Chatwin | Traumpfade | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Chatwin Traumpfade

The Songlines. Roman

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

ISBN: 978-3-446-24201-2
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Traumpfade, Songlines: das sind die unsichtbaren labyrinthischen Wege, die den australischen Kontinent durchqueren und entlang denen die Ahnen der Ureinwohner wanderten, die mit ihren Liedern die Welt erschlossen. Bis heute dürfen die Traumpfade nicht überschritten werden, und es kommt zum Konflikt zwischen zwei Welten, wenn eine Eisenbahngesellschaft ihre Landvermesser ausschickt. In seinem Reisebuch, das Ideenroman, Abenteuergeschichte, Satire auf den Fortschrittswahn und geistige Autobiographie zugleich ist, schildert Bruce Chatwin eine Reise durch Australien. Der Roman ist durchzogen von grandiosen Landschaftsbeschreibungen, leuchtenden Details und Reflexionen, die alle in ein Hohelied auf den Menschen münden.
Chatwin Traumpfade jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


1
In Alice Springs, einem Netz verbrannter Wege, wo Männer in langen weißen Socken unaufhörlich in Landcruiser einstiegen oder aus Landcruisern ausstiegen, begegnete ich einem Russen, der damit beschäftigt war, eine Karte von den heiligen Stätten der Aborigines anzulegen. Sein Name war Arkady Wolschok. Er war australischer Staatsbürger. Er war dreiunddreißig Jahre alt. Sein Vater, Iwan Wolschok, ein Kosake aus einem Dorf in der Nähe von Rostow am Don, war 1942 geschnappt und zusammen mit einer Zugladung weiterer »Ostarbeiter« zum Dienst in eine deutsche Fabrik geschickt worden. Eines Nachts, irgendwo in der Ukraine, sprang er aus dem Viehwaggon in ein Sonnenblumenfeld. Soldaten in grauen Uniformen jagten ihn die langen Reihen von Sonnenblumen auf und ab, aber er entkam ihnen. Irgendwo anders, verirrt zwischen modernen Armeen, traf er ein Mädchen aus Kiew und heiratete sie. Gemeinsam verschlug es sie in einen verschlafenen Vorort von Adelaide, wo er eine Wodkabrennerei aufzog und drei kräftige Söhne zeugte. Der jüngste von ihnen war Arkady. Arkady war von seinem Temperament her keineswegs für ein Leben in der Abgeschiedenheit eines angelsächsischen Vororts oder für einen konventionellen Beruf bestimmt. Er hatte ein flaches Gesicht und ein sanftes Lächeln, und er durchquerte die hellen Weiten Australiens mit der Unbeschwertheit seiner rastlosen Vorfahren. Er hatte dichtes, glattes Haar von strohblonder Farbe. Seine Lippen waren in der Hitze aufgesprungen. Er hatte nicht den verkniffenen Mund so vieler weißer Australier aus dem Busch; auch verschluckte er seine Wörter nicht. Er rollte das R auf eine sehr russische Art. Nur aus nächster Nähe erkannte man, wie grobknochig er war. Er war verheiratet, erzählte er mir, und hatte eine sechsjährige Tochter. Doch da er die Einsamkeit dem häuslichen Chaos vorzog, lebte er nicht mehr mit seiner Frau zusammen. Er besaß, abgesehen von einem Cembalo und einem Regal mit Büchern, kaum etwas. Er war ein unermüdlicher Buschwanderer. Es machte ihm nichts aus, mit einer Feldflasche Wasser und ein paar Bissen Proviant zu einem Marsch von hundert Meilen längs der MacDonnell-Berge aufzubrechen. Wenn er danach aus der Hitze und der Helligkeit nach Hause kam, zog er die Vorhänge zu und spielte Musik von Buxtehude und Bach auf dem Cembalo. Ihre regelmäßig fortschreitenden Sequenzen, sagte er, entsprächen den Umrissen der zentralaustralischen Landschaft. Arkadys Eltern hatten beide nie ein Buch in Englisch gelesen. Sie waren hocherfreut, als er sein Studium der Geschichte und der Philosophie an der Universität von Adelaide mit Auszeichnung abschloß. Sie