E-Book, Deutsch, 261 Seiten
Chatwin Der Tote im Mammut-Tal - oder: Steinroller
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-859-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Steinzeit-Krimi | Es ist der erste Mordfall der Menschheitsgeschichte ...
E-Book, Deutsch, 261 Seiten
ISBN: 978-3-98952-859-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thomas Chatwin, geboren 1949, ist als Journalist leidenschaftlicher Sammler und Jäger von außergewöhnlichen Geschichten. Auf seinen zahlreichen Reisen hat der promovierte Literaturwissenschaftler immer wieder den Ursprüngen der Menschheit und ihrer Kulturen - besonders der britischen - nachgeforscht. Einen Teil des Jahres verbringt er in Cornwall, wo auch seine Kriminalromane entstehen. Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seinen Steinzeit-Krimi »Der Tote im Mammut-Tal«.
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Kapitel 2
Schon bei Steinrollers Ahnen hieß die Zeit des langen Redens Sitzung, weil man dabei auf kalten Steinen saß. Seine erste Sitzung mit Otterfang fand in einer ruhigen Ecke des Lagers zwischen zwei Holundersträuchern statt, wo niemand sie sehen konnte. Gleich dahinter befand sich ein Birkenholzgestell, auf dem Fische zum Trocknen lagen. Während ihres Gesprächs griff Otterfang immer wieder durch die Büsche und schob sich vor Aufregung einen Salzbarsch nach dem anderen in den Mund.
Zweifellos erfüllte es ihn mit Stolz, ab jetzt Steinrollers Assistent sein zu dürfen. Er zeigte seine Freude, indem er mehrfach das Genick seines neuen Chefs drückte und nach jedem Barsch laut rülpste. Das machte man nur, wenn man wirklich zufrieden war, und so fasste es Steinroller auch auf. Gegen Otterfangs hünenhafte Gestalt war er klein. Alles an Otterfang war groß, vor allem seine Ohren und die runde Nase.
»Bin ich bewaffnet?«, fragte Otterfang mit der tiefen Stimme riesiger Menschen.
»Das Übliche«, antwortete Steinroller. »Axt und Speer. Ansonsten werden wir ja mehr unseren Verstand benutzen, denke ich.«
»Genau. Das denke ich auch«, sagte Otterfang dumpf und nickte.
Steinroller erklärte ihm, wie er sich die künftige Zusammenarbeit vorstellte und dass er sich auf Otterfangs archaische Fähigkeiten als Spurenleser und Geräuschelauscher unbedingt verlassen können musste. Auch Otterfangs Geschmacksnerven waren in der ganzen Sippe berühmt, er konnte aus jedem Regenwurm herausschmecken, aus welcher Erde er kam.
Nachdem der Assistent sich alles angehört hatte, nickte er noch einmal sichtlich erfreut und versprach, sein Leben zu geben für die neue Aufgabe. Steinroller war klar, dass Otterfang erst noch mühsam eingearbeitet werden musste und vermutlich noch gar nicht begriff, wie diffizil so ein Fall werden konnte. Aber da die Zeit drängte und sie keinen Tag verlieren durften, musste sich alles Weitere unterwegs ergeben.
Als erste Amtshandlung, bevor sie endgültig ins Tal der Stieglitze aufbrechen konnten, musste Pilu verhört werden. Er konnte ein wichtiger Zeuge sein – oder er war sogar in den Mord verwickelt. Alles war jetzt möglich.
Sie trieben den Lendenschurzmacher beim Spielen mit seinem kleinen Warzenschwein auf, dem er ein lila Schleifchen aus gefärbter Liane umgebunden hatte. Er selbst trug ein weißes Schaffell um die Hüften. Eigentlich war sein Warzenschwein nichts anderes als das zwergwüchsige Wildschwein der Berge, aber da diese Sorte dicke Knubbel auf der Schnauze trug, nannten die Sippen es Warzenschwein.
