E-Book, Deutsch, 512 Seiten
Chen Der blutrote Phönix (Der Sturz des Drachen 2)
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98666-727-6
Verlag: Cross Cult Entertainment
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Silkpunk Fantasy mit höfischen Intrigen – Mulan trifft auf Iron Widow
E-Book, Deutsch, 512 Seiten
ISBN: 978-3-98666-727-6
Verlag: Cross Cult Entertainment
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Fortsetzung zu "Von Jade und Drachen", der epischen Silkpunk-Fantasy, inspiriert von der legendären Qing-Dynastie.
Zwei Jahre nachdem Ying die Ingenieursgilde und den Geist des ungerechten Todes ihres Vaters hinter sich gelassen hat, scheint das Leben allmählich wieder einen Anschein von Normalität zu erlangen. Doch die Unruhen auf den Neun Inseln reißen nicht ab und zwingen Ying zurück in die angespannte politische Welt des neuen Oberkommandierenden Ye-yang. Schon bald müssen Ying, Ye-yang und ihre ehemaligen Freunde aus der Gilde zusammenarbeiten, um einen Weg zu finden, die gerissenen Piraten zu überlisten, die die Meerengen terrorisieren – sowie das schwer fassbare Superhirn, das sie kontrolliert.
Unterdessen lebt Yings Schwester Nian in der Hauptstadt und wartet auf den Tag, an dem sie endlich den Oberkommandierenden heiraten wird. Doch die Hauptstadt ist gefährlicher, als sie erwartet, und als sie einer düsteren Verschwörung auf die Schliche kommt, muss sie das Geheimnis rechtzeitig lüften, um zu verhindern, dass das Oberkommando von innen heraus zusammenbricht.
Beständig tauchen neue Gefahren auf, die die Neun Inseln zu zerreißen drohen. Um diesen Sturm zu überstehen, müssen Ying und ihre Lieben schwierige Entscheidungen treffen. Werden sie einen Weg finden, ihre Feinde zu besiegen und zu überleben, während die Welt am Rande der Zerstörung steht? Und wird all das es den Preis wert sein?
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KAPITEL 1
Wäre es nicht schön, für immer von der Stille des Meeres begleitet zu werden?
Dieser Gedanke ging Aihui Ying durch den Kopf, während sie in ihrem winzigen Gefährt saß, einer blasenartigen Kapsel, gerade groß genug für eine Person, und durch das Yun-Mu-Glasfenster die vorbeischwimmenden Fischschwärme beobachtete.
Hier unten gab es keinen Lärm von spielenden Kindern oder wütenden Markthändlern, kein Surren von Luftschiffpropellern oder Hörner von vor Anker liegenden Schiffen, nicht einmal den Ruf eines Kondors oder das Branden der Wellen gegen die Küste. Nur Frieden. Stille.
In letzter Zeit sehnte sie sich nach solchen Orten der Stille, weshalb sie sich mit ihrer neuesten Kreation besonders beeilt und sie liebevoll Oktopus getauft hatte. Es war ein tauchfähiges Gefährt, das von den mechanischen Wellenbewegungen bronzener Tentakel angetrieben wurde und mit einem Kaen-Gas-Ballon ausgestattet war, der wie die Schwimmblase eines Fisches funktionierte. Von Weitem sah es genauso aus wie sein Namensgeber – ein riesiger goldener Oktopus.
Seit sie dem alten Eidu dabei geholfen hatte, an seinem maroden Boot einziehbare Fischernetze zu installieren, damit er diese nicht länger von Hand auswerfen musste, standen täglich Besucher vor ihrer Tür, die um Hilfe bei ihren trivialen Aufgaben baten, weil sie glaubten, dass Technik die Lösung all ihrer Probleme wäre. Meistens freute sich Ying, helfen zu können, aber die ständigen Störungen bedeuteten auch, dass sie kaum Zeit zum Denken hatte. Oder kandierte Weißdornbeeren zu genießen.
Sie biss genüsslich in die gezuckerten Früchte auf ihrem Bambusspieß und die süßen und sauren Geschmacksnoten explodierten in ihrem Mund.
»Mmh.«
Die besten kandierten Weißdornbeeren auf allen neun Inseln.
Leider waren solche Momente des Friedens nie von Dauer.
