Chidolue | Das mit mir und Romeo | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Reihe: Fischer Schatzinsel Hardcover

Chidolue Das mit mir und Romeo


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-401751-8
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Reihe: Fischer Schatzinsel Hardcover

ISBN: 978-3-10-401751-8
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine süße Freundschaftsgeschichte über zwei, die sich am Anfang nocht nicht einmal ansehen wollen, für Mädchen ab 10 Das hat Julia gerade noch gefehlt: Ihre neue Klasse bricht in johlendes Gelächter aus, als die Lehrerin sie mit Namen vorstellt, denn es gibt einen Schüler, der Romeo heißt. Na toll! Reicht es denn etwa nicht, dass sie, ihre kleine Schwester und ihre Mutter zu dem superstrengen Großvater in die Stadt ziehen mussten! Weg von ihrer besten Freundin! Aber nett ist dieser Romeo schon, und schöne Augen hat er auch ...

Dagmar Chidolue, 1944 in Sensburg, Ostpreußen, geboren, zählt zu den namhaftesten Kinder- und Jugendbuchautorinnen Deutschlands und wurde bereits mehrfach, u.a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis, ausgezeichnet.
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1


Das Haus liegt in einem großen Garten mitten zwischen hohen Bäumen. Pappeln und eine riesige Linde. An diesem Tag sah das Grundstück trostlos aus, weil die Bäume kahl waren und der Winter sich von seiner schlechtesten Seite zeigte, grau, nass und ein bisschen nebelig.

Eine Seite des Hauses ist vollständig mit Efeu bewachsen, der sich aber allmählich wie mit Krakenarmen um die Ecken rankt. In hundert Jahren oder so wird das ganze, rot geklinkerte Haus mit seinen geschwungenen Giebeln wohl vollständig überwachsen sein.

Nach hinten raus befindet sich der Wintergarten mit einer zerbrechlich aussehenden, schnörkeligen Gartenliege und unzähligen Kakteen und Blattpflanzen und einem dornigen Gestrüpp, ein gewaltiger Christusdorn.

Seitlich am Haus angebaut gibt es eine große Garage mit einer dunklen, kackbraunen Doppeltür. Eine mit Verbundsteinen gepflasterte Auffahrt führt von der Straße zur Garage. Am Gehsteig wird die Einfahrt von zwei ebenfalls aus Klinkern gemauerten Pfeilern links und rechts begrenzt.

Ich nehme es vorweg: Den Wagen, der dort untergestellt war, könnte man als Geschoss bezeichnen, so ein ellenlanges Monstrum, hellbeige, eine Kiste wie aus dem Mittelalter, ich meine, wie aus einem Film, wo die Jungs selbst beim Angeln Schlips und Kragen tragen und wie alte Männer aussehen und die Mädchen auch schon in den Vierzigern zu sein scheinen, mit ihrer komischen Wellenfrisur.

Die Kiste wurde hin und wieder auch bewegt.

Der Großvater – groß, hager, etwas gebückt und dünnes Haar – stand an der Haustür, als wir ankamen. Wir … das ist Mama, meine jüngere Schwester Hannah und ich. Ich bin Julia.

An den Füßen trug er braunkarierte Hausschuhe, und deswegen kam er uns wohl nicht entgegen. Nein, stimmt nicht, auch mit Straßenschuhen wäre er uns nicht entgegengegangen.

Mama war sozusagen über ihren Schatten gesprungen, als sie entschied, zu ihrem Vater zurückzukehren. Sie hatte Hannah und mir erzählt, dass wir jetzt von ihm abhängig waren und dass wir froh sein sollten, bei ihm wohnen zu dürfen, weil wir sonst finanziell nicht über die Runden kommen würden.

Diese erste Begegnung mit unserem neuen Leben brannte sich mir in Kopf und Herz ein wie ein Film, der in Zeitlupe gedreht ist.

Wir stiegen die sieben Stufen der Eingangstreppe hoch und gaben dem Großvater die Hand. In Gedanken nannte ich ihn ER, groß geschrieben. Ich wusste, ich würde nie Opa zu ihm sagen können, und jetzt weiß ich auch, dass er das nicht gewünscht hätte. Damals noch nicht.

Wir standen auf der Eingangstreppe einige Stufen unter ihm. Er schien auf was wie einen Knicks zu warten, weil er so eine Bewegung mit dem Kopf andeutete.