Der Lendenschurzmacher hatte sich eine feste Hütte errichtet, in der er seinem Handwerk nachging. Steinroller blieb davor stehen und rief mit strenger Stimme: »Pilu!«
Pilu, klein und rundlich – eine äußerst seltene Körperform unter den Sippenmitgliedern –, nahm das Warzenschwein auf den Arm und kam fröhlich zu Steinroller, der sofort erschnupperte, dass Pilus nach hinten gekämmtes Haar heute nach Thymian duftete. Hinter dem Kommissar hatte sich Otterfang aufgebaut. Er bemühte sich, ebenso streng wie sein neuer Chef dreinzublicken, obwohl er sich insgeheim mächtig über Pilu und seinen kleinen Appetithappen amüsierte.
»Heho, ihr zwei!«, grüßte Pilu aufgekratzt. Er hatte fast immer gute Laune und schien sich an den strengen Gesichtern seiner Besucher nicht zu stören. »Wollt ihr euch schon mal die neue Winterware ansehen?«
»Was hast du denn so?«, fragte Otterfang spontan, ohne zu bemerken, dass auch Steinroller gerade den Mund aufgemacht hatte, um zu antworten.
»Was ganz was Tolles«, antwortete Pilu begeistert und kraulte seinem Schweinchen den Bauch. »Kuscheliges Wollnashorn, als Schlafdecke und als Lendenschurz. Jetzt auch mit Eingriff!«
»Vielleicht führst du uns das ja mal vor«, sagte Steinroller mit hintersinnigem Lächeln. »Zum Beispiel auf der schönen Sumpfgraswiese.«
Pilu versuchte, seine Leichtigkeit beizubehalten. »Also bitte, ihr Lieben – doch nicht in der feuchten Ecke!« Er schien amüsiert zu sein. »Da wüsste ich hübschere Plätze.«
»Tatsächlich? Und was treibt dich dann nachts dort hin?«
»Wie soll ich das verstehen?«
»Das frage ich dich«, sagte Steinroller, und sein Lächeln war verschwunden. »Wo warst du gestern zwischen Sonnenuntergang und Bisontränke?«
»Ich verstehe nicht ...« Pilu sah auf einmal gehetzt aus. »Ich war in meiner Hütte ... Wo sollte ich sonst gewesen sein?«
Steinrollers Miene wurde noch ernster. »Ich nehme an, du weißt, dass Taamu ermordet wurde. Ich bin hier, weil ich im Auftrag meines Vaters seinen Tod untersuche. Und du bist ein wichtiger Zeuge.«
Aus Pilus Gesicht war die Farbe gewichen. Trotzdem lachte er auf. »Ich?« Er knubbelte nervös das Schweineschwänzchen, was irgendwie obszön aussah. »Taamu war nicht mal Kunde bei mir. Er hat sich seine Sachen immer von seiner Mutter nähen lassen.«
»Und was hast du dann bei seiner Leiche gemacht?«
Pilu erschrak sichtlich. »Woher wisst ihr das?« Er setzte sein Haustier ab. Quiekend lief es in die Schneiderei zurück.
Steinroller erklärte ihm, dass man sein Duftwasser noch heute Vormittag im weiten Umkreis hatte riechen können. Leugnen war also sinnlos.
Pilu beteuerte seine Unschuld. »Ich bin nur zufällig vorbeigekommen ... Da hab ich ihn liegen sehen, und dann bin ich weggelaufen, weil ich nicht der sein wollte, der ihn fand.« Er hob hilflos die Hände. »Versteht ihr nicht, dass so was schlecht fürs Geschäft ist, wenn man mit einem Toten in Verbindung gebracht wird?«
Steinroller gab Otterfang einen Wink. »Hüttendurchsuchung!«
Pilu war entsetzt. »Was?«
Der Kommissar und sein Assistent marschierten in Richtung der großen Hütte, in der Pilu lebte und arbeitete. Sie bestand aus senkrecht aufgestellten bleichen Mammutrippen, die mit großen Lederstücken bedeckt waren. Der Schneider lief hinter ihnen her, das weiße Schaffell beim Gehen glattstreichend.
»Kinder, macht doch keinen Unsinn!«
Doch Steinroller blieb unerbittlich. Er bahnte sich seinen Weg durch die Berge von groben Fellen und fertigen Schurzen verschiedener Größen, die sich am Eingang stapelten. Auf einem breiten Stein lagen ordentlich aufgereiht Nähnadeln aus Elfenbein.
