E-Book, Deutsch, 173 Seiten
Chesterton Menschenskind
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-0760-9
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 173 Seiten
ISBN: 978-3-8496-0760-9
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Genauso überraschend wie stürmisch dringt ein neuer Pensionsgast in das Leben der dort lebenden Gäste ein. Absonderlich und schrullig ist er und keiner weiß ganz genau wer der neue Gast eigentlich ist. Und so entstehen bizarre Verwicklungen, über die die Bewohner schließlich sogar Gericht halten ...
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Das Gepäck eines Optimisten
Wir erinnern uns alle an die Märchen unserer Kindheit, die mit der wissenschaftlichen Hypothese spielten, wie es würde, wenn große Tiere in demselben Verhältnis springen könnten wie die kleinen. Wenn zum Beispiel ein Elefant so stark wäre wie ein Grashüpfer, könnte er (vermute ich) über den Zoologischen Garten hinwegspringen und trompetend auf dem Primroseberg landen. Könnte ein Walfisch wie eine Forelle aus dem Wasser springen, so würde man ihn vielleicht über Yarmouth schweben sehen wie die beschwingte Insel Laputa. Solche natürliche Energie, wenn sie auch herrlich ist, könnte sicher unbequem werden, ebenso wie die Ausgelassenheit und die guten Absichten des Grüngekleideten viel Unbequemes hatten. Er nahm überall zu viel Platz ein, weil er sowohl lebhaft wie sehr groß war. Durch eine glückliche physische Einrichtung sind sehr kompakte Menschen phlegmatisch, und die nicht eleganten Pensionen der weniger Begüterten Londons sind nicht für einen Menschen eingerichtet, der so gewaltig ist wie ein Stier und so übermütig wie ein Kätzchen.
Als Inglewood dem Fremden in die Pension nachging, fand er ihn in ernstem Gespräch (und wie der Fremde sich einbildete) in leiser Unterhaltung mit der hilflosen Frau Duke. Wie ein sterbender Fisch konnte Frau Duke, diese dicke, widerstandslose Dame, den riesig großen neuen Herrn nur anglotzen, der sich ihr höflich als neuer Mieter anbot, während er den großen weißen Hut mit einer Hand schwenkte und die gelbe Reisetasche mit der anderen. Glücklicherweise war Frau Dukes tüchtigere Nichte und Teilhaberin dort, um das Übereinkommen abzuschließen, denn alle Leute aus dem Hause hatten sich – warum, wußte niemand – in diesem Zimmer eingefunden. Dieser Umstand war in der Tat für die ganze Episode typisch. Der Besucher schuf eine Atmosphäre, durch die ein Wendepunkt, und zwar ein komischer, eintrat. Von dem Augenblick an, wo er in das Haus gekommen war und bis er es verließ, hatte er es auf irgendeine Weise fertigbekommen, die ganze Pensionsgesellschaft um sich zu scharen, und sie folgte ihm (wenn sie ihn auch belächelte), wie Kinder einem Hanswurst nachlaufen. Bis vor einer Stunde und in den ganzen vier Jahren vorher hatten diese Leute einander gemieden, wenn sie sich auch ganz gern gemocht hatten. In die trübseligen und verlassenen Räume waren sie hinein- und wieder hinausgeschlichen, um irgendeine Zeitung oder ihre Handarbeit zu suchen. Selbst jetzt kamen sie nur zufällig aus verschiedenen Gründen hinein, aber sie kamen alle. Da