Ein Roman über den Hass in sechs Episoden
E-Book, Deutsch, 209 Seiten
ISBN: 978-3-406-71014-8
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Imbrie Teheran, ohne jede Vorkenntnisse, der Mann will Fotos bei einer
schiitischen Massenzeremonie machen, außerdem einen Hund retten
und kommt bei der anschließenden Rangelei ums Leben. 1953 gelingt es
der CIA und dem britischen Geheimdienst, ein subversives Netz unter
den Gegnern des demokratisch gewählten persischen Premiers Mossadegh
zu knüpfen, und die legitime Regierung wird gestürzt. Es folgen die
Schreckensherrschaft des Schahs und anschließend die der Ayatollahs.
1978 kommt ein Großneffe Robert Imbries nach Teheran, um dem gewaltsamen
Tod seines Onkels nachzugehen, er hat eine Affäre mit der
Iranerin Minâ, beide kommen bei einem Anschlag auf ein Restaurant
ums Leben, das Amerikanern als Treffpunkt diente. 1988 wird Resâ, ein
Widerstandskämpfer sowohl gegen das Schah-Regime, der ein Attentat
auf einen amerikanischen Militärattaché verübt hat, als auch gegen die
Herrschaft der Mullahs und der Zwillingsbruder Minâs, bei den Massenhinrichtungen
des Regimes getötet. Die Gewalt hält an.
In dicht verwobenen und atmosphärisch und spannend geschriebenen
Episoden erzählt Amir Hassan Cheheltan aus wechselnden Perspektiven
von den Träumen und Traumata eines Landes, das auf einen äußeren
Feind und die Rettung von außen fixiert geblieben ist, nachdem es einst
seiner historischen Chance beraubt wurde. Einfühlsam und kenntnisreich,
zwischen Ironie, Härte und Wehmut schwebend, ist dieser Roman
zugleich das Porträt Teherans, einer der Mega-Citys, in denen sich unsere
Zukunft entscheiden wird.
Weitere Infos & Material
Erste Episode
Die Zeremonie des Hundetötens vom 18. Juli 1924 Im Sommer des Jahres 1924 geschah in Teheran etwas Seltsames; dieses merkwürdige Ereignis betraf einen Amerikaner und desgleichen ein Ssaghâchâne, ein Brunnenhäuschen mit einer kleinen Gebetsnische, vor der die Gläubigen Kerzen anzünden und an die sie als Votivgaben Stofffetzen anbinden, während die Durstigen aus seiner Zisterne Wasser trinken können. Das betreffende Ssaghâchâne lag damals, als Teheran noch eine verhältnismäßig kleine Stadt war, in einem Außenbezirk, und der Amerikaner war Major Robert Imbrie, Vizekonsul an der amerikanischen Botschaft. Er war vor über einem Jahr mit seiner Frau nach Teheran gekommen, in einem der für diese Stadt typischen heißen Sommer. Zu jener Zeit galt die Vorliebe für Amerika noch nicht als Schande, und obwohl es in Teheran immer wieder zu unvorhersehbaren Zwischenfällen gekommen war, schienen sich die Dinge, zumindest für dieses amerikanische Ehepaar, gut zu entwickeln. Beide waren mit ihrem Aufenthalt in der Hauptstadt alles in allem nicht unzufrieden. Robert war schlank, relativ hochgewachsen, er trug einen kurzen blonden Schnurrbart und war insgesamt eine interessante männliche Erscheinung. Sommers trug er einen Stoffhut mit breiter Krempe, zuweilen auch einen Strohhut, dennoch nahm sein Gesicht in den beiden Sommern die Farbe von roten Rüben an. Als Robert im Jahr davor zusammen mit seiner Frau in Teheran angekommen war, fiel ihm als Erstes die lähmende Hitze in dieser Stadt auf. Die Sonne schien ihm senkrecht direkt aufs Hirn, die Mauern strahlten wie die eines Backofens, und man hätte glauben können, die Menschen und Häuser, die in der flimmernden Luft schwammen, seien im Begriff zu verdampfen. Auf den Straßen waren kaum Frauen zu sehen, Männer