Choukri | Das nackte Brot | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 23, 244 Seiten

Reihe: Die Andere Bibliothek

Choukri Das nackte Brot

Roman
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-8412-3370-7
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, Band 23, 244 Seiten

Reihe: Die Andere Bibliothek

ISBN: 978-3-8412-3370-7
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Klassiker der Weltliteratur aus Marokko.

Mohamed Choukri erzählt seine Kindheit und Jugend in Marokko: Der Vater ist Berber-Bauer in einem kleinen Ort im Rif-Gebirge, wo Choukri 1935 geboren wurde. Die Hungersnot treibt die Familie in die verheißungsvolle Stadt, nach Tanger. Aber auch hier finden sie nichts als Elend und Armut. Die Mülltonnen machen die herumstreunenden Kinder nicht satt. Der Schrei nach Brot wird dem jüngeren Bruder zum Verhängnis: Vom Jähzorn der Verzweiflung übermannt, erwürgt ihn der Vater und vertuscht sein Verbrechen. Mohamed bricht mit den Eltern, er schlägt sich als Dieb und Bettler, als Strichjunge und Spieler durchs Leben. Als das Buch 1982 auf Arabisch erschien, wurde es aufgrund seiner Offenheit und Radikalität verboten. Heute zählt 'Das nackte Brot' zusammen mit 'Zeit der Fehler', dessen Fortsetzung, zu den Klassikern der Weltliteratur. 





Mohamed Choukri, Sohn eines Bauern aus dem marokkanischen Rif, wurde 1935 in Beni Chiker geboren. Erst mit einundzwanzig Jahren lernte er Lesen und Schreiben - im Gefängnis von Tanger. Von seiner Kindheit und Jugend, geprägt von Armut, Hunger, Kriminalität, Alkohol, Haschisch und Nächten in Bordellen, erzählt Choukri in seinen autobiographischen Romanen 'Das nackte Brot' und 'Zeit der Fehler'. Später war Choukri Arabischlehrer an einem Gymnasium in Tanger und arbeitete als Literaturkritiker für den Rundfunk. Seine Freundschaft zu Literaten wie Paul Bowles, Jean Genet und Tennessee Williams führte zu seiner Entdeckung als Schriftsteller. Am 15. November 2003 starb Mohamed Choukri im Militärhospital in Rabat.

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EINS


Ich weine, weil mein Onkel tot ist. Die Kinder um mich herum weinen mit mir zusammen. Sonst weine ich nur, wenn jemand mich schlägt oder wenn ich etwas verloren habe. Ich sehe auch andere Leute weinen. Der Hunger ist im Rif. Die Dürre und der Krieg.

Eines Abends bin ich nicht mehr imstande, meine Tränen aufzuhalten. Der Hunger schmerzt mich. Ich lutsche meine Daumen, lutsche und lutsche. Ich erbreche mich, doch nur Speichel sabbert aus meinem Mund.

Meine Mutter sagt immer wieder zu mir: »Schweig! Wir werden nach Tanger auswandern. Dort gibt es viel Brot. Du wirst nicht mehr um Brot weinen, wenn wir in Tanger angekommen sind. Dort essen die Leute sich satt.«

Mein Bruder Abdelkader weint nicht.

Meine Mutter sagt: »Sieh deinen Bruder Abdelkader an, er weint nicht, und du weinst.«

Ich schaue in sein bleiches Gesicht und in seine leeren Augen und höre auf zu weinen. Nach wenigen Augenblicken verlässt mich die Geduld wieder, die ich von ihm geborgt habe.

Mein Vater kommt herein. Er findet mich weinend. Er verpasst mir Fußtritte und Faustschläge.

»Schweig! Schweig! Schweig! Das Herz deiner Mutter wirst du fressen, du Hurensohn.«

Er hebt mich in die Luft. Er schleudert mich auf den Boden. Er tritt mich, bis seine Füße erlahmen und meine Hose durchnässt ist.

*

Auf dem Weg in unser Exil, zu Fuß, sahen wir Viehkadaver, um die schwarze Vögel und Hunde ihre Kreise zogen. Ekelhafte Gerüche. Zerfetzte Eingeweide, Gewürm, Blut und Eiter.