Schon kurz darauf tauchten die wichtigen Gäste, die sie bereits erwartet hatte, in einem Schwall Gischt auf und wirbelten mit ihren anmutigen Schwanzflossen eine Wolke aus Luftblasen auf. Eine Herde Bartrobben auf der Jagd – die noch nicht ahnten, dass heute sie die Gejagten sein würden.
Durch die Scheibe sah sie, wie ihr jemand aus einem anderen Oktopus zuwinkte, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Er deutete auf die Steuereinheit seines Gefährts, um auszudrücken, dass es Zeit war, ihren Test durchzuführen.
»Ich habe meine kandierten Früchte nicht mal halb aufgegessen«, grummelte Ying. Nur widerwillig legte sie ihren Spieß beiseite und konzentrierte sich auf die unzähligen Knöpfe und Hebel vor sich. Indem sie eine hölzerne Steuerspindel bediente, positionierte Ying ihr Gefährt vorsichtig so, dass es der herannahenden Herde zugewandt war, dann zog sie das Periskop herunter und spähte hindurch. Ihr Zeigefinger schwebte über einem Knopf von der Größe eines Weiqi-Steins.
Eins, zwei …
»Verdammt.«
Aus der verborgenen Luke des anderen Oktopus schoss eine Harpune, doch die funkelnde silberne Spitze verfehlte ihr Ziel deutlich. Die aufgeschreckte Robbenherde zerstreute sich.
Sie starrte finster aus dem Yun-Mu-Fenster und deutete anklagend auf ihren unfähigen Gefährten, dann griff sie nach dem Hebel, der die Gasblase des Gefährts steuerte, und drückte ihn nach unten, um den Ballon zu entleeren. Sie steuerte die goldene Kugel ans Ufer, öffnete die Ausstiegsluke und sprang hinaus, sobald sie auf Grund gelaufen war. Mit einem rauen Seil zog sie ihren Oktopus zu einem primitiven Holzunterstand etwas weiter das Ufer hinauf, wo bereits drei weitere Kugeln ordentlich aufgereiht warteten.
»Es tut mir leid, Ying!«
Ein groß gewachsener junger Mann mit einer gesunden Bräune kletterte behände aus seinem eigenen Gefährt. Seinen Oktopus hinter sich herziehend, legte er einen Sprint ein, um sie einzuholen. Dabei schwang der lange Zopf auf seinem halb ausrasierten Schädel wild hin und her.
»Es war ein Versehen. Ich weiß, ich hätte auf dein Zeichen warten sollen, aber mein Finger ist abgerutscht. Ich wollte das wirklich nicht versauen«, entschuldigte er sich.
»Ich sagte doch, dass du nicht mitkommen musst.«
»So ist es sicherer. Das Meer ist unberechenbar.« Der Junge wand ihr das Seil aus den Händen und übernahm die Aufgabe, ihre beiden Gefährte abzustellen. »Ich verspreche, dieser Fehler passiert mir nicht noch mal.«
»Und was lässt dich glauben, dass du eine zweite Chance bekommst?«, murmelte Ying und rollte mit den Augen.
Jangmu Feng-kai war so fürsorglich, dass es schon ermüdend war, deshalb konnte sie nicht böse auf ihn sein, selbst wenn sie es gewollt hätte. Sie hatte mehrfach versucht, ihn wütend zu machen, ohne Erfolg. Verglichen mit den Jungen auf ihrer Heimatinsel Huarin oder denen, die sie in der Ingenieursgilde kennengelernt hatte, war Feng-kai der zuvorkommendste, umsichtigste und sanftmütigste Mensch, der ihr je begegnet war. Sie sollte sich glücklich schätzen, mit so einem perfekten Jungen verlobt zu sein – zumindest redeten ihr das alle tagtäglich ein.
Vor zwei Jahren, nachdem sie nach Fei abgehauen war und sich in der angesehenen Ingenieursgilde eingeschrieben hatte, bevor der ganze Schwindel aufgeflogen war, war ihr großer Bruder Wen außer sich gewesen. Er hatte geschlagene drei Monate nicht mit ihr gesprochen, nachdem sie nach Huarin zurückgekehrt war, und er hatte sie in ihrem Ger eingesperrt, damit sie über ihre Fehler nachdachte. Dann war der Jangmu-Clan aus Larut mit einer ungewöhnlichen Bitte an ihn herangetreten – sie strebten eine Vermählung mit Ying an.