waren jedoch überall, und sie bevölkerten fast die ganze Stadt; das entsprach den damaligen Sitten. An seinem ersten Tag in Teheran hatte Robert, während der Botschaftsdiener in einem langen, kragenlosen Gehrock, der üblichen Tracht der Perser, ihm die Koffer vorantrug, beim Vorbeigehen an einem Stadtviertelbasar ab und zu Frauen gesehen, die sich vollständig unter einem schwarzen, vorhangartigen Stoff verborgen hatten; man hatte das Gefühl, allein dieser Anblick erzeuge bereits Hitze oder verstärke diese zumindest. Das Bild vollständig verhüllter Frauen war Robert allerdings vertraut, seine vorherige Mission hatte ihn in die Türkei geführt, die sich von dem Land, in dem er zur Welt gekommen war, in jeder Hinsicht unterschied. Sogar Sankt Petersburg, wo er sich ebenfalls eine Zeit lang aufgehalten hatte, war ihm trotz aller Ähnlichkeit mit dem Westen fremdartig erschienen, und Persien war noch merkwürdiger. Catherine, seine Frau, hatte bereits in dem Augenblick, in dem sie iranischen Boden betreten hatte, beim Gedanken, unter Menschen zu sein, die so anders als sie waren, ein ungutes Gefühl beschlichen. Ihr war nicht wohl, und sie dachte den ganzen Weg über bis nach Teheran, dass sich die Verhältnisse in der Hauptstadt vielleicht etwas einladender gestalten würden. Nun sah sie indessen, dass es genauso war: die gleichen neugierigen, zudringlichen Blicke, dasselbe jähe, misstrauische Erstaunen und dieselbe uralte Stumpfheit und Trägheit im Verhalten. Als bewegten sich die Menschen nicht in Luft, sondern in einer zähen Flüssigkeit. Die Frauen, die ihre Gesichter verhüllt hatten, erweckten in ihr eine Mischung aus Furcht und Argwohn, deren Ursache sie sich nicht erklären konnte. Teheran war keine richtige Stadt, sondern ein Dorf, wenn auch etwas größer als jene, an denen sie unterwegs vorbeigekommen waren, mit Häusern aus ungebrannten Lehmziegeln, engen Gassen, niedrigen Türen; und die Menschen lebten dort gezwungenermaßen, weil sie da geboren worden waren. Sie nahm sich vor, ihre Lebensumstände zu erkunden. Es war offensichtlich, dass diese Menschen in einer eigenen Welt lebten, mit all ihren Ängsten, Hoffnungen und Wünschen. Die iranischen Männer mit ihren kragenlosen Hemden und handgestrickten Käppchen wichen beim Anblick dieser beiden blonden, blauäugigen Abendländer aus, stellten sich an die Hauswände und hielten die Hand über die Augen; offensichtlich waren sie jünger, als sie aussahen. Außerdem gab es natürlich streunende Hunde, die in der Hauptstadt stärker auffielen. Am Rande ausgestorbener Gassen verfolgten sie die Passanten mit traurigen Blicken, und sie waren so mager, dass man ihre Rippen zählen konnte; offenkundig litten sie unter chronischem Hunger. Robert erkannte sehr bald, dass jegliche Zuwendung zu ihnen als Hundeliebhaberei galt, die unter Iranern streng verpönt war. Am Tag ihrer Ankunft in Teheran besuchten Robert und Catherine bei Anbruch der Dämmerung, als die Hitze bereits nachgelassen hatte, in Begleitung eines iranischen Botschaftsangestellten ein Restaurant in der Lâlesâr-Straße. Man hatte die Wände kurz zuvor mit Wasser besprengt, sodass nun von überall her Dampf aufstieg. Der Inhaber des Restaurants, ein hochgewachsener Armenier, empfing sie persönlich und begrüßte sie auf Französisch. Er bot ihnen im abgeschiedenen Gärtchen des Hinterhofs einen Tisch neben einem kleinen sechseckigen Springbrunnen an. Sie setzten sich und bestellten umgehend etwas zu trinken, um ihre Ankunft