Das Erste, was ihnen auffiel, war Pilus Handtaschensammlung. Die Täschchen hingen an einem Ast, der im hinteren Teil der Hütte im Boden steckte. Weichhaar hätte ihre Freude an den originellen Stücken gehabt. Aber Handtaschen für Männer waren ja schließlich nur verpönt und nicht verboten, auch wenn Otterfang angewidert mit den Fingern darüber streifte und das Gesicht verzog.
Viel bedenklicher waren die fingerlangen Köcher, die daneben auf einem Brett lagen.
»Sieh mal an«, sagte Steinroller zu Pilu, der sich stumm und bleich neben sie gestellt hatte. »Was haben wir denn hier?«
»Sammelst du Fingerhüte?«, wandte sich Otterfang ahnungslos an Pilu und nahm einen der Köcher in die Hand. Er war aus hauchdünnem Frettchenleder genäht.
»Nein«, sagte Steinroller. »Das alte Ferkel verkauft heimlich Stängelschützer, obwohl das streng verboten ist.«
Sein Vater höchstpersönlich hatte dieses Verbot erlassen, weil ihre Sippe ohnehin schon vom Aussterben bedroht war und nicht enden sollte wie die Neandertaler.
»Ich ... ich bastele sie nur so zum Spaß, wisst ihr ...«, stammelte Pilu. »Aus alter Tradition. Man kann sie auch sehr gut als Blumenvase benutzen.«
»Jetzt reicht’s«, sagte Steinroller. »Entweder, ich gebe meinem Vater einen kleinen Hinweis, oder du sagst uns endlich, was du wirklich bei dem Toten gemacht hast.«
Pilu gab sich geschlagen und packte aus. Er wusste genau, wenn Felsschmetterer, der Sippenälteste, sich erst einmal aufregte, stand man hinterher schnell mit ausgeschlagenen Zähnen oder nur einem Baumelbällchen da.
Mit schuldbewusstem Gesicht führte er seine Besucher zu den Fellen. Dort hob er den obersten Stapel ab. Zum Vorschein kam ein prachtvolles graues Wolfsfell, das an zwei Enden Lederschließen aufwies. Steinroller zog es hervor und hob es in die Höhe, um es besser betrachten zu können.
Kein Zweifel – es war der gesuchte Umhang, der Taamu gehört hatte und den Steinroller bei der Leiche vermisst hatte.
»Du hast es dem Toten gestohlen?«, fragte der Kommissar ungläubig.
Pilu nickte kleinlaut.
»Ich sah es liegen und dachte ..., weil es doch so ein wunderbares Fell ist, mit einzigartiger Färbung ... Und ohne hässliche Blutflecke ...«
Steinroller wurde sofort klar, was Pilu da gerade gesagt hatte: Ohne hässliche Blutflecke. Er sah sich das Wolfsfell noch einmal genauer an. Tatsächlich war es vollkommen sauber, was eigentlich nicht sein konnte, hätte Taamu es zum Todeszeitpunkt getragen.
»Wo hat das Fell gelegen, als du es entdeckt hast?«, fragte er streng. »Neben dem Toten?«
Der Lendenschurzschneider schluckte.
»Ich will die ganze Wahrheit, Pilu!«, drängte der Kommissar, als er merkte, dass sein Gegenüber noch etwas verbarg.
Pilu räusperte sich. »Es war so: Ich glaube, ich habe den Mörder gesehen ... Jedenfalls den Mann, der Taamu gebracht und auf die Sumpfwiese gelegt hat.«
Steinroller wollte seinen Ohren nicht trauen, aber er wagte nicht, Pilu zu bremsen, wenn er schon einmal dabei war, die Wahrheit zu sagen.
»Erzähl.«
Es war in der Nacht gewesen, bei schönstem Vollmond. Pilu hatte mit seinem kleinen Warzenschwein noch einen Spaziergang gemacht, weil er wegen des Mondes nicht schlafen konnte. Plötzlich sah er aus dem Wald einen Mann kommen, das Gesicht geschwärzt. Auf seinen Armen trug er einen leblosen Körper, den er auf der Wiese ablegte....




