Chen | Die Tage nach dem Pflaumenregen | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 608 Seiten

Chen Die Tage nach dem Pflaumenregen

Roman | »Schillernd schön!« Freundin - Für Fans großer Liebesgeschichten.
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98941-005-3
Verlag: Gutkind Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman | »Schillernd schön!« Freundin - Für Fans großer Liebesgeschichten.

E-Book, Deutsch, 608 Seiten

ISBN: 978-3-98941-005-3
Verlag: Gutkind Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine einzige Entscheidung kann das ganze Leben verändern. 1938: Suchi und der Nachbarsjunge Haiwen verlieben sich in den Straßen Shanghais. Als Haiwen sich jedoch heimlich zur Armee meldet, um seinen Bruder vor der Einberufung zu bewahren, bleibt Suchi allein mit seiner Geige und einer Nachricht zurück: Verzeih mir. Sechzig Jahre später treffen sich Haiwen und Suchi in Los Angeles zufällig wieder. Für ihn ist es eine zweite Chance, aber sie möchte nicht zurückblicken. Können die beiden die Liebe, die sie verloren haben, wiederfinden? Die epische und mitreißende Geschichte einer Liebe, die alle Zeiten und Distanzen überdauert. »Ein bewegendes Debüt.« New York Times Book Review »Wunderbar filmisch, ein großartig komponiertes Epos. Chen verwebt nahtlos vielschichtigen persönlichen Geschichten mit weitreichenden historischen Ereignissen und erforscht dabei universelle Themen der menschlichen Existenz: Liebe und Verlust, Opfer und Reue, Hoffnung und Neubeginn.« San Francisco Chronicle

Karissa Chen unterrichtete Kreatives Schreiben in New York City und Taipeh. Texte von ihr erschienen im Atlantic und bei NBC News. Sie erhielt mehrere Preise und Stipendien, darunter das Fulbright-Stipendium. Seit 2011 ist Chen Chefredakteurin der Zeitschrift Hyphen. Sie pendelt zwischen New Jersey, USA, und Taipeh, Taiwan. Die Tage nach dem Pflaumenregen ist ihr Debütroman.
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Ouvertüre

APRIL 1947


Shanghai


In den letzten violetten Minuten der schwindenden Nacht erwacht der Longtang.

Die vertraute Symphonie des Viertels wird mit der Ankunft des Fäkaliensammlers eröffnet: Sein Karren rumpelt über den unebenen Weg, die Glocke läutet. Platschend und schwappend leert er die Kübel, die vor die einheitlichen Türen gestellt wurden, und singt einen Abschiedsvers. Danach knarren Treppenstufen und Türangeln; Frauen lugen auf die Gasse hinaus, um ihre umgedrehten Toilettenkübel zu holen. In der Hocke reinigen sie die hölzernen Eimer vom Schlamm: Bambusstöcke schlagen, Muschelschalen klappern, Wasser aus den Hähnen auf der Rückseite der Häuser gluckert und spritzt. Als sie fertig sind, ist schon die Zuckerbreiverkäuferin gekommen, sie preist ihre Waren in einem monotonen Singsang an, während sie ihren Karren schiebt. Später werden sich die anderen dazugesellen: der Tee-Eier-Mann, der Händler, der das beliebte Birnensirupkonfekt anbietet, die Gemüse- und Reisverkäufer, alle mit ihren eigenen bekannten Melodien. Doch jetzt im Moment weht nur der einsame Ruf der Zuckerbreiverkäuferin durch die Gassen von Sifo Li.

Sie kommt am Shikumen der Familie Zhang vorbei, es ist das sechste Reihenhaus in diesem Bereich. In seinem Inneren, im ersten Stock, schläft die sechzehnjährige Suchi unruhig, nachdem sie stundenlang geweint hat. Ihre schlanken Gliedmaßen sind um das dünne Baumwolllaken geschlungen, die Matratze ist schweißgetränkt. Sie ist gefangen in einem Albtraum, in dem Haiwen sie nicht mehr erkennt. Getrocknete Tränen bilden eine zarte Kruste um ihre Wimpern.

Neben ihr liegt Sulan, die ältere Tochter der Zhangs. Sie hat sich erst eine Stunde zuvor wieder ins Haus geschlichen. Ihre Haut ist klebrig von Rauch, Alkohol und Schweiß. Sie schläft friedlich und träumt davon, in einem wunderschönen Kleid aus pflaumenfarbenem Taft und Seide zu tanzen, Arm in Arm mit ihrer besten Freundin Yizhen.