»Ach«, sagte er mit einer komischen, knatteralten, brüchigen Stimme. »Ist es heute wohl nicht mehr üblich, höflich zu sein?«

Mama, die an diesem Tag besonders jung aussah, versuchte ein schiefes Lächeln, aber es war mir von Anfang an klar, dass er in diesem Haus das Sagen hatte. Mir wurde sofort ganz kalt.

Wir sollten das Erdgeschoss bewohnen. Es war keine abgeschlossene Wohnung, die einzelnen Zimmer konnte man vom Flur oder oben, wo er sich aufhielt, vom Treppenhaus aus erreichen. Und der Wintergarten gehörte zu oben, also dem Großvater.

Die Räume, die ein wenig düster auf mich wirkten, hatten lange leer gestanden, weil ER angeblich die Situation vorausgeahnt hatte. Er schien immer alles zu wissen.

Vor seiner Pensionierung war er Schuldirektor gewesen. Von Kopf bis Fuß Lehrer. Sogenannte Staubtrocken.

Oha, dachte ich.

ER kam mir vor wie ein Dinosaurier, siebzig, achtzig, neunzig, hundertdreißig Jahre alt.

Mama hatte schnell alle Formalitäten für den Eintritt in die zuständige Schule erledigt, und am Montag nach unserem Umzug sollten wir dort hingehen und ich also in meine neue Klasse kommen.

Die Schule war nicht weit entfernt. Wir wohnten hier in der Innenstadt, und die Stadt war auch nicht so ein Nest wie der Ort, in dem wir vorher gewohnt hatten. Ein paar zigtausend Einwohner.

Ich versuchte, meine Angst vor mir selber zu verbergen. Ich dachte, es ist, wie es ist.

»Ich möchte lieber wieder nach Hause zurück«, sagte Hannah noch einen Tag, bevor es losging.

Sie sprach ihre Furcht vor neuen Mitschülern offen aus, aber es war kindisch. Sie wollte nicht wahrhaben, dass unser Zuhause nunmehr dieses Haus war, dieses Haus, diese Stadt und diese neue Schule. Das war so ein Moment, in dem ich merkte, dass meine Schwester doch viel jünger ist als ich.

»Du musst da durch«, wollte Mama sie trösten.

»Ich will da nicht durch.«

Wir mussten aber beide da durch.

Mama hatte uns zum Trost für den neuen Anfang noch am Samstag kurz vor Ladenschluss T-Shirts gekauft. Wohl die erstbesten, die ihr unter die Finger geraten waren. Für Hannah ein Shirt in Rosa mit Schmetterlingen drauf und der Aufschrift Auf der Schulter war die Naht ein wenig aufgetrennt, und Mama musste sich gleich hinsetzen und sie zunähen.

Für mich hatte sie ein ziemlich ödes, blaues T-Shirt mit silberfarbenem Aufdruck erstanden. Ein Schnäppchen. Der Text hatte einen Fehler, auf den mein Großvater missbilligend hinwies, als er mir im düsteren Treppenhaus einen Gruß entgegenknurrte.

»Es heißt und nicht «, sagte er.

»Was … bitte?«, fragte Mama.

»La vie en rose«, zitierte er. »Französisch. und nicht , meine liebe Tochter.«

Mama zuckte mit den Schultern, und ich konnte zuerst gar nicht nachvollziehen, was er meinte. und hörte sich gleich an, besonders bei seiner schnarrenden Aussprache.

»Wahrscheinlich ist es Glückssache, Fremdsprachen richtig anzuwenden«, meinte er sarkastisch.

»Ich habe andere Sorgen«, antwortete Mama. »Außerdem habe ich das Hemd nicht bedruckt.«

»Aber lesen solltest du können.« Er musste immer das letzte Wort behalten.

Ich hatte auch andere Sorgen. Wie es sein würde, wenn ich in die neue Klasse käme. Immer und immer wieder stellte ich mir das vor.

Aber ich hatte wohl nicht genug Phantasie für alles, was danach kam.

Und ich dachte auch zurück an die Jahre hinter uns.