war der befangene Inglewood, der immer noch wie ein roter Schatten aussah, da war auch der unbefangene Warner, bleich, aber kräftig. Da war Michael Moon, dessen flotte Kleidung in rätselhaftem Kontrast zu dem düsteren Ernst seines Gesichtes stand. Jetzt gesellte sich Moons noch komischer wirkender Schatten, Moses Gould, hinzu. Wie der keckste aller kleinen schlauen Hunde stolzierte er auf seinen kurzen Beinchen einher, und seine lila Krawatte leuchtete von weitem. Auch darin glich er einem Hund, daß, wenn er auch noch so entzückt scharwenzelte und tänzelte, seine schwarzen Augen auf beiden Seiten seiner hervorstehenden Nase düster funkelten wie zwei schwarze Knöpfe. Da war Fräulein Rosamund Hunt, noch immer mit dem schönen weißen Hut, der ihr viereckiges, gutmütiges Gesicht einrahmte, und mit der ihr eigenen Miene, als sei sie für eine Gesellschaft angezogen, die niemals stattfand. Ebenso wie Herr Moon befand sie sich in neuer Gesellschaft, das heißt nur dem Leser neu; denn in Wirklichkeit war es eine alte Freundin und Protegierte von ihr. Diese war eine zarte, junge, dunkelgrau gekleidete Dame, die durch nichts als durch eine Fülle dunkelroten Haares auffiel. Es war so frisiert, daß es ihrem blassen Gesicht dasselbe dreieckige, fast spitze Aussehen gab, wie den Schönheiten aus der Zeit der Königin Elisabeth der hohe Kopfputz und die breite volle Halskrause. Ihr Vatersname schien Gray zu sein, jedoch Fräulein Hunt nannte sie Mary in jenem eigenartigen Ton, den man für Untergebene hat, die mit der Zeit Freunde geworden sind. Auf dem alltäglichen grauen Kleid trug sie ein kleines silbernes Kreuz, und sie war die einzige von der ganzen Gesellschaft, die in die Kirche ging. Als letzte, aber durchaus nicht als Unwichtigste nennen wir Diana Duke, welche den Neuangekommenen mit durchdringenden Blicken musterte und gewissenhaft jedem sinnlosen Wort, das er sagte, lauschte. Frau Duke hingegen lächelte ihn an, aber es fiel ihr gar nicht ein, ihm zuzuhören. Niemals in ihrem Leben hatte sie wirklich jemand zugehört, manche behaupteten, das sei der Grund, weshalb sie noch lebte.
Nichtsdestoweniger schmeichelte es Frau Duke, daß ihr neuer Gast sich ihr so ausschließlich widmete, denn niemand unterhielt sich jemals ernsthaft mit ihr, wie sie auch niemals jemand ernsthaft zuhörte. Und sie strahlte fast, als der Fremde mit noch lebhafteren, fast wirbelnden Gesten, die er mit dem Hut und der Tasche ausführte, sich entschuldigte, über die Mauer anstatt durch die Haustür eingedrungen zu sein. Er ließ durchblicken, daß er es einer unglücklichen Familientradition zuschrieb, so viel auf die Saubererhaltung seiner Kleidung zu geben.
»Meine Mutter war in dieser Beziehung sehr streng, wenn ich die Wahrheit sagen soll«, vertraute er Frau Duke mit etwas leiserer Stimme an. »Sie ärgerte sich stets, wenn ich meine Mütze in der Schule verlor. Und wenn jemand zur Ordnung und Sauberkeit erzogen worden ist, dann haftet es ihm auch später an.«
Fast sprachlos meinte Frau Duke mit schwacher Stimme, daß er eine gute Mutter gehabt haben müsse, aber ihre Nichte schien auf diese Frage näher eingehen zu wollen.
