Chateaubriand | Atala | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 140 Seiten

Chateaubriand Atala


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-03820-953-9
Verlag: Dörlemann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 140 Seiten

ISBN: 978-3-03820-953-9
Verlag: Dörlemann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Chateaubriand reist 1791 nach Amerika, um der Gewalt der Französischen Revolution zu entgehen. Dort entsteht auch Atala, seine von den klassischen Texten der Antike inspirierte Novelle, die 1801 in Frankreich erschien und zu einem großen Erfolg werden sollte.Atala erzählt die Geschichte zweier Liebender, die verfeindeten Indianerstämmen angehören. Chactas und Atala können zusammen fliehen, und sie finden Zuflucht bei einem alten Einsiedler. Doch ihrer Liebe steht ein Gelübde entgegen, das Atala der Mutter gegeben hat.

François-René de Chateaubriand, 1768 in Saint-Malo geboren, unternahm 1791, um der Radikalisierung der französischen Revolution zu entfliehen, eine Reise nach Amerika, wo ihn die unberührten Landschaften nachhaltig beeindruckten. 1801 feierte er mit Atala seinen ersten literarischen Erfolg. Neben politischen Essays und Reiseberichten folgten weitere literarische Werke, darunter die romantische Erzählung René (1802) und seine postum veröffentlichte Autobiografie Mémoires d'outre tombe (1849/50). Der Schriftsteller und Diplomat, der 1848 in Paris starb, gilt als Wegbereiter der französischen Romantik.
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Der Bericht


Die Jäger


»Es ist ein seltsames Schicksal, mein lieber Sohn, das uns eint. Ich sehe in dir den Menschen der Zivilisation, der sich zum Wilden gemacht hat; du siehst in mir den Wilden, den der Große Geist (warum weiß ich nicht) zivilisieren wollte. Jeder von uns hat den Lebensweg von den zwei entgegengesetzten Enden betreten, du möchtest an meinem Platz Ruhe finden, und ich habe mich auf deinem niedergelassen: so mussten wir eine ganz verschiedene Sicht auf die Dinge bekommen. Wer von uns beiden, du oder ich, hat bei diesem Tausch des Standorts am meisten gewonnen oder am meisten verloren? Das wissen die Götter, von denen der ahnungsloseste mehr weiß als alle Menschen zusammen.

Beim nächsten Blumenmond sind es siebenmal zehn Schneezeiten und noch drei dazu, dass meine Mutter mich an den Ufern des Mississippi zur Welt brachte. Die Spanier hatten sich seit kurzem in der Bucht von Pensacola niedergelassen, aber noch kein einziger Weißer bewohnte Louisiana. Ich zählte kaum siebzehnmal den Blätterfall, als ich mit meinem Vater, dem Krieger Outalissi, gegen die Muskogee zu Felde zog, gegen den mächtigen Stamm Floridas. Wir taten uns mit den Spaniern zusammen, unseren Verbündeten, und die Schlacht fand an einem der Arme des Maubila statt. Areskui und die Manitus waren uns nicht wohlgesonnen. Die Feinde siegten; mein Vater verlor das Leben; bei seiner Verteidigung wurde ich zwei Mal verletzt. Ach, dass ich damals nicht ins Reich der Seelen hinabgestiegen bin! Ich hätte das Unheil vermieden, das mich auf Erden erwartete. Die Geister hatten anderes verfügt: Ich wurde von den Flüchtenden nach Saint-Augustin mitgenommen.

In dieser von den Spaniern neu erbauten Stadt wäre ich um ein Haar in die Minen Mexikos verschleppt worden, als ein alter Mann aus Kastilien namens Lopez, den meine Jugend und Einfachheit rührte, mich aufnahm und seiner Schwester vorstellte, mit der er ohne Gattin lebte.

Beide entwickelten die zärtlichsten Gefühle für mich. Ich wurde mit großer Sorgfalt erzogen, ich bekam alle nur möglichen Lehrer. Doch nachdem ich dreißig Monde in Saint-Augustin verbracht hatte, wurde mir das Stadtleben zuwider. Ich wurde zusehends schwächer: mal starrte ich stundenlang reglos auf die Wipfel der fernen Forste; mal fand man mich am Ufer eines Flusses, den ich traurig dahinströmen sah. Ich malte mir die Wälder aus, durch die diese Wasser geflossen waren, und meine Seele war ganz und gar im einsamen Land.

