E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Reihe: Reclam Taschenbuch
Reclam Taschenbuch
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Reihe: Reclam Taschenbuch
ISBN: 978-3-15-961924-8
Verlag: Reclam Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
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Der geheimnisvolle Garten
Aristide Valentin, Chef der Pariser Polizei, verspätete sich, so dass einige seiner Gäste bereits vor ihm zum Essen eintrafen. Sie wurden jedoch von seinem langjährigen Diener Ivan vertröstet, einem alten Mann mit einer Narbe und einem Gesicht, das fast ebenso grau war wie sein Schnurrbart; er saß wie immer an einem Tisch in der Eingangshalle – einer Halle, die voller Waffen hing. Valentins Haus war vielleicht ebenso außergewöhnlich und berühmt wie der Hausherr selbst. Es war ein altes Haus, umgeben von hohen Mauern und riesigen Pappeln, die fast bis zur Seine hinabreichten; aber das Merkwürdigste – und aus polizeilicher Sicht vielleicht Wertvollste – seiner Architektur bestand darin, dass es absolut keinen Ausgang gab außer dieser Vordertür, die von Ivan und seinem Waffenarsenal bewacht wurde. Der Garten war weitläufig und kunstvoll angelegt und vom Haus aus durch zahlreiche Ausgänge zu erreichen. Doch es gab nicht einen einzigen Ausgang vom Garten in die Außenwelt; er war ringsum von einer hohen, glatten, unüberwindlichen Mauer eingefasst, die oben noch mit speziellen Eisenspitzen versehen war; der Garten war sicherlich kein schlechter Ort zum Nachdenken für einen Mann, den umzubringen sich ein paar hundert Verbrecher geschworen hatten. Wie Ivan den Gästen erklärte, hatte ihr Gastgeber angerufen und gesagt, er sei zehn Minuten aufgehalten worden. In Wirklichkeit traf er noch ein paar letzte Vorkehrungen für Hinrichtungen und ähnliche hässliche Dinge; und obwohl diese Pflichten ihm zutiefst zuwider waren, erledigte er sie stets mit großer Gewissenhaftigkeit. So unbarmherzig er bei der Verfolgung von Verbrechern war, so milde zeigte er sich bei ihrer Bestrafung. Seitdem er in Frankreich und weiten Teilen Europas als oberste Instanz bei der Aufklärung von Verbrechen galt, hatte er seinen großen Einfluss redlich dazu benutzt, Urteile zu mildern und Gefängnisse zu säubern. Er war einer der großen humanitären Freigeister Frankreichs, deren einziger Fehler es ist, dass ihre Gnade noch mehr Kälte verströmt als ihre Gerechtigkeit. Als Valentin eintraf, trug er bereits seinen schwarzen Abendanzug und die rote Rose im Knopfloch – eine elegante Erscheinung mit seinem dunklen, von Silberfäden durchzogenen Bart. Er ging, ohne sich aufzuhalten, in sein Arbeitszimmer, von dem eine Tür in den angrenzenden Garten führte. Sie stand offen, und nachdem er seinen Aktenkoffer sorgfältig verschlossen hatte, blieb er einige Sekunden an der geöffneten Tür stehen und blickte hinaus. Ein greller Mond stach immer wieder aus den vom Sturm gejagten Wolkenfetzen hervor, und Valentin verfolgte dieses Schauspiel mit einer Nachdenklichkeit, die ungewöhnlich war für eine so wissenschaftliche Natur wie die seine. Aber vielleicht haben diese wissenschaftlichen Naturen irgendwie eine übersinnliche Vorahnung von den schwierigsten Problemen ihres Lebens. Falls Valentin sich in einem solch mystischen Zustand befand, erholte er sich jedenfalls schnell davon, denn er wusste, dass er sich verspätet hatte und seine Gäste zum Teil bereits eingetroffen waren. Mit einem schnellen Blick vergewisserte er sich bei seinem Eintritt in den Salon, dass sein wichtigster Gast auf jeden Fall noch nicht da war. Alle anderen Stützen seiner kleinen Abendgesellschaft sah er vor sich: er sah Lord Galloway, den englischen Botschafter – einen cholerischen alten Mann mit rötlichen Apfelbäckchen, der das blaue Band des Hosenbandordens trug. Er sah Lady Galloway, dünn wie ein Faden, mit silbernem Haar und einem sensiblen, vornehmen Gesicht. Er sah ihre Tochter, Lady Margaret Graham, ein blasses, hübsches Mädchen mit elfenhaftem Gesicht und kupferfarbenem Haar. Er sah die Herzogin von Mont St. Michel, schwarzäugig und üppig, und ihre beiden ebenso schwarzäugigen und üppigen Töchter. Er sah Dr. Simon, einen typisch französischen Wissenschaftler mit Brille, braunem Spitzbart und einer Stirn mit jenen parallel verlaufenden Furchen, die das sichtbare Zeichen für bestraften Hochmut sind, da sie sich durch ein ständiges Hochziehen der Augenbrauen eingraben. Er sah Pater Brown aus Cobhole in Essex, dem er vor kurzem in England begegnet war. Er sah – vielleicht mit größerem Interesse als einer der anderen Anwesenden – einen hochgewachsenen Mann in Uniform, der sich vor den Galloways verbeugt hatte, ohne dass ihm dies besonders herzlich gedankt worden wäre, und der nun allein auf seinen Gastgeber zuging, um ihn zu begrüßen. Es war Kommandant O’Brien von der französischen Fremdenlegion. Er war eine schlanke, jedoch etwas eingebildete Erscheinung, glattrasiert, dunkelhaarig, blauäugig, und hatte, was