Alten schluckten sie einfach nach verzweifeltem Kauen hinunter. Ich fragte mich, wie sie das verdauen konnten! Ich holte mein Taschentuch heraus, tat, als wischte ich mir den Mund, und dann spuckte ich den Gummiklumpen hinein. Der Verantwortliche gab mir trockenes Brot zum Abendbrot mit, und als ich hinausging, war in meinem Magen die Hölle los. Fast hätte ich, noch bevor ich die Türschwelle erreichte, gebrochen. Auf dem Weg in die Stadt wurde ich die greisen Gesichter nicht los. Als wären sie aus einer Höhle hervorgekrochen, in der sie sich eine Weile versteckt gehalten hatten. Es sind nicht Dinge, die Ekel bei mir hervorrufen, sondern verunstaltete Menschen. In meinem Magen rumorte es. An einen Baum würgte ich den ganzen Inhalt heraus, bis ich nur noch Luft im Magen hatte. Meine Augen tränten, und mir war schwindlig. Ich ruhte mich kurz aus, dann machte ich mich wieder auf den Weg. El Salhami würde wohl nicht mit einem Fisch geizen, auf den mir mein kleines Stück Brot Appetit machte.
Die Sehnsucht nach meinem verfluchten Tanger macht mich traurig. Selbst die elendsten Verhältnisse, unter denen ich dort lebte, haben jetzt einen verlockenden Geschmack. Kaum habe ich diese Stadt verlassen, schnürt mir eine wahnsinnige Sehnsucht das Herz nach ihr ab. So wie damals, als ich in Oran war und mich nach Tetuan sehnte. Meine Kleidung ist schmutzig und abgerissen. Alles an mir stinkt. Läuse haben sich eingenistet. In meine Schuhe dringt Wasser. Meine Haare stehen zu Berge und kleben vor Dreck. Ich kratze mich unaufhörlich, und unter meinen Fingernägeln bleibt der schwarze Dreck hängen. Wenn ich die Haare nach vorne kämme, um Schuppen und Staub herauszubekommen, fallen vom Kamm muntere schwarze Läuse. Bei jedem Kämmen sind es mindestens drei oder vier fette Läuse, die sehr aktiv sind. Ich nehme einen kleinen Stock, treibe sie zusammen, und wenn ich sie auf einem Stück Papier habe, verbrenne ich sie und höre vergnügt dem Knistern zu.
Ich bleibe im Café, bis es schließt.[14] Nach Mitternacht streife ich durch die Straßen und warte darauf, dass Gottes Tor (die große Moschee) zum Morgengebet geöffnet wird. Dort schlafe ich in einer Ecke auf einer Matte, die nach Schweiß stinkt, weiter. Der Wächter, der kaum noch sehen kann, oder irgendein vorbeikommender krächzender Moscheeler rütteln mich aus meinem Schlummer auf und verscheuchen mich mit den Worten: »Das ist ein Ort des Gebets und der Andacht, nicht aber zum Schlafen.«
Ich bitte ihn inständig, mich liegen zu lassen. Bleibt er hartnäckig, verfluche ich laut und deutlich die Fotze seiner Mutter und den Stamm seiner Ahnen, bevor ich barfuß, mit den Schuhen in der Hand, hinaus auf die Straße gehe.
Eines frühen Morgens hatte ich mich wieder einmal in einer Ecke zusammengerollt. Plötzlich fühlte ich, wie jemand über mich stolperte und auf mich fiel. Ich schreckte auf und fluchte zornig los. Es war der blinde Muchtar El Haddad. Ich hatte schon von ihm gehört. Schüler im Religionsinstitut. Bekannt für seine Urkunden im Studium. Überragend in der arabischen Sprache und ihren Regeln. Kennt den Koran, die Prophetentradition und die arabische Dichtung, die verfluchte und die abgesegnete, auswendig. Er war sehr bekümmert und entschuldigte sich bei mir. Als er erfuhr, dass ich Schüler bin, holte er aus der Tasche seines wollenen Djilbabs das Buch Die drei Klagen der Liebenden von Zaki Mubarak heraus. Er schlug mir vor, gemeinsam auf seine Kosten im Café Central zu frühstücken und das Buch zu lesen. Es war Sonntag. Draußen erzählte ich ihm ein wenig von mir und wie ich dazu gekommen war, in Larache zu lernen. Wir trösteten uns ...