Wir wohnten damals noch in dem Nest, das eigentlich aus fünf Ortsteilen bestand. Deshalb war es nicht so einfach, sich gegenseitig zu besuchen, außer man hatte eine Mutter, die Chauffeuse spielte. Mama war dazu nicht in der Lage, das heißt, wir hatten normalerweise gar kein Auto, weil unser Vater damit herumkurvte, und der war so gut wie nie da. Ich sage ausdrücklich , obwohl es sich verächtlich anhört, und genauso meine ich das auch.

Zu Weihnachten … das war Weihnachten vor unserem Umzug … zu Weihnachten hatte Mama uns beiden, Hannah und mir, Handys geschenkt.

»Das würde mich beruhigen«, hatte sie gesagt. »Falls mal irgendetwas ist.«

Sie erwartete, dass meine Schwester und ich keinen Blödsinn damit machen würden. Deshalb hatte sie die Handys jeweils mit Prepaid-Karten bestücken lassen und mehr als fünfzehn Euro pro Monat durften wir somit nicht verbrauchen. Bis jetzt hatte es bei mir gelangt, aber es war auch erst Mitte Januar. Hannah, die an die anderthalb Jahre jünger ist als ich, hatte ihren Monatsetat schon gegen Ende Dezember ausgeschöpft. Sie rief nachmittags oft ihre Freundinnen an.

Mama konnte sich auch nicht dazu entscheiden, den Festnetzanschluss auf Flatrate umstellen zu lassen.

»Wir könnten dann aber umsonst telefonieren«, schlug ich vor.

»Nichts auf der Welt ist umsonst, Julia«, hatte sie geantwortet.

Hach.

Sie hatte hinzugefügt: »Außer den Erfahrungen, die man macht.« Sie konnte in jenen Tagen manchmal sehr sarkastisch sein.

Wenn wir, Hannah und ich, von irgendwoher endlich nach Hause kamen, konnte ich sehen, dass Mama richtig erleichtert war. Wir waren ihr Ein und Alles, okay, okay. Sie erwartete, dass wir pünktlich von der Schule oder nachmittags vom Sportverein nach Hause kamen. Sportverein?

Hannah Leichtathletik und ich Badminton. Badminton machte ich nur, weil Liv auch im Badminton-Club war. Und weil sich die Sporthalle in unserem Ortsteil befand, dem Neubaugebiet. Wir wohnten auch in einem ziemlich neuen Wohnblock mit lauter Eigentumswohnungen, uns gehörte die Wohnung sogar, obwohl … eigentlich gehörte sie der Bank.

Außer Schule und einmal in der Woche Sport nachmittags, machten wir nichts groß. Und Mama schien jedes Mal aufzuatmen, wenn wir endlich zu Hause waren. Vielleicht lag es daran, dass unser Vater so gut wie nie da war. Und wenn, dann gab es sowieso nur Streit. Trotzdem wartete Mama darauf, dass er irgendwann wieder einmal auftauchte, weil es Dinge gab, die zu entscheiden waren, und dann hoffte sie wohl darauf, dass er wieder verschwand. Dazu später noch einiges.

Mama schien auf eine Katastrophe zu warten. Oder auf ein Drama. Wenn Hannah oder ich von einer Grippe erwischt wurden, war Mama auch erleichtert. Als ob das schon die ersehnte Katastrophe war, mit der sie aber umgehen konnte. Ihr Gesicht trug trotz der Katastrophenstimmung keine Anzeichen der Anspannung, keine tiefen Falten. Mama hatte sich im Griff, und sie wirkte noch ziemlich jung, sehr akkurat mit ihren halblangen, braunen Haaren. War ja auch noch nicht mal Ende dreißig.

An diesem Montag im Januar, von dem ich zuerst berichten will, haben dann schließlich Veränderungen angefangen, mit denen Mama fertig werden musste und vor allen Dingen wir, Hannah und ich. Wir ahnten nicht, dass es eine Zeitlang für uns heftig werden würde. Im Nachhinein...


Chidolue, Dagmar
Dagmar Chidolue, 1944 in Sensburg, Ostpreußen, geboren, zählt zu den namhaftesten Kinder- und Jugendbuchautorinnen Deutschlands und wurde bereits mehrfach, u.a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis, ausgezeichnet.

Dagmar ChidolueDagmar Chidolue, 1944 in Sensburg, Ostpreußen, geboren, zählt zu den namhaftesten Kinder- und Jugendbuchautorinnen Deutschlands und wurde bereits mehrfach, u.a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis, ausgezeichnet.



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