bei einem Offizier jenes berühmten Regiments der triumphalen Fehlschläge und geglückten Selbstmorde nur natürlich schien, ein zugleich schneidiges und melancholisches Auftreten. Er war seiner Abstammung nach ein irischer Gentleman und hatte in seiner Jugend die Galloways, vor allem Margaret Graham, gut gekannt. Er hatte sein Land wegen hoher Schulden verlassen und bewies nun seine völlige Loslösung von der britischen Etikette dadurch, dass er nur noch in Uniform und mit Säbel und Sporen umherstolzierte. Als er vor der Familie des Botschafters seine Verbeugung machte, neigten Lord und Lady Galloway steif den Kopf, und Lady Margaret blickte zur Seite. Aber mochten sich diese Leute auch wegen irgendwelcher alten Geschichten füreinander interessieren, ihr berühmter Gastgeber interessierte sich nicht sonderlich für sie. Zumindest war in seinen Augen keiner von ihnen der Gast des Abends. Valentin erwartete aus besonderen Gründen einen weltberühmten Mann, dessen Bekanntschaft er in der Zeit seiner großen detektivischen Unternehmungen und Triumphe in den Vereinigten Staaten gemacht hatte. Er erwartete Julius K. Brayne, jenen Multimillionär, dessen ungeheure, geradezu überwältigende Stiftungen an kleine Sekten in den amerikanischen und englischen Zeitungen mit viel Spott und noch mehr feierlicher Anerkennung bedacht wurden. Niemand konnte genau sagen, ob Mr. Brayne nun ein Atheist, ein Mormone oder der Anhänger einer anderen undurchsichtigen Sekte war, aber er war bereit, Geld in jedes intellektuelle Gefäß zu stecken, vorausgesetzt, es war ein noch unerprobtes Gefäß. Eines seiner Hobbys war es, auf den amerikanischen Shakespeare zu warten – ein Hobby, das mehr Geduld erfordert als das Angeln. Er bewunderte Walt Whitman, hielt aber Luke P. Tanner aus Paris, Pennsylvania, für tausendmal »progressiver« als Whitman. Er liebte alles, was er für »progressiv« hielt. Er hielt auch Valentin für »progressiv«, womit er ihm bitter unrecht tat. Als die massive Gestalt von Julius K. Brayne den Salon betrat, hatte dies ähnliche Wirkung wie das Ertönen eines Gongs. Er besaß diese wunderbare Eigenschaft, die nur sehr wenige von uns für sich in Anspruch nehmen können, dass seine Gegenwart ebenso ins Gewicht fiel wie seine Abwesenheit. Er war ein Hüne, ebenso massig wie groß, und seine durchweg schwarze Abendkleidung wurde nicht einmal durch eine Uhrkette oder einen Ring aufgelockert. Sein Haar war weiß und wie das eines Deutschen streng zurückgebürstet; er hatte ein rotglühendes, engelhaftes Gesicht, und an seinem Kinn saß ein einsames dunkles Haarbüschel, das diesem ansonsten kindlichen Gesicht einen theatralischen, geradezu mephistophelischen Ausdruck verlieh. Doch die Anwesenden hielten sich nicht lange damit auf, den berühmten Amerikaner anzustarren; sein Zuspätkommen war schon zu einem häuslichen Problem geworden, und mit Lady Galloway am Arm wurde er schnellstens ins Esszimmer geschickt. Bis auf einen Punkt waren die Galloways freundlich und harmlos. Solange Lady Margaret nicht den Arm dieses Abenteurers O’Brien nahm, war es ihr Vater zufrieden; und das hatte sie nicht getan, sondern sich, ganz Anstand und Sitte, von Dr. Simon zu Tisch geleiten lassen. Trotzdem war der alte Lord Galloway unruhig, fast grob. Während des Essens verhielt er sich noch diplomatisch; als jedoch, bei den Zigarren angelangt, drei der jüngeren Männer – Simon, der Arzt, Brown, der Priester, und dieser widerwärtige O’Brien, der Verbannte in fremder Uniform – den Raum verließen, um sich zu den Damen zu gesellen oder im Wintergarten zu rauchen, war es mit der Diplomatie des englischen Diplomaten endgültig vorbei. Alle sechzig Sekunden schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, dass dieser Halunke O’Brien Margaret irgendwie ein Zeichen geben könnte; wie, versuchte er sich gar nicht vorzustellen. Den Kaffee nahm er allein mit Brayne, dem weißhaarigen Yankee, der an alle Religionen glaubte, und Valentin, dem grauhaarigen Franzosen, der an gar nichts glaubte. Sie mochten getrost miteinander streiten, ihn überzeugten sie beide nicht. Nach einer gewissen Zeit hatte diese »progressive« Haarspalterei ihren kritischen Höhepunkt erreicht; Lord Galloway erhob sich ebenfalls, um den Salon aufzusuchen. Minutenlang irrte er in langen Korridoren umher, bis er die erhobene, belehrende Stimme des Doktors und die ruhige Stimme des Priesters, gefolgt von allgemeinem Gelächter, vernahm. Wahrscheinlich, dachte er mit einer Verwünschung, streiten sie sich auch über »Wissenschaft und Religion«. In dem Augenblick aber, als er die Tür zum Salon öffnete, sah er nur noch eines – das, was nicht da war. Er sah, dass Kommandant O’Brien nicht anwesend war, ebenso wenig wie Lady Margaret. Er verließ den Salon ebenso hastig wie das Esszimmer und stapfte erneut durch den Flur. Inzwischen war er geradezu von dem Gedanken besessen, seine Tochter vor dem irisch-algerischen Tunichtgut zu beschützen. Als er sich dem hinteren Teil...