Sie wusste, wäre sie auf Huarin geblieben, hätte Wen sie eines Tages zu einer Heirat gezwungen, und sie würde ganz sicher keine politische Ehe eingehen, wie sie ihrem Bruder vorschwebte. Wenn sie schon weggehen musste, wollte sie es zu ihren eigenen Bedingungen tun. Deshalb war sie nun hier auf Larut, verlobt mit Feng-kai, ihrem Kindheitsfreund und Sohn des engsten Freundes ihres Vaters.
Vielleicht war das ein Geschenk A-mas, der aus dem Himmel auf sie herabschaute und ihr half, erneut ihre Flügel auszubreiten und zu fliegen. Oder zu fliehen. Die Erinnerung an den Verlust ihres Vaters versetzte ihr noch immer einen Stich ins Herz. Die Zeit hatte die Wunden langsam heilen lassen, doch die Narben würden nie vergehen.
Ying setzte sich in den weichen Sand und blickte hinaus aufs weite Meer, das im Sonnenlicht in strahlendem Azurblau funkelte. Einst hatte sie neben einem anderen Jungen auf der Stadtmauer von Fei gestanden und ebendieses Meer bewundert, und er hatte ihr die Welt versprochen. Es war schon komisch, dass sie sich an diesen Moment erinnern konnte, als sei es erst gestern gewesen.
Ye-yang hatte ihr gelegentlich geschrieben, doch sie hatte jeden einzelnen Brief verbrannt, ohne ihn zu lesen. Es schmerzte, auf den Umschlägen seine vertrauten Pinselstriche zu sehen, die sie nur an seinen Verrat erinnerten. Nach der Verkündung ihrer Verlobung mit Feng-kai vor neun Monaten hatten die Briefe schließlich wie erwartet aufgehört.
Ist er sauer?, fragte sie sich manchmal.
In den Anfangstagen hatte sie befürchtet, dass er auf Huarin auftauchen und sie nach Fei zurückholen könnte, doch ihre Ängste waren unbegründet gewesen. Bis zu dem Tag, an dem sie nach Larut in See gestochen war, hatte sich Ye-yang nicht gezeigt. Warum sollte er auch? Er war nun der Oberste Kommandant der antaranischen Inseln und es gab bedeutend Wichtigeres, worauf er sich konzentrieren musste.
»A-ma wird ungeduldig. Er fragt, wie es mit dem Oktopus vorangeht«, sagte Feng-kai, als er sich zu ihr gesellte. Seine strahlende Miene wurde ernst. »Immer mehr Fischer weigern sich, wegen der Piraten rauszufahren.«
Der kürzliche Anstieg von Piratenangriffen auf Fischerboote bereitete Feng-kais Vater, dem Clanoberhaupt, große Sorge. Piraterie war schon immer ein Problem in der Dunzhu-Straße gewesen, dem Meeresstreifen zwischen den neun Inseln und dem Qirin-Reich, doch die Lage hatte sich verschlimmert, seit Aogiya Lianzhe, der frühere Oberste Kommandant, vor zwei Jahren verstorben war. Das Überleben des Jangmu-Clans hing vorwiegend vom Handel mit Meeresfrüchten ab, die Leute auf Larut würden also ernsthafte Probleme bekommen, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, wenn es so weiterging.
»Ich habe ihm schon mehrfach gesagt, dass der Oktopus sein Problem nicht lösen wird«, entgegnete Ying und rümpfte gereizt die Nase. »Er kann nicht mal eine Robbe fangen, von Piraten ganz zu schweigen.«
»Könnten wir ihn nicht mit einer Art Verteidigungswaffe ausrüsten? Etwas, das uns Zeit verschaffen könnte, damit unsere Boote entkommen können, wenn es zu einem Angriff kommt?«
Sie konnte die Hoffnung in Feng-kais Tonfall hören, seinen ewigen Optimismus. Er setzte sich neben sie und warf Muschelschalen ins Wasser.
»Du erwartest zu viel von mir«, seufzte sie. »Wir haben nicht die Materialien, um etwas anderes als eine Fischfangharpune zu bauen. Und selbst wenn ich alle Ressourcen der Ingenieursgilde zur Verfügung hätte, könnte ich trotzdem nichts bauen, was einer Dämonenklinge auch nur einen Kratzer verpassen könnte.«
Die Dämonenklingen gehörten Gerüchten zufolge einer der berüchtigtsten Piratenflotten an, die die Meerenge unsicher machten. Man kannte sie nur unter dem Namen Blutroter Phönix. Ying hatte noch nie eine...