Im Zimmer darüber liegt schlaflos ihr Vater Li’oe, geplagt von Ungewissheit. Er grübelt, um wie viel sein Vorrat an Fabi über Nacht an Wert verloren hat, wie viel Gold er auf dem Schwarzmarkt kaufen könnte mit dem, was ihm noch geblieben ist. Er wägt ab, wie viel der Betrieb seines Buchladens und der Druck der Untergrundzeitschriften noch kosten werden – das alles nimmt er seiner Familie weg, gar nicht zu reden von der Gefahr, der er sie aussetzt –, und einen Augenblick lang überkommen ihn Schuldgefühle. Er bereut es jetzt, den kleinen Ring versetzt zu haben, den er am Tag von Suchis Geburt gekauft hat, zwei zarte, miteinander verwundene Goldfäden. Er hatte ihn für ihre Mitgift aufheben wollen. Aber Sulan hatte darauf beharrt, den idealen gebrauchten Stoff gefunden zu haben, um Suchi einen Qipao zum Geburtstag zu nähen, und er hatte eingewilligt, Sulan das Geld zu geben. Jetzt denkt er nur daran, wie der Wert dieses Goldrings mittlerweile gestiegen ist.

Seine Frau Sieu’in, die neben ihm liegt, tut so, als würde sie schlafen und nicht bemerken, wie sich ihr Mann nervös herumwälzt. Sie geht im Geiste ihre Vorräte durch – eine halbe Tasse rationierten grobkörnigen roten Reis, eine Handvoll getrockneter Pilze, Kohl, den sie vor Wochen eingelegt hat, Rettichreste, aus denen sie eine Brühe gekocht hat, ein Abschnitt einer Frühlingszwiebel, den sie in der Frühlingssonne zum Austreiben gebracht hat. Diese Zutaten werden sie über eine Woche hinweg versorgen, vielleicht anderthalb – sie wird wässriges, aber schmackhaftes Congee daraus zubereiten, und wenn das aufgegessen ist, wird sie aus dem Rest Reismehl in der Tüte eine milchige Flüssigkeit kochen, die die Illusion von Nahrung bietet. Und danach? Sie will ihren Mann nicht noch zusätzlich belasten, indem sie ihn um mehr Geld bittet. Sie hat noch ein paar Schmuckstücke – den Jadearmreif zum Beispiel, der jetzt kühl an ihre Wange drückt. Ihre Mutter hat ihn ihr aus ihrer eigenen Mitgift geschenkt. Seine Farbe ist kräftig wie die dunklen Blätter des grünen Gemüses, nach dem sie sich so sehr sehnt.

Anderthalb Stockwerke weiter unten, in dem großen Raum, träumt Siau Zi, ihr Untermieter und Angestellter, von der älteren Tochter der Zhangs. Sulan lächelt einladend, ihre Lippen sind rot geschminkt, sie trägt eine kurze Dauerwelle. In seinem Traum fällt es ihm leicht, charmant zu sein; ausnahmsweise sagt er das Richtige, sodass sie ihn anhimmelt. , sagt er zu ihr, , und sie sinkt seufzend in seine Umarmung.

Draußen vor Siau Zis Fenster färbt sich der Himmel leuchtend rosa. Der Gesang des Viertels verändert seinen Klang, während die Bewohner ihre Träume abstreifen und aufstehen. Liebende flüstern. In den Öfen knistert Kohle. Öl brutzelt in einer Pfanne, bereit für die Zubereitung des Frühstücks. Ächzend öffnen sich Türen, metallene Klopfer schlagen gegen schweres Holz. Eine Großmutter fegt den Boden vor ihrem Shikumen, der Besen kratzt im Stakkato über das Pflaster. Ein aus dem Schlaf gerissenes Kind weint.

Die Breiverkäuferin setzt ihren Weg fort. Vergeblich preist sie ihre Ware an und denkt zurück an eine Zeit, in der die Kinder aus diesem Viertel den Brei noch liebten, eine Zeit vor den Kriegen, als sie es sich leisten konnte, weißen Zucker und Klebreis zu verwenden, und die Zugabe von Lotoskernen und Osmanthussirup die Regel war und kein großer Luxus. Sie nähert sich dem Shikumen, in dem die Familie Wang wohnt, bleibt kurz stehen und erinnert sich, wie sehr sich vor allem der kleine Sohn an ihrer Süßspeise erfreute. Zwei Mal ruft sie laut: , mit kehliger Stimme, so leidenschaftlich, als riefe sie einen Liebhaber – doch die oberen Fenster bleiben dunkel und still. Kurz darauf wischt sie sich über die Stirn, drückt sich gegen ihren Karren und schiebt ihn weiter, das Echo ihres Lieds hinter sich lassend.

