Chidolue Millie auf Klassenfahrt
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7336-0292-5
Verlag: FISCHER Sauerländer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Reihe: Millie
ISBN: 978-3-7336-0292-5
Verlag: FISCHER Sauerländer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dagmar Chidolue, 1944 in Sensburg, Ostpreußen, geboren, zählt zu den namhaftesten Kinder- und Jugendbuchautorinnen Deutschlands und wurde bereits mehrfach, u.a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis, ausgezeichnet.
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Ritter Ruppig
Millie ist gar nicht richtig bei der Sache, als Frau Heimchen und Vera die Zimmerverteilung vornehmen. Die Lehrerin verkündet nun, dass Millie und Kucki sich ein Zimmer teilen. War doch schon klar, Frau Heimchen!
»Es ist ein Dreierzimmer«, sagt die Lehrerin. »Ihr bekommt noch ein Mädchen dazu, das nicht woanders untergebracht werden konnte.«
Wieso das denn?
O nein! Schreck lass nach! Das Mädchen ist Mercedes. Aber die ist doch zwei Klassen höher und passt gar nicht zu den Schülerinnen von Frau Heimchen. Außerdem hat sie zehn, elf, zwölf Freundinnen, die sich darum reißen müssten, das Zimmer mit ihr zu teilen.
Erst jetzt sieht Millie, dass Mercedes nicht mehr wie bislang ihre zehn, elf, zwölf Freundschaftsbändchen am Handgelenk trägt. Ey … haben die Mädchen endlich kapiert, dass die Klassenqueen eine blöde Ziege ist, und ihr die Freundschaft aufgekündigt?
Mercedes zieht ein hochmütiges Gesicht. Logisch, dass sie nicht mit Millie und Kucki die Nächte verbringen möchte. Sie behandelt beide ja, als wären sie noch Babys.
»Oder, mein liebes Mädchen«, sagt Frau Heimchen zu ihr, »es gibt noch die Möglichkeit, dass du mit mir das Zimmer teilst. Lehrerzimmer haben immer zwei Betten.«
»Warum?«, fragt Gus lauernd. »Weil das zweite Bett für die Heulsusen ist?«
Die Lehrerin sagt zunächst gar nichts. Millie sieht, wie es in ihrem Kopf arbeitet. Sie guckt Gus nur mit einem finsteren Blick an. »Oder für die Heulmichel«, erwidert sie dann.
Da gibt es ein brüllendes Gelächter. Und alle schauen Gus an. Aber echt … Gus ist noch nie ein Heulmichel gewesen. Bloß ein Schlappmaul.
Millie kriegt mit, wie Mercedes schluckt. Dann aber scheint sie ihr Schicksal akzeptiert zu haben. Sie wirft noch einen abschätzigen Blick auf Millies Wolkenrucksack. Der ist einen Tick kleiner als ihr eigener in Grau-Orange. Na und?
Jocko und der Uhu teilen sich ein Zimmer und sind so gnädig, Gus und Wulle aufzunehmen. Und was ist mit Mario? Der arme Kerl guckt zu Boden, als ginge es gar nicht um ihn. Niemand aus der Klasse will ihn in der Nähe haben. Wartet jetzt vielleicht das Heulmichel-Bett im Zimmer vom Mathe-Lehrer auf ihn?
Nein, nein! Frau Heimchen entscheidet, dass er das Zimmer von Jocko, dem Uhu, Gus und Wulle mitbewohnen wird. Es ist ein Sechserzimmer und reicht also locker für fünf.
»Ist das okay für dich?«, fragt Frau Heimchen.
»Ist okay«, murmelt Mario, der nun doch ein wenig erleichtert aussieht.
Millie stellt sich vor, wie es wäre, wenn sie so hin- und hergeschoben werden würde, weil niemand sie mag. Sie würde im Boden versinken! Ein bisschen tut Mario ihr leid. Gerade noch mal gutgegangen.