Nachts heulten die Schakale in der Nähe des Zeltes, das wir irgendwo aufstellten, dort, wo die Erschöpfung und der Hunger uns zum Halt zwangen. Da und dort begruben die Leute ihre Toten, wo sie soeben gestorben waren. Mein Bruder hustete und hustete.

Ich fragte meine Mutter voller Angst: »Wird er auch sterben?«

»Aber nein. Wer hat dir gesagt, dass er sterben wird?«

»Mein Onkel ist tot.«

»Dein Bruder wird nicht sterben. Er ist nur krank.«

In Tanger sah ich das viele Brot nicht, das mir meine Mutter versprochen hatte. Der Hunger war auch in diesem Paradies, aber es war kein Hunger, der die Leute umbrachte.

Wenn der Hunger sich mit Gewalt über mich hermachte, ging ich hinaus in unser Viertel Ain Ktiouet. Ich suchte in den Mülleimern nach essbaren Resten. Ich traf einen Knaben, in den Mülleimern wühlend wie ich. Sein Kopf und seine Hände voller Pusteln. Barfüßig, Hemd und Hose durchlöchert. Er sagte zu mir: »Die Mülleimer in der Stadt sind besser als die in unserem Quartier. Die Abfälle der Christen sind besser als die der Muslime.«

Nach dieser Entdeckung ging ich ab und zu weiter aus unserem Quartier hinaus. Alleine oder zusammen mit den Mülleimerkindern.

Einmal entdecke ich ein totes Huhn. Ich presse es gegen meine Brust und renne nach Hause. Meine Eltern sind in der Stadt. Mein Bruder hat sich in einer Ecke ausgestreckt. Sein Oberkörper liegt, etwas erhöht, auf einem Kissen. Er atmet schwer. Seine großen, matten Augen überwachen den Eingang. Er sieht das Huhn. Seine Augen werden munter. Er lächelt. Sein ausgemergeltes Gesicht rötet sich. Es kommt Bewegung in ihn, er erwacht aus seiner Bewusstlosigkeit. Er hustet vor Freude. Ich finde ein Messer. Er hustet und keucht. Ich wende mein Gesicht nach Osten, so wie ich meine Mutter beten sehe. Ich sage laut: »Im Namen Gottes. Gott ist groß.« So tun es die Erwachsenen. Ich schneide dem Huhn in die Kehle, bis sein Kopf ganz abgetrennt ist. Ich warte, dass es blutet. Ich massiere es, damit es vielleicht blutet. Etwas Schwarzes, ganz wenig, rinnt aus seinem Hals. Im Rif habe ich Nachbarn ein Schaf schlachten gesehen. Sie hielten ihm ein Becken unter die Kehle, aus der das Blut schäumte. Das Becken wurde voll, und sie gaben es meiner kranken Mutter. Sie hielten sie auf dem Bett fest, doch sie sträubte sich dagegen, das Blut zu trinken. Sie brachten sie mit Gewalt dazu. Das Blut lief ihr über das Gesicht und über die Kleider. Sie wälzte sich im Bett, dann verlor sie die Besinnung und versetzte die andern mit unverständlichen Worten in Aufregung. Warum fließt das Blut jetzt nicht aus der Kehle dieses Huhns, wie ich es aus der Kehle des Schafs fließen sah? Ich höre ihre Stimme: »Was machst du da? Wo hast du es gestohlen?«

»Ich habe es gefunden, krank. Da habe ich es geschlachtet, damit es nicht vorher stirbt. Frag meinen Bruder.«

»Du Narr!« Sie reißt es mir wütend aus den Händen. »Die Menschen essen kein Aas.«

Mein Bruder und ich wechseln traurige Blicke. Er schließt die Augen, in der Hoffnung auf etwas Essbares.