Das Verlangen, in die Wildnis zurückzukehren, wurde unwiderstehlich, und so ging ich eines Morgens als Eingeborener gekleidet zu Lopez, in der einen Hand meinen Bogen und meine Pfeile, in der anderen meine europäischen Gewänder. Ich gab sie meinem großzügigen Beschützer zurück, zu dessen Füßen ich Ströme von Tränen vergießend niederfiel. Ich verlieh mir grässliche Namen, ich beschuldigte mich der Undankbarkeit: ›Und doch,‹ sagte ich, ›lieber Vater, du siehst es selbst: ich sterbe, wenn ich nicht wieder das Leben des Indianers führe.‹

Lopez war erschrocken und wollte mich von meinem Plan abbringen. Er hielt mir die Gefahren vor, die ich eingehen würde, und gab mir zu bedenken, dass ich erneut den Muskogee in die Hände fiele. Doch als er sah, dass ich zu jedem Wagnis entschlossen war, brach er in Tränen aus und nahm mich in die Arme: ›Dann geh,‹ rief er, ›du Kind der Natur! Nimm die Freiheit zurück, die Lopez dir gewiss nicht rauben will. Wäre ich jünger, würde ich dich in die Wildnis begleiten (an die auch ich süße Erinnerungen habe!) und dich wieder in die Arme deiner Mutter legen. Wenn du in deinen Wäldern bist, dann denke manchmal an den alten Spanier, der dir Gastfreundschaft schenkte, und entsinne dich, um dich zur Liebe deinesgleichen zu bewegen, dass deine erste Erfahrung des menschlichen Herzens ihm gänzlich zur Ehre gereichte.‹ Lopez endete mit einem Gebet zum Gott der Christen, dessen Anbetung ich verweigert hatte, und schluchzend trennten wir uns.

Ich musste nicht lange warten, bis ich für meine Undankbarkeit bestraft wurde. In meiner Unerfahrenheit verirrte ich mich in den Wäldern, und wie Lopez es mir vorausgesagt hatte, wurde ich von einer Gruppe von Muskogee und Siminolen gefangen. An meiner Kleidung und den Federn, die meinen Kopf zierten, wurde ich als Natchez erkannt. Aufgrund meiner Jugend legte man mich jedoch nur in leichte Bande. Simaghan, der Anführer des Trupps, wollte meinen Namen wissen, ich antwortete: ›Ich heiße Chactas, Sohn Outalissis, Sohn der Misku, die den Helden der Muskogee mehr als hundert Skalpe abgezogen haben.‹ Simaghan sagte: ›Chactas, Sohn Outalissis, Sohn der Misku, freue dich: du wirst vor dem ganzen Dorf verbrannt werden.‹

›Gut‹, versetzte ich; und ich stimmte mein Sterbelied an.

Selbst als Gefangener, der ich war, konnte ich meine Feinde in den ersten Tagen nur bewundern. Der Muskogee und vor allem sein Verbündeter, der Siminole, atmet Heiterkeit, Liebe und Zufriedenheit. Sein Gang ist leicht, sein Wesen offen und heiter. Er spricht viel und beredt; seine Rede ist harmonisch und gewandt. Nicht einmal das Alter kann den Sachems diese fröhliche Natürlichkeit nehmen: wie die alten Vögel unserer Wälder verbinden sie ihre alten Lieder immer noch mit den neuen Weisen ihrer jungen Nachkommen.

Die Frauen, welche die Krieger begleiteten, zeigten zärtliches Mitleid und freundliche Neugier für meine Jugend. Sie fragten nach meiner Mutter, nach den ersten Tagen meines Lebens; sie wollten wissen, ob meine Mooswiege in die blühenden Zweige der Ahornbäume gehängt wurde, ob leise Winde mich neben dem Nest junger Vögel schaukelten. Dann gab es zahllose andere Fragen über meinen Herzenszustand: sie fragten, ob ich in meinen Träumen eine weiße Hirschkuh gesehen und die Bäume des verborgenen Tals mir zur Liebe geraten hätten. In aller Unschuld gab ich den Müttern, den Töchtern, den Gattinnen der Männer Antwort. Ich sagte ihnen: ›Ihr seid die Grazien des Tages, und die Nacht liebt euch wie den Tau. Der Mensch kommt aus eurem Schoß, um an eurer Brust und eurem Mund zu hängen; ihr kennt Zauberworte, die alle Schmerzen stillen. Das hat mir jene gesagt, die mich zur Welt gebracht hat und die mich nicht mehr sehen wird! Sie hat mir auch gesagt, dass die Jungfrauen geheimnisvolle Blumen sind, die man an einsamen Orten findet.‹

Diese Lobeshymnen bereiteten den Frauen viel Freude; sie überschütteten mich mit Gaben aller Art; sie brachten mir Nusscreme, Ahornzucker, Maiskuchen, Bärenschinken, Biberfelle, Muscheln, um mich zu schmücken, und Moos für mein Lager. Sie sangen, sie lachten mit mir, und dann begannen sie zu weinen, wenn sie daran dachten, dass ich verbrannt werden sollte.