Herr Grottenfels erklärt, wie sie zu ihren Zimmern gelangen. Einige sind in dem Fachwerkgebäude, das auf der stabilen Begrenzungsmauer errichtet wurde, untergebracht. Andere Zimmer befinden sich unterhalb des Wehrganges mit den Schießscharten. Und Millie, Kucki und Mercedes wohnen tatsächlich im Turm.
Im Turm? Im Mäuse-, im Ratten-, im Fledermausturm? Das hat Millie gerade noch gefehlt!
»Ihr habt doch keine Angst, oder?«, will die Lehrerin wissen.
Millie zieht nur eine Schnute. Angst darf man nicht zeigen, schon gar nicht, wenn Gus in der Nähe ist.
»Ich bin nicht weit von euch untergebracht«, sagt Frau Heimchen.
Das beruhigt schon mal.
Aber die Jungs schlafen auch im Turm! Werden sie nachts Remmidemmi machen und als Gespenster im Turm herumschleichen? Werden sie die Mädchen erschrecken?
Lalalalala … sollen sie doch kommen! Millie glaubt nicht an Gespenster. Lalalalala …
Gar nicht einfach, die stolprigen, krummen und schiefen Treppenstufen zu erklimmen. Mann, ist das steil! Millie muss sich am eisernen Geländer hochziehen. Dicht hinter ihr und Kucki stapfen die Jungs den finsteren Treppenaufgang hoch. Bis zum Zimmer mit dem Namensschild: . Na, das passt!
Das Dreierzimmer der Mädchen hat auch einen Namen: . Das passt noch besser. In einem Hort wird man beschützt, da kann man sich gleich geborgen fühlen.
Das Zimmer ist halbrund. Klar, der Turm von Burg Grottenfels ist ja rund. Vielleicht ist das Zimmer der Jungs ein Stockwerk tiefer sogar ganz rund. Bei denen stehen die Betten wahrscheinlich sternförmig im Kreis, und jeder der Jungs zeigt mit seinen Füßen auf sein Gegenüber. Wie beim Synchronschwimmen!
Und wo wird Frau Heimchen wohnen?
Eins drüber oder eins drunter, egal.
Als Erstes muss Millie schnell mal aus dem kleinen Fenster schauen. So werden sich die Vögel fühlen, wenn sie sich hoch über dem Erdboden Nester bauen.
Logo, dass für Millie und Kucki das Stockbett vorgesehen ist.
Oh! Blau-rot karierte Bettwäsche!
Millie nimmt die obere Etage. Kucki kann unter ihr schlafen.
Millie pfeffert ihren Rucksack sofort hoch auf ihr Bett. Und mit nur einem einzigen Tritt auf die steile Leiter schwingt sie sich auf die Matratze. Von hier oben kann sie noch besser auf den Burghof schauen. Und auf die ganze weite Welt. Super Aussicht!
Kucki würde es gar nicht bis hier oben hinauf schaffen. Sie ist ja ein bisschen … wie soll Millie das sagen … ein bisschen behäbig, also pummelig.
In zehn Minuten werden sie sich im Hauptgebäude zum Mittagessen treffen. Das findet im Rittersaal statt.
Also los! Millie springt mit einem Satz vom Bett. Fast stürzt sie nach vorne, kann sich aber noch so eben mit den Händen abstützen. Nix passiert! Auf keinen Fall will sie eine Heulsuse sein.
Kucki zieht Millie am Ärmel mit sich. Wenn es ums Essen geht, ist Kucki immer die Erste.
Mercedes hat ihren Rucksack mit einem Fußtritt unters Bett befördert. Ihre Jacke hängt sie in den Schrank. Millie und Kucki haben ihre Sachen einfach über den Stuhl geworfen.
Mit ihrem Rosetta-Heftchen schmeißt sich Mercedes aufs Bett und murmelt: »Auf mich müsst ihr verzichten.«
Auch gut.
Zum Rittersaal geht es über den Burghof und danach hinein ins Fachwerkgebäude. Und dann?
Och, hier gibt es sogar einen Kiosk.