Doch bei den Wangs sind alle wach.

Yuping hat die ganze Nacht nicht geschlafen; ihre Augen sind geschwollen und haben dunkle Schatten. Sie versucht, ihre Verzweiflung mit Make-up zu überdecken, aber als sie ihr Spiegelbild sieht, kommen ihr wieder die Tränen. Ihr Mann Chongyi tut so, als bemerke er das nicht. Er kleidet sich leise an, kämmt seine grau melierten Haare mit einem feinzinkigen Kamm auf eine Seite und bändigt einzelne Strähnen mit Öl. Er denkt darüber nach, den Kamm seinem Sohn Haiwen zu schenken. Der Kamm ist aus Elfenbein geschnitzt und hat Perlmuttintarsien, eitler Tand, den er nach all den Jahren noch behalten hat, in denen sie so vieles andere verkauft haben.

Nebenan kramt ihre elfjährige Tochter Haijun in ihrer Spielkiste, auf der Suche nach einem Andenken für ihren großen Bruder. Sie wirft die Anziehpuppen aus Papier auf den Boden, die Haarbänder, die rote Kreppblume, die sie von einem Ladenschild geklaut hat. So viele sogenannte Schätze, aber nichts, was als Geschenk für ihn geeignet wäre. Wütend rollt sie sich unter ihrer Decke zusammen und hofft, im feuchten Dschungel ihres Atems zu ersticken.

Im Dachzimmer waren Haiming, der älteste Sohn, und seine schwangere Frau schon wach, bevor der Morgen graute. Im Raum stinkt es nach Galle, Ellen hat sich zwei Mal übergeben. Sie möchte später nicht mit zum Bahnhof, sagt sie zu ihrem Mann. Aber Haiming sieht sie nur an, schweigend und finster.

Haiwen kommt als Erster die Treppe herunter. In seiner neuen Uniform aus dem schweren, unnachgiebigen Stoff schwitzt er bereits unter den Achseln. Er tritt hinaus in den bescheidenen Hof ihres Shikumen und blickt hoch in den weiten Himmel. Das Rosa verblasst und weicht einem verhaltenen Blau. In einigen Minuten wird nichts mehr von dieser strahlenden Farbe übrig sein, nur ein dünner Wolkenschleier wie ein Blatt Tofuhaut.

Er lauscht der Symphonie des Longtang, der Behaglichkeit, mit der er aufgewachsen ist. Er schließt die Augen und sieht alles vor sich, es ist keine Symphonie mehr, sondern ein Film, lebendiger als alle, die er im Kino gesehen hat: die gepflasterten Gassen, vollgestopft mit allen möglichen Waren und Habseligkeiten. Die Kinder aus dem Viertel, die einander lachend hinterherjagen. Yu yasoh, der Friseur, den sie fast umrennen, und sein Kunde Lau Die, der kaum noch Haare auf dem Kopf, aber einen vollen Bart hat. Der nahe gelegene Frühstücksstand, den Zia yasoh täglich öffnet, und der Rikschafahrer, der auf einem niedrigen Hocker eine Schale Sojamilch schlürft. Das Fenster im ersten Stock, das sich öffnet, damit Mo ayi einen vorbeiziehenden Verkäufer rufen kann. Er hält an, und sie lässt einen Korb mit ein paar Münzen im Austausch gegen drei verschrumpelte Loquats herunter. Mittendrin Loh konkon und Zen konkon, die beiden Männer nehmen nichts von dem Trubel um sie herum wahr, während sie über ihrem täglichen Xiangqi-Spiel sitzen, ein Ritual, das wie an jedem anderen Tag ohne Unterbrechung fortgesetzt wird.

Aber es ist kein Tag wie jeder andere.

Haiwen schlägt die Augen auf.

Heute ist der Tag seines Abschieds.

In zwei Stunden wird er mit den anderen Rekruten im Zug sitzen, einen prallen Rucksack an den Bauch gedrückt, ein Foto von Suchi an der Brust, und wird mit einem mulmigen Gefühl seiner sich immer weiter entfernenden Familie nachwinken. Er wird Sifo Li, den Longtang seiner Kindheit, hinter sich lassen, er wird die Vierte Straße mit ihren belebten Teehäusern und Kalligrafiegeschäften hinter sich lassen, und bald wird er auch Shanghai hinter sich lassen. Noch Jahre später wird er in seinen Erinnerungen an den Ort wühlen, den er als seine Heimat betrachtet, wird sie übereinanderlegen wie gestapelte...



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