waren traurig, als er fortging, um als Lehrer in einer Aborigines-Siedlung im Warlpiri Country nördlich von Alice Springs zu arbeiten. Er mochte die Aborigines. Er mochte ihre Courage und ihre Zähigkeit und ihre geschickte Art im Umgang mit dem weißen Mann. Er hatte einige ihrer Sprachen gelernt oder halb gelernt, und ihre intellektuelle Kraft, ihr fabelhaftes Gedächtnis und ihre Fähigkeit und ihr Wille zu überleben hatten ihn in Erstaunen gesetzt. Sie seien, betonte er, keine aussterbende Rasse – wenn sie auch hin und wieder Hilfe brauchten, um sich die Regierung und die Bergbaugesellschaften vom Hals zu schaffen. Während seiner Zeit als Lehrer hörte Arkady zum erstenmal von dem Labyrinth unsichtbarer Wege, die sich durch ganz Australien schlängeln und die Europäern als »Traumpfade« oder »Songlines« und den Aborigines als »Fußspuren der Ahnen« oder »Weg des Gesetzes« bekannt sind. Schöpfungsmythen der Aborigines berichten von den legendären totemistischen Wesen, die einst in der Traumzeit über den Kontinent wanderten und singend alles benannten, was ihre Wege kreuzte – Vögel, Tiere, Pflanzen, Felsen, Wasserlöcher –, und so die Welt ins Dasein sangen. Arkady war von der Schönheit dieser Vorstellung so beeindruckt, daß er begann, alles aufzuschreiben, was er hörte oder sah, nicht um es zu veröffentlichen, sondern um seine eigene Neugier zu befriedigen. Anfangs mißtrauten ihm die Ältesten der Warlpiri und gaben ihm ausweichende Antworten auf seine Fragen. Mit der Zeit jedoch, als er ihr Vertrauen gewonnen hatte, luden sie ihn ein, ihren streng geheimen Zeremonien beizuwohnen, und ermutigten ihn, ihre Lieder zu lernen. Einmal kam ein Anthropologe aus Canberra, um die Landbesitz-Ordnung der Warlpiri zu erforschen: ein neidischer Akademiker, der Arkady seine Freundschaft mit den Lieder-Menschen mißgönnte, Informationen aus ihm herausholte und prompt ein Geheimnis verriet, das zu bewahren er versprochen hatte. Angewidert von dem nachfolgenden Streit warf der »Russe« seine Arbeit hin und ging ins Ausland. Er sah die buddhistischen Tempel Javas, saß mit Sadhus an den Totenverbrennungsstätten in Benares, rauchte Haschisch in Kabul und arbeitete in einem Kibbuz. Auf der schneebestäubten Akropolis von Athen war nur ein einziger anderer Tourist: ein griechisches Mädchen aus Sydney. Sie reisten zusammen durch Italien, sie schliefen miteinander, und in Paris beschlossen sie zu heiraten. Da er in einem Land groß geworden war, in dem es »nichts« gab, hatte Arkady sich sein Leben lang danach gesehnt, die Monumente der abendländischen Zivilisation zu sehen. Er war verliebt. Es war Frühling. Es hätte wunderbar sein sollen in Europa. Zu seiner Enttäuschung hinterließ es bei ihm einen schalen Geschmack. In Australien hatte er die Aborigines oft gegen Leute verteidigen müssen, die sie als Trunkenbolde und unfähige Wilde abtaten; doch hatte es in dem Fliegendreck und Elend eines Warlpiri-Lagers Augenblicke gegeben, in denen ihm der Verdacht kam, daß sie recht haben könnten und daß seine Berufung, diesen Schwarzen zu helfen, entweder eine vorsätzliche Selbsttäuschung oder aber Zeitverschwendung sei. Jetzt, in einem Europa des gedankenlosen Materialis mus, erschienen ihm seine »alten Männer« weiser und besonnener denn je. Er ging in ein Qantas-Büro und kaufte zwei Tickets für den Rückflug. Er heiratete sechs Wochen später in Sydney und nahm seine Frau mit nach Alice Springs. Sie sagte, daß es ihr Wunsch sei, im Innern des Landes zu leben. Sie sagte, daß es ihr gefalle, als sie dort ankam. Nach nur einem Sommer in einem blechgedeckten Haus, in dem es heiß war wie in einem Backofen, begannen sie sich auseinanderzuleben. Die