»Sie haben eine merkwürdige Auffassung von Ordnung«, sagte sie, »wenn diese darin besteht, Gartenmauern zu überspringen und auf Bäume zu klettern. Es ist nicht gut möglich, einen Baum zu erklettern und ordentlich dabei zu bleiben.«
»Aber er kann eine Mauer sehr sauber überspringen«, meinte Michael Moon, »ich habe es gesehen.«
Smith schien das junge Mädchen mit sichtbarem Erstaunen zu betrachten. »Meine liebe, junge Dame«, sagte er, »ich habe Ordnung auf dem Baum gemacht. Sie wollen doch nicht die Hüte vom vorigen Jahr darauf sehen, ebensowenig wie die Blätter vom vorigen Jahr. Der Wind entfernte die Blätter, aber bei dem Hut gelang es ihm nicht. Ich vermute, daß der Wind heute ganze Wälder aufgeräumt hat. Eine merkwürdige Auffassung, daß Ordnungmachen eine zaghafte, ruhige Sache ist, nein, Ordnungmachen ist eine Arbeit für Riesen. Man kann nicht irgendwo Ordnung schaffen, ohne selber dabei unordentlich zu werden. Wußten Sie das nicht? Sehen Sie nur meine Hosen an. Haben Sie nie ein Großreinemachen gehabt?«
»Aber natürlich«, sagte Frau Duke fast eifrig. »In dieser Beziehung werden Sie es hier sehr nett finden.« Zum ersten Male hatte sie zwei Worte von der Unterhaltung begriffen.
Während Fräulein Diana Duke den Fremden betrachtete, schien sie krampfhaft etwas zu berechnen; denn ihre schwarzen Augen sprühten vor Entschlossenheit, und sie sagte, falls er es wünsche, könne er ein bestimmtes Schlafzimmer in dem obersten Stockwerk haben. Der schweigsame und feinfühlende Inglewood, der durch die fortwährenden Mißverständnisse Folterqualen gelitten hatte, erbot sich jetzt eifrig, ihm das Zimmer zu zeigen. Smith nahm vier Stufen auf einmal, als er die Treppe hinaufging, und als er, oben angelangt, mit dem Kopf gegen die Decke stieß, hatte Inglewood die merkwürdige Empfindung, daß das hohe Haus viel niedriger geworden sei, als es früher war.
Artur Inglewood folgte seinem alten Freund – oder seinem neuen Freund, denn er war sich über diesen Punkt nicht ganz klar. In der einen Sekunde ähnelte das Gesicht dem seines alten Schulkameraden, und in der nächsten sah es ganz anders aus. Inglewood wurde seiner angeborenen Höflichkeit so weit untreu, daß er plötzlich fragte: »Heißen Sie nun Smith?« Aber er erhielt nur die ganz unbefriedigende Antwort: »Ganz recht, ganz recht! Sehr gut! Ausgezeichnet!« Als Inglewood diese Antwort überlegte, kam sie ihm eher wie die Sprache eines neugeborenen Kindes vor, das einen Namen annimmt, als die eines Erwachsenen, der ihn bestätigt.
Trotz seiner Zweifel über die Identität des neuen Gastes sah der unglückliche Inglewood ihm beim Auspacken zu und stand im Zimmer mit der ganzen Hilflosigkeit eines männlichen Freundes umher. Mit derselben wirbelnden Sorgfalt, mit der er einen Baum erkletterte, packte Herr Smith aus. Den Inhalt seiner Tasche warf er heraus, als ob er die Sachen wegwerfen wollte, und doch brachte er es fertig, ein richtiges Muster um sich herum auf dem Fußboden herzustellen.
Währenddessen sprach er in derselben atemlosen Weise weiter (er hatte ja vier Stufen auf einmal genommen, aber auch ohnedies war seine Art zu sprechen atemlos und abgerissen), und seine Bemerkungen waren noch immer aneinandergereihte, mehr oder minder vielsagende, aber oft getrennte Bilder.
»Wie am Tage des Jüngsten Gerichtes«, sagte er und warf eine Flasche heraus, aber so geschickt, daß sie aufrecht stand, wenn sie auch noch zuerst etwas hin und her schaukelte. »Die Leute sprechen vom unendlichen Weltall... von Unendlichkeit und Astronomie; nicht sicher... ich glaube, die Sachen liegen zu dicht zusammen... eingepackt, für die Reise... die Sterne liegen auch zu dicht nebeneinander... die Sonne ist ein Stern, zu dicht, um überhaupt gesehen zu werden ... zu viele Kieselsteine am Strand; sie...