in der Hauptstadt zu feiern. Die Lehmmauern, der hellblaue Himmel und das Grün der Bäume bildeten eine wohltuende Farbkombination, die ihrem ersten Eindruck von Teheran eine angenehme Tönung verlieh. Catherine war auf diese Reise nicht sonderlich erpicht gewesen, hatte ihr allerdings auch nicht widersprochen. Vielleicht glaubte sie, diese Entsendung sei um der Karriere ihres Ehemanns willen notwendig. Im Verlauf seiner Mission in Sankt Petersburg hatte man ihn aus Russland ausgewiesen und in der Türkei sogar einen Anschlag auf ihn verübt, woraus sie geschlossen hatte, dass die Diplomatie eine verzwickte Angelegenheit sei, weswegen sie vielleicht grundsätzlich Männern vorbehalten bleiben sollte. Als aber der Umzug nach Persien zur Gewissheit wurde, hatte sie eine diffuse Unruhe beschlichen, die anhielt, bis sie das Schiff betreten hatten. Danach hatte sie eine nachhaltige Unbekümmertheit überkommen; dies war eben ihr Schicksal, und dem musste man sich fügen. Während Catherine sich auf die Reise vorbereitete, bemerkte niemand ihre innere Unruhe, ihr Widerwille war allerdings unübersehbar. Ihr Vater, der gerade die Lektüre von «Tausendundeiner Nacht» beendet hatte, berichtete ihr deshalb über die spannenden Abenteuer, von denen man ausschließlich aus so entfernten und märchenhaften Gegenden wie denen von «Tausendundeiner Nacht» vernehmen konnte, und Persien war eins dieser Länder. Seinen Ausführungen lauschte sie ungerührt, mit unbewegtem Gesicht und teilnahmslosem Blick, an ihrer Abneigung änderten sie jedoch nichts; sie wusste von diesem Land lediglich, dass seine Herrscher einen Harem besaßen. Robert war ebenfalls nicht sonderlich viel über Persien bekannt, insofern unterschied er sich kaum von seiner Ehefrau. Vor Antritt der Reise hatte er nur vom Hörensagen etwas von diesem orientalischen Land gewusst, von seinen hübschen Katzen und seinen bunten Teppichen. Erst wenige Tage vor der Abreise hatte er erfahren, dass die Iraner keine Araber waren und nicht Arabisch sprachen. Auf die Frage, ob er sich freiwillig gemeldet hatte oder aufgrund spezieller Fähigkeiten zu dieser Mission entsandt worden war, äußerte er sich bis zum Ende seines Aufenthalts nicht, von seiner Frau war ebenfalls nichts zu erfahren. Allerdings war er ein Draufgänger, der sogar offensichtlich die Gefahr liebte: Im Ersten Weltkrieg hatte er freiwillig als Ambulanzfahrer an der französischen Front gedient. Sein diplomatischer Dienst in Sankt Petersburg und in der Türkei war hingegen von einer Aura des Geheimnisvollen umgeben, die zur Quelle einigen Gemunkels geworden war. Abgesehen von ein, zwei Klatschgeschichten über sexuelle Abenteuer – schließlich war er ein blonder Jüngling inmitten von temperamentvollen muslimischen Männern –, ging in den diplomatischen Kreisen Teherans das Gerücht um, dass er in Russland mit den konterrevolutionären Rechten in Verbindung gestanden habe, weswegen die Bolschewiken ihn mehrmals ausgewiesen hätten. Außerdem hieß es, er sei nur durch einen glücklichen Zufall der Todesfalle entronnen, welche der sowjetische Botschafter in der Türkei ihm gestellt habe. Das wichtigste Gerücht lautete allerdings, er betätige sich in Teheran insgeheim für die Sinclair Oil Company, um von der persischen Regierung die Konzession für die Erdölfelder des Nordens zu erlangen, und sei wegen dieser Mission entsandt worden. Robert war jedoch nach Persien gekommen, um zu sterben, was selbstverständlich niemand ahnte. Um dorthin...