Landrechte-Gesetzgebung gab den Aborigines-»Besitzern« Anrecht auf ihr Land, vorausgesetzt, es lag brach. Die Arbeit, die Arkady für sich ausdachte, bestand darin, die »Stammesgesetze« in die Sprache der Krone zu übersetzen. Niemand wußte besser, daß die »idyllischen« Tage des Jagens und Sammeins vorüber waren – falls sie überhaupt jemals so idyllisch gewesen waren. Wenn man für die Aborigines etwas tun wollte, so mußte man ihnen ihre wichtigste Freiheit erhalten: die Freiheit, arm zu bleiben, oder, wie er es taktvoll formulierte, den Raum, in dem sie arm sein konnten, wenn sie arm sein wollten. Jetzt, da er allein lebte, verbrachte er die meiste Zeit gern »draußen im Busch«. Wenn er in die Stadt kam, arbeitete er in einer stillgelegten Druckerei, wo Rollen alten Zeitungspapiers noch immer die Druckerpressen verstopften und Serien seiner Luftaufnahmen wie Dominosteine über die schäbigen weißen Wände verteilt waren. Eine Serie zeigte einen dreihundert Meilen langen Streifen Land, der ziemlich genau nach Norden führte. Es war die geplante neue Eisenbahnlinie von Alice nach Darwin. Diese Linie, sagte er mir, sei der letzte längere Schienenstrang, der in Australien gelegt werden würde; und der Chefingenieur, ein Eisenbahner der alten Schule, habe verkündet, daß sie auch die beste sein müsse. Der Ingenieur stand kurz vor seiner Pensionierung und war um seinen Nachruf besorgt. Ihm war besonders daran gelegen, den Tumult zu vermeiden, der jedesmal ausbrach, wenn eine Bergbaugesellschaft ihren Maschinenpark auf Aborigine-Land abstellte. Daher hatte er versprochen, keine einzige ihrer heiligen Stätten zu zerstören, und ihre Vertreter gebeten, ihm eine Karte zu beschaffen. Arkadys Arbeit bestand darin, die »traditionellen Landbesitzer« ausfindig zu machen, mit ihnen über ihre alten Jagdgründe zu fahren, auch wenn diese jetzt einer Viehzüchtergesellschaft gehörten, und in Erfahrung zu brin gen, welcher Felsen, welches Schlammloch oder welcher Geistereukalyptusbaum das Werk eines Traumzeit-Heroen war. Er hatte bereits eine Karte von der hundertfünfzig Meilen langen Strecke von Alice bis zur Middle-Bore-Ranch angelegt. Er hatte noch weitere hundertfünfzig Meilen vor sich. »Ich habe den Ingenieur darauf aufmerksam gemacht, daß er reichlich verwegen ist«, sagte er. »Aber er will es nun einmal so.« »Wieso verwegen?« fragte ich. »Na ja, wenn man es mit ihren Augen betrachtet«, meinte er grinsend, »dann ist das ganze verflixte Australien eine heilige Stätte.« »Erklären Sie«, sagte ich. Er wollte soeben damit beginnen, als ein Aborigine-Mädchen mit einem Stapel Akten hereinkam. Es war eine Sekretärin, ein geschmeidiges braunes Mädchen in einem braunen Strickkleid. Sie lächelte und sage: »Hallo, Ark!«, aber ihr Lächeln erlosch, als sie den Fremden erblickte. Arkady senkte die Stimme. Er hatte mich schon vorher darauf aufmerksam gemacht, wie sehr die Aborigines es hassen, wenn sie Weiße über ihre »Angelegenheiten« sprechen hören. »Dies ist ein Engländer«, sagte er zur Sekretärin. »Ein Engländer mit dem Namen...


Chatwin, Bruce
Bruce Chatwin, 1940 in Sheffield geboren, arbeitete zunächst als Kunstsachverständiger bei Sotheby's, später als Journalist und freier Schriftsteller. Er starb 1989 in Nizza. Auf Deutsch erschienen u.a. Utz (Roman, 1989), Traumpfade (Roman, 1990), Was mache ich hier (Reiseberichte, 1991), Wiedersehen mit Patagonien (zusammen mit Paul Theroux, 1992), Auf Reisen (Photographien und Notizen, 1993), Der Traum des Ruhelosen (1996), Verschlungene Pfade (1999), Auf dem schwarzen Berg (Roman 2002) sowie Der Vizekönig von Ouidah (Roman, 2003).


Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.