»Guck mal, Kucki! Man kann Sachen kaufen.«
»Sachen?«
»Ja! Gummibärchen und Brause-Armbänder, bunte Lollis und Ansichtskarten. Außerdem Weingummi-Schlangen, Limo, Eiscreme, Heftchen, Sticker und Andenken. Sekt für die Erwachsenen.«
Und direkt daneben … wow! … da steht ein Ritter.
»Ist der echt?«, flüstert Millie und stupst Kucki in die Seite.
Kucki zuckt mit den Achseln. Echt oder nicht echt? Das ist jedenfalls nicht so leicht zu erkennen.
Millie schleicht näher heran. Der Bursche ist ziemlich groß. Bestimmt so ein langer Kerl wie der Chef von der Ritterburg.
Dieser Ritter trägt Helm, Brustpanzer, Knieschoner und alles, was noch so dazugehört. Selbstverständlich hat er auch Panzerhandschuhe und Beinschienen angelegt. Und unter dem Brustpanzer gibt es sicherlich noch ein Kettenhemd. In der rechten geschlossenen Faust hält der Ritter eine Lanze, die steil nach oben zur Decke zeigt.
Millie neigt den Kopf und stemmt die Arme in die Seiten. »Ob da noch einer drin ist?«
Gus und Wulle sind eingetrudelt. Gus sagt: »Frag ihn doch mal.«
»Aber wenn keiner drin ist, frage ich ja umsonst«, meint Millie.
Keiner weiß, ob der Ritter echt ist, das heißt, ob jemand in der Rüstung steckt oder nicht. Er trägt einen Helm, der das ganze Gesicht verdeckt.
Kann ja wohl nicht schaden, einmal auf den Bauch vom Ritter zu klopfen.
Poch, poch.
Das klingt ein bisschen blechern.
»Jemand zu Hause?«, fragt sie. »Hallo?«
Und in diesem Moment kracht der Arm mit der Lanze in der Faust herunter. Alle Kinder, die vor dem Ritter gestanden haben, springen erschrocken zur Seite. Auch Millie macht einen Satz zurück. Die Lanze ragt jetzt wie ein Spieß waagerecht in die Halle hinein. Mannomann, die hätte jemanden verletzen und sogar durchbohren können! Was ist das denn für ein ruppiger Ritter!
Jocko sagt: »Hast du das Schild nicht gelesen, Millie?«
Welches Schild?
Ach so. In einem weißen Bilderrahmen steht da zu Füßen des Ritters ein Hinweis:
BITTE NICHT BERÜHREN!
DO NOT TOUCH!
Das hat außer Jocko niemand sonst gesehen, geschweige denn gelesen.
»’tschuldigung«, sagt Millie zu Ritter Ruppig und hebt ihren Kopf. Sie möchte ihm zu gern in die Augen gucken. Aber die Augen, in die sie jetzt schaut, sind die von Ritter Grottenfels.
»Na, na, na«, brummt der.
»Ich wollte nur mal …«, beginnt Millie zaghaft. »Ist denn jemand da drin … im Bauch … in der Rüstung?«
»Irgendwer wird schon drin sein«, meint der Hausherr der Burg. »Ob es der Ritter selber ist oder sein Geist … wer weiß.«
»Es hat auch am Kopf geklappert«, sagt Millie.
»Vielleicht war es nur sein Gebiss«, vermutet Kucki. »Das Gebiss von meinem Opa klappert auch. Weil er alt ist und immer dünner wird.«
»Na ja«, sagt Herr Grottenfels. »Unser Ritter ist noch um einiges älter.«
»Aus dem Mittelalter«, wirft Millie flugs ein. Sie möchte beim Chef der Ritterburg einen besseren Eindruck erwecken. Nicht dass er denkt, sie würde gerne Dummheiten machen. Obwohl …
»Wie heißt er denn?«, fragt sie schnell.
»Ritter sind adelig«, erklärt Herr Grottenfels. »Man muss sie immer mit Herr von … anreden, Herr von und zu … je nachdem.«
Also in diesem Fall … Herr von Ruppig.
Jetzt weist der Chef mit...