Eines Nachts, als die Muskogee ihr Lager am Rand eines Waldes aufgeschlagen hatten, saß ich mit dem zu meiner Bewachung abgeordneten Jäger am Kriegsfeuer. Plötzlich hörte ich das Rascheln eines Kleides auf dem Gras und eine halb verschleierte Frau setzte sich neben mich. Tränen quollen aus ihren Lidern, im Schein des Feuers blinkte auf ihrer Brust ein kleines goldenes Kruzifix. Sie war einfach schön; man erkannte auf ihrem Gesicht irgendetwas Tugendhaftes und Leidenschaftliches, dessen Reiz unwiderstehlich war. Damit verband sie die zarteste Anmut; äußerste Empfindsamkeit vereint mit tiefer Melancholie atmete in ihren Blicken; ihr Lächeln war himmlisch.

Ich glaubte, es sei die Jungfrau der letzten Liebesstunden, jene Jungfrau, die man dem Kriegsgefangenen schickt, um sein Grab zu verzaubern. In dieser Überzeugung sagte ich stammelnd und mit einer Verwirrung, die jedoch nicht von der Furcht vor dem Scheiterhaufen stammte: ›Jungfrau, Ihr seid der ersten Liebe würdig, für die letzte seid Ihr nicht geschaffen. Die Triebe eines Herzens, das bald aufhören wird zu schlagen, würden schlecht zu den Trieben des Euren passen. Wie soll man Tod und Leben verbinden? Ihr würdet mich das Tageslicht zu sehr vermissen lassen. Möge ein anderer glücklicher sein als ich, und mögen lange Umarmungen die Liane mit der Eiche verbinden!‹

Da sagte das junge Mädchen: ›Ich bin nicht die Jungfrau der letzten Liebesstunden. Bist du Christ?‹ Ich erwiderte, dass ich meine heimischen Götter nicht verraten hätte. Bei diesen Worten schrak die Indianerin zusammen. Sie sagte: ›Es tut mir leid, dass du nur ein dummer Götzendiener bist. Meine Mutter hat mich zur Christin gemacht; ich heiße Atala, Tochter des Simaghan mit den goldenen Armbändern und Häuptling der Krieger dieses Stamms. Wir ziehen nach Apalachucla, wo du verbrannt werden wirst.‹ Mit diesen Worten erhob sich Atala und ging fort.«

Hier war Chactas gezwungen, seinen Bericht zu unterbrechen. Zuhauf drängten die Erinnerungen in seine Seele; die erloschenen Augen überschwemmten seine welken Wangen mit Tränen: so verraten sich zwei in der tiefen Finsternis der Erde verborgene Quellen durch die Wasser, die sie durch den Fels sickern lassen.

»Oh, mein Sohn,« versetzte er endlich, »du siehst, dass Chactas trotz seiner berühmten Weisheit nicht sehr weise ist. Ach, mein liebes Kind, die Menschen können schon nichts mehr sehen, wenn sie immer noch weinen können! Mehrere Tage vergingen; die Tochter des Ältesten kam jeden Abend wieder, um mit mir zu sprechen. Der Schlaf hatte meine Augen geflohen, und Atala war in meinem Herzen wie die Erinnerung an das Lager meiner Väter.

Am siebzehnten Tag des Marsches kamen wir zur Zeit, in der die Eintagsfliege aus den Gewässern steigt, in die große Savanne Alachua. Sie ist von Höhen umgeben, welche, eine hinter die andere fliehend und sich bis in die Wolken erhebend, Wälder tragen, in denen Amberpalmen, Zitronenbäume, Magnolien und grüne Eichen übereinanderragen. Der...


Chateaubriand, François-René de
François-René de Chateaubriand, 1768 in Saint-Malo geboren, unternahm 1791, um der Radikalisierung der französischen Revolution zu entfliehen, eine Reise nach Amerika, wo ihn die unberührten Landschaften nachhaltig beeindruckten. 1801 feierte er mit Atala seinen ersten literarischen Erfolg. Neben politischen Essays und Reiseberichten folgten weitere literarische Werke, darunter die romantische Erzählung René (1802) und seine postum veröffentlichte Autobiografie Mémoires d’outre tombe (1849/50). Der Schriftsteller und Diplomat, der 1848 in Paris starb, gilt als Wegbereiter der französischen Romantik.

Hasting, Cornelia
Cornelia Hasting, geboren 1950 in Lüneburg, studierte Germanistik und Kunstgeschichte. Sie hat vor allem französische Literatur des 19. Jahrhunderts übertragen, u. a. Flauberts Briefe an Louise Colet und seinen Briefwechsel mit den Brüdern Goncourt.

FRANÇOIS-RENÉ DE CHATEAUBRIAND, 1768 in Saint-Malo geboren, unternahm 1791, um der Radikalisierung der französischen Revolution zu entfliehen, eine Reise nach Amerika, wo ihn die unberührten Landschaften nachhaltig beeindruckten. 1801 feierte er mit Atala seinen ersten literarischen Erfolg. Neben politischen Essays und Reiseberichten folgten weitere literarische Werke, darunter die romantische Erzählung René (1802) und seine postum veröffentlichte Autobiografie Mémoires d"outre tombe (1849/50). Der Schriftsteller und Diplomat, der 1848 in Paris starb, gilt als Wegbereiter der französischen Romantik.



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