*

Mein Vater kommt jeden Abend verdrossen nach Hause. Wir wohnen in einem einzigen Raum. Manchmal schlafe ich mitten im Gerümpel. Mein Vater ist eine Bestie. Kein Mucks, kein Wort ohne seine Ermächtigung, als würde er über alle Dinge bestimmen und nicht Gott, wie ich es die Leute sagen hörte. Er schlägt meine Mutter ohne verständlichen Grund. Ich habe ihn öfters zu ihr sagen hören: »Ich werde dich verlassen, du Hurentochter. Mach deine Sache allein mit diesen zwei Welpen!«

Er zieht seinen Schnupftabak hoch. Er spricht mit sich allein. Er speit nach unsichtbaren Leuten. Er verflucht uns. Er sagt zu meiner Mutter: »Du bist eine Hure und die Tochter einer Hure.« Er beleidigt die ganze Welt. Manchmal lästert er Gott und bittet ihn hinterher um Verzeihung.

*

Mein Bruder weint. Von Schmerzen gepeinigt, weint er um Brot. Er ist kleiner als ich. Ich sehe IHN auf ihn zugehen. Die Bestie geht auf ihn zu. Wahnsinn in den Augen. Die Arme eines Kraken. Keiner kann ihn aufhalten. Ich will um Hilfe schreien: »Eine Bestie! Ein Verrückter! Haltet ihn!« Das Scheusal dreht ihm mit all seiner Kraft den Hals um. Mein Bruder krümmt sich zusammen. Blut spritzt aus seinem Mund. Ich stürze aus dem Haus, an ihm vorbei, während er meine Mutter mit Schlägen und Tritten zum Schweigen bringt. In einem Versteck warte ich auf das Ende der Schlacht. Nichts regt sich. Um mich die Stimmen dieser Nacht, nah und fern. Der Himmel. Die Lichter Gottes sind Zeugen des Verbrechens meines Vaters. Die Leute schlafen. Die Lichter Gottes leuchten auf und verschwinden. Die Silhouette meiner Mutter. Ihre erstickte Stimme. Sie sucht mich. Sie schluchzt. Warum ist sie nicht so stark wie er? Die Männer schlagen die Frauen, und die Frauen weinen und schreien.

»Mohamed, mein Mohamed! Komm! Hab keine Angst! Komm!« Ich sehe sie gerne so, ohne dass sie mich sehen kann.

»Schau, hier bin ich.«

»Komm!«

»Nein! Er wird mich töten, wie er meinen Bruder getötet hat.«

»Hab keine Angst! Komm mit mir! Er wird dich nicht töten. Sei still, dass uns die Nachbarn nicht hören.«

Er schluchzt und schnupft seinen Tabak. Seltsam: er tötet seinen Sohn, und dann weint er darüber.

Wir blieben alle drei wach, weinten und schwiegen. Mein Bruder wurde in ein weißes Leichentuch gewickelt. Ich schlief ein und ließ die beiden alleine schluchzen.

Am Morgen weinen wir wieder alle, schweigend. Ich mache mich zum ersten Mal zu einem Begräbnis auf. Mein Bruder, verhüllt, in den Armen des Schaichs, dann mein Vater, und ich hinke barfuß hinterher. Sie legen ihn in eine feuchte Grube. Ich zittere und weine. Ein Klecks von geronnenem Blut klebt auf seiner Lippe. Sie bedecken ihn mit Erde. Es bleibt ein kleiner Hügel zurück.

Als wir zum Friedhof hinausgingen, bemerkte der Schaich, dass meine Füße blutverschmiert waren. Er fragte mich auf Rifi: »Mana ’dh-dhamma? Was ist das für Blut?«

»Ich bin auf Scherben getreten.«

Mein Vater sagte: »Er kann nicht einmal richtig gehen. Der Schwachkopf.«

Der Schaich fragte mich: »Du hattest deinen Bruder lieb?«

»Sehr lieb. Meine Mutter hatte ihn sehr lieb. Sie liebte ihn mehr als mich.«

»Wer liebt seine Kinder nicht?!«

Ich dachte daran, wie mein Vater meinem Bruder den Hals umgedreht hatte. Beinahe hätte ich es hinausgeschrien: Mein Vater liebte ihn nicht. Er ist es, der ihn getötet hat. Ja, er hat ihn getötet. Er hat ihn getötet. Ich habe es gesehen, wie er ihn getötet hat. Er, er hat ihn getötet. Ich habe es gesehen, wie er ihn getötet hat. Er hat ihm den Hals umgedreht. Das Blut spritzte aus seinem Mund. Ich...



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